Russell [1]

Russell (spr. rössel, Russel), normannisch-engl. Adelsfamilie, die seit dem 12. Jahrh. urkundlich nachweisbar ist und ihren Namen von der Ortschaft Le Rozel in der Normandie ableitet. 1539 wurde die Familie zur Peerswürde erhoben, und 1550 erlangte sie den Grafen-, 1694 den Herzogstitel von Bedford. Gegenwärtiges Haupt der Familie ist Herbrand Arthur R., geb. 14. Febr. 1858, seit 24. März 1893 elfter Herzog von Bedford, der 1882 den ägyptischen Feldzug mitgemacht hat und 1884–88 Adjutant des Vizekönigs von Indien war. Vgl. Wissens, Historical memoirs of the house of R. (Lond. 1833, 2 Bde.). Die namhaftesten Mitglieder des Hauses sind:

1) William, Sohn Williams, des fünften Grafen von Bedford, geb. 29. Sept. 1639, trat in seinem 22. Jahr ins Unterhaus, wo er zu den vornehmsten Führern der Opposition gehörte, und ward wegen angeblicher Teilnahme an dem gegen Karl II. angestifteten Ryehouse-plot 21. Juli 1683 hingerichtet. Nach Wilhelms III. Thronbesteigung 1689 ward das Urteil widerrufen und der Vater des Hingerichteten 1694 zum Marquis von Tavistock und Herzog von Bedford ernannt. Vgl. Lord John Russell, Live of William Lord R. (4. Aufl., Lond. 1853); »Letters of Lady R.«, Rachel Wriothesley, geb. 1636, als Witwe des Lords Vaughan 1669 mit R. vermählt, gest. 1723 (das. 1773, 14. Aufl. 1853).

2) Lord Edward, Vetter des vorigen, geb. 1653, besiegte die französische Flotte 29. Mai 1692 bei La Hougue, ward 1697 zum Grafen von Orford ernannt und starb 26. Nov. 1727.

3) John, vierter Herzog von Bedford, geb. 30. Sept. 1710, unterhandelte im Februar 1763 als Botschafter in Paris den Frieden; starb 15. Jan. 1771. Seine »Correspondence« gab Lord John Russell (Lond. 1842–46, 3 Bde.) heraus.

4) Lord John R., berühmter brit. Staatsmann, geb. 18. Aug. 1792 als dritter Sohn des sechsten Herzogs von Bedford, gest. 29. Mai 1878, studierte in Edinburg, trat im Juli 1813 für einen Wahlflecken, über den sein Vater verfügte, ins Unterhaus und war seit 1819 unablässig für eine Reform der Parlamentswahlen tätig. Seine Vorschläge wurden anfangs in den ersten Stadien der Beratung zurückgewiesen; erst 1826 kam eine Bill, in der er das Wahlrecht einer Anzahl von verfallenen Wahlflecken auf große und volkreiche, aber von der Vertretung im Parlament ausgeschlossene Fabrikstädte zu übertragen vorschlug, wenigstens zur zweiten Lesung. In diesen Kämpfen hatte er sich eine hervorragende Stellung innerhalb der Whigpartei erworben, die er durch sein Eintreten für die Aufhebung der Testakte (1828) und für die Emanzipation der Katholiken (1829) befestigte. 1830 nahm er den Kampf für die Reform von neuem auf, drang zwar auch diesmal nicht durch, wurde aber im liberalen Kabinett Grey zum Generalzahlmeister ernannt und hatte endlich im Juni 1832 die Genugtuung, seine langjährigen Bemühungen durch die Annahme der Reformbill (s. Großbritannien, S. 404) gekrönt zu sehen. Nach dem Rücktritt der Whigs (im November 1834) übernahm er im Februar 1835 die Führung der Opposition. Im Ministerium Melbourne (im April 1835) erhielt R. das Staatssekretariat des Innern, das er 1839 mit dem Kolonialministerium vertauschte. Die wichtigsten gesetzgeberischen Maßregeln dieser Regierung, die neue Städteordnung, die irische Zehntbill, die neue Armengesetzgebung, die Organisation des öffentlichen Unterrichts und die Verbesserung der Rechtspflege, sind zum wesentlichen Teil das Verdienst Russells, der, nachdem das Ministerium im August 1841 zurückgetreten war, wieder die Führung der Opposition übernahm. Nach Peels Rücktritt trat R. im Juli 1846 als erster Lord des Schatzes an die Spitze des neuen Ministeriums. Als er sich aber im Dezember 1851 Palmerstons auf wenig rücksichtsvolle Weise entledigt hatte, ward die Stellung des Kabinetts unhaltbar, und Ende Februar 1852 mußte er seine Entlassung nehmen. Nach einer kurzen Regierung Lord Derbys trat R. in Lord Aberdeens Koalitionsministerium (17. Dez.) ohne Portefeuille als ministerieller Leiter des Unterhauses ein und übernahm nach dem Ausbruch des Krieges mit Rußland das Präsidium des Geheimen Rates, schied aber 25. Jan. 1855, einige Tage vor dem Sturze der Regierung, aus ihr aus, weil er den Antrag Roebucks auf Untersuchung der Kriegführung nicht bekämpfen mochte. In dem jetzt folgenden Ministerium Palmerston übernahm R. die Kolonialverwaltung und vertrat England im März auf den Wiener Friedenskonferenzen. Infolge der Angriffe, die sein Verhalten hierbei erfuhr, nahm er 13. Juli seine Entlassung. In dem am 18. Juni 1859 eingesetzten neuen Ministerium Palmerston übernahm er das Departement des Äußern und wurde 30. Juli 1861 als Graf R. zum Peer erhoben. Seine auswärtige Politik war wenig glücklich. Während des polnischen Aufstandes von 1863 erlitt er eine entschiedene Niederlage, indem die russische Regierung seine Noten, in denen er sich für Polen verwendete, ganz unberücksichtigt ließ; ebenso erfolglos blieb sein Anerbieten einer Vermittelung in dem amerikanischen Sezessionskrieg und seine Parteinahme für Dänemark in dem deutsch-dänischen Krieg. Als Palmerston 18. Okt. 1865 starb, übernahm R. den Posten eines Premiers und überließ das auswärtige Ministerium dem Grafen Clarendon. In der nächsten Session legte Gladstone 12. März 1866 die neue Reformbill vor; allein diese befriedigte nach keiner Richtung hin, so daß R. 26. Juni d. J. seine Entlassung einreichte. Seitdem bekleidete er kein Staatsamt mehr. Sein Versuch, 1869 die Verfassung des Oberhauses durch die Ernennung einer Anzahl von Peers auf Lebenszeit umzugestalten, scheiterte. R. war bis in seine letzten Jahre einer der wenigen Whigs im alten Sinn, ein geistvoller, ehrlicher, offenherziger, für das Wohl seines Vaterlandes aufrichtig begeisterter Politiker; aber diese Eigenschaften konnten ihm, nachdem neue Parteibildungen der Politik der alten Whigaristokratie den Boden unter den Füßen weggezogen hatten, den frühern Einfluß nicht erhalten. Als Redner war R. durch Klarheit der Gedankenentwickelung und gewandte Dialektik ausgezeichnet. Eine Auswahl seiner Reden erschien 1870 in 2 Bänden. Von Russells Schriften sind hervorzuheben: »Essay on the history of the English government and constitution« (Lond. 1821, neue Ausg. 1873; deutsch von Kritz, Leipz. 1825); »Memoirs of the affairs of Europe, from the peace of Utrecht to the present time« (Lond. 1824–29, 2 Bde.); »Essay on causes of the French revolution« (1832); die Biographie des Lords William R. (s. oben 1) sowie »Life and times of C. J. Fox« (das. 1859–67, 3 Bde.); besonders bedeutend ist seine letzte große Schrift: »Recollections and suggestions« (1873, 2. Aufl. 1875; deutsch, Halle 1876), die gleichsam als das politische Testament des greifen Staatsmanns gelten kann. Auch verfaßte er ein Trauerspiel: »Don Carlos« (1823), und gab Thomas Moores Briefe und Tagebücher (1852–56, 8 Bde.; kleinere Ausg. 1860), den Briefwechsel etc. von Fox (1853–57, 4 Bde.) heraus. Seine Biographie schrieben Spencer Walpole (Lond. 1889, 2 Bde.), Williamson (das. 1894) und Stuart J. Reid (4. Aufl., das. 1906).

5) Odo Russell, Lord Ampthill, s. Ampthill.

6) George W. E., engl. Politiker, geb. 3. Febr. 1853 in London als Enkel des sechsten Herzogs von Bedford, erzogen zu Harrow, studierte in Oxford und wurde 1880 ins Unterhaus gewählt, wo er sich der liberalen Partei anschloß. Er war 1883–85 Parlamentssekretär im Lokalverwaltungsamt, 1892–94 Unterstaatssekretär für Indien, 1894–95 Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern. 1895 verlor er nach der Auflösung des Parlaments sein Mandat, wirkte aber 1896 und 1897 als einer der eifrigsten Führer der Bewegung zugunsten Armeniens und Kretas. Er schrieb eine populäre Biographie Gladstones (1891), Biographien von Matthew Arnold (1904), Sydney Smith (1905) u.a., gab die Briefe von Matthew Arnold (1895, 2 Bde.) heraus und veröffentlichte 1898 »Collections and recollections« (7. Aufl. 1904).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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