Schwerin [3]

Schwerin, eins der ältesten Geschlechter Pommerns, das, auch nach Mecklenburg, der Mark, Polen, Schweden und Kurland verbreitet, im 17. Jahrh. bis zu 24 Linien zählte. Der noch gegenwärtig blühende gräfliche Zweig zerfällt in die Äste Walsleben und Wildenhoff, vertreten durch Otto, Graf von S., geb. 19. Febr. 1855, Wolfshagen, vertreten durch Otto Wilhelm Ludwig, Graf von S., geb. 26. Aug. 1822, Schwerinsburg, vertreten durch Christoph, Graf von S., geb. 18. März 1868, und Wendisch-Wülmersdorf, vertreten durch Friedrich, Graf von S., geb. 16. Mai 1856. Vgl. Gollmert und Grafen W. und L. Schwerin, Geschichte des Geschlechts von S. (Berl. 1878, 3 Bde.); Schwebel, Die Herren und Grafen von S. (das. 1884). Bemerkenswert sind:

1) Otto von, geb. 18. März 1616 zu Wittstock in Pommern, gest. 14. Nov. 1679, studierte 1634–37 in Greifswald, trat 1638 als Kammerjunker in die Dienste des Kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg, bereiste das Ausland und wurde 1641 Hofkammergerichts- und Lehnsrat, 1645 Wirklicher Geheimer Rat. Als sich Kurfürst Friedrich Wilhelm 1646 mit der Prinzessin Luise Henriette von Oranien vermählte, wurde S. deren Oberhofmeister und später Erzieher ihrer Kinder Karl Emil, Friedrich und Ludwig und bewährte sich als treuer, einsichtiger und einflußreicher Berater. 1648 in den Reichsfreiherrenstand, 1654 zum Erbkämmerer der Kurmark Brandenburg erhoben, ward er 1658 erster Minister und Oberpräsident des Geheimen Rates. Aus seinen reichen Einnahmen erwarb er viele Güter, unter andern die Herrschaft Altlandsberg. – Sein Sohn Otto, geb. 21. April 1645 in Berlin, gest. 8. Mai 1705 in Altlandsberg, war lange Zeit brandenburgischer Gesandter in London (vgl. seine »Briefe aus England«, hrsg. von v. Orlich, Berl. 1837) und Wien und seit 1700 Reichsgraf. Er ist der Stammvater der Linien Walsleben und Wolfshagen (s. oben).

2) Kurt Christoph, Graf von, preuß. Generalfeldmarschall, geb. 26. Okt. 1684 auf Löwitz in Pommern, gest. 6. Mai 1757, trat 1700 in die Dienste der Generalstaaten, kämpfte im Spanischen Erbfolgekrieg und ward 1706 Oberstleutnant im Dienste des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin, in dessen Auftrag er sich 1712–13 bei Karl XII. in Bender aufhielt. Seit 1718 General, trat er 1719 der gegen den Herzog Karl Leopold verhängten Reichsexekution entgegen und ging, in Mecklenburg unmöglich geworden, 1720 in die Dienste des Königs Friedrich Wilhelm I. über. Dieser verwendete ihn zu diplomatischen Sendungen, ernannte ihn 1730 zum Gouverneur der Festung Peitz und 1734 zum Generalleutnant. Von Friedrich II. in den Grafenstand erhoben und zum Generalfeldmarschall ernannt, befehligte er im ersten Schlesischen Krieg eine Abteilung des preußischen Heeres, übernahm bei Mollwitz (10. April 1741) nach der Entfernung des Königs den Oberbefehl und entschied den Sieg. Obwohl verwundet, verfolgte er den Feind. nahm 4. Mai Brieg, bewog 10. Aug. die Stadt Breslau zur Huldigung und wurde Gouverneur der Festungen Brieg und Neiße. Im zweiten Schlesischen Kriege führte er im August 1744 einen Teil der preußischen Armee aus Schlesien nach Böhmen und nahm an der Eroberung Prags bedeutenden Anteil, erhielt 1756 das Kommando des 3. Armeekorps, mit dem er 1757 in Böhmen einfiel, die Österreicher zurückdrängte und sich darauf bei Prag mit dem König vereinigte. Als in der Schlacht bei Prag 6. Mai die Infanterie des linken Flügels zurückwich, wollte er sein Regiment wieder gegen den Feind führen, sank aber nach wenig Schritten, von fünf Kartätschenkugeln getroffen, tot nieder. Ein Denkmal an der Kauřimer Straße bei Štěrbohol bezeichnet den Platz, wo er fiel. Friedrich II. ließ ihm eine Statue auf dem Wilhelmsplatz in Berlin errichten, und 1889 erhielt das 3. pommersche Infanterieregiment Nr. 14 seinen Namen. S. ist einer der populärsten Helden der Schlesischen Kriege. Er schrieb ein Werk über Kriegskunst und verfaßte mehrere religiöse Lieder. Vgl. Varnhagen v. Ense, Biographische Denkmale, Bd. 6 (3. Aufl., Leipz. 1873).

3) Maximilian, Graf von S.-Putzar (von der Linie Schwerinsburg), preuß. Staatsmann, geb. 30. Dez. 1804 in Boldekow bei Anklam, gest. 3. Mai 1872, studierte die Rechte, trat in den Staatsdienst, ward 1833 Landrat in Anklam und 1842 Direktor des vorpommerschen Landschaftsdepartements. Infolge seiner Teilnahme am Gustav Adolf-Verein vom König 1846 in die Generalsynode berufen, bekämpfte S. mit Auerswald die starre Orthodoxie, nahm an dem Vereinigten Landtag als Vertreter der Ritterschaft des Anklamer Kreises teil und schloß sich der freisinnigen Partei an. 1848 im Ministerium Camphausen 19. März mit dem Portefeuille des Kultus betraut, trat er schon 13. Juni d. J. mit den übrigen Ministern zurück. Als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung hielt er zur erbkaiserlichen Partei und trat mit dieser im Mai 1849 aus. Von da an ununterbrochen Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und während der beiden Legislaturperioden von 1849 bis 1852 und 1852–54 Präsident der Versammlung, trat er im Juli 1859 an Flottwells (s. d.) Stelle in das Ministerium der »neuen Ära«, nahm 17. März 1862 mit den liberalen Mitgliedern des Kabinetts seine Entlassung und zog wiederum in das Abgeordnetenhaus ein, wo er in dem Verfassungskonflikt an der Spitze der Altliberalen energisch die konstitutionellen Rechte verteidigte. 1866 schloß er sich den Nationalliberalen an und war auch Mitglied des norddeutschen und des deutschen Reichstags (s. Schwerinstag) sowie in den letzten Jahren Stadtrat von Berlin. – Sein und seiner Gattin Hildegard, einer Tochter Schleiermachers, einziger überlebender Sohn (ein andrer fiel 1870 bei Gravelotte), Heinrich, geb. 18. März 1836, gest. 2. Aug. 1888 in Berlin als Generallandschaftsdirektor in Pommern, mit einer Tochter des Kultusministers v. Mühler verheiratet, gehörte seit 1879 als streng Konservativer dem Abgeordnetenhaus an.


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