Bahnwärterhaus

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Bahnwärterhaus

Bahnwärterhaus, Bahnwärterwohnhaus (watchmen's house; maison de garde-route; casa cantoniera), ein in unmittelbarer Nähe der Bahn errichtetes Gebäude, in dem sich nebst der Wohnung des Bahnwärters in der Regel noch ein Dienstraum befindet.

Da der Bahnwärter im Bedarfsfalle auch außerhalb seiner Dienststunden sofort zur Stelle sein muß, so ergibt sich die Notwendigkeit, ihm innerhalb seines Dienstbereiches eine Behausung zu schaffen, womit zugleich auch der Möglichkeit, Familienangehörige des Wärters zum Dienste heranzuziehen, Rechnung getragen wird.

Sind mit Schranken abgeschlossene Weg√ľberg√§nge vorhanden, so werden die B. zweckm√§√üig in n√§chster N√§he der wichtigsten dieser Plan√ľbersetzungen so angeordnet, da√ü von dem beim B. aufgestellten Schrankenantrieb aus auch die weiter zu bedienenden Weg√ľberg√§nge und eine tunlichst gro√üe Bahnstrecke √ľberblickt werden k√∂nnen; f√ľr Posten ohne Schrankendienst aber sind die B. tunlichst in der Mitte der Strecke anzulegen, jedoch mit R√ľcksicht auf den √úberblick auf wichtige Bauwerke (hohe Br√ľcken und D√§mme, tiefe, namentlich Felseneinschnitte, Tunnel), dann auf gefahrdrohende Wasserl√§ufe, Wildwasser u. dgl. gef√§hrdete Stellen.

Zu vermeiden sind Stellen, denen der Sonnenschein durch Felsw√§nde, steile bewaldete H√§nge u.s.w. namentlich bei dem tiefen Stand der Wintersonne entzogen ist, nasser Untergrund, Stellen, die durch Absitzungen, Lawineng√§nge, Steinschl√§ge, Hochw√§sser gef√§hrdet sind. Vorzuziehen sind sonnige, windgesch√ľtzte Pl√§tze in der N√§he gr√∂√üerer Ortschaften mit Schule, welche die Familie des W√§rters auf guten Wegen erreichen kann, ohne den Bahnk√∂rper als Fu√üsteig benutzen zu m√ľssen. Auch die Versorgung mit gutem Trinkwasser (Quell- oder bei dessen Ermangelung Brunnenwasser) ist nicht au√üer acht zu lassen.

Es ist ferner darauf zu achten, da√ü die Wohnr√§ume gegen S√ľden und Osten gekehrt angelegt werden k√∂nnen.

Mu√ü der Eingang gegen Westen gelegt werden, so wird es sich empfehlen, durch einen Vorbau, einen Flur (Gang) u.s.w. Schutz gegen das Eindringen von Wind und Schlagregen in die K√ľche zu schaffen. Wohnr√§ume sollten von au√üen niemals unmittelbar zug√§nglich sein.

Zu vermeiden ist wegen der Gef√§hrdung der Kinder des W√§rters, wegen der Einwirkung der Lokomotivgase und der Ersch√ľtterungen aus dem Zugverkehr sowie wegen der F√ľglichkeit, ein weiteres Gleis zu legen, eine zu gro√üe N√§he an den Gleisen.

Die B. enthalten meist nur eine Wohnung. Ist aber st√§ndiger Abl√∂sedienst durch einen zweiten W√§rter eingef√ľhrt und als dauernd zu erachten, wie bei Blockw√§rterposten, und tritt etwa zu diesen ein einfacher oder doppelter Streckenw√§rterposten, so kann es sich bei Neubauten um H√§user mit zwei, drei, ja vier Wohnungen handeln, die sodann mit einem Obergeschosse auszuf√ľhren sind.

Was die Gr√∂√üe und Anzahl der Wohnr√§ume anbelangt, so werden, da sich die Bahnw√§rter aus dem Stande der Arbeiter erg√§nzen, die Wohnr√§ume im allgemeinen in solcher Gr√∂√üe und Anordnung ausgef√ľhrt, wie es den landes√ľblichen Anschauungen √ľber den Wohnungsbedarf der arbeitenden Bev√∂lkerung entspricht. Hierbei sind die baupolizeilichen Vorschriften zu beachten und den Forderungen der Hygiene und Wohnungspolizei Rechnung zu tragen.

Der meist bedeutende Kindersegen der W√§rterfamilien ergibt die Notwendigkeit, die Wohn- und Schlafr√§ume, wenigstens bei der Mehrzahl der W√§rterwohnh√§user, so auszuf√ľhren, da√ü eine Trennung der Schlafr√§ume der heranwachsenden Kinder nach dem Geschlechte und von den Schlafr√§umen der Eltern m√∂glich ist und eine √úberf√ľllung der Schlafr√§ume nicht statthat.

Diesen Bedingungen entsprechend sollten B. mit nur einer Wohnung (s. Abb. 273‚Äď277) wenigstens folgende R√§ume enthalten:

Eine K√ľche von 10‚Äď15 m2 Fl√§che;

eine Wohnstube, zugleich Schlafstube der Eltern von 20‚Äď30 m2;

zwei Kammern als Schlafr√§ume der Kinder (getrennt nach dem Geschlecht) von je 12‚Äď15 m2;

einen Keller;

einen Abort und

ein Nebengeb√§ude, entweder freistehend oder an das W√§rterhaus angebaut, bei hoher Aufd√§mmung (Terrasse) etwa auch in einem unteren Geschosse untergebracht, mit Stallung f√ľr eine Kuh oder doch ein Paar Ziegen, Futterlager, Holzlege und Werkzeugkammer.

Wird der W√§rter durch andere Personen als seine Familienangeh√∂rigen abgel√∂st, wie es bei Erkrankungen, Beurlaubungen, Ableben des W√§rters und etwa auch der abl√∂senden Familienangeh√∂rigen zutrifft, dann sollte auch ein eigener Dienstraum f√ľr den Abl√∂ser vorhanden sein, damit sich dieser zwischen seinen Dienstverrichtungen nicht in der ohnedies oft beschr√§nkten Wohnung des W√§rters aufhalten mu√ü. Dies ist ‚Äď abgesehen von der St√∂rung der Ruhe der W√§rterfamilie, namentlich zur Nachtzeit, und der eigenen Behaglichkeit des Abl√∂sers ‚Äď weder vom sittlichen Standpunkte noch ‚Äď bei Krankheitsf√§llen in der Familie des W√§rters ‚Äď vom hygienischen Gesichtspunkte empfehlenswert und f√ľhrt nur zu leicht zu Mi√ühelligkeiten zwischen dem W√§rter und Abl√∂ser, der dem W√§rter vielleicht nicht sympathisch, ja vielleicht verd√§chtig ist.

Auch die Frage der Beheizung und Beleuchtung des Aufenthaltsraumes des W√§rterabl√∂sers ist zu beachten sowie die der ordnungsm√§√üigen, gesicherten Unterbringung der Fernsprecher, Dienstbehelfe, Dienstb√ľcher u.s.w. Es ist daher die Beschaffung gesonderter Dienstr√§ume sehr zu empfehlen. Diese k√∂nnen in das W√§rterhaus ein- oder angebaut werden, vorzuziehen ist aber die Aufstellung gesonderter Dienstbuden (etwa aus Wellblech) (S. Bahnw√§rterwachlokale.)

Die B. werden zumeist unter Verwendung der in der N√§he erh√§ltlichen Baumaterialien ‚Äď aus Bruchsteinen, je nach deren Art in geschichtetem oder Polygonmauerwerk, Backsteinen, Schlackenziegeln, Kalksandsteinen, vereinzelt in waldreichen Gegenden aus Holz oder auch aus Beton (Oberschw√§bische Eisenbahn) ‚Äď hergestellt. Hierbei werden meist die Erleichterungen ausgenutzt, die die Bauordnung f√ľr vereinzelt stehende Geb√§ude gestattet. Es ist jedoch zu bedenken, da√ü diese freistehenden Geb√§ude den St√ľrmen und der Abk√ľhlung durch die K√§lte des Winters sehr ausgesetzt sind, daher st√§rkere Umfassungsmauern, nicht zu viele und zu gro√üe, aber dicht schlie√üende Fenster mit inneren Winterfenstern angezeigt sind. Die Fundamente mindestens der Umfassungsmauern sollten, im feuchten Boden zumal, aus Beton oder Wasser nicht annehmenden Bruchsteinen in Zementm√∂rtel aufgef√ľhrt werden, um der ‚Äď durch Kochen und Waschen in den Wohnr√§umen und Niederschlagen des Dunstes in den ansto√üenden ungeheizten und ungel√ľfteten Schlafr√§umen ‚Äď ohnedies in den W√§rterh√§usern leicht entstehenden Feuchtigkeit zu begegnen. Sch√§dlich in dieser Beziehung ist es auch, wenn die W√§rterh√§user mit einer Rabatte f√ľr Blumen und Schlinggew√§chse umgeben werden, da von diesen Rabatten ausgehend leicht Schwammstr√§hne durch die Umfassungsw√§nde in das Innere eindringen.

Eine stark abfallende Umpflasterung des Hauses nebst Dachrinnen und Abfallrohren bieten gegen Durchfeuchtung vom Sockel aus guten Schutz. Um das Waschen in der Wohnung zu vermeiden, empfiehlt sich die Anlage einer Waschkesselfeuerung etwa im Freien.

Zur Hebung der Bienenzucht erbauen manche Verwaltungen auch Bienenst√§nde bei den W√§rterwohnungen auf Kosten der Bahn (s. Bienenzucht der Bahnbediensteten). Die architektonische Ausstattung der B. kann und wird in der Regel eine sehr einfache und f√ľr l√§ngere Streckenabschnitte gleichf√∂rmige sein. Immerhin kann Veranlassung bestehen, in einzelnen F√§llen das √Ąu√üere der Landesbauweise (wie auf den √∂sterr. Alpenbahnen) oder den Anforderungen der Umgebung anzupassen, z.B. wenn das Haus in die unmittelbare N√§he anderer H√§user an eine Bauflucht zu stehen kommt, oder in die N√§he einer architektonisch hervorragenden Baulichkeit, eines Schlosses, eines architektonisch reicher ausgestatteten Tunnel- oder Br√ľckenportales, mit denen das W√§chterhaus in harmonische √úbereinstimmung zu bringen ist.

Im √ľbrigen kann durch angemessene Gruppierung der Bauteile, T√ľr- und Fenster√∂ffnungen, durch Farbenwirkung im Anstriche der Dachrinnen- und Abfallrohre, der T√ľren und Fenster nebst L√§den, dann durch die Farbe der Natursteine und Dachung unter Ann√§herung an die heimische volkst√ľmliche Bauweise (Volkskunst), im Vereine mit einem gepflegten G√§rtchen und h√ľbscher Einfriedigung sowie einer Baumgruppe ein gef√§lliger Anblick erreicht werden.

An innerer Einrichtung wird, wenn √ľberhaupt, nur das Notwendigste von einzelnen Verwaltungen beigestellt, sofern dem verm√∂genslosen W√§rter das Wohnen im W√§rterhaus erm√∂glicht werden soll.

Vielfach werden im oder am W√§rterhause auch die Signalapparate untergebracht, wenn auf der Bahnstrecke die elektrische Signalisierung eingef√ľhrt ist, meist werden aber f√ľr diese Einrichtungen eigene Buden, Signalbuden (s.d.) n√§chst dem Hause errichtet; diese verdienen den Vorzug, da die starken Glockenschl√§ge am oder im Hause die Nachtruhe der W√§rterfamilie st√∂ren k√∂nnen.

v. Weikard.

Abb. 273‚Äď277. Bahnw√§rterhaus.
Abb. 273‚Äď277. Bahnw√§rterhaus.

http://www.zeno.org/Roell-1912. 1912‚Äď1923.

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