Bahnhofbuchhandel

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Bahnhofbuchhandel

Bahnhofbuchhandel (railway booksellers; librairies des chemins de fer; vendita libri in stazione) hat den Zweck, den Reisenden die M√∂glichkeit zu bieten, sich f√ľr die Wartezeit auf den Bahnh√∂fen oder f√ľr die Fahrt mit Lesestoff zu versorgen.

Fr√ľhzeitig begannen Bahnhofportiere oder Tabakverschlei√üer auf den Bahnh√∂fen Zeitungen auf eigene Rechnung zu verkaufen. Oft waren es auch die Zeitungsherausgeber, die ihr Blatt durch Bahnbedienstete auf den Bahnh√∂fen verschlei√üen lie√üen. Die Bahnverwaltungen legten diesen Organen keinerlei Hindernisse in den Weg, fanden jedoch bald, da√ü es ihre eigene Aufgabe sei, den Reisenden gute und ausgiebige Lekt√ľre zu verschaffen, und gingen um so eifriger daran, den B. fachm√§nnisch betreiben zu lassen, als ihnen aus dem B. eine nicht unbedeutende Einnahme zuflie√üen konnte.

Die Heimat des geregelten Buchhandels ist Frankreich, woselbst bereits 1852 das Pariser Verlagshaus Hachette die ersten B√ľcherverkaufsst√§nde auf den Bahnh√∂fen errichtete. Bald darauf wurde diese Einrichtung auf den englischen Bahnen durch die Firma W. L. Smith & Son eingef√ľhrt, um sodann auf den deutschen Eisenbahnen und schlie√ülich im letzten Jahrzehnt auf beinahe allen anderen Eisenbahnen Eingang zu finden. So finden wir jetzt auf allen gr√∂√üeren Bahnh√∂fen B√ľcherverschlei√üstellen, die nicht allein in- und ausl√§ndische Zeitungen, sondern auch Reiseb√ľcher, Karten, belletristische und wissenschaftliche B√ľcher, ja, vielfach die neuesten Erscheinungen auf dem B√ľchermarkte, bisweilen auch Reiseandenken zum Kaufe anbieten.

Der B. wird von den Eisenbahnverwaltungen nicht selbst betrieben, sondern regelm√§√üig verpachtet, wobei zumeist die Verschlei√üstellen nicht einzeln, sondern f√ľr gr√∂√üere Bahngebiete vereint, an eine Firma zum Betrieb des B. zur Verpachtung gelangen.

In Frankreich und England besteht geradezu ein Monopol der Begr√ľnderinnen des B., der Firmen Hachette und Smith, das in letzter Zeit hie und da durchbrochen wird. Besonders gro√üz√ľgig ist der englische Buchhandel auf den Bahnh√∂fen eingerichtet.

Die Firma Smith versorgt von ihrer Londoner Zentrale alle ihre, weit √ľber 1000 z√§hlenden Verschlei√üstellen. Diese Firma besch√§ftigt nebst den vielen Verk√§ufern in ihrer Zentrale ein ganzes Heer von Bediensteten, so da√ü die Einrichtung des B. f√ľr viele eine neue Erwerbsquelle bildete.

In Deutschland, √Ėsterreich und Ungarn, wie in vielen anderen L√§ndern, wurden zun√§chst die Verschlei√üstellen einzeln in Bestand gegeben. Abgesehen davon, da√ü sich aus dieser Betriebsart f√ľr die Bahnen keine namhafte Einnahme ergab, konnten die Verschlei√üstellen vielfach mangels der erforderlichen Einrichtungen nicht allen Anspr√ľchen der Reisenden entsprechen. In den letzten Jahren wurde die Errichtung der Verschlei√üstellen auf s√§mtlichen Linien einer Bahnverwaltung vielfach einer Firma nach dem Vorbilde der franz√∂sischen und englischen Betriebsart √ľberlassen.

In Deutschland ist es namentlich die Berliner Firma Georg Stilke, die als Begr√ľnderin des deutschen B. die meisten Verschlei√üstellen innehat, w√§hrend in √Ėsterreich haupts√§chlich die Firmen Schmelzer und Bettenhausen von ihrer gemeinsamen Wiener Zentrale einen gro√üen Teil der B√ľcherverschlei√üstellen auf den √∂sterreichischen Bahnh√∂fen mit Lesestoff versorgen.

In Italien, Skandinavien, Rußland und namentlich in der Schweiz ist der B. gleichfalls nach französischem Muster ausgebildet. In den Vereinigten Staaten von Amerika wird der B. von drei Firmen beherrscht.

Seit der F√ľhrung des B. durch gro√üe Firmen hat dieser einen au√üerordentlichen Aufschwung zu verzeichnen. Aus den einstigen d√ľrftigen Zeitungsverschlei√üstellen haben sich elegante Verkaufsstellen entwickelt, die allen, sogar recht verw√∂hnten Anspr√ľchen der Reisenden nachkommen.

Einzelne Bahnverwaltungen √ľberlassen die Bestellung der Verk√§ufer g√§nzlich den Firmen, andere hingegen verpflichten die Firmen, quieszierte Eisenbahnbedienstete oder Hinterbliebene nach Bahnbediensteten als Verk√§ufer anzustellen. Vielfach wird die Entlohnung der Verk√§ufer von den Bahnverwaltungen bestimmt.

Die Vergebung des B. erfolgt zumeist direktionsweise. Regelm√§√üig √ľben die Bahnverwaltungen die Aufsicht √ľber die zu verschlei√üenden Pre√üerzeugnisse innerhalb der Grenzen der allgemeinen staatlichen Gesetze aus. In dieser Hinsicht wird eine verschiedene Praxis beobachtet. W√§hrend einzelne Bahnverwaltungen, wie die √∂sterreichischen und auch noch die ungarischen, den P√§chtern des B. mehr oder weniger freie Hand lassen und vertragsgem√§√ü nur Pre√üerzeugnisse unsittlichen oder anst√∂√üigen Inhalts ausschlie√üen, so beobachten andere Bahnverwaltungen, wie die preu√üischen und s√§chsischen, eine sch√§rfere Beaufsichtigung.

Der Preis f√ľr B√ľcher ist der normale Ladenpreis. F√ľr Zeitungen wird zumeist ein von den Bahnverwaltungen zu genehmigender Tarif festgelegt.

In √Ėsterreich, wo der Buchhandel ein konzessionspflichtiges Gewerbe ist, wird die gewerbebeh√∂rdliche Konzession vielfach von den Eisenbahnunternehmungen selbst erworben. In den meisten anderen L√§ndern ist der Buchhandel ein freies Gewerbe.

Da der B. die Aufgabe hat, den Bed√ľrfnissen der Reisenden zu dienen, ist die Anschauung begr√ľndet, da√ü die Verschlei√üstellen r√ľcksichtlich des Ladenschlusses und der Sonntagsruhe sich nach dem Eisenbahnverkehre richten. Diese Seite des B. h√§ngt enge mit der Frage zusammen, ob der B. ein selbst√§ndiges Gewerbe ist, das den Gewerbeordnungen der einzelnen L√§nder und den durch diese festgesetzten Beschr√§nkungen unterliegt, oder ob der B. zum Eisenbahnbetrieb selbst geh√∂rt und als solcher den durch die Gewerbeordnungen angeordneten Beschr√§nkungen nicht unterliegt, da ausnahmslos in allen Staaten die Gewerbeordnungen auf die Eisenbahnen keine Anwendung finden.

Diese letztere Auffassung ist aber zumeist noch nicht zum Durchbruch gelangt, wenngleich in den meisten L√§ndern unter Bedachtnahme auf die Verkehrsbed√ľrfnisse gewisse Erleichterungen zugestanden werden. In Deutschland hat in den letzten Jahren eine Bewegung eingesetzt, die dahin zielt, den B. als zum Eisenbahnbetrieb geh√∂rig den Bestimmungen der Gewerbeordnung zu entziehen. Es kam auch tats√§chlich wiederholt zu gerichtlichen Entscheidungen, die den B. als einen Bestandteil des eigentlichen Eisenbahnbetriebs erkl√§rten, so da√ü auf ihn die Gewerbeordnung (¬ß 6, RGO.) keine Anwendung findet, eine Auffassung, die auch in der Praxis allm√§hlich Eingang fand und auch, insoweit es sich um die Verschlei√üstellen im abgesperrten Teil des Bahnhofes handelt, unwidersprochen blieb.

In den andern Ländern ist der B. noch ganz den Bestimmungen der Gewerbeordnung unterworfen, doch werden ihm seitens der Gewerbeaufsichtsbehörden die größtmöglichen Erleichterungen zugestanden.

Riesenfeld.


http://www.zeno.org/Roell-1912. 1912‚Äď1923.

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