Philologie

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Philologie

Philologie (v. griech. philos, Freund, und logos, Wort, Wissenschaft) findet sich zuerst bei Platon und bedeutet dort die Luft zu und an wissenschaftlicher Mitteilung. Bald wird jedoch der Ausdruck technisch und bezeichnet wie Polymathie das Streben nach gelehrter Bildung ĂŒberhaupt oder auch die gesamte zeitgenössische Bildung selbst. Diese Bedeutung schwindet erst mit der Wiedererweckung der Wissenschaften in Italien. Indem das zeitgenössische Wissen zurĂŒcktrat, wurde P. jetzt der Inbegriff aller an das griechische und römische Altertum anknĂŒpfenden Studien. Als man aber seit dem Ende des 18. Jahrh. anfing, auch das Geistesleben andrer Völker in den Kreis wissenschaftlicher Betrachtung zu ziehen, trat eine neue Verschiebung des Begriffs ein. Seitdem versteht man unter P. die Wissenschaft vom Geistesleben jedes Kulturvolkes, insofern dasselbe sich in Sprache und Literatur, im Staats-, Privat- und Religionsleben, endlich in der Kunst offenbart. Man spricht daher von indischer, Ă€gyptischer, hebrĂ€ischer, germanischer, romanischer P. etc., zum Teil allerdings den Begriff der P. auf das Sprach- und Literaturstudium beschrĂ€nkend. Zum Unterschiede davon nennt man die dem Geistesleben der griechischen und römischen Nation zugewendete P. die klassische; doch wird sie auch jetzt noch hĂ€ufig als P. an und fĂŒr sich bezeichnet. In der Tat bildet sie eine in sich abgeschlossene Wissenschaft, die man auch klassische Altertumskunde oder Altertumswissenschaft, HumanitĂ€tsstudium (Humaniora) nennt; ihr allein gilt hier unsre Darstellung.

Die P. in diesem Sinne wurde in Alexandria begrĂŒndet. Indem in der dortigen Bibliothek die SchĂ€tze der griechischen Literatur gesammelt wurden, ging man zugleich daran, dieselben nach ihrem Wert zu klassifizieren (kanones) sowie durch Einteilung in BĂŒcher oder GesĂ€nge und AbzĂ€hlung der Verse ĂŒbersichtlich zu gestalten, untergeschobene Werke auszuscheiden und die ursprĂŒnglichen Lesarten herzustellen, sachliche oder sprachliche Schwierigkeiten in der ErklĂ€rung zu heben, d.h. mit Literaturgeschichte, Kritik, Hermeneutik, Grammatik, Realien sich zu beschĂ€ftigen. Die bedeutendsten dieser Literaturgelehrten, die man Grammatiker nannte (und diese Benennung verblieb durch das ganze Altertum), waren Kallimachos (um 296–224), Zenodotos, Eratosthenes, Apollonios von Rhodos, Aristophanes von Byzanz, Aristarchos (um 181–109). An die durch die Attaliden in Pergamon errichtete bedeutende Bibliothek schlossen sich Ă€hnliche Studien an (Krates von Mallos, um 210–140). Die Folgezeit knĂŒpft vor allem an Aristarch an. Didymos (geb. 63 v. Chr.) sammelte mit eisernem Fleiß die gewonnenen Ergebnisse, und Dionysios Thrax (um 100 v. Chr.), besonders aber Apollonios Dyskolos (um 130 n. Chr.) und dessen Sohn Herodianos (um 160) brachten die Grammatik zu einem systematischen Abschluß. Doch beweist das unselbstĂ€ndige, wenn auch fĂŒr uns wertvolle Anlegen lexikalischer Sammlungen, wie es bereits im 2. Jahrh. n. Chr. in den Vordergrund trat (Harpokration, Möris, Phrynichos, Pollux u.a.), das Absterben dieser P.

Unter den Römern zeigte sich philologische TĂ€tigkeit gleich in den AnfĂ€ngen ihrer Literatur, indem die Muttersprache von vornherein kĂŒnstlicher Pflege bedurfte. Das Objekt wird durch den Zutritt des römischen Altertums bedeutend erweitert, doch tritt der theoretische Charakter der P. zurĂŒck. Sie wird edukatorisch, sie soll vor allem dem praktischen Leben dienen und wird damit vorherrschend grammatisch-rhetorisch oder enzyklopĂ€disch-antiquarisch. Ihre Hauptvertreter sind L. Al ins Stilo (geb. um 150 v. Chr.) und dessen SchĂŒler, der Polyhistor M. Terentius Varro (116–27 v. Chr.), spĂ€ter M. Verrius Flaccus (unter Augustus), M. Valerius Probus (unter Nero und den Flaviern), der Ă€ltere Plinius (23–79), Suetonius (um 75–160), Gellius (um 125–175) und, fast nur noch die Leistungen der VorgĂ€nger behufs Zusammenstellung von LehrbĂŒchern (sogen. artes) exzerpierend, im 4. Jahrh. Nonius, Charisius, Marius Victorinus, Älius Donatus, Servius, im 5. Jahrh. Martianus Capella und Priscianus, endlich Isidorus (570–640).

Mit der ZertrĂŒmmerung des weströmischen Reiches verliert die P. ihren Charakter als nationales Bildungselement. So ist sie, auf die Fremde angewiesen, wĂ€hrend des Mittelalters als Wissenschaft so gut wie erloschen. Die griechische Sprache und die TrĂŒmmer der griechischen Literatur erhielten sich im byzantinischen Reich, einzelne Sammler, wie Photios (gest. 892), Kephalas, Suidas, Zonaras, Eustathios, Tzetzes (um 1190), Planudes (um 1260–1310), trugen sogar Brauchbares aus der Vergangenheit zusammen. In Westeuropa blieb die lateinische Sprache im Dienste der Kirche und des Staates bestehen, auch wurden noch neben den Schriften der KirchenvĂ€ter und den Kompendien aus dem 5. und 6. Jahrh., auf denen der Unterricht in den sogen. freien KĂŒnsten beruhte, einige wenige Erzeugnisse der klassischen lateinischen Literatur gelesen, doch die Wissenschaft war ausschließlich philosophisch-theologisch. Auch der Aufschwung im karolingischen Zeitalter und sein Nachhall im ottonischen blieb ohne dauernde Wirkung. Man muß es den Klöstern Dank wissen, daß in vielen von ihnen das BĂŒcherabschreiben, wenn auch als dĂŒrres Handwerk, gepflegt wurde und so die Hauptwerke der lateinischen Literatur uns erhalten blieben. Die wenigen Kenner des Griechischen wurden als ein Wunder angestaunt.

Die Möglichkeit eines Wiederauflebens der P. wurde erst dann erreicht, als in Italien, das in ununterbrochener Tradition die Spuren des römischen Altertums in Sprache und Sitten bewahrt hatte, auch unter den Laien nicht bloß an den neu entstandenen UniversitĂ€ten, sondern der höhern StĂ€nde ĂŒberhaupt ein begeistertes Interesse fĂŒr das klassische Altertum erwachte. Es lassen sich seitdem vier Hauptperioden der P. unterscheiden, die nach den Völkern, von denen sie ihr besonderes GeprĂ€ge erhielten, als die italienische, französische, englisch-niederlĂ€ndische und deutsche bezeichnet werden können.

Die erste, die italienische Periode, umfaßt die Zeit von der Mitte des 14. bis in die Mitte des 16. Jahrh. Die schwĂ€rmerische Bewunderung, die man der Antike entgegenbringt, fĂŒhrt dazu, daß man nicht bloß die Literaturwerke mit grĂ¶ĂŸtem Eifer aufsucht, sie vervielfĂ€ltigt und in Bibliotheken sammelt, sondern auch, wie Ciriaco von Ancona (um 1391–1450), bereits auf Inschriften, MĂŒnzen, Gemmen und die Reste der Baukunst seine Aufmerksamkeit richtet. Die AutoritĂ€t des Altertums tritt an die Stelle der kirchlichen; im Gegensatz zum Christentum wird die neue Lebensanschauung als Humanismus bezeichnet, weil sie als die allgemein menschliche gilt, und ihre Vertreter heißen Humanisten. Daher beschrĂ€nkt man sich auch im großen und ganzen auf bloße Nachahmung; auf dem Gebiet der Kritik wird wenig geleistet. Man wollte das Leben sich so gestalten wie die Alten, vor allem so Lateinisch reden und schreiben. Als der höchste Ruhm gilt der des lateinischen Dichters, weshalb die scholastischen Gegner der neuen Bildung ihre AnhĂ€nger kurzweg als Poeten bezeichnen. FĂŒr die Prosa gilt schließlich Cicero als das alleinige Muster, so im 16. Jahrh. fĂŒr Bembo, Sadoletti, Nizzoli, Paolo Manuzio und den aus Frankreich eingewanderten Muret. Die hĂ€ĂŸliche Kehrseite dieser Begeisterung bilden allerdings oft genug charakterlose Eitelkeit und LaszivitĂ€t.

Den ersten Anstoß zu diesem WiederaufblĂŒhen der Wissenschaften (Renaissance) gaben Francesco Petrarca (1304–74) und Giovanni Boccaccio (1313–75). Sie wandten sich zunĂ€chst nur der römischen Literatur zu. Bei dem wachsenden Verkehr mit dem bedrohten byzantinischen Reiche wurde jedoch bald auch das griechische Altertum der abendlĂ€ndischen Kenntnis wiedergewonnen. Die Griechen Chrysoloras (1391), Gaza, Trapezuntios, Bessarion (1438), Argyropulos, Chalkondylas, die beiden Laskaris kamen nach Italien, strebsame Italiener, wie Guarino, Aurispa, Filelfo, gingen nach Konstantinopel, um Kenntnis des Griechischen und auch griechische Handschriften sich zu holen. Die einzelnen Höfe und die Kirche wetteiferten, der neuen Bildung Eingang zu verschaffen. Ihr Hauptsitz war Florenz, bald folgten Rom, Neapel, Mailand, Mantua, Ferrara, Venedig nach. Die Humanisten zogen meist als Wanderlehrer von Ort zu Ort. Dazu wurden mit der Erfindung der Buchdruckerkunst, die sich in Italien seit 1464 rasch verbreitete, besonders durch die Giunta und Manuzio in Venedig, die klassischen Schriftsteller leichter zugĂ€nglich. So war bald ganz Italien dem Humanismus gewonnen. Seine bedeutendsten Vertreter waren außer den genannten Coluccio de' Salutati (1330–1406), Bruni, Poggio, Traversari, Beccadelli, Filelfo, Niccolo de' Niccoli, Lorenzo della Valle, der bereits Kritik nicht bloß bei der lateinischen Grammatik, sondern auch an dem Neuen Testament und an der Schenkungsurkunde Konstantins anwandte, Landino, Marsiglio Ficino, Angelo Poliziano (1454–94), der in den »Miscellanea« schon AnfĂ€nge einer wirklich philologischen TĂ€tigkeit bot, und als Lehrer Giovanni aus Ravenna, Guarino, Aurispa, Vittorino aus Feltre und Pomponio Leto.

Einen wenn auch spĂ€ten, doch um so stĂ€rkern Widerhall fand der Humanismus in Deutschland. Die in der zweiten HĂ€lfte des 14. Jahrh. entstandene Genossenschaft der BrĂŒder vom gemeinsamen Leben oder Hieronymianer war bereits unter Beseitigung der scholastischen Methode auf die KirchenvĂ€ter und dann auch auf die Klassiker zurĂŒckgegangen; ihre Schulen hatten sich von Deventer in den Niederlanden aus, wo besonders Alexander Hegius (gest. 1498) segensreich wirkte, in ganz Norddeutschland verbreitet. Zuerst bildete sich in Erfurt ein Mittelpunkt der neuen Studien; Johann v. Dalberg, Bischof von Worms, verpflanzte sie nach Heidelberg; durch Rudolf v. Langen wurde um 1498 die MĂŒnstersche Humanistenschule gebildet. Rudolf Agricola (1443–85) und Konrad Celtis (1459–1508) verkĂŒnden an den verschiedensten Orten die neue Lehre; Joh. MĂŒller (oder Regiomantanus, 1436–76) macht sie nutzbar fĂŒr Mathematik und Astronomie. Die FĂŒhrer sind jedoch Johann Reuchlin (1455–1522), der erste deutsche Lehrer des Griechischen und HebrĂ€ischen, um den sich gegen die Kölner Obskuranten alle erlauchten MĂ€nner scharten, und Desiderius Erasmus (1467–1536), der allerdings fast allen zivilisierten Nationen angehört. Daneben sind wegen ihrer LehrtĂ€tigkeit zu nennen: Wimpfeling, Hermann von dem Busche, Bebel, Murmellius, Eobanus Hessus, Peter Schade; als Herausgeber: Rhenanus, GrynĂ€us, Gelenius; als Sammler und Bearbeiter zugleich: Pirkheimer, Peutinger, Apianus (Bienewitz). So drang schließlich auf allen UniversitĂ€ten der Humanismus durch, am spĂ€testen in Leipzig, Rostock und Greifswald. Mit der Reformation trat er jedoch in den Dienst der Kirche und Schule. Die bedeutendsten Vertreter dieser Richtung sind Philipp Melanchthon, der BegrĂŒnder des protestantischen Schulwesens, und Joachim Camerarius. Besondere ErwĂ€hnung verdienen die gelehrten Buchdrucker, wie Amerbach, Froben und Cratander in Basel, Wechel in Frankfurt.

In der zweiten Periode, die bis gegen das Ende des 17. Jahrh. reicht, treten, hauptsĂ€chlich durch den Einfluß des kunstsinnigen Königs Franz I. und seines Hofes, die Franzosen an die Spitze der philologischen Forschung. Die bloße Nachahmung aufgebend und alle Nebenzwecke, kirchliche wie pĂ€dagogische, beiseite lassend, erheben sie sich zu dem rein theoretischen Standpunkt, die umfassendsten Kenntnisse zum vollen VerstĂ€ndnis der klassischen SprachĂŒberreste zusammenzutragen. Daher wendet man sich besonders den Realien sowohl im allgemeinen als speziell denen des klassischen Altertums zu, so daß diese Periode einen realistischen oder polyhistorischen Charakter erhĂ€lt. MĂ€nner aller Berufsklassen, besonders Juristen, beteiligen sich an diesen Studien. Die hervorragendsten sind: BudĂ© (1467–1540), Julius CĂ€sar Scaliger, TurnĂ©be, Lambin (1520–72), die Buchdruckerfamilie Estienne, die Juristen Cujas, Hotman, Brisson, Pithou, die Jesuiten Petau und Vigier, vor allen aber Jos. Iust. Scaliger (1540–1609), Casaubon (1559 bis 1614), Claude de Saumaise (1588–1653). Erst das AufblĂŒhen der französischen Nationalliteratur drĂ€ngte diese Studien, die schon durch die religiösen Streitigkeiten schwer geschĂ€digt waren, zurĂŒck.

So geht in der dritten Periode, die wir bis gegen das Ende des 18. Jahrh. rechnen, die FĂŒhrerschaft auf die EnglĂ€nder und NiederlĂ€nder ĂŒber. Die Kritik, die bereits die Franzosen mit SchĂ€rfe zu handhaben angefangen hatten, aber nur als Mittel zum Zweck, wird jetzt Ziel und Mittelpunkt der P., so daß criticus identisch mit philologus wird und diese Periode als die kritische bezeichnet werden kann.

In England waren die klassischen Studien bereits durch Linacre (1460–1524), Buchanan (1506–82) u.a. eingebĂŒrgert worden, aber infolge der schweren politischen und kirchlichen Streitigkeiten zurĂŒckgetreten. In dem kĂŒhnen und genialen Richard Bentley (1662 bis 1742), der noch jetzt als der princeps criticorum gilt, erreichen sie hier ihren Höhepunkt. Sprache, Metrik, Fragen der Literaturgeschichte behandelte er mit gleichem Scharfsinn, und in der Herstellung der Texte fand er nicht bloß die Fehler, sondern heilte sie auch mit sicherer Divinationsgabe. In seiner Richtung wirkten besonders Markland, Taylor, Dawes, Tyrwhitt, Musgrave. Dem großen Meister sehr nahe kommt am Ende dieser Periode Richard Porson (1759–1808), der die Pflege der griechischen Literatur, hauptsĂ€chlich der szenischen Dichter weckte und in Elmsley, Gaisford, Dobree, Monk, Blomfield, Blackie, Paley, Blaydes bis in die neueste Zeit Nachfolger fand.

Auch in den Niederlanden hatte die P. im Zusammenhang mit Deutschland frĂŒhzeitig Eingang gefunden. Als Leiden 1575 eine UniversitĂ€t erhalten hatte und Scaliger 1593 dahin berufen worden war, gelangte sie zu hoher BlĂŒte, zumal tĂŒchtige Buchdrucker (Plantin, die Elzevire, Wetstein) die Produktion unterstĂŒtzten. Ihre Vertreter, die zum Teil in die politischen und kirchlichen KĂ€mpfe der Zeit tief verflochten waren, reihten sich zunĂ€chst der polyhistorischen Richtung der französischen Philologen an, doch stellten sie das römische Leben, zumal die Kritik und ErklĂ€rung lateinischer Schriftsteller in den Vordergrund, so Dousa (1545–1604), Lipsius, Gerh. Joh. Vossius, Meursius, Grotius, Daniel und Nikolaus Heinsius, die aus Deutschland eingewanderten J. Fr. Gronov und J. G. GrĂ€vius. Die Erstarrung zum Ă€ußerlichen Sammeln zeigt sich besonders in den gewaltigen BĂ€nden der Ausgaben »cum notis variorum«, unter deren Herausgebern die beiden Burmann obenan stehen. AllmĂ€hlich geht man jedoch immer mehr zu dem kritischen Standpunkt der EnglĂ€nder ĂŒber, so Hemsterhuis (1685–1766), der auch dem Griechischen gleiche Berechtigung mit dem Lateinischen verschaffte, und die ihm folgenden GrĂ€zisten: Valckenaer, Ruhnken, Wyttenbach (1746–1820).

In Deutschland hatten die theologischen ZĂ€nkereien und der furchtbare DreißigjĂ€hrige Krieg mit den ĂŒbrigen Wissenschaften auch die klassischen Studien sehr zurĂŒckgedrĂ€ngt, wenn auch in den festgefĂŒgten Schuleinrichtungen die Grundlage fĂŒr ein WiederaufblĂŒhen derselben bewahrt blieb. Zu nennen sind in der zweiten HĂ€lfte des 16. Jahrh. Sylburg, Frischlin, Acidalius, im 17. Jahrh. Gruter und Freinsheim, als Sammler Kaspar v. Barth und J. Alb. Fabricius. AllmĂ€hlich machte sich an den UniversitĂ€ten ein Aufschwung bemerkbar. Cellarius in Halle (1638–1707), Gesner in Göttingen (1691–1761), Ernesti in Leipzig (1707–81), wissenschaftlich zwar nur als Sammler von Belang, wirken als Lehrer auf das anregendste; Reiske und Reiz (1733–90) vertreten bereits die kritische Schule. Die BegrĂŒndung der modernen ArchĂ€ologie und Ästhetik durch Winckelmann und Lessing, das AufblĂŒhen der Nationalliteratur im Anschluß an das Altertum, die großartige Entwickelung der Philosophie, die politische Bewegung (Frankreich, Nordamerika) trugen dazu bei, den Funken zu entfachen. Schon verwertete Heyne in Göttingen (1729–1812) die neuen Ideen fĂŒr die Ă€sthetische ErklĂ€rung der Schriftsteller, fĂŒr mythologische, antiquarische und kulturhistorische Forschungen, wenn er auch in Grammatik und Kritik noch den alten Standpunkt festhielt, und bildete begeisterte SchĂŒler, unter denen Joh. Gottl. Schneider, Mitscherlich und besonders Fr. Jakobs hervorragen.

Da stellt Friedrich August Wolf (1759–1824) die Vereinigung aller einzelnen auf das klassische Altertum bezĂŒglichen Disziplinen zu einem Ganzen, das er Altertumswissenschaft nennt, als Ziel auf und wird durch seine Wirksamkeit in literarischer Beziehung wie als UniversitĂ€tslehrer der BegrĂŒnder der vierten, der deutschen universalen Periode. Zwar wird auch jetzt die Teilung der Arbeit auf philologischem Gebiet als notwendig anerkannt, doch stets mit der unerlĂ€ĂŸlichen Verpflichtung, bei der Spezialarbeit den Zusammenhang mit dem Ganzen im Auge zu behalten. So lassen sich zwar immer noch zwei Hauptrichtungen in der P., die sprachliche und die sachliche, unterscheiden, aber nur so, daß beide gleichberechtigt nebeneinander hergehen und die eine auf die andre RĂŒcksicht nimmt.

In sprachlicher Beziehung ergreifen Gottfr. Hermann (1772–1848) und Karl Lachmann (1793–1851) die FĂŒhrung. Hermann, genial wie Bentley, begrĂŒndete die rationale Auffassung der Grammatik nach Kantschen Prinzipien, schuf die Metrik und leistete GlĂ€nzendes in der Kritik, vornehmlich der griechischen Schriftsteller. Lachmann stellte die Grundgesetze der Kritik fĂŒr alle Zeiten fest, wendete sie auf die lateinische Literatur an und ĂŒbertrug sie auch auf die germanistischen Studien. Eine große Reihe hervorragender Gelehrter wirkte neben und nach ihnen in dieser Richtung, von denen nicht wenige sich auch nach der realen Seite hin hochverdient machten. Wir heben hervor: Buttmann, Heindorf, Lobeck, der in Königsberg eine Schule bildete, Dissen, Immanuel Becker, Thiersch, der die BlĂŒte der philologischen Studien in Bayern sicherte, Passow, Orelli, NĂ€he, Meineke, Nitzsch, Döderlein, Reisig, der in Halle, allerdings nur wenige Jahre, höchst anregend wirkte, Zumpt, Göttling, K. W. KrĂŒger, Bernhardy, Lehrs, Wilhelm und Ludwig Dindorf, Raph. KĂŒhner, Spengel, Ritschl, der in Bonn eine Reihe hervorragender SchĂŒler bildete, NĂ€gelsbach, Haase, Haupt, der wie Lachmann auch das deutsche Altertum in den Bereich seiner Studien zog, Halm, Sauppe, Ahrens, Schneidewin, Bergk, Bonitz, Köchly, Hertz, Fleckeisen, Teuffel, Georg Curtius, Corssen, Nipperdey, Hercher, Nauck, H. Keil, FriedlĂ€nder, Ludw. Lange, Kirchhoff, Westphal, Ribbeck, Schenkl, Vahlen, Bursian, Christ, Wölfflin, Gomperz, Usener, Lucian MĂŒller, BĂŒcheler, Hartel, Studemund, Blaß, Wecklein, Rohde, v. Wilamowitz, Diels, Leo, O. Crusius. Auch das Studium der byzantinischen Literatur wurde in den letzten Jahren neu belebt, besonders durch Krumbacher und Gelzer.

Der Hauptvertreter der realen P. wurde Aug. Böckh (1785–1867), ohne jedoch die Kritik und Hermeneutik zu vernachlĂ€ssigen. Die neugegrĂŒndete Berliner UniversitĂ€t wurde der Ausgangspunkt dieser Richtung nach den verschiedensten Seiten. Böckh selbst machte sich um das griechische Altertum hochverdient; seine Bestrebungen wurden fortgesetzt durch Schömann, Meier, Otfried MĂŒller (1797–1840), Forchhammer, K. Fr. Hermann, Roß, Ulrichs, Droysen, Max Duncker, Ernst Curtius, Arn. SchĂ€fer, Kurt Wachsmuth. FĂŒr das römische Altertum lenkte Niebuhr (1776–1831) in neue Bahnen; ihm folgten Dahlmann, Drumann, Adolf Becker, Peter, Marquardt, Henzen, vor allen Theod. Mommsen, sodann Schwegler, Jordan, HĂŒbner, Nissen. Auf dem Gebiete des Rechts begrĂŒndete Savigny (1779–1861) die historische Schule; seine Nachfolger waren Dirksen, v. Bethmann-Hollweg, Bluhme, Puchta, Huschke, Böcking, Bruns. Damit in Zusammenhang steht die Neugestaltung der Epigraphik; der Berliner Akademie gebĂŒhrt das Verdienst, kritische Sammlungen der griechischen (Böckh, Kirchhoff, Köhler, Dittenberger, v. Wilamowitz) als auch der römischen Inschriften (Mommsen, de Rossi, Henzen, HĂŒbner, Zange meister, Bormann, Hirschfeld, Wilmanns, Dessau, HĂŒlsen) veranlaßt zu haben. Die antike Philosophie wurde geschichtlich und dialektisch von Schleiermacher (1768–1834) entwickelt; in seine Fußstapfen traten Brandis, Trendelenburg, Zeller, Bonitz, Jak. Bernays, Überweg. Auch die archĂ€ologischen Studien haben an Umfang und Methode außerordentlich gewonnen durch Welcker (1784–1868), Gerhard, Otfr. MĂŒller, Panoska, Bötticher, Wieseler, O. Jahn, Urlichs, E. Curtius, Brunn, Stark, Overbeck, Robert; 1829 wurde das Deutsche archĂ€ologische Institut in Rom, 1874 das in Athen begrĂŒndet; auch die Reisen in die klassischen LĂ€nder hat man neuerdings unterstĂŒtzt, und ergebnisreiche Ausgrabungen in Rom, Olympia, Pergamon und sonst gingen vom Deutschen Reich aus. Am meisten schwankt man in der Mythologie; denn Voß, Böttiger, Creuzer, Welcker, Gerhard, Otfr. MĂŒller, Forchhammer, Preller, Rohde und Wissowa bezeichnen ganz verschiedene Richtungen.

Bald wurden auch die ĂŒbrigen KulturlĂ€nder von der deutschen Richtung mehr oder minder beeinflußt. In Italien waren seit dem Beginn des 16. Jahrh. durch die politische AbhĂ€ngigkeit vom Ausland und die kirchliche Gebundenheit die Wissenschaften allmĂ€hlich erstickt worden; auf dem Gebiete der P. werden fast nur noch AntiquitĂ€ten und ArchĂ€ologie, und noch dazu meist in dilettantischer Art, berĂŒcksichtigt, die lateinischen Lexikographen Facciolati und Forcellini sowie die Kritiker Lagomarsini und Garatoni bilden eine Ausnahme. Dagegen im 19. Jahrh. stellt es hervorragende ArchĂ€ologen, wie Fiorelli, Epigraphiker, wie Borghesi und de Rossi, Kritiker sowohl zur frĂŒher gĂ€nzlich vernachlĂ€ssigten griechischen als auch zur lateinischen Literatur, wie Angelo Mai, Comparetti, Vitelli, Piccolomini. In Frankreich wurde bereits seit der Mitte des 18. Jahrh. wieder Bedeutenderes geleistet, besonders zu den Realien von Larcher, Millin, Mionnet, Letronne, Rochette, aber auch fĂŒr die Kritik und ErklĂ€rung der Schriftsteller von Brunck, SchweighĂ€user, Villoison. Die neuern, Miller, Egger, Benloew, Weil, Boissier, Benoist, BrĂ©al, Dumont, Graux, Salomon und Theodore Reinach, sind auf den verschiedensten Gebieten tĂ€tig Im Anschluß daran haben auch in Belgien Roulez, de Witte, Schuermans auf sachlichem, Gantrelle u.a. auf sprachlichem Gebiet Anerkennenswertes geliefert. Die englischen Philologen haben neben der bereits obenerwĂ€hnten BeschĂ€ftigung mit den griechischen Klassikern in der neuesten Zeit auch der Kritik der römischen Schriftsteller sich zugewendet, so Munro, Conington, Ellis, Lindsay. Daneben hat man sich durch Reisen in die klassischen LĂ€nder, das Sammeln von Werken alter Kunst (Britisches Museum), die Entdeckung und Entzifferung von Papyrushandschriften (Kenyon), besonders aber durch die Behandlung der alten Geschichte (Gibbon, Grote, Lewis) verdient gemacht. Dagegen halten die HollĂ€nder, sowohl die GrĂ€zisten Cobet (1813–89), Naber, van Herwerden als die Latinisten Peerlkamp, Bake, die BeschrĂ€nkung ihrer großen VorgĂ€nger auf die Kritik der Schriftsteller fest. DĂ€nemark besaß in Madvig (1804–1886) einen der bedeutendsten Philologen, der auch tĂŒchtige SchĂŒler bildete. Auch Rußland und noch mehr Nordamerika beginnen in der neuesten Zeit an der philologischen Forschung sich zu beteiligen. Griechenland pflegt besonders antiquarische Untersuchungen.

An philologischen Zeitschriften bestehen in deutscher Sprache: »Rheinisches Museum fĂŒr P.« (Bonn 1827 ff.), »Philologus« (Götting. 1846 ff.), »Hermes« (Berl. 1866 ff.), »Jahresberichte ĂŒber die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft« (das. 1873 ff.; dazu »Bibliotheca philologica classica« und »Biographisches Jahrbuch fĂŒr Altertumskunde«), »Wiener Studien« (Wien 1879 ff.), »Philologische Rundschau« (Brem. 1881 ff.; erscheint als »Neue philologische Rundschau« seit 1886 in Gotha), »Berliner Philologische Wochenschrift« (Berl. 1881 ff.), »Wochenschrift fĂŒr klassische P.« (das. 1884 ff.), »Byzantinische Zeitschrift« (Leipz. 1892 ff.; dazu »Byzantinisches Archiv«, das. 1898 ff.). Daneben heben wir hervor von den dem höhern Schulwesen gewidmeten Zeitschriften: »JahrbĂŒcher fĂŒr P. und PĂ€dagogik« (Leipz. 1826 ff.), »Zeitschrift fĂŒr das Gymnasialwesen« (Berl. 1847 ff.), »Zeitschrift fĂŒr die österreichischen Gymnasien« (Wien 1850 ff.), »BlĂ€tter fĂŒr das bayrische Gymnasialschulwesen« (Bamb. u. MĂŒnch. 1865 ff.), und von den auslĂ€ndischen: »The Journal of Philology« (Lond. 1868 ff.), »The Classical Review« (das. 1887 ff.), »Revue de Philologie« (Par. 1845–47 u. 1877 ff.), »Rivista di Filologia« (Turin u. Rom 1873 ff.), »Mnemosyne« (Leiden 1852 ff.), »Tidskrift for Philologi og Paedagogik« (Kopenh. 1860 ff.), »The American Journal of Philology« (Baltim. 1880 ff.).

Vgl. Böckh, EnzyklopĂ€die und Methodologie der philologischen Wissenschaften (2. Aufl. von Klußmann, Leipz. 1886); Hirzel, GrundzĂŒge zu einer Geschichte der klassischen P. (2. Aufl., TĂŒbing. 1873); HĂŒbner, Grundriß zu Vorlesungen ĂŒber die Geschichte und EnzyklopĂ€die der klassischen P. (2. Aufl., Berl. 1889); S. Reinach, Manuel de philologie classique (2. Aufl. 1883–84, 2 Bde.); Urlichs, Grundlegung und Geschichte der klassischen Altertumswissenschaft (in Bd. 1 von J. MĂŒllers »Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft«, 2. Aufl., MĂŒnch. 1892); Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums (3. Aufl., Berl. 1893, 2 Bde.); L. MĂŒller, Geschichte der klassischen P. in den Niederlanden (Leipz. 1869); Bursian, Geschichte der klassischen P. in Deutschland (MĂŒnch. 1883); W. Kroll, Die Altertumswissenschaft im letzten Vierteljahrhundert, 1875–1900 (Leipz. 1905); Eckstein, Nomenclator philologorum (das. 1871); Pökel, Philologisches Schriftstellerlexikon (das. 1882).

Über die deutsche P. vgl. Deutsche Philologie (im 4. Bd.), ĂŒber die englische, französische P. etc. vgl. die Art. »Englische Sprache«, »Französische Sprache« etc.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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   Das Herkunftswörterbuch


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