Antialkoholbewegung

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Antialkoholbewegung

Antialkoholbewegung. Die A. hat bei den Eisenbahnen in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts mit kleinen Anf√§ngen begonnen und in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts ziemlich gleichzeitig in der Mehrzahl der Kulturstaaten kr√§ftiger eingesetzt. Schon seit 1882 besteht in England, eine Vereinigung von Eisenbahnbediensteten der Privatbahnen unter der Bezeichnung: United Kingdom Railway Temperance Union (U.K.R.T.U.), an deren Spitze Mr. Hill und der r√ľhrige Generalsekret√§r A. C. Tompson stand. Sie bezweckte F√∂rderung der M√§√üigkeit, Beseitigung der Unm√§√üigkeit und der zu dieser f√ľhrenden Ursachen. Sie verf√ľgte √ľber eine eigene Zeitschrift ¬ĽOn The Line¬ę, die 1901 eine Auflage von 10.000 Exemplaren besa√ü. 1899 wurde von der Generaldirektion der badischen Staatsbahnen in Heidelberg unter Mitwirkung des ¬ĽVereins gegen den Mi√übrauch geistiger Getr√§nke¬ę eine Kaffeehalle in der N√§he des Staatsbahnhofes gegen√ľber den G√ľterhallen der Staats- und Main-Neckar-Bahn als alkoholfreie Wirtschaft eingerichtet. In ihr wurde in erster Reihe dem Eisenbahnpersonal, um dieses vor Alkoholmi√übrauch zu beh√ľten, aber auch dem dort verkehrenden Publikum zu billigen Preisen Kaffee, Tee, Milch, Mineralwasser u.s.w. und ein einfacher Imbi√ü geboten. Nach dem Muster der englischen Vereinigung forderte der Eisenbahndirektor de Terra in Preu√üen Ende Dezember 1901 die deutschen Eisenbahnbediensteten zur Gr√ľndung einer ¬ĽVereinigung enthaltsamer deutscher Eisenbahner¬ę auf. 1902 hielt dieser Verein seine erste Jahresversammlung mit 500 Teilnehmern ab. De Terra st√ľtzte sich bei dem Verlangen nach absoluter Abstinenz besonders auf die psycho-physischen Versuche von Prof. Kr√§pelin und Prof. Aschaffenburg, und auf die Erfolge der Guttempler (Intependant Order Of Good Templars). 1902 besch√§ftigte den deutschen Bahnarzttag in M√ľnchen die Frage. Dr. Raab-N√ľrnberg sprach dort ¬Ľ√ľber den Alkoholmi√übrauch bei dem niederen Eisenbahnpersonal und dessen Verh√ľtung¬ę. Er verlangte, wo irgend m√∂glich, dem Personal Speisen und Getr√§nke nicht in den Bahnhofwirtschaften, sondern in eigenen R√§umen verabfolgen zu lassen und ihnen alkoholfreie Getr√§nke und Obst darzubieten, ferner aber die Entfernung Trunks√ľchtiger aus dem Dienst.

1902 entzog die Direktion der Paris-Lyon-Mittelmeer-Bahn allen Arbeitervereinen, in denen andere alkoholische Getr√§nke als Wein, Bier und Cider (Apfelwein) an die Mitglieder verkauft wurden, die von der Bahngesellschaft meist gew√§hrte Beihilfe und verbot zugleich den Bahnhofswirten an die Bahnangestellten andere als die erw√§hnten alkoholischen Getr√§nke zu verkaufen. Um die Wende des Jahrhunderts hatte auch die englische Great Western Railway verboten, ihren ca. 2000 Beamten und Arbeitern alkoholische Getr√§nke zu verabfolgen, w√§hrend 18 amerikanische Direktionen g√§nzliche Abstinenz ihrer Bediensteten im Zugdienst und einzelne Direktionen sogar f√ľr alle Dienstzweige verlangten. 25 amerikanische Direktionen geben Abstinenten den Vorzug bei der Anstellung. Die Gesellschaft ¬ĽCanadian Pacific Railroad¬ę hat das Land neben ihren Stationen nur unter der Bedingung verkauft, da√ü dort keine geistigen Getr√§nke ausgeschenkt w√ľrden, widrigenfalls das Land an die Gesellschaft zur√ľckfallen sollte. In Belgien wurde zu gleicher Zeit 1400 Angestellten, die nebenbei Wirtschaften betrieben, der Verkauf geistiger Getr√§nke verboten.

1902 wurde der ¬ĽSchweizerische Verein abstinenter Eisenbahner¬ę und in Frankreich die ¬Ľsoci√©t√© anti-alcoolique des employers et des ouvriers de chemins de fer¬ę gegr√ľndet. 1903 beschlo√ü die Verwaltung der d√§nischen Staatsbahnen vorzugsweise solche Anw√§rter bei der Anstellung zu ber√ľcksichtigen, die seit mindestens einem Jahre Mitglied eines Enthaltsamkeitsvereines sind. Der d√§nische Verein enthaltsamer Eisenbahner z√§hlte im gleichen Jahre √ľber 300 Mitglieder. 1904 entschlo√ü sich die Generaldirektion der bayerischen Staatsbahnen f√ľr das gesamte Personal mit Einschlu√ü des Werkst√§ttenpersonals hei√üe alkoholfreie Getr√§nke (Kaffee, Tee, warme Suppen) zu festgesetzten Preisen zu liefern und ebenso in den Sommermonaten billiges Selterwasser. Schon 1904 aber machte sich in der Zeitung des Vereins deutscher Eisenbahnverwaltungen eine Gegenstr√∂mung gegen die v√∂llige Enthaltsamkeit geltend, die darin gipfelte, da√ü nur diejenigen, die der Verlockung nicht widerstehen k√∂nnten, √ľber das ihnen zutr√§gliche Ma√ü beim Alkoholgenu√ü (auch in Gestalt von Bier und Wein) hinauszugehen, sich v√∂lliger Enthaltsamkeit beflei√üigen sollten; wer sich aber gegen die Verlockung widerstandsf√§hig f√ľhle, d√ľrfe bei dem m√§√üigen Genu√ü bleiben, solle aber diese Grenze m√∂glichst niedrig zu halten suchen. De Terra selbst lenkte noch in demselben Jahre 1904 ein und wollte auch Freunde der M√§√üigkeit, also nicht v√∂llig Enthaltsame, dem Vereine als Mitglieder anzugliedern suchen, er stie√ü hierbei aber auf Widerstand bei den Radikalen. Schlie√ülich einigte man sich dahin, die M√§√üigen als Freunde des Vereins, nicht aber als Mitglieder zuzulassen.

Diesen Standpunkt haben auch die meisten Beh√∂rden, unter anderem die preu√üisch-hessische Staatsbahnverwaltung und die ungarische (1905) gewisserma√üen zu dem ihrigen gemacht. Sie verlangen v√∂llige Enthaltsamkeit nur w√§hrend des Dienstes, nicht aber au√üer Dienst, sie entfernen Trunks√ľchtige aus dem Eisenbahndienst, falls es nicht gelingt, sie durch Angliederung an abstinente Vereine von ihrem Laster zu heilen, und sie gew√§hren den Bediensteten als Ersatz des Alkohols, Tee, Kaffee und Selterwasser mit Limonadenzus√§tzen zum Selbstkostenpreise; sie lassen, wie auch die s√§chsische, w√ľrttembergische und reichsl√§ndische Staatsbahnverwaltung, den Bediensteten Vortr√§ge √ľber die Sch√§dlichkeit des Alkoholgenusses halten. In den √úbernachtungsr√§umen und Erholungsheimen werden belehrende Schriften auf Kosten der Verwaltungen ausgelegt, wie Quensel, Der Alkohol und seine Gefahren; C. Fr√§nkel, Gesundheit und Alkohol; M. Stein, Alkohol und Alkoholismus mit besonderer Ber√ľcksichtigung seiner Beziehung zum Eisenbahnverkehrsdienst. Letzteres 1904 in Wien erschienene Werk wird besonders auch in √Ėsterreich verbreitet.

1905 wurde in Preu√üen auf den Bahnh√∂fen der Verkauf von Milch pflichtm√§√üig eingef√ľhrt. In dem gleichen Jahre veranstaltete die Generaldirektion der s√§chsischen Staatsbahnen Vortr√§ge √ľber die Alkoholfrage, die die Bahn√§rzte den Bediensteten hielten, sie selbst unterst√ľtzte den Deutschen Verein enthaltsamer Eisenbahner und besonders die in Dresden und Leipzig entstandenen Ortsgruppen; sie versuchte auch die Heilung trunks√ľchtiger Bediensteter zun√§chst durch Angliederung an diesen Verein und schritt erst beim Mi√ülingen dieses Versuches zur Dienstentlassung. Die Generaldirektion der oldenburgischen Staatsbahnen ordnete gleichzeitig die Beschr√§nkung des Besuches der Bahnhofwirtschaften f√ľr ihre Bediensteten an und lie√ü in den Wartes√§len Anschl√§ge mit der Aufschrift: ¬ĽKein Trinkzwang¬ę anbringen. Entsprechend dem von Dr. Fa√übender gepr√§gten Worte, da√ü die Alkoholfrage nur in Verbindung mit der Ern√§hrungsfrage gel√∂st werden k√∂nne, verf√ľgte die Generaldirektion in Baden 1907 die unentgeltliche Verabfolgung von Kaffee mit Zucker bis zu einem Liter, das in au√üergew√∂hnlichen Verh√§ltnissen √ľberschritten werden konnte, f√ľr den Kopf und Tag an das Zugbef√∂rderungs- und Zugbegleitungspersonal, sowie an die im Dienste der Bahnmeister, Telegraphenbeamten, Wagenrevidenten und Stellwerksschlosser verwendeten Beamten und Bediensteten und an die Arbeiter aller Dienstzweige. Sie gab genaue Anordnungen √ľber Herstellung, Abgabe und Zubereitung des Kaffees und √ľbernahm auch die kostenfreie Lieferung des Getr√§nks an die Z√ľge f√ľr das Zugspersonal und f√ľr die Arbeiter auf der freien Strecke.

In einem Vortrage auf dem Internationalen Kongresse gegen den Alkohol im Juli 1907 in Stockholm kam de Terra wieder auf seine strengen Forderungen zur√ľck und verlangte f√ľr alle Dienstzweige, von denen die Sicherheit des Verkehrs (Betriebs) abh√§ngt, v√∂llige Abstinenz, zog sich aber in Nr. 78 der Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen vom 9. Oktober 1907 eine scharfe Abfertigung des ehemals oldenburgischen Eisenbahnpr√§sidenten v. M√ľhlenfels zu, der vollkommen auf dem Boden der Verwaltungen stehend, den Alkoholgenu√ü im Dienste v√∂llig verboten, aber au√üer Dienst in ma√üvollen Grenzen erlaubt wissen will und nur den Genu√ü von Schnaps g√§nzlich untersagt haben wollte. Im Jahre 1910 trat die U.K.R.T.U. dem 1909 in Stockholm gegr√ľndeten Internationalen Eisenbahnalkoholgegnerverband (I.E.A.G.V.) bei, und der franz√∂sische Verband der alkoholgegnerischen Eisenbahner beschlo√ü den Beitritt, so da√ü der Internationale Verband fast s√§mtliche europ√§ische Kulturstaaten mit etwas √ľber 55.000 Mitgliedern umfa√üte; nach einem Bericht des Pionier in Nr. 5 im Februar 1911 betrug die Mitgliederzahl dieses Verbandes am Schl√ľsse des Jahres 1910 in England 44.000, in Schweden 4500, in Frankreich 3200, in Finnland 950, in Deutschland 800, in der Schweiz 550, in D√§nemark 500, in Norwegen 450, in √Ėsterreich 125 K√∂pfe. Da die Preu√üisch-Hessische Eisenbahngesellschaft allein ungef√§hr 470.000 Bedienstete besitzt, will das allerdings noch nicht allzuviel sagen.

Die im Februar 1911 in Budapest abgehaltene Direktorenkonferenz hat sich mit der Frage der Bekämpfung des Alkoholgenusses der Eisenbahner beschäftigt, und wurde seitens der ungarischen Staatsbahnen der nachstehend auszugsweise wiedergegebene Antrag gestellt und vollinhaltlich angenommen.


1. Die bestehenden Eisenbahnervereinigungen sollen die Bek√§mpfung des Alkoholgenusses in ihren Wirkungskreis einbeziehen, und sollen Gr√ľndungen von Vereinen gegen den Genu√ü alkoholischer Ge tr√§nke seitens der Bahnverwaltungen unterst√ľtzt werden. Mit R√ľcksicht auf die Verkehrssicherheit w√§re es w√ľnschenswert, die Bediensteten zur voll st√§ndigen Abstinenz zu verpflichten. Da dies derzeit undurchf√ľhrbar ist, so soll in dieser Richtung eine stufenweise Entwicklung einsetzen.

2. Bei der Aufnahme der Eisenbahnbediensteten ist eine bindende schriftliche Erkl√§rung abzuverlangen, mittels der der Bewerber verpflichtet wird, sich im Dienste des Alkoholgenusses zu enthalten; f√ľr das Lokomotiv- und Zugpersonal soll das Gel√∂bnis unbedingter Enthaltsamkeit zur Einf√ľhrung kommen. Abstinenzlern ist bei gleicher Bef√§higung der Vorzug einzur√§umen.

3. Die einzelnen Eisenbahnverwaltungen sollen den Genuß von alkoholischen Getränken sowohl in amtlichen Räumen als auch auf allen Arbeitsplätzen untersagen, ebenso ist die Mitnahme von alkoholischen Getränken dem Zugpersonale untersagt.

4. Die Inhaber der Bahnhofwirtschaften sind gelegentlich der Erneuerung, bzw. beim Abschluß der Verträge zu verpflichten, den Eisenbahnbediensteten alkoholische Getränke nur in mäßiger Menge, alkoholfreie Getränke dagegen zum Selbstkostenpreis zu verabfolgen. Auf Stationen ohne Bahnhofs wirtschaften wäre die Verabfolgung von alkoholfreien Getränken seitens der Bahnverwaltung vorzusehen.

5. In den Bahnhofwirtschaften sind eigene Räume vorzusehen, in denen kein Alkohol verabreicht wird.

6. An die Werkstättenarbeiter sind alkoholfreie Getränke seitens der Bahnverwaltung zum Selbstkostenpreis zu verabfolgen.

7. In Werkstättenkantinen und Speiseräumen ist sowohl der Verkauf als auch der Genuß von Alkohol untersagt.

8. Die Schulbeamten haben das Personal √ľber die k√∂rperlichen und geistigen Sch√§digungen, die der Mi√übrauch des Alkohols nach sich zieht, an der Hand von statistischen Nachweisungen und durch Bilder (die vom Museum f√ľr das allgemeine Volkswohl zu beziehen sind) aufzukl√§ren, und unter den Bediensteten auf die A. bez√ľgliche Druckschriften und Zeitungen zu verbreiten.

9. Die Bahnärzte oder andere hierzu Berufene, so z.B. Vertreter der Antialkoholvereine sollen dem Personale von Zeit zu Zeit aufklärende Vorträge halten.

10. Den seitens der Eisenbahnergemeinschaft gegr√ľndeten Antialkoholvereinen w√§re seitens der Eisenbahn Verwaltungen sowohl moralische als auch finanzielle Unterst√ľtzung zu gew√§hren.


Gut bew√§hrt aber hat sich offenbar das Vorgehen der meisten Eisenbahnbeh√∂rden in Europa, den Alkoholgenu√ü nicht v√∂llig zu verbieten, sondern nur den Bediensteten im √§u√üeren Dienst und im Betrieb w√§hrend der Dienststunden zu untersagen. Ferner das Fernhalten von Trinkern vom Eisenbahndienst bei der Anstellung und die energische Bestrafung von Trunkenheit im Dienst und die Entfernung trunks√ľchtig Gewordener aus dem Dienst, falls es nicht gelingt, sie zum Anschlu√ü an Abstinenzvereine der verschiedensten Art zu bewegen und sie so von der Trunksucht zu heilen. Eine offene Frage mag es dabei bleiben, ob die Verwaltungen auch noch die Kosten f√ľr die Aufnahme in Trinkerheilst√§tten zahlen soll. Als Voraussetzung f√ľr die Durchf√ľhrung aller dieser Ma√ünahmen ist aber allenthalben anerkannt, da√ü den Bediensteten, sei es zu den billigsten Selbstkostenpreisen, oder ganz unentgeltlich, je nach der Jahreszeit warme oder kalte alkoholfreie, zum Teil auch alkoholarme Getr√§nke in ausreichendem Ma√üe verabreicht werden und da√ü durch Belehrung des Personals, besonders auch durch Einwirkung auf die Frauen, bei den Bediensteten durch geeignete Kr√§fte, in den meisten F√§llen durch die Bahn√§rzte, die Kenntnis von der sch√§dlichen Wirkung des im √úberma√ü genossenen Alkohols verbreitet wird.

Literatur: Der Pionier, Ztschr. d. Eisenbahner-Alkoholgegnerverbandes; Was muß der Eisenbahner vom Alkohol wissen?

† Schwechten.


http://www.zeno.org/Roell-1912. 1912‚Äď1923.

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