Bayern

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Bayern

Bayern, K√∂nigreich, zweitgr√∂√üter Staat des Deutschen Reichs, 75.865 qkm, besteht aus dem gr√∂√üern √∂stl. Hauptteil (69.928 qkm), dem Donau-, Main-und zu einem kleinen Teil dem Elbgebiete angeh√∂rend, und aus dem westl. vom Rhein gelegenen kleinen Gebietsteile der Pfalz (Rheinpfalz, Rhein-B.; 5937 qkm). [Karte: Bayern, W√ľrttemberg etc.] Hauptgebirge: im S. die Allg√§uer und Bayrischen sowie die Berchtesgadener (Salzburger) Alpen; an diese n√∂rdl. angelehnt die Schw√§bisch-Bayrische (Oberdeutsche) Hochebene; an der Ostgrenze der B√∂hmerwald, in der Mitte der Fr√§nkische Jura; im NO. das Fichtelgebirge und der Frankenwald; im NW. das Rh√∂ngebirge, dem sich s√ľdwestl. der Spessart anschlie√üt, links vom Main der Odenwald; in der Pfalz die Hardt. Wichtigste Str√∂me: die das Hauptland von W. nach O. durchstr√∂mende Donau (Nebenfl√ľsse rechts: Iller, Lech mit Wertach, Isar, Inn mit Salzach; links: W√∂rnitz, Altm√ľhl, Naab, Regen, Ilz) und der n√∂rdl. entgegengesetzt flie√üende Main (Nebenfl√ľsse rechts: Rodach, Itz, Fr√§nkische Saale; links: Regnitz), durch den Ludwigs-Donau-Main-Kanal verbunden. Seen: Ammer-, W√ľrm- oder Starnberger, Tegern-, Chiem-, Walchen-, K√∂nigssee etc. Der Bodensee geh√∂rt B. nur bei Lindau an. Das Hochland hat bedeutende Sumpfebenen (¬ĽMoose¬ę oder ¬ĽRiede¬ę).

Bodenkultur. Gegen 41 Proz. (46.295 qkm) des Fl√§chenraums Ackerland, in den Alpengegenden bes. Viehzucht vorherrschend. Ausgedehnte Forste (26.073 qkm, wovon 9462 Staatsforsten), betr√§chtlicher Bergbau, bes. in Eisen, Stein-, Braunkohlen, Graphit und Salz. Ber√ľhmte Mineralquellen in Unterfranken und Oberbayern.

Die Bev√∂lkerung 1900: 6.176.057 E. (4.357.133 Katholiken, 1.739.695 Protestanten, 54.928 Juden). Die geistige Kultur des Landes wird neben Volksschulen, Schullehrerseminaren (12), Realschulen (54), Progymnasien (30), Realgymnasien (5), Gymnasien (44) etc. auf je einer Technischen und Tier√§rztlichen Hochschule (M√ľnchen) und drei Universit√§ten (M√ľnchen, W√ľrzburg, Erlangen) gepflegt. Die K√ľnste haben sich bes. seit Ludwig I. einer besondern F√ľrsorge seitens der Regierung zu erfreuen (Akademie der bildenden K√ľnste in M√ľnchen).

Die Industrie, im Mittelalter bl√ľhend, in gewissen Zweigen noch sehr bedeutend: Maschinen, Eisen- und Stahlwaren, Gold- und Silberarbeiten, Goldschl√§gerei, Graphitgeschirre, Spinnereien, Glaswaren, optische Instrumente, Spielwaren, Chemikalien, Brannt-, Schaum- und Obstwein, vor allem die Bierbrauerei. Lebhafter Handel bei ausgezeichneten Verkehrsmitteln (1904: 6225 km Eisenbahnen, 18.933 km Telegraphenlinien mit 52.406 km Leitungen, 4879 Post-, 3338 Telegraphenanstalten).

Kirchliche Verh√§ltnisse. Die kath. Kirche gliedert sich in 2 Erzbist√ľmer (M√ľnchen-Freising und Bamberg) und 6 Bist√ľmer (Augsburg, Regensburg, Passau; Eichst√§tt, Speyer, W√ľrzburg). Die prot. Kirche steht unter den Oberkonsistorien zu M√ľnchen und (Pfalz) zu Speyer.

Verfassung und Verwaltung. Staatsform die konstitutionelle Monarchie auf Grund der Verfassungsurkunde vom 26. Mai 1818; der Thron erblich nur im Mannsstamm des Hauses Wittelsbach nach dem Recht der Erstgeburt. Der K√∂nig teilt die gesetzgebende Gewalt mit dem Landtage, der Kammer der Reichsr√§te (erbliche W√ľrdentr√§ger und vom K√∂nig auf Lebenszeit ernannt) und der Kammer der Abgeordneten (159), die seit 1848 aus allgemeinen indirekten Wahlen hervorgeht. Im Bundesrat hat B. 6 Stimmen, im Reichstag 48 Abgeordnete. Oberste beratende Beh√∂rde der Staatsrat (12 Staatsr√§te im ordentlichen, 16 im au√üerordentlichen Dienst), oberste Verwaltungsbeh√∂rde das Staatsministerium aus 6 Ministerien. Landeseinteilung in 8 Regierungsbezirke: Oberbayern, Niederbayern, Pfalz, Oberpfalz und Regensburg, Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken und Aschaffenburg, Schwaben und Neuburg; jeder Regierungsbezirk in Verwaltungsbezirke (sog. unmittelbare St√§dte und Bezirks√§mter). Budget f√ľr die Finanzperiode 1904/5 in Einnahme und Ausgabe je 441.825.326 M; direkte Steuern 39.795.000 M; Z√∂lle und indirekte Steuern 48.517.450 M; k√∂nigl. Haus 5.402.475 M; Etat der Staatsschuld 57.860.870 M; Reichszwecke 34.963.313 M; Staatsschuld 1903: 1.728.656.849 M; darunter 1.351.139.800 M Eisenbahn-, 125.255.399 M Grundrentenschuld, 11.600.000 M Kulturrentenschuld. Matrikularbeitr√§ge 24.806.973 M.

B. hat, abweichend von der allgemeinen Reichsverfassung, als Reservatrechte auch das Aufsichtsrecht √ľber die Heimats- und Niederlassungsverh√§ltnisse und die selbst√§ndige Verwaltung seines Post- und Telegraphenwesens. 9 Staatsorden; der vornehmste Orden der St. Hubertusorden. Wappen s. Abb. 184; Landesfarben wei√ü und blau.

Die bayr. Armee bildet einen selbständigen Bestandteil des Reichsheers mit eigener Verwaltung unter der Militärhoheit des Königs von B., im Kriegsfalle unter dem Oberbefehl des Deutschen Kaisers (s. die Beilage zu Deutschland). Festungen: Ingolstadt, Neuulm, Germersheim.

Geschichte. B., urspr√ľnglich von den kelt. Bojern bewohnt, zu Augustus' Zeit als Prov. Noricum dem R√∂m. Reich einverleibt, wurde nach der V√∂lkerwanderung von dem german. V√∂lkerbunde der Bajuwarier in Besitz genommen, an deren Spitze vom 6. bis 8. Jahrh. unter fr√§nk. Oberhoheit das Geschlecht der Agilolfinger stand. 788 wurde B. unter Tassilo III. dem Fr√§nk. Reiche einverleibt. Nach dem Aussterben der Karolinger (911) wurde dem Lande in Arnulf II. (907-937), dem Sohne des bayr. Markgrafen Luitpold, ein eigener Herzog gegeben. Nach h√§ufigem Wechsel der Herz√∂ge (947-955 Kaiser Ottos I. Bruder Heinrich, 1061-70 Otto von Nordheim, dann die Welfen) und Abtrennung der Ostmark und K√§rntens belehnte Kaiser Friedrich I. 1180 den Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach (gest. 1183), den Stammvater der heutigen Dynastie, mit dem Herzogtum. 1214 erwarb das Haus die Rheinpfalz. Herzog Albrecht IV., der wieder die durch √∂ftere Teilungen geschw√§chten bayr. Lande vereinigte, f√ľhrte 1506 die Primogenitur und Unteilbarkeit ein. Seit dem 16. Jahrh. trat das Haus B., n√§chst dem Kaiser, an die Spitze der kath. Regierungen Deutschlands. Als Haupt der Liga zeichnete sich namentlich Maximilian I. (1597-1651) aus, der im Drei√üigj√§hr. Kriege von der pf√§lz. Linie die Oberpfalz und die Kurw√ľrde erwarb und auch im Westf√§l. Frieden behauptete. Ihm folgte sein friedlicher und sparsamer Sohn Ferdinand Maria (1651-79). Dessen Sohn Maximilian II. Emanuel (1679-1726) schlo√ü sich im Span. Erbfolgekriege an Frankreich an und st√ľrzte dadurch sein Land in namenloses Elend. Sein Sohn Karl Albrecht (1726-45), als Karl VII. 1742 zum Deutschen Kaiser gew√§hlt, f√ľhrte wegen seiner Anspr√ľche auf √Ėsterreich, von Friedrich d. Gr. unterst√ľtzt, seit 1740, meist ungl√ľcklich, Krieg mit Maria Theresia. Sein Sohn Maximilian III. Joseph (1745-77) schlo√ü mit √Ėsterreich den Frieden zu F√ľssen 22. April 1745, reformierte die Gesetzgebung und hob 1773 den Jesuitenorden auf. Mit ihm erlosch die wittelsbach-bayr. Linie und B. kam an den Kurf√ľrsten Karl Theodor von der Pfalz. Die von √Ėsterreich geltend gemachten Anspr√ľche f√ľhrten zu dem Bayr. Erbfolgekriege zwischen √Ėsterreich und Preu√üen, der 13. Mai 1779 durch den Frieden von Teschen, in welchem B. nur das Innviertel an √Ėsterreich √ľberlie√ü, beendigt wurde. 16. Febr. 1799 starb Karl Theodor ohne legitime Nachkommen; ihm folgte Herzog Maximilian IV. Joseph von Zweibr√ľcken, der einem aufgekl√§rten Despotismus huldigte und an Montgelas einen tatkr√§ftigen Minister hatte. F√ľr die im Lun√©viller Frieden (1801) abgetretenen linksrhein. Besitzungen erhielt B. durch den Reichsdeputationshauptschlu√ü (1803) reichen Ersatz in s√§kularisierten Bist√ľmer und Abteien sowie Reichsst√§dten, noch gr√∂√üern Zuwachs aber (darunter die Markgrafschaft Ansbach und Bayreuth) f√ľr den Anschlu√ü an Napoleon in den Feldz√ľgen gegen √Ėsterreich (1805 und 1809). 1806 erhielt der Kurf√ľrst die Souver√§nit√§t und den K√∂nigstitel und trat 12. Juli dem Rheinbunde bei. Danach nahm das bayr. Kontingent 1812 teil an dem Feldzuge gegen Ru√üland, aber nach den Siegen der Alliierten 1813 trat B. durch den Vertrag von Ried (8. Okt.) zu denselben √ľber und erhielt in den Pariser und Wiener Vertr√§gen gegen R√ľckgabe von Tirol, Vorarlberg, Salzburg und des Innviertels an √Ėsterreich die Rheinpfalz wieder. 26. Mai 1818 erfolgte die Oktroyierung der im wesentlichen noch heute g√ľltigen Verfassung. Max I. Joseph starb 13. Okt. 1825; ihm folgte sein Sohn Ludwig I., unter dessen Regierung ein System gro√üer Sparsamkeit in die Staatsverwaltung kam, w√§hrend daneben f√ľr die bildenden K√ľnste Staunenswertes geschah. 15. Mai 1833 trat B. dem Deutschen Zollverein bei. Tief verha√üt machte sich der ultramontane Minister Abel, der 1847 durch Ludwigs Geliebte, die T√§nzerin Lola Montez, gest√ľrzt wurde. Tumultuarische Bewegungen, ebenfalls wegen Lola Montez entstanden, erhielten durch die Februarrevolution einen polit. Charakter, und 20. M√§rz 1848 legte Ludwig (gest. 29. Febr. 1868) die Krone nieder. Ihm folgte sein Sohn Maximilian II. Die revolution√§re Bewegung in der Rheinpfalz Mai 1849 wurde mit Hilfe Preu√üens unterdr√ľckt; B. schlo√ü sich aber in der deutschen Politik mehr und mehr an √Ėsterreich an und besiegelte den Bund mit diesem durch das B√ľndnis zu Bregenz und die √úbernahme der Bundesexekution in Kurhessen (1850). Im Innern wurde unter dem Ministerium von der Pfordten (seit April 1849) die Polizeiwillk√ľr herrschend, so da√ü sich Kammeraufl√∂sungen √∂fters wiederholten, bis endlich (April 1859) von Schrenck an Stelle von der Pfordtens trat. Maximilian II. starb 10. M√§rz 1864. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig II. ersetzte den Minister von Schrenck wieder durch von der Pfordten und nahm 1866 an dem Kriege gegen Preu√üen teil. B. mu√üte daf√ľr durch Vertrag vom 22. Aug. 1866 ein Gebiet von 551 qkm abtreten und eine Kriegskostenentsch√§digung von 30. Mill. Gulden zahlen. Zugleich ging es ein Schutz- und Trutzb√ľndnis mit Preu√üen ein. Dez. 1866 √ľbernahm der liberale F√ľrst Hohenlohe-Schillingsf√ľrst das Ministerium des Ausw√§rtigen und schlo√ü 8. Juli 1867 die neuen Zollvereinsvertr√§ge ab, wurde aber 1869 durch die Klerikalen zum R√ľcktritt gen√∂tigt. Unter dem neuen Ministerium Bray hielt B. seinen Vertr√§gen gem√§√ü im Kriege 1870/71 fest an Preu√üen; die Regierung erkl√§rte gegen weitgehende Zugest√§ndnisse 23. Nov. 1870 ihren Beitritt zum Deutschen Reiche, der 21. Jan. 1871 auch vom Landtage genehmigt wurde. Nach dem R√ľcktritt des Grafen Bray (22. Juli 1871) trat Graf Hegnenberg-Dux an die Spitze des Ministeriums, nach dessen Tode (2. Juni 1872) von Pfretzschner. Im M√§rz 1880 √ľbernahm der bisherige antiklerikale Kultusminister von Lutz das Pr√§sidium. 1886 f√ľhrte die Verschwendungssucht des geistig √ľberreizten K√∂nigs zu Konflikten, schlie√ülich zur Einsetzung einer Regentschaft und √úberwachung des K√∂nigs, der sich 13. Juni den Tod gab. Da Ludwigs Bruder, K√∂nig Otto, gleichfalls geisteskrank ist, √ľbernahm Prinz Luitpold, 2. Sohn K√∂nig Ludwigs I., die Regentschaft auch f√ľr diesen. 31. Mai 1890 trat von Crailsheim, im Febr. 1903 Freiherr von Podewils-D√ľrniz an die Spitze des Ministeriums.

Literatur. Wenz, ¬ĽVolkskunde¬ę (4 Bde., 1879-84); G√∂tz, ¬ĽGeogr.-histor. Handbuch¬ę (2 Bde., 1895-98); K√∂stler, ¬ĽGebiets- und Ortskunde¬ę (2 Bde., 1895-96); geschichtliche Werke von Buchner (1820-55), Riezler (1878-1903), Schreiber (1889-91), Heigel (1880-90), Preger (13. Aufl. 1895), Schwann (1890-94), Ratzinger (1898).


http://www.zeno.org/Brockhaus-1911. 1911.

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