Strauß [1]


Strauß [1]

Strauß (Struthio L.), Gattung der Straußvögel (Ratitae) aus der Familie der Strauße (Struthionidae). Der gemeine S. (S. camelus L., s. Taf. »Straußvögel I«, Fig. 1) ist 2,5 m hoch, 2 m lang, 75 kg schwer, mit sehr kräftigem Körper, langem, fast nacktem Hals, kleinem, plattem Kopf, mittellangem, stumpfem, vorn abgerundetem, an der Spitze plattem, mit einem Hornnagel bedecktem, geradem Schnabel, großen, glänzenden Augen, deren oberes Lid bewimpert ist, unbedeckten Ohren, hohen, starken, nur an den Schenkeln mit einigen Borsten besetzten Beinen, groß geschuppten Läufen und zwei Zehen, ziemlich großen, zum Fliegen aber untauglichen, mit doppelten Sporen versehenen Flügeln, die anstatt der Schwingen schlaffe, weiche, hängende Federn enthalten, kurzem, aus ähnlichen Federn bestehendem Schwanz, mäßig dichtem, ebenfalls aus schlaffen, gekräuselten Federn gebildetem Gefieder und an der Mitte der Brust mit einer unbefiederten, hornigen Schwiele. Beim Männchen sind alle kleinen Federn des Rumpfes schwarz, die langen Flügel- und Schwanzfedern blendend weiß, der Hals hochrot, die Schenkel fleischfarben; beim Weibchen ist das Kleingefieder braungrau, nur auf den Flügeln und in der Schwanzgegend schwärzlich, Schwingen und Steuerfedern sind unrein weiß. Der S. bewohnt die Steppen und Wüsten Afrikas und Westasiens vom Süden Algeriens bis tief ins Kapland hinein, auch in den Steppen zwischen Nil und Rotem Meer, in den Wüsten des Euphratgebietes, in Arabien und Südpersien, überall nur, soweit ein wenn auch spärlicher Pflanzenwuchs den Boden bedeckt und Wasser vorhanden ist. Er lebt in Familien, die aus einem Hahn und 2–4 Hennen bestehen, macht auch, wo das Klima dazu zwingt, Wanderungen und rottet sich dann zu Herden zusammen. Er überholt im Laufe, bei dem er 3 m lange Sprünge macht, ein Rennpferd und breitet dabei seine Flügel aus. Sein Gesicht ist außerordentlich scharf, und auch Gehör und Geruch sind ziemlich sein. Dagegen ist er sehr dumm und flieht vor jeder ungewohnten Erscheinung. Er nährt sich von Gras und Kraut, Körnern, Kerbtieren und kleinen Wirbeltieren und besitzt ein sehr starkes Vecdauungsvermögen. Er verschlingt auch Steine, Scherben etc. und trinkt sehr viel Wasser. Der S. nistet in einer runden Vertiefung im Boden, in welche die Hennen zusammen etwa 30 Eier legen, während weitere Eier um das Nest herum zerstreut werden. Eine Henne legt etwa 12–15 Eier. Das Ei ist 14 bis 16 cm lang, 11–13 cm dick, schön eiförmig, gelblichweiß, heller marmoriert, wiegt durchschnittlich 1450 g und besitzt einen schmackhaften Dotter. Die Bebrütung geschieht hauptsächlich von seiten des Männchens, und nur im Innern Afrikas werden die Eier stundenlang verlassen, dann aber mit Sand bedeckt. Nach 45–52 Tagen schlüpfen die mit igelartigen Stacheln bedeckten Jungen aus, die nach zwei Monaten das graue Gewand der Weibchen erhalten; im zweiten Jahre färben sich die Männchen und werden im dritten zeugungsfähig. Das Nest und die Jungen werden von dem S. sorgsam bewacht und verteidigt. Straußenjagd wird in ganz Afrika leidenschaftlich betrieben. Man ermüdet das Tier und erlegt es schließlich durch einen heftigen Streich auf den Kopf; in den Euphratsteppen erschießt man den brütenden Vogel auf dem Nest, erwartet, im Sande vergraben, das andre Tier und erlegt auch dieses. Am Kap ist die Straußenjagd seit 1870 gesetzlich geregelt. Der S. erträgt die Gefangenschaft sehr gut, und in Innerafrika wird er allgemein zum Vergnügen gehalten. In den zoologischen Gärten Europas hat man Strauße schon um 1850 gezüchtet, 1859 gelang dies auch in Algerien und um dieselbe Zeit in der Kapkolonie, wo die Straußenzucht gegenwärtig einen der wichtigsten Erwerbszweige des Landes bildet. In der Folge hat man sie auch in Victoria, Ägypten, Algerien, Argentinien, namentlich aber mit bestem Erfolg in Südkalifornien eingeführt. Man hält die Tiere auf eingezäuntem Terrain, das zum Teil aus Sandboden, zum Teil aus gutem Weideland mit Gras und Klee besteht, und rechnet auf einen S. 0,75–1 Hektar. Zum Ausbrüten wird vielfach die Brutmaschine benutzt. Man erhält von einem Straußenpaar im Jahre 60–70 Eier, wenn man aber die Hennen brüten läßt, höchstens 35 und davon geht der vierte Teil verloren, während die Brutmaschine nahezu alle Eier zeitigt. Die jungen Tiere bedürfen äußerst sorgsamer Pflege, sie sind mit 11/2 Jahr ausgewachsen und werden mit einem Jahre gerupft. Von da ab schneidet man in Zwischenräumen von 8 Monaten die reisen Federn dicht über der Haut ab. Vom vierten Jahr ab liefert das Männchen jährlich 30–40 der schönsten weißen Federn. Vgl. Federn, S. 375. Die Eier und das Fleisch werden überall gegessen. Die Eierschalen dienen in Süd- und Mittelafrika zu Gefäßen, in den koptischen Kirchen zur Verzierung der Lampenschnüre. Altägyptische Wandgemälde lassen erkennen, daß der S. im Altertum den Königen als Tribut dargebracht wurde, die Federn dienten damals schon als Schmuck und galten als Sinnbild der Gerechtigkeit. Bei den Assyrern war der S. wahrscheinlich ein heiliger Vogel, die ältesten Skulpturen zeigen mit Straußfedern verzierte Gewänder. Vielfach berichten die Alten über Gestalt und Lebensweise des Straußes. Heliogabal ließ einst das Gehirn von 600 Straußen auftragen, und bei den Jagdspielen des Kaisers Gordian erschienen 300 rot gefärbte Strauße. Auch von den alten Chinesen werden Straußeneier als Geschenk für den Kaiser erwähnt. Die Bibel zählt den S. zu den unreinen Tieren. Seit dem Mittelalter gelangten die Federn auch auf unsre Märkte. Im Somalland lebt der nur wenig abweichende S. molydophanes Rohb., mit blauem Hals und rot geschilderten Beinen, und im Damaraland S. australis Gurney, mit grauem Hals und rotem Schnabel; über den amerikanischen S. s. Nandu, über den australischen S. s. Emu. Vgl. Mosenthal und Harting, Ostriches and ostrich farming (2. Aufl., Lond. 1879); Forest, L'autruche, son utilité, son élevage (Par. 1894).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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