Abessinien

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Abessinien

Abessinien (Abyssinien; s. Karte ¬Ľ√Ągypten etc.¬ę), Reich im nord√∂stlichen Afrika, in √Ągypten und Nubien Beled el Habesch oder Beled el Habscha, im abessinischen Hofstil Aitiopya genannt. Der Name A. wird abgeleitet von dem Worte Habesch (Habasch), womit die Araber das V√∂lkergemisch jenes Berglandes bezeichnen wollten. Das eigentliche A. erstreckt sich vom 15. bis √ľber den 10.¬į n√∂rdl. Br. hinaus und vom 40.¬į √∂stl. L. bis zum Westabfall des Hochlandes. Die Anspr√ľche des Herrschers dehnen sich jetzt auf folgende L√§nder aus:

Tabelle

Ferner beansprucht der Negus Negesti das Land Taka, die Hochtäler des Rabat und Dinder, das Becken des Sebus, das ganze rechte Ufer des Sobat und das Gebiet zwischen Kassa und dem Rudolfsee.

[Bodengestaltung.] Das Land steigt aus den ringsum liegenden Landschaften im N. und S. allm√§hlich, im O. und W. aber unvermittelt zu einem √§u√üerst zerrissenen Alpenland von 2000‚Äď2300 m mittlerer Erhebung auf. Das Innere ist eine Folge grasreicher, aber meist waldloser Plateaus, auf denen sich zahlreiche isolierte, malerische Felsmassen mit senkrecht abfallenden W√§nden erheben. Diese Tafeln bilden ganze Landschaften oder kleinere Tafelberge (Amba) mit steil abst√ľrzenden R√§ndern, die sie zu nat√ľrlichen Festungen machen. Der Verwitterung und Abtragung haben einzelne Teile des Hochlandes gr√∂√üern Widerstand entgegengesetzt und bilden so √ľber die Tafellandschaften aufragende gebirgsartige Erhebungen von alpinem Charakter. Eine solche zieht sich an der Nordgrenze von der Landschaft Semi√©n durch ganz A. bis in die N√§he des Hawaschtals, wo sie noch bis zu 3500 m ansteigt, um sich dann gegen W. in die Hochebene der Galla zu verflachen. Eine nach SW. gehende Abzweigung umfa√üt im S. den gro√üen Tanasee und endigt in dem wenigstens 3600 m hohen Talba-Wahagebirge in den Landschaften Matscha und Godscham. Ihr geh√∂ren in Semi√©n und Wogera an der Ras Daschan (4620 m), Buahit (4510 m) und Aba-Jared (4563 m), deren Gipfel einen gro√üen Teil des Jahres mit Schnee bedeckt sind. S√ľdwestlich von Semi√©n setzen sich die Gebirge in der 3000 m hohen, gestaffelten Terrasse von Wogera fort, die sich allm√§hlich nach SO. verflacht und kesself√∂rmig das gro√üe Becken des Tanasees umgibt. Ohne Unterbrechung ziehen die Gebirge nach SO. weiter (Guna 4280 m) bis zum trennenden Tal des Aba√≠. S√ľdlich von diesem steigt aus dem Tschokplateau der m√§chtige Bergkegel des Agsiosfatra zu 4150 m auf, w√§hrend der Kollo nahe am Ostrande des Plateaus 4300 m erreicht. In den ebenfalls gebirgigen s√ľdlichern Landschaften Kassa und Enarea haben der Kato 3150, der Egan 3090, der Hotta 3680 m H√∂he. Die Hochfl√§chen sind h√§ufig von engen, manchmal sehr tiefen, schluchtenartigen T√§lern durchfurcht, in denen die Fl√ľsse des Landes sich ihr Bett gegraben haben. Wo breitere Einschnitte sind, besteht die Hochebene aus mehreren isolierten Plateaus mit steil abst√ľrzenden W√§nden, so besonders im Hochlande von Schoa. Von dem niedrigen K√ľstenstrich, der teils aus nacktem Fels, teils aus losen Sandablagerungen bestehenden Samhara, aus gesehen, gew√§hrt A. den Anblick einer m√§chtigen Burg, durch deren W√§lle nur wenige P√§sse auf das eigentliche Hochland f√ľhren.

Geologisch ist A. ein von N. nach S. gestreckter Horst aus altkristallinischen Gesteinen mit einer Decke von rotem oder grauem Sandstein, an dessen Ost- und Westflanke gewaltige Landschollen in die Tiefe gesunken sind. Aus den Bruchspalten sind vulkanische Massen emporgedrungen, sie haben sich √ľber das ganze Gebiet ausgebreitet und dem Land ein besonderes Gepr√§ge verliehen. Zeugen der vulkanischen T√§tigkeit sind an vielen Stellen meist in Gruppen hervorsprudelnde Quellen; die hei√üeste, die von Fin-Fin im s√ľdlichen Schoa, von 76¬į, die Thermen von Wansage am Gumaraflu√ü, einem der bedeutendsten Badeorte Abessiniens, von 32‚Äď37¬į; auch an den R√§ndern des Tanasees steigen zahlreiche Thermen auf.

[Bew√§sserung.] Die durch A. flie√üenden Str√∂me haben sich meist ein tiefes Bett in die Felsen eingeschnitten und sind als echte Gebirgsw√§sser nicht schiffbar. Der bedeutendste Strom ist der Aba√≠, der obere Lauf des Blauen Nils (s. Nil), dann der Atbara (s. d.) mit dem Takaseh, sp√§ter Setit genannt, und dem Mareb, sp√§ter Chor el Gasch. Zum Nil flie√üen ferner ab der Baro und Bako, Quellfl√ľsse des Sobat (s. d.). Nach S. zum Rudolfsee str√∂mt der Omo, nach SO. gehen die Quellfl√ľsse des Dschubb und des Webi Schebehli. Der Hawasch entspringt im Guragegebirge und bildet auf eine weite Strecke die S√ľd- und Ostgrenze von Schoa, um schlie√ülich in dem salzigen Abhebaddsee zu enden. Im N. entspringt noch nahe der Marebquelle der Anseba, der dem Chor Baraka sich zuwendet. Mit starkem Gef√§lle und h√§ufig von Katarakten unterbrochen, f√ľhren die Fl√ľsse zur Trockenzeit wenig Wasser, √ľberfluten aber in der Regenzeit, oft furchtbare Zerst√∂rungen anrichtend, weithin das Flachland.

Von den zahlreichen Seen ist der bedeutendste der Tanasee (s. d.), der Quellsee des Blauen Nils. S√ľdlich von der Landschaft Godscham sendet ihm der gro√üe Dschabaschaksee (2440 m) sein Wasser zu. An der S√ľdostgrenze der Landschaft Gurage zieht sich eine Kette miteinander verbundener Seen hin: Dembel oder Suai, Hogga, Laming, Abala oder K√∂nigin Margheritasee, Abajasee, dessen Abflu√ü, der Galano Amara, in den Stefaniesee m√ľndet.

[Klima, Naturprodukte.] Das Klima zeigt gro√üe Gegens√§tze; die Abessinier unterscheiden drei Klimag√ľrtel: 1) Die Kolla (d.h. hei√ües Land), eine sumpfige, mit dichtem Urwald bedeckte Region, in 1000‚Äď1700 m H√∂he bis zur Isotherme von 20¬į. 2) Die Woina Dega, das ¬ĽWeinland¬ę, 1700‚Äď2400 m etwa bis zur Isotherme von 16¬į. 3) Die Dega, 3000‚Äď4500 m, besitzt an der Grenze des Getreidebaus in 3900 m noch 7¬į, weist aber eine starke n√§chtliche Abk√ľhlung auf. Das Klima ist im Hochland gem√§√üigt und angenehm, auf den hohen Gebirgsz√ľgen im Winter sehr kalt, Schneef√§lle sind nicht selten. In der Samhara herrschen hohe Temperaturen und gro√üe Trockenheit. Im n√∂rdlichen Hochland fallen Sommerregen, die Regenzeit w√§hrt vom April mit Unterbrechungen bis Oktober, in Schoa von Mitte Juni bis September; Gondar mit 1125 mm Niederschlag. Bei der au√üerordentlichen Reinheit der Luft erfreuen sich die Bewohner der h√∂her gelegenen Gegenden einer ausgezeichneten Gesundheit; nur Katarrhe der Atmungsorgane und Schwindsucht sowie rheumatische √úbel werden durch die kalten Winde veranla√üt, und in Schoa grassiert der Aussatz. Sehr verbreitet ist die Bandwurmplage infolge des Genusses von rohem Fleisch. In den hei√üen Flu√üt√§lern und in der Kolla herrschen Dysenterie, Faulfieber und heftige nerv√∂se Krankheiten. ‚Äď Die Pflanzenwelt findet ihre Auspr√§gung im Anschlu√ü an die Gliederung des Landes in Klimag√ľrtel. In der Samhara sehen wir Akazien, Kappernpflanzen, Christdorn (Zizyphus), Tamarisken, s√§ulenkaktusartige Euphorbiazeen, Aaspflanzen mit pr√§chtigen Blumen, verstrickt durch malerische Schlinggew√§chse, am Mareb und Takaseh dagegen Sykomoren, Adansonien und Ficus-Arten, Tamarinden und Kigelien, wilde Baumwolle, Sesam und B√ľschelmais l√§ngs der Flu√üufer. In der mittlern Region der Kolla beginnt die Vegetation der Aloepflanzen. In 1500 m H√∂he erscheint die f√ľr A. so charakteristische Kolkwaleuphorbie, die bis 3600 m H√∂he aufsteigt; ihr gesellen sich in lichten Best√§nden der √Ėlbaum und die m√§chtige Adansonia bei. Die westlichen Abh√§nge strotzen von baumartigen Gr√§sern, die mit wildem Zuckerrohr, Moorhirse u.a. haupts√§chlich die Savannen zusammensetzen. Die Woina Dega f√ľhrt ihren Namen nach dem Weinstock, der bis 2500 m H√∂he geht, aber nach Vernichtung der ersten guten Anf√§nge durch Krankheit heute kaum noch gebaut wird. Hier gedeihen √Ėlpflanzen, H√ľlsenfr√ľchte, Mais, Weizen, Gerste und andre Zerealien sowie Myrten, Granaten, Zitronen. Auch die Kartoffel ist eingef√ľhrt. Kaffee w√§chst haupts√§chlich im s√ľdlichen A., seinem Heimatsland, zwischen 1800 und 2300 m H√∂he. Echt tropische Gew√§chse, wie Ensetebanane und Ph√∂nixpalme, stehen oft waldartig zusammengedr√§ngt. In der Dega, dem gr√∂√üten Teil des Landes, gedeihen bis zu 3900 m noch Gerste, Weizen, Einkorn, der bandwurmvertreibende Kusso (Hagenia abyssinica). Ein baumartiges Hypericum und die baumartige Heide bilden in 3500 m die Baumvegetation mit ihren zahlreichen Flechten. In dieser H√∂he beginnt die Region der merkw√ľrdigen Gibarra (Rhynchopetalum montanum), einer Lobeliazee, die an der Grenze des Schnees pl√∂tzlich die Form der Palmen vor Augen zaubert. Bis hierher gehen auch baumartige Kugeldisteln (Echinops). Reich ist das Land an medizinischen Pflanzen, namentlich an wurmtreibenden (Hagenia, Moussena); eine Celastrus-Art dient gegen Wechselfieber; Ricinus ist h√§ufig. Bambus, Rotang, Sykomoren, der √Ėlbaum, Akazien liefern Nutzholz. ‚Äď Die Tierwelt ist nicht minder reich: Elefanten, Nash√∂rner, Nilpferde, B√ľffel und wilde Schweine bev√∂lkern Woina Dega und Kolla, Giraffen die sandigen s√ľd√∂stlichen Gegenden, Antilopen in verschiedenen Arten Gebirge und Ebenen. L√∂wen schweifen in der Samhara und steigen im Hochland bis zu 1300 m empor, Leoparden hausen in der Dega wie in der Kolla, der Gepard nur in der letztern. Hy√§nen sind stellenweise eine wahre Landplage; neben ihnen finden sich wilde Hundearten, Ichneumons, Stinkmarder, Honigdachse, Erdw√∂lfe, Ratten und M√§use. Von Affen gibt es mehrere Arten, darunter der schwarz und wei√ü gef√§rbte Guereza, der im Hochgebirge weilende Tscheladapavian, der Silberpavian oder Hamadryas. In gro√üer Menge sind V√∂gel vorhanden, besonders Geier, Adler und Falken, Guinea- und Rebh√ľhner, Nashornv√∂gel und Strau√üe, letztere in den hei√üen, sandigen Landstrichen. Das Nilkrokodil lebt im Takaseh, Tanasee, Hawasch u.a., Riesenschlangen in den Felsgegenden, Giftschlangen sind seltener, Eidechsen und Schildkr√∂ten dagegen h√§ufig. Im Atbara kommt ein Wels vor, der Hausenblase liefert. Von Insekten treten Heuschrecken und Termiten oft als Landplage auf, eine Fliege (Tsaltsalya) ist in der Regenperiode dem Vieh t√∂dlich. ‚Äď Von Mineralien gewinnt man Gold vereinzelt aus kleinern Lagerst√§tten, Eisen in Schoa und Tigr√©, meist Brauneisenstein, Steinkohlen im s√ľdlichen Schoa, Braunkohlen zwischen Dembea und Tschelga, bei Ankober und aus einem 20 m m√§chtigen Fl√∂z bei Debrelibanus, Steinsalz auf der Hochebene Taltal bei Agame, Ton bei Gafat.

[Bev√∂lkerung.] Als Ureinwohner des abessinischen Alpenlandes sind die Agau (s. d.) anzusehen, die noch heute den Grundstock der ganzen dortigen Bev√∂lkerung bilden. Unverf√§lscht wohnen sie noch in der Provinz Agameder und in der eigentlichen Provinz Agau. Ihnen nahe stehen die Falascha (s. d.) und die heidnischen Gamant. √úber das Rote Meer drangen s√ľdsemitische St√§mme, die Geezv√∂lker, in das Hochland vor, die sich mit den Agau vermischten und die Herrschaft √ľber sie gewannen. Als dritter Typus erscheinen die Gallav√∂lker mit negerhaften Z√ľgen, die von S. her in das Land brachen. Aus dieser Vermischung ging die Bev√∂lkerung Abessiniens hervor, die sich in mehrere St√§mme gliedert. Die m√§chtigen Amhara haben nicht nur die gleichnamige Provinz, sondern auch Schoa im Besitz und wohnen zerstreut in den √ľbrigen Landesteilen. Die Tigr√©, mit etwas sch√§rfern Z√ľgen als die vorigen, wohnen in der gleichnamigen Provinz. Sie sind mehr mit semitischen Volkselementen gemischt als die Amhara. In der Samhara ziehen nomadisierend die Schoho umher, die Steppen zwischen dem obern Setit und obern Mareb bewohnen die Homran. Von gro√üer Bedeutung sind die Galla geworden, welche die Zerr√ľttung des altabessinischen Reiches benutzt haben, um sich wie ein Keil zwischen Schoa und Amhara und als Wollo-Galla sogar ins n√∂rdliche Hochland einzuschieben.

Als ausgestorbene, nur noch in den religi√∂sen B√ľchern lebende Ursprache der Abessinier gilt die √§thiopische oder das Ge'es, die Sprache des alten axumitischen Reiches, die zur Zeit der Einf√ľhrung des Christentums im Lande gesprochen wurde. An seine Stelle traten schon im Mittelalter Sprachen, die noch heute geredet werden: das Amharische, die Sprache urspr√ľnglicher Hamiten, die indes eine semitische Sprache angenommen haben, in den s√ľdlich und westlich vom Takaseh gelegenen Landschaften, als Verkehrssprache auch weit √ľber die Grenzen Abessiniens hinaus, das Tigr√© und Tigri√Īa, Dialekte urspr√ľnglicher Semiten, in den nord√∂stlich davon gelegenen Gegenden gesprochen, und zwar das Tigri√Īa (oder Tigrai) im eigentlichen Tigr√©, das Tigr√© jedoch n√∂rdlich davon; man sollte beide also passender als Nord- und S√ľd-Tigr√© unterscheiden. Das Amharische, das zur Regierungssprache erhoben wurde, ist die verbreitetste aller semitischen Sprachen nach dem Arabischen. Die Sprachen von Gurage und Harar im S. sind Schwestersprachen des Amharischen.

Die Abessinier (s. Tafel ¬ĽAfrikanische V√∂lker II¬ę, Fig. 4 u. 5) sind von mittlerer Gr√∂√üe, die M√§nner 1,56‚Äď1,60 m, die Frauen 1,45‚Äď1,48 m, gelbbraun oder dunkelbraun mit einem Stich ins R√∂tliche, meist dolichokephal, die Nase ist gerade oder gebogen mit stumpfer Spitze, der Mund etwas vorstehend, die Lippen oft wulstig, das Kinn etwas spitzig. Der K√∂rperbau ist wohlgebildet; in der Samhara und der Kolla oft hager. Die gro√üen, intelligenten Augen werden vor dem grellen Sonnenlicht gern geschlossen, was den Gesichtern einen lauernden Ausdruck verleiht. Alt√§gyptische Profile sind h√§ufig. Das schwarze, nicht grobe Haar ist gekr√§uselt und wird in mannigfachen Frisuren getragen. Das Familienleben der Abessinier weist wenig anmutende Z√ľge auf. Vielweiberei ist nur bei reichen Leuten √ľblich. Die meist ohne Trauungszeremonie geschlossene Ehe ist ohne Schwierigkeit wieder l√∂sbar. Eheliche Treue ist √§u√üerst selten. Die Taufe wird in der Kirche vollzogen, Kinder beiderlei Geschlechts werden beschnitten. Der Abessinier ist arbeitsscheu und z√ľgellos. Gastfreundschaft, Achtung der Frau, Anh√§nglichkeit der Kinder an die Eltern, eine patriarchalische Behandlung der Dienenden sind die einzigen Tugenden dieses Volkes. Die geistige Kultur steht auf sehr niedriger Stufe. Die alte Literatur √Ąthiopiens (s. √Ąthiopische Sprache) ist l√§ngst verfallen; Lesen und Schreiben in amharischer Sprache ist ein Privilegium der h√∂hern Klassen, namentlich der Geistlichkeit, geworden. Durch die Bem√ľhungen deutscher Missionare sind in London mehrere B√ľcher, darunter eine Bibel, in amharischer Sprache gedruckt worden. Unter den K√ľnsten wird nur eine Art roher Malerei ge√ľbt, die Musik erhebt sich wenig √ľber die der Neger. Die Kleidung besteht aus der Schama, einer wei√üen, baumwollenen Toga, unter der die M√§nner bis √ľber die Kniee reichende enge Beinkleider und eine Leibbinde tragen. Krieger h√§ngen noch Felle von Schafen und Ziegen √ľber die eine Schulter, die Anf√ľhrer solche von L√∂wen oder Leoparden; sie tragen dazu reichen Silberschmuck, vor allem eine Stirnspange, Akodama. Die abessinischen Christen tragen als religi√∂ses Abzeichen um den Hals das Mateb, eine dunkel blauseidene Schnur. Kopf und F√ľ√üe werden nicht bedeckt, nur die Mohammedaner tragen Sandalen. Die Geistlichen scheren den Kopf glatt und schlingen um diesen einen Turban von wei√üer, roter oder gelber Farbe. Sonnenschirme sind selbst bei M√§nnern allgemein im Gebrauch. Die Frauen lassen um Schl√§fe und Nacken Flechten herabh√§ngen. Die Schoanerinnen t√ľrmen auf ihrem Kopfe bienenkorb√§hnliche, mit Butter eingesalbte Haarbauten auf oder scheren den Kopf ganz. Die Weiber der Amhara und Tigrener tragen ein langes Hemd, das durch einen G√ľrtel zusammengehalten wird, eine Schama, in Schoa ein √ľber den Kopf geworfenes, bis zu den Hacken herabh√§ngendes Tuch und allerlei Schmuck am Hals, an den Ohren, Handgelenken und Fu√ükn√∂cheln. Die Augenbrauen werden ausgerissen und an ihrer Stelle aus blauer Farbe gro√üe Bogen gemalt, die Augenlider geschw√§rzt, Wangen, H√§nde und F√ľ√üe rot gemalt. Infolge ihrer gro√üen Unreinlichkeit und des Einfettens ihrer Haare und K√∂rper verbreiten die Abessinier einen ranzigen Geruch. Die Waffen bestehen in Lanzen, sichelf√∂rmigen S√§beln und langen, krummen Messern, runden, mit Metallbuckeln beschlagenen Lederschilden, m√§chtigen Luntengewehren, die in neuerer Zeit durch Remingtongewehre verdr√§ngt werden. Das grobe, schlechte Schie√üpulver bereiten die Abessinier selber. Die H√§user sind bald roh aus Steinen ausgef√ľhrte Geb√§ude, bald Lehm- und Grash√ľtten, auch die Wohnungen der F√ľrsten sind nicht viel besser, dabei ist der Hausrat recht primitiv. Hauptnahrung ist Fleisch, meist durch eine sehr scharfe Br√ľhe gew√ľrzt, dazu wird Brot, teils unges√§uert, teils ges√§uert, gegessen. Als Getr√§nk dient Bier aus Sorghum oder Dagosa, vor allem aber Detsch, zum G√§ren gebrachtes Honigwasser, das in Schoa allein vom K√∂nig bereitet werden darf.

Der Ackerbau ist in der Samhara nur in sehr beschr√§nktem Ma√üe m√∂glich, die √∂stlichen Kollas sind wegen sp√§rlicher Bev√∂lkerung nur fleckweise bebaut, das Hauptackerland befindet sich in der Woina Dega, das in der Dega in aufsteigender Richtung wieder ab nimmt (s. oben). Pflug, Sichel und andre Ger√§te sind h√∂chst primitiv. Das mit St√∂cken ausgedroschene oder ausgetretene Korn wird in Erdgruben, bis 5 m hohen K√∂rben und Lehmt√∂pfen aufbewahrt und bei jedesmaligem Bedarf zwischen zwei Steinen zerrieben. Viehzucht bildet eine Lieblingsbesch√§ftigung der Abessinier. Rindvieh, worunter eine Spielart, das Sangarind, durch kolossale H√∂rner ausgezeichnet ist, ern√§hren die wiesenreichen Striche des Hochlandes in gro√üer Menge; Kamele kommen am besten in der Kolla und Woina Dega fort. Schafe, zum Teil mit Fettstei√üen, auch behaarte, werden besonders in der Provinz Begemeder, kleine ausdauernde Pferde, Esel, Maultiere und Maulesel auf den Hochebenen Nordabessiniens und in den Gallaebenen gez√ľchtet; sehr verbreitet ist die Bienenzucht. In technischen Dingen zeigt der Abessinier viel Geschick. Die als Hexenmeister gef√ľrchteten Eisenarbeiter stellen Lanzenspitzen, S√§bel klingen, Pferdegebisse, Steigb√ľgel, Pflugschare u.a. her; die Goldarbeiter sind eingewanderte Inder, Armenier und nubische Djaalin. Die Frauen fertigen Flechtwerk, spinnen und weben Baumwolle. Die Drechsler erzeugen sch√∂ne Arbeiten aus Horn (s. Tafel ¬ĽAfrikanische Kultur III¬ę, Fig. 15); die Gerber sind fast ebenso √ľbel berufen wie die Eisenarbeiter. Der Handel geht √ľber Zeila und Dschibuti. An der Einfuhr (14 Mill. Frank) nehmen in erster Linie teil Baumwollenstoffe mit 7,5 Mill. Fr., Waffen mi 13,1 Mill. und Glaswaren und Perlen mit je 1 Mill. Fr., w√§hrend die Ausfuhr (7 Mill. Fr.) namentlich Kaffee, Elfenbein, Gold, Wachs und Felle umfa√üt. Die Verkehrswege, vor allem die Handelsstra√üen von Zeila, Bulhar und Berbera nach Harar und Schoa, sind verbessert, ferner ist der Bau einer Eisenbahn von Dschibuti nach Harar in Angriff genommen und Ende 1900 sind die ersten 140 km dem Verkehr √ľbergeben worden. Eine Telegraphen- und Telephonlinie verbindet Harar mit Addis Abeba; weitere Linien nach Massaua und Chartum sind geplant. Ein achtt√§glicher Postdienst ist zwischen Addis Abeba und Harar, Dschibuti und Zeila eingerichtet. Als Landesm√ľnze dient der B√∂r (Ber, Mariatheresientaler), gleich 20 √§gypt. Silberpiaster (G√∂sch), auch der altspanische Piaster mit Zerschneidung in H√§lften, ferner das Metikal Gold (die Zechine). Daneben gelten als Zahlungsmittel ungem√ľnztes Gold nach Gewicht (dem Wakih von 25,92 g), Patronen, Salzstangen (Amolen, Amulies), die aus Salzlagern des Assalsees gewonnen werden, Streifen aus Baumwollenzeug (1 Gabi zu 4 Gerbab oder dem Bedarf f√ľr vier einfache Kleider = 20 Ellen von 1/2 engl. Yard), blauseidene Halsschn√ľre (Mateb) und Glasperlen (1 Harf zu 40 Kebir = 120 Borjocke). Das Ma√üwesen ist noch unentwickelt.

Das Volk zerf√§llt in Adlige und Gemeine. Auf der h√∂chsten Stufe stehen die Mekunen, zu denen der K√∂nig, die Statthalter, die Kirchenf√ľrsten, die hohen Offiziere und Beamten geh√∂ren. Dem geringern Adel, Mosseso, geh√∂ren die andern Offiziere und Beamten an. Die Gemeinen werden von den Kaufleuten, Handwerkern, Ackerbauern, J√§gern und Fischern vertreten. Die Gliederung der Beamtenhierarchie ist in A. sehr streng und folgerecht durchgef√ľhrt. Gegenw√§rtiger Herrscher (Negus) ist Menelik, bis 1889 K√∂nig von Schoa. Eingeteilt ist das Reich in sieben Provinzen: Begemder und Gondar, Edschu, Wollo, Arussi, Kassa, Godscham, Dschimma; die f√ľnf ersten stehen unter einem Ras, die zwei letzten unter einem Negus. Hauptstadt ist Addis Alam (s. d.). Das Recht wurde in A. von alters her nach dem Fata Negest (¬ĽRichtschnur der K√∂nige¬ę) gesprochen. Zw√∂lf Richter sind dem Negus zugleich als Staatsrat beigeordnet. Die Strafen sind von barbarischer Strenge. Auch herrscht noch der alte Brauch der Blutrache.

Die herrschende Religion ist das jakobitische, monophysitische Christentum, das aber au√üerordentlich stark mit heidnischen, j√ľdischen und mohammedanischen Anschauungen und Festsetzungen durchflochten ist. An der Spitze stehen die Abuna von Amhara, Schoa und Godscham, deren erstere beide den Titel eines Metropoliten f√ľhren. Die obersten Kirchenbeamten m√ľssen ehelos sein. Gro√üen Einflu√ü besitzt der Etschege, der Beichtvater des K√∂nigs, der das M√∂nchs- und Klosterwesen leitet und fast alle Kircheng√ľter zu eigen hat. Die Zahl der niedern Geistlichen, der M√∂nche und Nonnen ist gewaltig. Die niedere Geistlichkeit darf heiraten, aber nur einmal. Von Kirchen gibt es eine au√üerordentlich gro√üe Zahl. Eine Menge derselben ist in Felsen eingegraben; die vornehmste ist die Metropolitankirche zu Axum. Kirchliche Feste sind der Neujahrstag, der 10. Sept., das Maskalfest am 26. Sept., Weihnachten, das Fest der Taufe Christi und das Osterfest. Das Jahr 1902 unsrer Zeitrechnung ist das 7394. der abessinischen. Jedes Jahr zerf√§llt in 12 Monate von 30 Tagen und einen Schaltmonat. Die katholischen sowie die protestantischen (Chrischona) Missionare, die eine Neubelebung des zu leerem Zeremoniell herabgesunkenen Christentums versuchten, wurden 1885 ausgewiesen, dagegen hat die schwedische Mission von Massaua aus Stationen in M'Kullo und bei Arkiko angelegt, und in Harar, Bubassa und Gera arbeiten franz√∂sische katholische Missionare. Neben den Christen wohnen zahlreiche Mohammedaner; einzelne Landschaften sind fast ausschlie√ülich von ihnen besetzt.

Das Lehnswesen bedingt eine regelm√§√üige milit√§rische Dienstleistung. Das aktive Heer ist 150,000 Mann stark und besteht aus Infanterie, Kavallerie, Artillerie (6 Batterien und Gebirgsartillerie), Verpflegungstruppen und Munitionspark, daneben gibt es irregul√§re Heerhaufen zu 50 und 100 Mann. Diplomatisch vertreten sind Frankreich, England und Italien; die T√ľrkei hat einen Konsularagenten. ‚Äď Einen Orden vom Siegel Salomonis mit zwei Klassen stiftete 1874 K√∂nig Johannes (s. Tafel ¬ĽOrden III¬ę, Fig. 8). ‚Äď Das Wappen ist ein infulierter L√∂we, der in der rechten Pranke ein in ein Kreuz ausgehendes Zepter h√§lt.

Geschichte.

Abessinien, dessen √§lteste Bewohner der hamitischen Rasse (mit einem Einschlag von Negerblut) angeh√∂rten, erhielt seine Kultur von √Ągypten aus. Unter den libyschen Bubastiten war das √§gyptische K√∂nigreich in Verfall geraten; um 840 v. Chr. gelangte Theben in √§thiopischen Besitz, und um 770 f√ľhrte der √§thiopische K√∂nig Pi Ņanchi sein Heer sogar nach Unter√§gypten. Die 25. Dynastie (um 700 v. Chr.) erkennt selbst der Katalog Manethons als √§thiopisch an; doch war sie nicht von langer Dauer: 668 verlie√üen die durch assyrische Angriffe geschw√§chten Nubier Theben. Nunmehr begann das bis dahin von der h√∂herstehenden √§gyptischen Kultur stark beeinflu√üte √Ąthiopien (Napata-Reich) sich mehr mit dem barbarischen S√ľden und Osten zu besch√§ftigen; der √§gyptische Einflu√ü verst√§rkte sich wieder, als ein Teil der Kriegerkaste zur Zeit Psammetichs I. um 650 v. Chr. nach Nubien auswanderte. Im 3. Jahrh. v. Chr. gr√ľndeten griechische Kolonisten an der K√ľste den Handelsplatz Adulis (jetzt Ruinen von Zula). In fr√ľher Zeit wanderten Araber aus S√ľdarabien ein, das im 1. vorchristlichen Jahrtausend sogar die Herrschaft √ľber A. erlangte, hier Semitentum einpflanzte und Sab√§isch zur Schriftsprache machte, aber vom 2.‚Äď6. nachchristlichen Jahrh. durch abessinische K√∂nige beherrscht wurde. Die Handelsz√ľge der hellenistischen Ptolem√§er und R√∂mer drangen tief ins Land ein. Um 330 n. Chr. fand das Christentum von Alexandria her Eingang und bewirkte einen noch engern Verkehr mit griechischer Bildung. Und selbst als die rohen Blemmyer im Gebirgsland √∂stlich vom nubischen Nil ihre Raubz√ľge begannen und den Weg durchs Niltal zeitweise v√∂llig sperrten, gelangten Keime der griechisch-r√∂mischen Zivilisation s√ľdlich nach Mero√ę, so da√ü der √∂stliche Sud√Ęn nicht ganz in Barbarei versank. Zu Neros Zeiten scheint Mero√ę in Tr√ľmmern gelegen zu haben; daf√ľr erhoben sich zwei Teilreiche: das nubische Napata von neuem und das s√ľd√∂stlich gelegene Axum (s. d.), das seinen Mittelpunkt unter den kr√§ftigen abessinischen Bergv√∂lkern s√ľdwestlich von Adua fand. Die Bl√ľte der dadurch erzeugten Mischkultur f√§llt in das 4.‚Äď7. Jahrh. Um 900 kamen aus Arabien ein gewanderte Bekenner des j√ľdischen Glaubens, bis 1262, auf den Thron. Portugiesische Missionare (Alvarez, Bermudez, Paez, Mendez) wirkten nach der Wiederherstellung der christlichen Herrschaft im Land, und 1541 ward die Gefahr, dem von den T√ľrken unterst√ľtzten Mohammed Ahmed Granj von Harar zu erliegen, nur durch Portugiesen unter Christoph da Gama abgewendet, nachdem sich seit 1537 in die ver√∂deten Landstriche zwischen Schoa und Nordabessinien Hirtenst√§mme der Galla ergossen hatten. Leider trachteten die r√∂misch-katholischen Priester, insbes. die Jesuiten, fortan nach unbedingter Herrschaft; Alfons Mendez wurde vom Papst als Patriarch nach A. geschickt und baute mehrere Kl√∂ster. Aber schon 1634 wurden die R√∂mischen vertrieben, und die monophysitische Lehre gelangte durch koptische Geistliche wieder zur Herrschaft; der seit 1880 amtierende Oberbischof von A. (Abuna) hei√üt Matth√§os.

Im 18. Jahrh. wurde der K√∂nig (¬ĽNegus¬ę) immer machtloser. Anfang des 19. wurde der Schattenk√∂nig Saglu Denghel zu Gondar durch den Ras Ali von Amhara wie ein Gefangener gehalten, w√§hrend Saba gades 1823‚Äď31 unabh√§ngiger Gebieter von Tigr√© und den √∂stlich vom Takaseh liegenden Gegenden war. Nach der von Ras Mario 1831 gewonnenen Schlacht herrschte Ubi√© in Tigr√©, in Schoa dagegen Sahela Selassi√©. Aber 1853 st√ľrzte Kasai (s. Theodor), angeblich der Sohn eines Statthalters von Quara, seinen Schwiegervater Ras Ali und ward Herr von Amhara (westlich vom Takaseh bis zum Blauen Nil). Religi√∂se Verh√§ltnisse halfen ihm weiter. Als sich Kasai der koptischen Geistlichkeit sicher wu√üte, zog er gegen Ubi√© von Tigr√©, und dieser unterlag 1854 bei Debraski. Kasai nahm im Februar 1855 den Titel Theodorus (II.), Kaiser (Negus Negesti, ¬ĽK√∂nig der K√∂nige¬ę) von √Ąthiopien, an. Auch Sahela Selassi√©s Nachfolger, K√∂nig Haila Malakot von Schoa, verlor seine Krone 1856. Nun bildeten Tigr√©, Amhara und Schoa Ein Reich. Nachdem er die Emp√∂rung Negusi√©s von Tigr√© 1861 unterdr√ľckt hatte, begann Theodoros durchgreifende Reformen des Staates und der Kirche; durch Einf√ľhrung der Monogamie wurde die Sittlichkeit gehoben. Theodoros zog die G√ľter der Kirche ein, sicherte dagegen der Geistlichkeit ein bestimmtes Einkommen und lie√ü den Kl√∂stern zu ihrem Unterhalt ausreichendes Land. 1864 glaubte sich Theodoros von England schwer verletzt, und englische Missionare und der Konsul Cameron sollten ihm als Geiseln dienen, bis er von England Genugtuung erlangt h√ľtte; 1866 lie√ü er auch den englischen Gesandten Rassam ins Gef√§ngnis werfen. Und obwohl Theodoros 1867 nur noch in seinem Lager bei Debra Tabor √ľber seine Krieger herrschte, blieben die Versuche Englands, die Befreiung der Gefangenen g√ľtlich zu erwirken, fruchtlos. Im Oktober d. J. landeten 12,000 Mann englisch-indische Truppen unter Sir Robert Napier an der Westk√ľste der Annesleybai im Hafen von Zula. Von dem kundigen Munzinger gef√ľhrt, kam das Heer gl√ľcklich ins Innere. Theodoros machte aus Magdala 10. April 1868 einen Ausfall, lieferte die Gefangenen aus, erscho√ü sich aber schon 14. April, als die Engl√§nder zum Sturm schritten. Nun folgten Jahre innerer Zerrissenheit, w√§hrend deren auf Anstiften des zum √§gyptischen Gouverneur von Massaua ernannten Munzinger der Chedive 1872 die n√∂rdlichen Teile Abessiniens (Bogos und Mensa) annektierte. Inzwischen hatte Kasai von Tigr√© den F√ľrsten Gobesi√© von Lasta und Godscham besiegt (14. Juli 1871), A. au√üer Schoa unterworfen und sich 21. Jan. 1872 unter dem Namen Johannes (s. d.) in Axum zum Negus Negesti kr√∂nen lassen. Am 15. Nov. 1875 ward Munzinger bei Aussa get√∂tet; 17. und 18. Nov. fiel bei Gudda Guddi das √§gyptische Heer Arendroops und Arakel Beis gegen Johannes, und 7. M√§rz 1876 wurde auch Hasan, des Chedive Ismail Sohn, mit 20,000 Mann bei Gura vom Kaiser geschlagen. Daraufhin unterwarfen sich auch Menelik von Schoa (1879) und Ras Adal von Godscham (1880). Seit dem Aufstand in √Ągypten 1882 und dem Abfall des Sud√Ęn drohte A. von dieser Seite keine Gefahr mehr. Mit dem englischen Admiral Hewett schlo√ü Johannes 1884 einen Vertrag, der ihm freien Handel √ľber Massaua zusicherte. Als aber die Italiener 1885 Massaua besetzten, nahm Johannes eine feindliche Haltung ein. Sein Feldherr Ras Alula brachte den Italienern 26. Jan. 1887 bei Dogali Verluste bei; aber 9. M√§rz 1889 fiel Kaiser Johannes bei Metemmeh gegen die Mahdisten.

Sein Neffe Mangascha wurde von Menelik (II.) verdr√§ngt, der mit den Italienern, die inzwischen Keren und Asmara besetzt hatten, 2. Mai 1889 das B√ľndnis von Utschalli schlo√ü; das von den Italienern besetzte Gebiet wurde als Kolonie Eritrea anerkannt. Doch schon im Fr√ľhjahr 1893 wollte sich Menelik von der italienischen Vormundschaft losmachen. Dieses Verlangen wurde von Italien nicht weiter beachtet. Der Befehlshaber der italienischen Truppen in Eritrea, General Baratieri, schlug 20. Dez. 1893 die Mahdisten bei Agordat zur√ľck, eroberte 17. Juli 1894 Kassala, r√ľckte Anfang Januar 1895 gegen Coatit vor, eroberte Mangaschas Lager 16. Jan. bei Senafe, besetzte Adigrat und 1. April Adua in Tigr√©. Als die Italiener im Oktober die Operationen wieder aufnahmen, r√§umte Mangascha ganz Tigr√© und bat um Frieden. Aber 7. Dez. 1895 wurde General Arimondis Vorhut unter Major Toselli bei Amba Aladschi √ľberw√§ltigt, Major Galliano in Makalle eingeschlossen und 20. Jan. zur √úbergabe gezwungen. Mit 26,000 Mann griff Baratieri 1. M√§rz 1896 die Stellung Meneliks bei Adua (s. d.) an, erlitt aber eine entscheidende Niederlage. Adigrat wurde von den Abessiniern umzingelt, Eritrea aber nicht angegriffen; auch Kassala wurde behauptet. Der neue Oberbefehlshaber, General Baldissera, entsetzte Anfang Mai 1896 Adigrat, und 26. Okt. d. J. schlo√ü Italien mit dem Menelik den Frieden von Addis-Abeb√°, worin es auf die Schutzherrschaft √ľber A. verzichtete, der Negus aber gegen Ersatz der Verpflegungskosten die (2000) Gefangenen auszuliefern sich verpflichtete. Als Grenze zwischen A. und Eritrea wurden die Fl√ľsse Mareb, Belesa und Muna festgesetzt. Au√üer Ru√üland schickten 1897 und sp√§ter auch Frankreich, das sich namentlich f√ľr den Bau einer Eisenbahn Dschibuti-Harar (-Addis-Abeb√°) interessiert, und England, dem seit 1901, im Zusammenhange mit der Regelung der Nil√ľberschwemmung, die Anstauung des Tsanasees am Herzen liegt, besondere Gesandtschaften nach A. Menelik setzte seine Eroberungen im S√ľden fort, unterwarf 1898 den Ras Mangascha, gab Tigr√© an den zuverl√§ssigern Ras Makonnen, sp√§ter an Ras Oli√©, den Bruder der Kaiserin, und brachte Abessiniens Macht auf eine nie gekannte H√∂he.

[Entdeckungsgeschichte, Literatur.] Den ersten Nachweis √ľber A. (im Mittelalter Abascia genannt) bringt das Weltbild des Fra Mauro im Dogenpalast zu Venedig. Eine wissenschaftliche Darstellung des Landes gab auf Grund abessinischer Quellen zuerst 1681 Job Ludolfs ¬ĽHistoria Aethiopica¬ę. 1698 bis 1700 durchzog der Franzose Poncet das Land, dessen Bericht im 5. Band der ¬ĽLettres √©difiantes¬ę (Par. 1830) abgedruckt ist. 1728 erschien die ¬ĽVoyage historique¬ę von Lobo (Par.). Die angezweifelte Reisebeschreibung von Bruce, ¬ĽTravels in Abyssinia¬ę (Edinb. 1790; deutsch, Leipz. 1792), wurde durch Lord Valentias (¬ĽVoyage to Abyssinia¬ę, Lond. 1814) v√∂llig best√§tigt. Die politische Mission des Kapit√§ns Harris 1841, an der die Deutschen Roth und Bernatz teilnahmen, er√∂ffnete die Kenntnis Schoas (¬ĽThe highlands of Aethiopia¬ę. Lond. 1844; deutsch, Stuttg. 1847, 3 Bde.); Hemprich und Ehrenberg hatten schon 1825 das K√ľstengebiet bei Massaua durchforscht, wobei Hemprich dem Fieber er lag. Von au√üerordentlicher Bedeutung war die Reise von R√ľppell (¬ĽReisen in A.¬ę, Frankf. 1838‚Äď40, 2 Bde.). Die Kenntnis des Landes wurde weiter gef√∂rdert durch den seit 1837 dort angesiedelten Botaniker W. Schimper sowie durch die Missionare, wie Isenberg und Krapf (¬ĽJournals detailing their proceedings in the kingdom of Shoa¬ę, Lond. 1843) und Krapf (¬ĽReisen in Ostafrika¬ę, Kornthal 1858; engl., Lond. 1860). Die Resultate einer deutschen Expedition unter v. Heuglin und Steudner finden sich in Heuglins ¬ĽReise nach A.¬ę (Jena 1868). Die Zoologie behandeln: A. Brehm, Ergebnisse einer Reise nach Habesch (Hamb. 1863) u. Blandford, Ob servations on the geology and zoology of Abyssinio (Lond. 1870). Vgl. ferner die Reisewerke von Combes u. Tamisier (Par. 1835‚Äď37, 4 Bde.), Lefebvre (das. 1845‚Äď48, 6 Bde.), Ferret u. Galinier (das. 184748. 2 Bde.); Sapeto, Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, Bogos, e gli Habab (Rom 1857); Munzinger, Ostafrikanische Studien (Schaffh. 1864); A. d'Abbadie, Douze aus dans la Haute-√Čthiopie (Par. 1868); Rohlfs, Meine Mission nach A. (das. 1883); die Reiseberichte von Plowden (Lond. 1868), Girard (Kairo 1873), Lejean (Par. 1873), Raffray (das. 1876), Matteucci (Mail. 1880), Vigoni (das. 1880), Winstanley (Lond. 1881, 2 Bde.), Cecchi (s. d.), Smith (Lond. 1890), Massaja (s. d.); die einschl√§gigen Werke von Paulitschke (s. d.); Sapeto, Etiopia (Rom 1890); Borelli, √Čthiopie m√©ridionale (Par. 1890); M√ľnzenberger, A. und seine Bedeutung f√ľr unsre Zeit (Freib. i. Br. 1892); Nicoletti-Altimari, Fra gli Abissini (Rom 1897); Vign√©ras, Une mission fran√ßaiseen Abyssinie (Par. 1897); P. de Lauribar, Douze ausen Abyssinie (das. 1898); Wylde, Modern Abyssinia (Lond. 1901); H. Vivian, Abyssinia (das. 1901); De Churand, Carta dimostrativa della Etiopia, 1: 1,000,000 (Rom 1894, 6 Blatt).

Zur Geschichte vgl. noch: Costi, Storia d'Etiopia (Mail. 1890); Glaser, Die Abessinier in Arabien und in Afrika (M√ľnch. 1897); Krapf, The present literature of Abessinia (Anhang zur engl. Ausgabe seiner oben angef√ľhrten Reise); Schurtz im 3. Bande von Helmolts ¬ĽWeltgeschichte¬ę (Leipz. 1901). √úber den englisch-abessin. Feldzug vgl. Markham, A history of the Abyssinian expedition (Lond. 1869); die Werke von Acton (das. 1868), Rassam (das. 1869, 2 Bde.); Holland und Hozier, Record of the expedition to Abyssinia (amtlicher Bericht, das. 1871); Rohlfs, Im Auftrag des K√∂nigs von Preu√üen in A. (Brem. 1869); Carter, Report on the survey operations, Abyssinia (Lond. 1869); die Berichte der Missionare: Blanc, A narrative of captivity in Abyssinia (das. 1868), Stern, The captive missionary (das. 1869), Flad, Zw√∂lf Jahre in A. (Basel 1869), Waldmeier, Erlebnisse in A. (das. 1869). √úber den italienisch-abessin. Feldzug: Luzeux, √Čtudes critiques f√ľr la guerre entre l'Italie et l'Abyssinie (Par. 1896); Milani, Le armi italiane in Abissinia (Mail. 1896); v. Bruchhausen im 1. Beiheft zum ¬ĽMilit√§r-Wochenblatt¬ę, 1897; Gamerra, Ricordi di un prigioniero di guerra nella Scioia (Mail. 1897; deutsch, Berl. 1897); Ed. Ximenes, Sul campo di Adua (Turin 1897); Baratieri, Memorie d'Africa (das. 1897; franz., Par. 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905‚Äď1909.

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