Berlin [1]

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Berlin [1]

Berlin (hierzu zwei StadtplĂ€ne: Â»Ăœbersichtsplan« und »Innere Stadt«, mit RegisterblĂ€ttern), die Hauptstadt des Deutschen Reiches und des Königreichs Preußen, zugleich erste Residenz des deutschen Kaisers und Königs von Preußen und Sitz der höchsten Reichs- und Staatsbehörden. B. liegt unter 52°30ÂŽ 16ÂŽÂŽ nördl. Br. und 13°23ÂŽ 43ÂŽÂŽ östl. L. (demnach Reduktion von Ortszeit auf M.E.Z.: +6m 25s), Meereshöhe am Oberbaum, im O., 31,38 m, am Unterbaum, im W., 30,13 m ĂŒber dem Spiegel der Ostsee, an beiden Ufern der Spree, welche die Stadt von SO. nach NW. durchfließt, sich gabelt und von N. her die Panke aufnimmt.

Wappen der Stadt Berlin. (Vgl. S. 701.)
Wappen der Stadt Berlin. (Vgl. S. 701.)

Links von der Spree geht oberhalb B. der Landwehr- oder Schiffahrtskanal ab, der, 10,3 km lang, durch den 2 km langen LuisenstĂ€dtischen Kanal mit der Spree innerhalb der Stadt verbunden ist; rechts der Spree geht unterhalb der Stadt der Spandauer Schiffahrtskanal in einer LĂ€nge von 12,05 km zu dem Ausgang des Tegeler Sees in die Havel. Das Weichbild der Stadt umfaßt 63,49 qkm (1,15 QM.). Der Durchmesser des stĂ€dtischen Terrains von N. nach S. ist 9,265 km, von O. nach W. 10,056 km, der Umfang 47,3 km. Die mittlere Temperatur betrĂ€gt 9,2°, die NiederschlĂ€ge 589 mm.

Stadtteile. Öffentliche Anlagen.

Die historischen Stadtteile sind durch die natĂŒrlichen WasserlĂ€ufe, die jetzt aber z. T. zugeschĂŒttet sind, voneinander geschieden, und zwar: Alt- Kölln, als Zentrum der Stadt mit dem königlichen Schloß auf der Spreeinsel, Alt-B., von gleichem Alter, mit dem Rathaus, nördlich davon gelegen Friedrichswerder und Neu-Kölln mit dem Zeughaus und der Reichsbank, ferner die Dorotheenstadt und Friedrichstadt, die sich in der Behrenstraße scheiden, zusammen aber von der Friedrichstraße durchzogen werden. Nördlich an die Dorotheenstadt am rechten Spreeufer stĂ¶ĂŸt die Friedrich-Wilhelmstadt, die durch die VerlĂ€ngerung der Friedrichstraße von dem Spandauer Viertel getrennt wird. Die Fortsetzung des letztern nach O. bilden die Königsstadt und das Stralauer Viertel, das mit der Friedrichstadt durch die Luisenstadt am linken Spreeufer verbunden ist. Diese letzten sieben Stadtteile bilden einen zweiten konzentrischen Kreis um die drei vorher genannten, die in unmittelbarem Anschluß an den Mittelpunkt den ersten Kreis bilden. Im W., N. und S. schiebt sich sodann noch ein dritter, im O. allerdings nicht geschlossener Kreis vor, dessen Mitte von dem Tiergarten eingenommen wird. Nördlich davon liegen das sogen. Hansaviertel, Moabit, Wedding und die Oranienburger und Rosenthaler Vorstadt, sĂŒdlich die Friedrichsvorstadt, das Schöneberger und Tempelhofer Revier. Mit der alten Stadtmauer sind auch die Tore verschwunden bis auf eins, das Brandenburger Tor, das von den Linden zur Chaussee nach Charlottenburg fĂŒhrt. Es wurde von Langhans nach dem Vorbilde der PropylĂ€en zu Athen 1789–93 errichtet, hat eine Breite von 62,5 m bei 20 m Höhe und besteht aus einem Doppelportikus von 12 dorischen kannelierten, je 14 m hohen SĂ€ulen, die fĂŒnf DurchgĂ€nge fĂŒr Wagen bilden, wĂ€hrend fĂŒr FußgĂ€nger 1868 ein in gleichem Stil gehaltener SĂ€ulenbau hinzugefĂŒgt wurde. Die Attika trĂ€gt die in einer Quadriga stehende Siegesgöttin, 6,3 m hoch, von Schadow modelliert, von Jury und Gerike in Kupfer getrieben; diese Viktoria wurde 1807 von den Franzosen nach Paris entfĂŒhrt, aber 1814 zurĂŒckgebracht. Seitdem fĂ€hrt sie das Viergespann (anders als vor 1807) der Stadt zu, und in die Spitze ihres adlergekrönten Stabes wurde das Eiserne Kreuz eingefĂŒgt.

Unter den BrĂŒcken der Stadt ist die schönste die SchloßbrĂŒcke von den Linden zum Lustgarten, 1822 bis 1824 nach Schinkels EntwĂŒrfen gebaut, 48 m lang, 32 m breit. Ihr GelĂ€nder wird von acht Marmorgruppen geziert, die das Leben eines Kriegers durch antike Figuren zur Anschauung bringen (s. Tafel »Bildhauerkunst XV«, Fig. 1). Monumental erscheint auch die 1886–89 von der Stadt B. erbaute Kaiser Wilhelm-BrĂŒcke, die den Lustgarten mit der Kaiser Wilhelm-Straße verbindet. Die vom Schloßplatz zur Königstraße fĂŒhrende Lange oder KurfĂŒrstenbrĂŒcke, 1692–95 erbaut, 1895 erneuert und verbreitert, ist durch das meisterhafte Standbild des Großen KurfĂŒrsten geschmĂŒckt, von SchlĂŒter entworfen und modelliert, von Jacobi in Erz gegossen und 12. Juli 1703 feierlich enthĂŒllt (s. Tafel »Bildhauerkunst XII«, Fig. 2). Die ĂŒbrigen Ă€ltern BrĂŒcken sind seit ihrem Übergang in das Eigentum der Stadt (1876) neu erbaut; hervorzuheben sind die Oberbaum-, Schillings-, Michaels-, Jannowitz-, Waisen-, Friedrichs-, Weidendammer, Marschalls-, Kronprinzen-, Moltke-, Luther-, Moabiter-, Lessing-, Hansa- und AchenbachbrĂŒcke, ferner von KanalbrĂŒcken die Belle-Alliance- und die HerkulesbrĂŒcke (jene mit allegorischen Marmorgruppen, diese mit den mythologischen Figuren der alten HerkulesbrĂŒcke), ferner die mit den Standbildern von Helmholtz, W. Siemens, Gauß und Röntgen geschmĂŒckte Potsdamer BrĂŒcke.

Die ĂŒber 700 Straßen der Stadt haben zusammen eine LĂ€nge von etwa 464 km. Die schönste Straße ist die vom Brandenburger Tor nach dem königlichen Schloß fĂŒhrende Unter den Linden, 1004 m lang, 60,6 m breit, in der Mitte mit einer dreifachen Baumreihe und einer Promenade, an der Nordseite mit einem Weg zum Reiten, auf beiden Seiten mit Fahrwegen und breiten Trottoirs fĂŒr die FußgĂ€nger versehen. Hier stehen das Palais weiland Kaiser Wilhelms I., die alte Kunstakademie, das Kultusministerium, das Ministerium des Innern, die russische Botschaft, mehrere Hotels und eine Reihe der glĂ€nzendsten KauflĂ€den; sie hat nach O. zu eine Art Fortsetzung erhalten in der durch die alten Stadtteile gelegten Kaiser-Wilhelmstraße. Von den Linden fĂŒhrt in einer gebrochenen Linie nach der Ecke der Friedrich- und Behrenstraße die Passage (Kaisergalerie genannt). Die Friedrichstraße durchschneidet die Stadt von N. nach S. vom Oranienburger Tor bis zum Belle-Allianceplatz und ist 3 km lang. Die Wilhelmstraße enthĂ€lt in ihrer ersten HĂ€lfte von den Linden ab das Reichskanzlerpalais, Minister- und Gesandtschaftshotels. Die Leipziger Straße verbindet zwei große PlĂ€tze (Dönhofs- und Leipziger Platz). An ihr liegen: das Kriegsministerium, das Reichspostamt, das Herrenhaus und zahlreiche großartige GeschĂ€ftshĂ€user sowie die WarenhĂ€user von Wertheim und Tietz. Die neuesten Straßen, welche die reichste Abwechselung des Baustiles zeigen, liegen in dem sich immer weiter hinausschiebenden Westen, zwischen der Tiergarten-, Potsdamer Straße und dem zoologischen Garten; unter ihnen zeichnen sich die Viktoria-, Bellevue-, KurfĂŒrstenstraße und der nur zum kleinsten Teil zu B. gehörige KurfĂŒrstendamm aus. Der weiter im W. entstandene neue Stadtteil gehört schon zu Charlottenburg. B. zĂ€hlt 72 öffentliche PlĂ€tze, von denen die grĂ¶ĂŸern mit Gartenanlagen und teilweise mit Springbrunnen geschmĂŒckt sind; darunter die wichtigsten: der Opernplatz am östlichen Ende der Linden, von den prachtvollsten GebĂ€uden (Zeughaus, UniversitĂ€t, Opernhaus) umgeben; der Gendarmenmarkt (in seiner Mitte, am Denkmal Schillers, Schillerplatz genannt) in der Friedrichstadt; der Schloßplatz; der Lustgarten zwischen der nördlichen Langseite des Schlosses, dem Dom und dem Museum; der Leipziger Platz; der Wilhelmsplatz in der Friedrichstadt; der Pariser Platz am Brandenburger Tor; der Königsplatz (mit dem Siegesdenkmal und dem ReichstagsgebĂ€ude) nordwestlich von letzterm; der Dönhofsplatz an der Leipziger Straße; der kreisförmige Belle-Allianceplatz am Halleschen Tor; der LĂŒtzowplatz; der Nollendorfplatz an der Grenze gegen Charlottenburg und Schöneberg (jetzt verunziert durch einen Bahnhof der Hochbahn).

Die hervorragendste der öffentlichen Anlagen Berlins ist der Tiergarten. Er umfaßt ein Areal von ungefĂ€hr 255 Hektar und erhielt unter Friedrich Wilhelm III. durch LennĂ© im wesentlichen seine jetzige Gestalt. Durch seinen sĂŒdöstlichen Teil fĂŒhrt die herrliche Siegesallee mit den vom Kaiser Wilhelm II. 1898–1901 errichteten 32 Marmorgruppen von brandenburgischen und preußischen Herrschern (s. Tafel »Berliner DenkmĂ€ler II«, Fig. 6, und Tafel »Bildhauerkunst XIX«, Fig. 3) zum Königsplatz. Weiter nach S. befindet sich das Standbild Friedrich Wilhelms III. von Drake (1849 errichtet; s. Tafel »Bildhauerkunst XIV«, Fig. 6); ihm gegenĂŒber das Denkmal der Königin Luise von Encke (1880 errichtet; s. Tafel »Berliner DenkmĂ€ler II«, Fig. 5); ferner in der NĂ€he des Brandenburger Tores das Denkmal Goethes von Schaper (1880 errichtet; s. Tafel »Bildhauerkunst XVII«, Fig. 8) und dasjenige Lessings von Otto Lessing (1891 errichtet; s. Tafel »Berliner DenkmĂ€ler II«, Fig. 4). Die wichtigsten Partien im und am Tiergarten sind: das königliche Lustschloß Bellevue mit Park, die Zelte, eine Reihe von Erfrischungslokalen, der Goldfischteich, der Floraplatz, die Luisen- und Rousseau-Insel etc. Außerdem hat die Stadt einige Parke in der unmittelbaren Umgebung der Stadt geschaffen, nĂ€mlich den Friedrichshain (52 Hektar) vor dem Königstor mit den GrĂ€bern der MĂ€rzgefallenen und einer BĂŒste Friedrichs d. Gr., und den Humboldthain (35 Hektar) vor dem sogen. Gesundbrunnen (einem nach einer Mineralquelle benannten Stadtteil). Seit 1876 ist ein 14 Hektar großes Gebiet bei Treptow zu einem Park umgewandelt und seit 1888 am Kreuzberg der terrassenförmige Viktoriapark (mit großartig angelegtem Wasserfall) geschaffen worden.

DenkmÀler.

(Hierzu Tafel »Berliner DenkmÀler I und II«.)

Von den öffentlichen DenkmĂ€lern sei zunĂ€chst das 1821 fĂŒr die 1813–15 gefallenen Krieger auf dem Kreuzberg (20 m hohe, in gotischer Pyramidenform nach Schinkels Entwurf) errichtete erwĂ€hnt. Ein SeitenstĂŒck dazu bildet die am 2. Sept. 1873 eingeweihte SiegessĂ€ule auf dem Königsplatz, die nach dem Entwurf von Strack zur Erinnerung an die drei siegreichen Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 ausgefĂŒhrt wurde und mit der sie krönenden Viktoria von Drake eine Gesamthöhe von 61 m erreicht. Ihr gegenĂŒber ist vor dem ReichstagsgebĂ€ude 1901 dem Reichskanzler FĂŒrsten Bismarck ein Kolossaldenkmal (nach einem Entwurf von R. Begas, Tafel I, Fig. 2) errichtet worden. Von Ă€ltern DenkmĂ€lern sind noch die FriedenssĂ€ule auf dem Belle-Allianceplatz mit einer Viktoria von Rauch und das Nationalkriegerdenkmal im Invalidenpark zum Andenken an die 1848 und 1849 Gefallenen (1854 errichtet) zu erwĂ€hnen. Das figurenreichste Werk monumentaler Skulptur ist aber die Reiterstatue Friedrichsd. Gr., ein Meisterwerk Rauchs, von Friebel in Erzguß ausgefĂŒhrt, 13,5 m hoch (s. Tafel »Bildhauerkunst XIII«, Fig. 3), am Eingang der Linden, die am 31. Mai 1851 enthĂŒllt wurde. Das umfangreichste Denkmal Berlins ist das am 22. MĂ€rz 1897 enthĂŒllte Nationaldenkmal fĂŒr Kaiser Wilhelm I. auf dem Platze der ehemaligen Schloßfreiheit (von R. Begas, Tafel I, Fig. 1) mit einer den architektonischen Abschluß bildenden Hallenanlage (von G. Halmhuber). Andre DenkmĂ€ler sind die der Helden der Befreiungskriege auf dem Opernplatz, der des SiebenjĂ€hrigen Krieges auf dem Wilhelmsplatz, der Grafen Brandenburg und Wrangel auf dem Leipziger Platz, das Reiterstandbild König Friedrich Wilhelms III. (von Wolff) im Lustgarten, 1871 enthĂŒllt, das Reiterstandbild Friedrich Wilhelms IV. (von Calandrelli, 1886 enthĂŒllt) auf der Freitreppe der Nationalgalerie, das Marmordenkmal der Kaiserin Augusta (von Schaper, seit 1895) vor der königlichen Bibliothek, das Lutherdenkmal auf dem Neuen Markt (1895 enthĂŒllt, von P. Otto und V. Toberentz, Tafel II, Fig. 1–3), ferner die DenkmĂ€ler von Schinkel, Beuth und Thaer (Rauchs letztes Werk) vor der frĂŒhern Bauakademie, von Schinkel, Rauch, Schadow, Winckelmann, K. O. MĂŒller, D. Chodowiecki, Cornelius, v. Knobelsdorff, Carstens und SchlĂŒter in der Vorhalle des alten Museums, die DenkmĂ€ler Wilhelms und Alexanders v. Humboldt (das erstere v. P. Otto, das zweite von R. Begas) sowie fĂŒr Helmholtz (von E. Herter, Tafel I, Fig. 5) vor der UniversitĂ€t, das von Hegel (KolossalbĂŒste) hinter der UniversitĂ€t (Hegelplatz), von Chamisso (gleichfalls KolossalbĂŒste) auf dem Monbijouplatz, das am 10. Nov. 1871 enthĂŒllte Schillerdenkmal von R. Begas auf dem Schillerplatz, das Denkmal des Freiherrn vom Stein auf dem Dönhofsplatz (seit 1875) von Schievelbein, die der Abgeordneten Waldeck (von Walger) und Schultze-Delitzsch (von H. Arnoldt, Tafel I, Fig. 6), die Kolossalstatue der Berolina auf dem Alexanderplatz (von E. Hundrieser, Tafel I, Fig. 4), die Bronzestandbilder der Markgrafen Waldemar und Albrecht des BĂ€ren (von M. Unger und I. Boese) auf dem MĂŒhlendamm, die Gruppe der heil. Gertraudis (von R. Siemering); das Denkmal des Turnvaters Jahn von Encke in der Hasenheide, das Aloys Senefelders von Pohle im N. der Stadt; das Feuerwehrdenkmal (auf dem Mariannenplatz). Die beiden großen Berliner Ärzte v. Grase (s. Tafel »Bildhauerkunst XVII«, Fig. 3) und Wilms haben 1882–83 jeder ein Denkmal erhalten; auch sind den Dichtern aus den Befreiungskriegen im Viktoriapark Hermen errichtet worden. – An monumentalen Brunnen sind zu erwĂ€hnen: auf dem Schloßplatz (im Zuge der Breiten Straße) der von R. Begas 1891 geschaffene Schloßbrunnen, den die Stadt B. Kaiser Wilhelm II. als Huldigungsgeschenk darbrachte; auf dem Spittelmarkt der 1891 von Kyllmann und Heyden in Granit errichtete Spindlerbrunnen; endlich der 1902 von Kaiser Wilhelm II. der Stadt geschenkte Rolandbrunnen mit Rolandstatue am Schlußpunkte der Siegesallee (1902 nach dem Entwurfe von O. Lessing errichtet) an Stelle des sogen. Wrangelbrunnens.

Bauwerke.

(Hierzu die Tafeln »Berliner Bauten I-III«)

An gottesdienstlichen GebĂ€uden besitzt B. 58 evangelische Kirchen und Kapellen (in 48 Gemeinden), 8 katholische Kirchen und 10 Kapellen, 15 Kirchen und Kapellen von der Landeskirche unabhĂ€ngiger Gemeinden und 9 Synagogen. Von den evangelischen Kirchen stammen vier aus dem Mittelalter, darunter aus dem 13. Jahrh. die Marienkirche (mit dem Grabdenkmal des Feldmarschalls v. Sparr) und die Nikolaikirche, beide neuerdings wiederhergestellt. Im 17. und 18. Jahrh. sind 14 Kirchen entstanden und meist in den letzten Jahrzehnten renoviert, darunter die Französische und die Neue Kirche aus dem 18. Jahrh.; die an beide angefĂŒgten KuppeltĂŒrme ließ Friedrich II. nach dem Muster der Kirche Maria del Popolo in Rom erbauen. Unter Friedrich Wilhelm III. sind zwei von Schinkel erbaut, wie die Friedrich Werdersche Kirche im gotischen Stil, unter Friedrich Wilhelm IV. acht, meist von StĂŒler (wie die MatthĂ€i-, Markus- und BartholomĂ€uskirche) oder von Strack (wie die Andreas- und Petrikirche), unter Kaiser Wilhelm I. zehn, darunter von Orth die Zions- und die Dankeskirche, von Otzen die gotische Heilig-Kreuzkirche. Mehr als 20 Kirchen sind unter Kaiser Wilhelm II. entstanden, und zwar die umfangreichsten und schönsten. Unter den Stilformen ĂŒberwiegen dabei der gotische und romanische Stil, einige sind neuerdings im altmĂ€rkischen Baustil erbaut; die meisten dieser Kirchenbauten stammen von Orth, Spitta, Otzen und Schwechten her. WĂ€hrend die Ă€ltern Kirchen ĂŒberwiegend Backsteinbauten sind, hat man neuerdings durch Verwendung von Sandsteingliederungen oder von farbig glasierten Ziegeln Abwechselung geschaffen oder einige ganz aus Werksteinen errichtet. Zu den schönsten neuern Kirchenbauten gehört in erster Linie der Dom am Lustgarten (Tafel III, Fig. 1), seit 1894 im Stil der Hochrenaissance von J. C. Raschdorff aus schlesischem Sandstein erbaut, 114 m lang, 43 m tief, 100 m hoch; er besteht aus einer zweischiffigen Vorhalle, der dahinter liegenden Predigtkirche in Gestalt eines ungleichseitigen Achtecks, der Tauf- und Trauungskirche an der SĂŒd- und der Denkmalskirche an der Nordseite, unter der sich die Hohenzollerngruft befindet. Sodann ist die Kaiser Wilhelm-GedĂ€chtniskirche am Zoologischen Garten zu erwĂ€hnen (Tafel II, Fig. 2); sie ist 1891–95 von Schwechten im spĂ€tromanischen Stil aus rheinischem Tuffstein erbaut und mit Statuen und Glasmalereien reich geschmĂŒckt; ferner die Kaiser Friedrich-GedĂ€chtniskirche an der SĂŒdseite des Hansaviertels, 1895 von Vollmer im gotischen Stil erbaut; die Gnadenkirche (zum GedĂ€chtnis an die Kaiserin Augusta), 1892–94 im romanischen Stil von Spitta erbaut, die gotische Lutherkirche (von Otzen 1891–94), die neue Garnisonkirche an der Hasenheide, 1894–97 von Roßteuscher im gotischen Stil errichtet, etc. Die Ă€lteste der katholischen Kirchen ist die St. Hedwigskirche am Opernplatz, 1747–73 nach dem Muster des Pantheons in Rom gebaut und 1886–87 durch Hasak renoviert. Außer der St. Michaelskirche stammen die ĂŒbrigen katholischen Kirchen aus dem letzten Jahrzehnt, darunter die katholische Garnisonkirche zu St. Johannes in der Gneisenaustraße (1895–97 von Mencken erbaut). Die von 1859–60 erbaute jĂŒdische Synagoge in der Oranienburger Straße ist im maurischen Stil von Knoblauch, eine andre in der Lindenstraße 1896–98 von Cremer u. Wolffenstein erbaut.

Profanbauten. Aus dem Mittelalter stammt noch das sogen. Lagerhaus in der Klosterstraße, Absteigequartier der KurfĂŒrsten vor Erbauung des Schlosses, jetzt Sitz des Geheimen Staatsarchivs und des Rauchmuseums. Auch das Schloß reicht in seinem Ă€ltesten Teile noch ins 15. und 16. Jahrh. hinein, doch wurde es seit 1698 von Andreas SchlĂŒter und nach ihm von J. F. Eosander umgebaut; Friedrich Wilhelm IV. fĂŒgte die 71 m hohe Schloßkapelle und die Terrasse am Lustgarten hinzu, und Kaiser Wilhelm II. ließ 1888–89 die nach dem Schloßplatz gelegenen WohnrĂ€ume neu herrichten und neuerdings den NordwestflĂŒgel umbauen. Das Schloß bildet ein lĂ€ngliches Viereck (mit einem seitlichen Vorbau nach dem Dom zu) und umschließt vier Höfe (darunter der Ă€ußere mit der Kolossalstatue des drachentötenden St. Georg); die Front am Lustgarten ist 197 m, die am Schloßplatz 168 m, die Seite nach der Schloßfreiheit 117 m lang; die Höhe des GebĂ€udes mit seinen vier Stockwerken betrĂ€gt 32 m. Von den fĂŒnf Portalen (s. Tafel »Architektur XII«, Fig. 3) ist das nach der Schloßfreiheit eine Nachahmung des Septimianischen Triumphbogens. Das Hauptportal nach dem Lustgarten flankieren zwei Gruppen von RossebĂ€ndigern (Erzguß nach Modellen des Barons Clodt v. JĂŒrgensburg; s. Tafel »Bildhauerkunst XV«, Fig. 7), Geschenke des Kaisers Nikolaus von Rußland. Das Schloß enthĂ€lt gegen 600 Zimmer, SĂ€le etc., wovon der Ritter- oder Thronsaal, der Weiße Saal und die Bildergalerie die bemerkenswertesten sind. Im Stil des Schlosses ist die Fassade des neuen MarstallgebĂ€udes an der SĂŒdseite des Schloßplatzes gehalten. Jenseit der SchloßbrĂŒcke erhebt sich das Palais, das Kaiser Friedrich III. als Kronprinz und vor ihm Friedrich Wilhelm III. bewohnte (aus dem 17. Jahrh., im 19. Jahrh. durch Strack umgebaut), und das Palais weiland Kaiser Wilhelms I. Unter den Linden (1834–36 vom Oberbaurat Langhans erbaut); das Sterbezimmer Kaiser Wilhelms ist zu einer GedĂ€chtniskapelle umgewandelt worden. Durch eine Galerie ist damit das ehemalige NiederlĂ€ndische Palais aus dem 18. Jahrh. verbunden. Dem königlichen Schloß gegenĂŒber erheben sich das Alte und das durch einen Bogengang mit demselben verbundene Neue Museum, ersteres eine Schöpfung Schinkels, letzteres StĂŒlers. Das Alte Museum (s. Tafel »MuseumsgebĂ€ude I«, Fig. 2; Grundriß, Tafel II, Fig. 4), 1824–28 erbaut, bildet ein lĂ€ngliches Viereck, 86,6 m lang, 56 m tief und mit der Kuppel 26 m hoch; eine 28,5 m breite Freitreppe fĂŒhrt zu einer mit Fresken geschmĂŒckten Vorhalle. Die beiden Treppenwangen sind mit Gruppen in Bronzeguß von Wolff (Löwentöter) und Kiß (Amazone), s. Tafel »Bildhauerkunst XIV«, Fig. 7 und 9, ausgestattet. Dieses Museum ist fĂŒr GemĂ€lde und Bildwerke bestimmt, wĂ€hrend das Neue Museum, 1843–55 erbaut, GipsabdrĂŒcke, Vasen, Terrakotten, Kupferstiche und andre Sammlungen beherbergt (s. unten). Der Mittelbau umschließt das 18 m breite, 40 m hohe Treppenhaus mit sechs historischen WandgemĂ€lden von Kaulbach. Vor dem Alten Museum steht eine 7 m im Durchmesser haltende Gneisschale, die 1827 aus einem Teil eines der sogen. Markgrafensteine auf den Rauenschen Bergen bei FĂŒrstenwalde verfertigt ward. Neben dem Neuen Museum erhebt sich die Nationalgalerie, aus Sandstein (nach einem Entwurf StĂŒlers) von Strack erbaut. An der Nordwestspitze der Museumsinsel erheben sich das Pergamenische Museum (1897–99 nach PlĂ€nen von Wolff erbaut) und das noch im Bau befindliche Kaiser Friedrich-Museum (von E. Ihne). Im N. davon, jenseit der Spree, steht Schloß Monbijou (im 18. Jahrh. von J. F. Eosander erbaut und jetzt dem Hohenzollernmuseum eingerĂ€umt) und sĂŒdwestlich vom Museum, auf dem Friedrichswerder, das Zeughaus, 1695–1706 nach Nehrings PlĂ€nen im Stil der italienischen SpĂ€trenaissance errichtet, 1880–83 im Innern als »Ruhmeshalle« umgebaut (s. Tafel »Architektur XII«, Fig. 2). Unter den plastischen Dekorationen nehmen die Masken sterbender Krieger im innern Hof (s. Tafel »Bildhauerkunst XII«, Fig. 3) und das den ruhenden Mars darstellende Relief an der Stirnseite des obern Stockes (beides von SchlĂŒter) die erste Stelle ein. Das Untergeschoß enthĂ€lt Sammlungen von GeschĂŒtzen und Festungsmodellen, das Obergeschoß eine vorzĂŒgliche Waffensammlung, die Herrscherhalle (Statuen der preußischen Regenten seit dem Großen KurfĂŒrsten, vier WandgemĂ€lde aus der preußischen Geschichte und allegorische Kuppelmalereien von Geselschap) und die Feldherrenhalle (KolossalbĂŒsten brandenburgisch-preußischer HeerfĂŒhrer und 13 WandgemĂ€lde aus der brandenburgisch-preußischen, resp. neuesten deutschen Geschichte). Westlich davon steht die Königswache, 1819 von Schinkel in der Form eines römischen Castrum erbaut; das UniversitĂ€tsgebĂ€ude, ehemals Palais des Prinzen Heinrich, 1754–64 von Boumann (Vater) erbaut; das alte AkademiegebĂ€ude (1690 von Nehring erbaut, 1749 von Boumann restauriert), das bisher der Akademie der Wissenschaften und der Akademie der KĂŒnste zum Sitz diente (die Hochschulen fĂŒr die bildenden KĂŒnste und die Musik sind in das 1902 vollendete GebĂ€ude in der Hardenbergstraße in Charlottenburg verlegt); am Opernplatz die königliche Bibliothek (1770–80 durch Boumann [Sohn] erbaut); das Opernhaus (1741–43 von Knobelsdorff erbaut, nach dem Brande von 1843 durch Langhans wiederhergestellt); am Schinkelplatz und Werderschen Markte die ehemalige Bauakademie, ein Hauptwerk Schinkels (1835 aus Backsteinen errichtet), seit 1884 den Zwecken der Kunstakademie dienend, und auf dem Schillerplatz das Schauspielhaus, nach dem Brande des Ă€ltern 1819–21 von Schinkel errichtet.

Aus dem 18. Jahrh. stammen das Hausministerium, das AuswĂ€rtige Amt, das Reichskanzlerpalais, das Kammergericht, die russische Botschaft, die Kommandantur u. a. An die oben erwĂ€hnten Bauten aus der ersten HĂ€lfte des 19. Jahrh. schlossen sich unter der Regierung Wilhelms I. an: das Rathaus, ein Backsteinbau von 99,2 m LĂ€nge und 87,9 m Breite mit 74 m hohem Turm, von WĂ€semann 1861–70 erbaut, die Börse (von Hitzig 1859–63 im Renaissancestil aus Sandstein erbaut und 1884 erweitert, s. Tafel »BörsengebĂ€ude I«, Fig. 1; Grundriß Tafel II, Fig. 5), die MĂŒnze (mit einem von dem alten GebĂ€ude ĂŒbernommenen Relief von Schadow), mehrere UniversitĂ€tsinstitute (Kliniken, physikalisches und physiologisches Institut etc.), die Geologische Landesanstalt und Bergakademie, die Landwirtschaftliche Hochschule, das Museum fĂŒr Naturkunde (Grundriß s. Tafel »MuseumsgebĂ€ude II«, Fig. 6), das GeneralstabsgebĂ€ude, die Kriegsakademie, das Hauptpostamt in der Königstraße, das Reichspostamt in der Leipziger Straße (1871–73 von Schwatlow erbaut, 1893–98 von Techow und Ahrens erweitert), das PolizeiprĂ€sidium (1885–90 von Blankenstein und Hesse erbaut), die Zentralmarkthalle (s. Tafel »Markthallen«), das Museum fĂŒr Völkerkunde (1886) und das Kunstgewerbemuseum (1877 bis 1881 von Gropius und Schmieden erbaut; Tafel I, Fig. 3; Grundrisse auf Tafel »MuseumsgebĂ€ude II«, Fig. 7 und 5), der Packhof und das KriminalgerichtsgebĂ€ude in Moabit (1882–85 erbaut), die neuen BahnhofsgebĂ€ude, wie der Potsdamer und der Anhaltische Bahnhof (dieser von Schwechten 1875–80 errichtet; s. Tafel »Berliner Bauten I«, Fig. 1), mehrere Bahnhöfe der Stadtbahn (s. Tafel »Bahnhöfe II«, Fig. 2), die Reichsbank (1869–76 von Hitzig erbaut, 1894 erweitert; s. Tafel »Berliner Bauten I«, Fig. 2; Grundriß s. Tafel »BankgebĂ€ude«, Fig. 7), zahlreiche Bauten von höhern und Gemeindeschulen (Tafel III, Fig. 2) etc. Noch imposanter sind manche der unter Kaiser Wilhelm II. vollendeten öffentlichen Bauten, zunĂ€chst das ReichstagsgebĂ€ude (s. Tafel »ReichstagsgebĂ€ude« mit Beschreibung), 1884–94 von Wallot im Stil der Hochrenaissance mit einem Aufwande von 22 Mill. Mk. erbaut, 132 m lang, 88 m breit, bis zum Hauptgesims 27 m hoch, mit einer Kuppel (75 m) und vier EcktĂŒrmen (46 m); ferner die beiden HĂ€user des Landtags zwischen der Prinz Albrecht- und der Leipziger Straße, von denen das Abgeordnetenhaus (s. Tafel »ParlamentsgebĂ€ude I«, Fig. 1; Grundriß Tafel II, Fig. 1) im Stil der italienischen Hochrenaissance 1893–98 von F. Schulze erbaut ist, wĂ€hrend das mit ihm durch einen schmalen Mittelbau verbundene Herrenhaus seiner Vollendung noch entgegensieht. Neubauten fĂŒr mehrere ReichsĂ€mter sind neuerdings errichtet worden, wie das Reichspatentamt im Barockstil, das Reichsversicherungsamt im Renaissancestil und das Reichsgesundheitsamt (alle drei von A. Busse). FĂŒr das Land- und Amtsgericht I wird ein gewaltiger Neubau von Schmalz in der neuen Friedrichstraße errichtet (Tafel II, Fig. 3). BetrĂ€chtlich ist ferner die Zahl der Monumentalbauten, die fĂŒr große Bankinstitute, Hotels, BierhĂ€user, VereinshĂ€user (z. B. das KĂŒnstlerhaus in der Bellevuestraße), Waren- und GeschĂ€ftshĂ€user errichtet sind. Auch einige Theater, wie das Lessingtheater (Tafel II, Fig. 5), das Neue und das Metropoltheater, ferner der Zirkus Busch und mehrere Reitbahnen sind neu entstanden. Zahllos sind die neuern PrivathĂ€user, die besonders in den westlichen Stadtteilen durch ihre stattlichen Fassaden und glĂ€nzende innere Einrichtung sich auszeichnen. (Vgl. die Ansichten hervorragender GebĂ€ude auf beifolgenden Tafeln: »Berliner Bauten«; weiteres auf den Tafeln »GasthĂ€user«, »KaufhĂ€user«, »KrankenhĂ€user« etc.)

Bevölkerung.

Die Bevölkerung Berlins hat sich im letzten Jahrhundert in fast beispielloser Weise vermehrt. WĂ€hrend dieselbe 1816: 197,717 Personen betrug, stieg sie bis 1849 auf 431,566, 1871: 826,341, 1880: 1,122,330, 1890: 1,578,794. Nach der letzten VolkszĂ€hlung 1. Dez. 1900 betrug sie 1,888,848 (darunter ca. 20,000 Mann MilitĂ€r). Die jĂ€hrliche Zunahme belief sich im Zeitraum 1895–1900 auf 2,37 Proz. Nach dem Geschlecht entfielen 1900 auf 100 mĂ€nnliche 109,1 weibliche Personen. Geboren wurden 1900: 26,584 Knaben, 25,086 MĂ€dchen, worunter 1007 mĂ€nnliche und 832 weibliche Totgeborne. Unehelich geboren wurden 7722 (14,94 Proz.), darunter 424 Totgeborne. 20,756 Eheschließungen fanden statt. Gestorben sind (einschl. Totgeborne) 19,712 mĂ€nnliche, 17,537 weibliche Personen. 1891/1900 fanden im Durchschnitt jĂ€hrlich 10,1 Eheschließungen, 29,9 Geburten, 20,2 SterbefĂ€lle auf 1000 Einw. statt. Die Zahl sĂ€mtlicher im Weichbild Berlins belegenen bebauten GrundstĂŒcke belief sich 1900 auf 25,357, die Zahl der WohnhĂ€user auf 37,733, die der Haushaltungen auf 471,534. Der Religion nach gab es 1. Dez. 1900: 1,590,115 (84,2 Proz.) Evangelische, 188,440 (9,97 Proz.) Römisch-Katholische, 14,209 andre Christen und 92,206 (4,88 Proz.) Juden. Bei 1,844,600 Personen war die Muttersprache deutsch, 14,061 sprachen daneben noch eine fremde Sprache (darunter 10,628 polnisch), 30,187 ausschließlich eine fremde Sprache. In der Bevölkerung tritt das Berlinertum mehr und mehr zurĂŒck; zĂ€hlte man 1880 unter 1000 Einw. noch 434 geborne Berliner, so 1900 nur noch 409. 1900 gab es in B. 35,026 ReichsauslĂ€nder (besonders Österreicher, Russen, Ungarn und Amerikaner). Nach der BerufszĂ€hlung vom 14. Juni 1895 umfaßte die Bevölkerung 43,33 Proz. ErwerbstĂ€tige im Hauptberuf, 3,78 Proz. Dienende fĂŒr hĂ€usliche Dienste, 48,85 Proz. Angehörige ohne Hauptberuf und 4,04 Proz. beruflose SelbstĂ€ndige.

Industrie, Handel und Verkehr etc.

Unter den Erwerbszweigen steht die Industrie obenan. 1895 waren 52,85 Proz. aller im Hauptberuf ErwerbstĂ€tigen in der Industrie, dem Gewerbe und Bauwesen beschĂ€ftigt. Man zĂ€hlte 150,170 Haupt- und 5898 Nebenbetriebe; von erstern waren 1006 Großbetriebe (mit ĂŒber 20 Gehilfen), die grĂ¶ĂŸten Betriebe (341 mit je ĂŒber 100 Personen) entfielen auf den Maschinenbau, das Baugewerbe, die Industrie in Bekleidung und Reinigung, die Nahrungsmittel-, die Textilindustrie und die polygraphischen Gewerbe. Am umfangreichsten ist die Bekleidungsindustrie, die ihren Sitz in der Gegend des Hausvogteiplatzes hat und meist als Heimarbeit betrieben wird; ihr gehören an die MĂ€ntelkonfektion (jĂ€hrlicher Produktionswert 120–150 Mill. Mk.), die Damenkleiderkonfektion, die Fabrikation von Besatzstoffen, Knöpfen, kĂŒnstlichen Blumen, HĂŒten, die WĂ€schefabrikation, die FĂ€rberei, Druckerei und Appretur. Ausgedehnt ist ferner die Maschinen- und Eisenindustrie, die in den nördlichen Stadtteilen, in Moabit und im SĂŒdosten Berlins heimisch ist, fĂŒr die aber neuerdings große Werke in den Vororten (Oberschöneweide, Tegel etc.) errichtet sind. FĂŒr die Metallwarenindustrie bildet die Ritterstraße den Mittelpunkt. Bedeutend ist der Bau von Eisenbahn-, Post- und gewöhnlichen Wagen, NĂ€hmaschinen, Stahlfedern, feuerfesten GeldschrĂ€nken, Chronometern, elektrischen Beleuchtungsanlagen, Motoren und Telegraphenapparaten, die Feinmechanik sowie die Bijouterie. Sehr bedeutend ist ferner die Herstellung von Juwelierarbeiten, die Fabrikation von Gold- und Silberwaren, Kautschuk- und Guttapercha-Artikeln, Seife, Chemikalien, Holzarbeiten, Dachpappe, Marmorwaren, wohlriechenden WĂ€ssern, Goldleisten, Schirmen, Posamentierwaren, Linoleum, Asphalt, Porzellan, Öfen und andern Tonwaren, Pianofortes und andern musikalischen Instrumenten, Möbeln, Papier, Tapeten, Handschuhen sowie die Bierbrauerei. In B. nebst Vororten produzierten 1900/1901: 111 Brauereien 2,793,790 hl untergĂ€riges und 1,412,248 hl obergĂ€riges Bier. Zahlreiche GĂ€rtnereien pflegen SpezialitĂ€ten, namentlich Blattpflanzen, Maiblumen, ZwiebelgewĂ€chse, Alpenveilchen, Baumschulartikel etc. Außerdem gehört B. zu den Hauptsitzen des deutschen Buchhandels (man zĂ€hlt etwa 700 Buch-, Kunst- und Musikalienhandlungen) und hat umfangreiche Buchdruckereien, lithographische Anstalten, Schriftgießereien etc. Die industriellen Aktiengesellschaften hatten Ende 1899 ein Aktienkapital von 622 Mill. Mk. Ende 1899 waren 8704 Fabriken der gesetzlichen Revision des Gewerberates unterstellt; sie beschĂ€ftigten zusammen ca. 210,000 Personen, darunter 13,300 unter 16 Jahren.

Die zweite Stelle im Berliner Erwerbsleben nehmen Handel und Verkehr ein; daran sind 23,64 Proz. aller im Hauptberuf ErwerbstĂ€tigen beteiligt. Hauptartikel des Berliner Warenhandels sind Getreide, Spiritus, Vieh, Wolle und Brennstoffe. Die Zufuhr an Zerealien belief sich 1900 auf 47,134 Ton. Weizen, 112,314 T. Roggen, 59,325 T. Gerste, 112,577 T. Hafer und ca. 110,000 T. Mehl, wovon der grĂ¶ĂŸte Teil fĂŒr den Konsum in B. verblieb. B. ist der Sitz einer bedeutenden Getreidespekulation, außerdem ein Zentrum des Spiritushandels. 1900 stand einer Zufuhr von ĂŒber 47,5 Mill. Lit. eine Ausfuhr von 13–15 Mill. Lit. gegenĂŒber. Der fĂŒnftĂ€gige Juniwollmarkt vermittelt den Hauptumsatz in Wolle (1900 wurden 24,000 Zentner zum Verkauf gestellt). An Stein- und Braunkohlen gingen 1901 zum Lager und Konsum ein 4,274,000 Ton.; die Einfuhr von Petroleum betrug fast 81 Mill. kg, die von auslĂ€ndischem Wein 16,9 Mill. kg, die von Eiern 30,2 Mill. kg. Über den Viehhandel s. unten. Was den Schiffahrtsverkehr anbelangt. so kamen 1899 in B. an: 57,134 Schiffe mit 5,031,319 T. Ladung, es gingen ab: 55,821 Schiffe mit 626,081 T. Ladung. Die Börse, tĂ€glich von 4000 Personen besucht, ist im Staatspapier- und Aktienhandel Deutschlands Hauptbörse und fĂŒr den europĂ€ischen Geldmarkt von Bedeutung. Außerdem ist 1902 eine Handelskammer in B. errichtet worden. In naher Beziehung zur Börse steht die Bank des Berliner Kassenvereins (seit 1850). Die Geldoperationen werden gefördert durch die Reichsbank (1899 hatte die Berliner Hauptbank einen Umsatz von 60,708 Mill. Mk.); ferner die Deutsche Bank (150 Mill. Mk. Kapital), Diskontogesellschaft und Dresdener Bank (je 130 Mill. Mk.), Bank fĂŒr Handel und Industrie (105 Mill. Mk.), Berliner Handelsgesellschaft (90 Mill. Mk.), Nationalbank fĂŒr Deutschland (60 Mill. Mk.), Preußische Bodenkreditbank (30 Mill. Mk.), Zentralbodenkredit-Aktiengesellschaft (28,8 Mill. Mk.) u. a. Zu diesen Anstalten gehört auch die Königliche Seehandlung (s. d.) und die 1895 errichtete Zentralgenossenschaftskasse (Kapital 50 Mill. Mk.).

Verkehr. B. ist Mittelpunkt des norddeutschen Eisenbahnnetzes und Knotenpunkt von 12 Bahnlinien. Dem Fernverkehr dienen 5 Bahnhöfe der Stadtbahn u. 5 isolierte Bahnhöfe. Die mit einem Kostenaufwand von 75 Mill. Mk. erbaute Stadtbahn ist 11,26 km lang, viergleisig und wurde 1882 eröffnet; sie verbindet den Schlesischen und den Charlottenburger Stadtbahnhof und im weitern Sinne Westend mit Stralau-Rummelsburg und ist auch dem Verkehr nach den Vororten und dem Grunewald dienstbar gemacht. Der besonders starke Verkehr der westlichen Vororte mit B. hat zu dem Bau der sogen. Wannseebahn mit zwei Bahnhöfen in B. (1891 eröffnet) gefĂŒhrt, die einen Vorortverkehr ĂŒber Potsdam hinaus unterhĂ€lt. Neben der Stadtbahn ist die 1871 eröffnete, spĂ€ter aber mehrfach erweiterte Ringbahn, die aus einem Nordring (34,5 km lang) und einem SĂŒdring (33,6 km lang) besteht, ein wichtiges Verkehrsmittel. Im Februar 1902 ist die seit 1896 erbaute Elektrische Hochbahn eröffnet, die in einer LĂ€nge von 10 km den SĂŒden der Stadt von der Warschauer BrĂŒcke nach dem Zoologischen Garten durchquert und unterwegs eine Linie nach dem Potsdamer Platz entsendet, die hier unterirdisch mĂŒndet. Vom Nollendorfplatz ab ist sie auf Charlottenburger Terrain als Unterpflasterbahn weitergefĂŒhrt. Weiteres ĂŒber den Bau dieser Bahnen s. Art. »Stadtbahnen« mit Tafel.

B. besitzt (1901) 112 PostĂ€mter, davon 100 zugleich TelegraphenĂ€mter, 55 RohrpostĂ€mter, 7 FernsprechĂ€mter. An Briefsendungen (einschließlich Karten, Drucksachen etc.) gingen 1901: 427 Mill. StĂŒck ein, 488 Mill. wurden aufgegeben; der Betrag der eingegangenen Wertsendungen belief sich auf 2560 Mill. Mk., der der ausgegebenen auf 2482 Mill. Mk.; Pakete gingen 113/4 Mill StĂŒck ein, 22 Mill. ab; 4,3 Mill. Telegramme gingen 1909 ein, 4,4 Mill. wurden aufgegeben. Die Zahl der von den Fernsprechanstalten vermittelten GesprĂ€che betrug 120 Mill. An öffentlichen Fuhrwerken waren 1902 vorhanden: 6969 Droschken erster Klasse, 1140 Droschken zweiter Klasse, 148 Torwagen, 726 Omnibusse, 3386 Straßenbahnwagen (fĂŒnf Gesellschaften). Befördert wurden 1901 im Omnibus (sechs Gesellschaften) 80,5 Mill., mit den Straßenbahnen, fĂŒr die jetzt durchweg der elektrische Betrieb eingefĂŒhrt ist, 330 Mill., wovon auf die Große Straßenbahn 283 Mill. entfallen, mit Stadt- und Ringbahn 88,6 Mill. Die die Spree befahrenden und die nĂ€chsten VergnĂŒgungsorte (wie Treptow, Stralau, dann auch neuerdings die Orte an der Unterspree und Havel etc.) mit B. verbindenden Dampfschiffe beförderten 1899: 776,933 Personen. Die 1884 gegrĂŒndete Berliner Paketfahrtgesellschaft befördert Pakete innerhalb Berlins (1899: 2,3 Mill. StĂŒck).

Diesen großen Unternehmungen des Staates und der Privatgesellschaften kann die Kommune einige wĂŒrdig an die Seite stellen, so die 4 stĂ€dtischen Gasanstalten (neben denen fĂŒr einen geringern Umfang eine englische besteht), die stĂ€dtischen Wasserwerke, die 1874 einer englischen Aktiengesellschaft fĂŒr 252/3 Mill. Mk. abgekauft wurden, und die in den letzten Jahren fast vollendete, ĂŒber 114 Mill. Mk. (wovon schon 23 Mill. getilgt) kostende unterirdische Kanalisation mit Berieselung, die den Ankauf von sieben benachbarten LandgĂŒtern zu Rieselfeldern nötig machte. Mit der Regelung der Kanalisation ging der Bau neuer, resp. die Verbesserung alter Wasserwerke (in Tegel und am MĂŒggelsee) Hand in Hand, ferner wurde die Straßenreinigung, die 1900: 1126 Personen beschĂ€ftigte, bedeutend umgewandelt und energisch mit der Einrichtung von Markthallen vorgegangen; neben der 1886 eröffneten, 11,000 qm bedeckenden und ca. 650 VerkaufsstĂ€nde enthaltenden Zentralmarkthalle am Alexanderplatz bestehen in B. noch 13 Markthallen. Von Ă€ltern stĂ€dtischen Instituten sind zu erwĂ€hnen: die Sparkasse, mit 1899/1900: 52,833,600 Mk. Einzahlungen (das Guthaben erreichte 1900 einen Gesamtbetrag von fast 241 Mill. Mk. auf etwa 675,000 SparkassenbĂŒcher), und die stĂ€dtische FeuersozietĂ€t, die auf dem zwangsweise auferlegten Beitritt sĂ€mtlicher GrundstĂŒcke (1900: 24,219 mit einem Versicherungswert von 4017 Mill. Mk.) beruht. Ein ausgezeichnetes Institut ist ferner die Feuerwehr (1851 durch Scabell reorganisiert), die 1898/99: 1,937,995 Mk. kostete und 1900 außer 20 Offizieren ein Personal von 873 Mann (mit 132 Pferden) besaß. Als großartiges stĂ€dtisches Institut zeigt sich der 1881 eröffnete und seitdem mehrfach vergrĂ¶ĂŸerte Zentral-Vieh- und Schlachthof; er umfaßt eine FlĂ€che von ca. 40 Hektar zwischen der Landsberger Allee und der Eldenaer Straße und enthĂ€lt einen eignen Bahnhof und ein BörsengebĂ€ude. Es wurden an Schlachtvieh zu Markte gebracht 1901: 259,693 Rinder, 943,221 Schweine, 193,935 KĂ€lber, 610,715 HĂ€mmel; auf dem Viehhof geschlachtet wurden 1901: 190,681 Rinder, 796,951 Schweine, 163,374 KĂ€lber, 461,741 HĂ€mmel.

Armenwesen. WohltÀtigkeitsanstalten.

Es wurden von der stĂ€dtischen Verwaltung fĂŒr die Armenpflege mit Einschluß der Waisen- und Krankenpflege im Rechnungsjahr 1899/1900: 14,373,595 Mk. verausgabt und 29,458 AlmosenempfĂ€nger mit 5,137,847 Mk. unterstĂŒtzt, an ExtraunterstĂŒtzungen aber 763,728 Mk. verausgabt. 5637 Waisen- und verwahrloste Kinder wurden auf Kostender Stadt verpflegt.

WohltĂ€tigkeitsanstalten besitzt B. in einem anderswo kaum gekannten Maß. Die hauptsĂ€chlichsten sind: unter Kommunalverwaltung das Friedrichs-Waisenhaus mit der großen Waisenanstalt zu Rummelsburg; das Friedrich Wilhelms-Hospital; das Nikolaus-BĂŒrgerhospital (fĂŒr alte Personen mĂ€nnlichen Geschlechts); die Wilhelminen Amalien-Stiftung (fĂŒr Frauen und Jungfrauen aus höhern StĂ€nden). Segensreich wirkt ferner das vor dem Prenzlauer Tor 1887 errichtete stĂ€dtische Obdach, das 1899: 351,778 Personen nĂ€chtliche Unterkunft sowie 1899/1900: 1263 Familien (aus 4295 Köpfen bestehend) und 2426 Einzelpersonen lĂ€ngere Unterkunft gewĂ€hrte. Daneben bestehen zahlreiche Institute der französischen, katholischen und jĂŒdischen Gemeinde, und außerdem wird eine Anzahl von Anstalten von Privatvereinen unterhalten, so bestehen ein Magdalenen-, ein Johannisstift, mehrere MĂ€gdeherbergen, ein Asylverein fĂŒr Obdachlose (1899 wurden 237,027 MĂ€nner und 37,684 Frauen, MĂ€dchen und Kinder zur NĂ€chtigung aufgenommen), 9 VolkskĂŒchen, die 1899: 1,3 Mill. Portionen austeilten, Volks-, Kaffee- und Speisehallen etc. Endlich gibt es noch eine große Anzahl von PrivatwohltĂ€tigkeitsvereinen, darunter einen Verein gegen Verarmung (1898 mit 8700 Mitgliedern). Auch fĂŒr Krankenanstalten ist ausreichend gesorgt. Die 1785 von Friedrich II. gegrĂŒndete CharitĂ©, mit einem Raum fĂŒr 1450 Kranke, steht unter dem Kultusministerium. Ihr zunĂ€chst ist das große Diakonissenhaus Bethanien zu nennen, eine Stiftung des Königs Friedrich Wilhelm IV., worin 350 Kranke Raum finden. Das große stĂ€dtische Krankenhaus am Friedrichshain, 1870–73 von Gropius und Schmieden ausgefĂŒhrt, ist nach dem Pavillonsystem angelegt und enthĂ€lt 600 Betten. Außerdem bestehen noch: das unter dem Protektorat der Kaiserin stehende Augustahospital, das Elisabethkrankenhaus, das Lazaruskrankenhaus, das Krankenhaus am Urban, das Elisabeth-Kinderhospital, das Kaiser und Kaiserin Friedrich-Krankenhaus, das Barackenlazarett in Moabit, das neue Rudolf Virchow-Krankenhaus, das katholische St. Hedwigs- und das jĂŒdische Krankenhaus, endlich ein Leichenschauhaus (Morgue) sowie die stĂ€dtischen HeimstĂ€tten fĂŒr Genesende in Blankenburg, Heinersdorf, Blankenfelde und Malchow bei B. etc. Es bestehen zwei stĂ€dtische Irrenanstalten in Dalldorf (mit 3060 Betten) und Herzberge (1070 Betten) und eine Anstalt fĂŒr Epileptische (Wuhlgarten) in Biesdorf (1083 Betten); ferner 2 Volksbadeanstalten und 16 stĂ€dtische Flußbadeanstalten. Das Invalidenhaus (seit 1748 bestehend) vermag 600 Mann aufzunehmen.

Bildungsanstalten.

Unter den Lehranstalten nimmt die Friedrich Wilhelms-U niversitĂ€t den ersten Rang ein; im Sommersemester 1902 hatte sie 430 Professoren und Dozenten und 5676 immatrikulierte Studierende (im Wintersemester 1902/03: 7091), und zwar 274 (366) Theologen, 1714 (2428) Juristen, 1018 (1219) Mediziner und 2670 (3078) in der philosophischen FakultĂ€t; außerdem waren 5460 (6309) Studierende andrer Hochschulen und sonstige Personen, einschließlich 370 (552) Frauen, zum Hören berechtigt. An sie reiht sich die 1659 gegrĂŒndete königliche Bibliothek mit ĂŒber 1 Mill. BĂ€nden, 30,000 Handschriften, 80,000 Blatt Karten und 96,000 BĂ€nden und Heften Musikalien. Unter ihren RaritĂ€ten befinden sich Luthers Handexemplar einer hebrĂ€ischen Bibel mit eigenhĂ€ndigen Randbemerkungen, der Codex Wittekindi (eine Evangelienhandschrift aus dem 8. Jahrh.), Beethovens Originalpartitur zur neunten Symphonie, die von O. v. Guerike verfertigte Luftpumpe u. a. Außerdem besteht noch eine UniversitĂ€tsbibliothek, die 1831 gegrĂŒndet worden ist und jetzt etwa 215,000 BĂ€nde umfaßt; sodann sind zu nennen die Bibliotheken des preußischen Statistischen Bureaus (140,000), der Kriegsakademie, des Kammergerichts, des Reichstags, des Generalstabs, des Magistrats, der Gesellschaft fĂŒr Erdkunde, 27 stĂ€dtische Volksbibliotheken etc. Die technische Hochschule ist 1884 nach Charlottenburg (s. d.) verlegt worden. Die königliche Bergakademie hatte im Wintersemester 1899/1900: 192, die königliche landwirtschaftliche Hochschule 580, die königliche akademische Hochschule fĂŒr die bildenden KĂŒnste 1899: 254 Studierende. Ferner sind zu erwĂ€hnen die tierĂ€rztliche Hochschule, die königliche Hochschule fĂŒr Musik, das neue Seminar fĂŒr orientalische Sprachen etc. Auf der königlichen Sternwarte (seit 1835 am Enckeplatz) sind insgesamt 5 Planeten (darunter der Neptun) und 13 Kometen entdeckt worden. Außerdem bestehen, teils mit der UniversitĂ€t verbunden, teils selbstĂ€ndig: das chemische Laboratorium, der botanische Garten und das reichhaltige botanische Museum (deren Verlegung nach Dahlem beschlossen ist), das christlich-archĂ€ologische Kunstmuseum, das kartographische Institut, das klinische Institut fĂŒr Chirurgie und Augenheilkunde, das zahnĂ€rztliche Institut, das Poliklinikum, das klinische Institut fĂŒr Geburtshilfe, die Anatomie (im Tierarzneischulgarten), das anatomische, zoologische, mineralogische und Hygienemuseum und der UniversitĂ€tsgarten etc. B. zĂ€hlte 1902: 15 Gymnasien, 8 Realgymnasien, 2 Oberrealschulen und 13 Realschulen (höhere BĂŒrgerschulen); ferner hat B. 11 höhere Knabenschulen, ein Frauengymnasium, an höhern MĂ€dchenschulen 8 öffentliche und 45 private, ferner 8 mittlere sowie 255 Gemeindeschulen, zusammen mit etwa 250,000 SchĂŒlern und SchĂŒlerinnen. PopulĂ€r-wissenschaftliche VortrĂ€ge werden seit 1878 in der Volkshochschule Humboldt-Akademie gehalten. Zur wissenschaftlichen Ausbildung fĂŒr Damen ist das Viktorialyzeum bestimmt, eine Art FrauenuniversitĂ€t. Zu erwĂ€hnen sind ferner mehrere Handelsschulen, dann die stĂ€dtischen Taubstummen- und Blindenschulen, 12 stĂ€dtische Fortbildungsschulen fĂŒr JĂŒnglinge, 13 fĂŒr MĂ€dchen, 2 Handwerkerschulen, 18 stĂ€dtische Fachschulen etc. Über die Stadt verteilt sind 13 Turnhallen. Hieran schließen sich 42 Kleinkinderbewahranstalten und 24 Fröbelsche KindergĂ€rten, die alle von Privatvereinen unterhalten werden. Von höhern Lehranstalten fĂŒr besondere FĂ€cher sind die wichtigsten: die allgemeine Kriegsakademie (in der Dorotheenstraße); die Artillerie- und Ingenieurschule in der Hardenbergstraße (Charlottenburg); ferner die MilitĂ€rturnanstalt, die königliche Hebammenschule, das königliche pĂ€dagogische Seminar fĂŒr höhere Schulen, das Domkandidatenstift, die königliche Turnlehrerbildungsanstalt, die Hochschule fĂŒr die Wissenschaft des Judentums, das theologische Seminar der französischen Kolonie, das Seminar fĂŒr Missionare etc. Die Akademie der KĂŒnste, 1699 gestiftet, teilte bisher mit der Akademie der Wissenschaften ein GebĂ€ude »Unter den Linden« (s. S. 695). Sie besitzt eine reichhaltige Kupferstichsammlung und veranstaltet akademische Kunstausstellungen (neuerdings in dem Glaspalast des Landesausstellungsparks in Moabit, s. Tafel »Ausstellungsbauten II«, Fig. 8 u. 9). Seit 1833 ist die Akademie durch eine musikalische Sektion erweitert worden. Zur Förderung der Kunstindustrie wurde 1867 das Deutsche Gewerbemuseum ins Leben gerufen, aus dem sich das Kunstgewerbemuseum (mit Unterrichtsanstalt) entwickelt hat. Dasselbe enthĂ€lt eine reichhaltige Sammlung von Erzeugnissen aller Zweige der Kunstindustrie. Ferner besteht noch eine Kunstschule (Seminar fĂŒr Zeichenlehrer), eine Zeichen- und Malschule des Vereins fĂŒr KĂŒnstlerinnen und einige private Malschulen. Auch ein königliches Institut fĂŒr Glasmalerei besteht seit 1843 in Charlottenburg. Das wichtigste wissenschaftliche Institut nĂ€chst der UniversitĂ€t ist die Akademie der Wissenschaften, in demselben Jahr gestiftet wie die Akademie der KĂŒnste; sie ist in eine physikalisch-mathematische und eine philosophisch-historische Klasse geteilt. Außerdem gibt es sehr viele wissenschaftliche, kĂŒnstlerische und technische Korporationen und Gesellschaften; man zĂ€hlt nicht weniger als 700 verschiedene Vereinigungen.

Zeitungswesen.

In B. erscheinen etwa 1100 Zeitungen, Zeitschriften etc. Die politischen Zeitungen Berlins (30), in denen sĂ€mtliche parlamentarische und politische Parteien vertreten sind, ĂŒben einen bestimmenden Einfluß auf das politische Leben in den preußischen Provinzen, z. T. auch im ĂŒbrigen Deutschland aus. Die grĂ¶ĂŸte politische Bedeutung haben die Zeitungen von entschieden liberaler Tendenz. Das Ă€lteste Organ dieser Richtung ist die »Vossische Zeitung« (s. d.). GrĂ¶ĂŸere Verbreitung haben das »Berliner Tageblatt« (erscheint seit 1872, Redakteur A. Levysohn) und die »Berliner Zeitung« (seit 1877, Redakteur H. Ullstein), deren Verleger noch besondere verkleinerte Ausgaben fĂŒr B. und die Provinz veranstalten (»Berliner Morgenzeitung«, »Berliner Morgenpost«, »Berliner Abendpost«). Die Interessen der Börse und der Freisinnigen Vereinigung zugleich vertritt der »Berliner Börsenkurier« (seit 1867, Redakteur I. Landau), wĂ€hrend die »Berliner Börsenzeitung« (seit 1856, Redakteur R. Tiedemann) in ihrem politischen Teil die Bestrebungen der nationalliberalen Partei unterstĂŒtzt. Die »Freisinnige Zeitung« (seit 1885) ist das Organ der E. Richterschen Partei, wĂ€hrend die »Volkszeitung« (1852 gegrĂŒndet, Redakteur K. Vollrath) von der Fortschrittspartei zur reinen Demokratie ĂŒbergegangen ist. Die in ihren AnfĂ€ngen liberale »StaatsbĂŒrger-Zeitung« (begrĂŒndet 1865 von Held) ist das Organ der Antisemiten. Eine neutrale Stellung innerhalb der politischen Parteien nimmt der »Berliner Lokalanzeiger« (seit 1883, Verlag von A. Scherl) ein, der durch geringen Preis die grĂ¶ĂŸte Verbreitung in B. gewonnen hat. Aus demselben Verlag ist 1901 die gleichfalls unparteiische Zeitung »Der Tag« (mit Illustration der Tagesereignisse) hervorgegangen. Eine politisch unparteiische, aber durchaus national gesinnte Zeitung ist die »TĂ€gliche Rundschau« (seit 1881, seit Mitte 1900 im Besitz des Bibliographischen Instituts in Leipzig, Redakteur H. Rippler). Das Parteiorgan der Sozialdemokraten ist der »VorwĂ€rts«. Die konservativen Parteien werden in der Berliner Zeitungspresse durch die »Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung« (seit 1848, Redakteur H. Kropatschek), das Organ der auf dem Ă€ußersten rechten FlĂŒgel stehenden Konservativen, den »Reichsboten« (seit 1873, Redakteur Pastor Engel), den VorkĂ€mpfer der orthodox-kirchlichen Parteien, die »Deutsche Tageszeitung« (Vertreterin der agrarischen Interessen, Redakteur G. Ortel) und »Die Post« (Redakteur W. Kronsbein) vertreten, die, 1866 von Strousberg gegrĂŒndet, seit 1874 das Organ der deutschen Reichs- und freikonservativen Partei ist. Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung« (gegrĂŒndet 1861) ist ihrer Tendenz nach ein Organ der konservativen Parteien, hat aber eigentlich nur Bedeutung durch halbamtliche (offiziöse) Mitteilungen aus den ReichsĂ€mtern, Ministerien etc., die ĂŒbrigens auch Zeitungen der Mittel- und liberalen Parteien zugĂ€nglich gemacht werden. Das amtliche Organ der Regierung ist der »Deutsche Reichs- und königlich Preußische Staatsanzeiger« (seit 1861). Das Hauptorgan der nationalliberalen Partei fĂŒr B. ist die »Nationalzeitung« (gegrĂŒndet 1848, Redakteur Köbner). FĂŒr die Interessen der klerikalen Partei, insbes. fĂŒr die Politik der römischen Kurie, tritt die »Germania« (gegrĂŒndet 1871) ein. Zeitungen ohne bestimmte Parteiangehörigkeit sind die »Berliner Neuesten Nachrichten«, das »Kleine Journal«, die »Deutsche Warte« und die »Deutsche Zeitung« (Redakteur Fr. Lange), letztere mit Betonung der nationalen Tendenz. Mit Ausnahme der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« und des »Reichsboten« erscheinen alle großen politischen Zeitungen Berlins. tĂ€glich zweimal (Sonntags und Montags meist einmal). Die seit 1881 erscheinenden »Berliner Politischen Nachrichten« sind eine fĂŒr Zeitungen bestimmte Korrespondenz.

Kunstsammlungen, Theater etc.

Unter den Kunstsammlungen nehmen die der königlichen Museen (s. oben) die erste Stelle ein. Das Alte Museum enthĂ€lt im Souterrain die Bibliothek und eine MĂŒnzsammlung von 200,000 StĂŒck in Gold, Silber und Kupfer (von denen allein 90,000 MĂŒnzen und Medaillen des Altertums sind), im ersten Stockwerk die Skulpturengalerie. Die GemĂ€ldegalerie, die den obersten Stock einnimmt, ist besonders reich an Werken der italienischen und niederlĂ€ndischen Schulen des 15. Jahrh. Das Neue Museum enthĂ€lt im Erdgeschoß eine Sammlung nordischer AltertĂŒmer und das Ă€gyptische wie neue vorderasiatische Museum, ferner die Sammlung der Skulpturen und GipsabgĂŒsse des deutschen Mittelalters; das zweite Geschoß eine reiche Sammlung von GipsabgĂŒssen antiker Skulpturen; das dritte endlich die Vasensammlung, das Antiquarium (Hildesheimer Silberfund) und das Kupferstichkabinett, das mehr als eine halbe Million Holzschnitte, Kupferstiche, Handzeichnungen etc. umfaßt (Hamiltonsche Miniaturen). Diesen beiden Museen reiht sich die Nationalgalerie an. Sie ist vornehmlich fĂŒr Bildwerke der modernen deutschen Kunst seit dem Ende des 18. Jahrh. bestimmt; ihren Grundstock bildete die 1861 vom Konsul Wagener König Wilhelm I. geschenkte Wagenersche Galerie. Im dritten Stock ist die grĂ€flich Raczynskische GemĂ€ldegalerie aufgestellt. Die Nationalgalerie enthĂ€lt ca. 850 Kunstwerke und eine reiche Sammlung von Handzeichnungen. Das Pergamenische Museum enthĂ€lt eine Nachbildung des Zeusaltars in Pergamon mit den von Humann ausgegrabenen Friesreliefs, die den Kampf der olympischen Götter gegen Titanen und Giganten darstellen, ferner Ausgrabungen aus Magnesia und PriĂ«ne. Andre öffentliche Museen sind: das Rauch-Museum (enthĂ€lt fast sĂ€mtliche Modelle, EntwĂŒrfe und AbgĂŒsse der Rauchschen Werke); das Museum der AbgĂŒsse aus Olympia; das Hohenzollern-Museum im Schloß Monbijou (enthĂ€lt eine Ă€ußerst interessante Sammlung von MerkwĂŒrdigkeiten und Erinnerungen aus der brandenburgisch-preußischen Geschichte und der des preußischen Herrscherhauses); das Zeughaus (s. oben); das Kunstgewerbemuseum (s. oben); das Museum fĂŒr Völkerkunde mit den prĂ€historischen und Schliemannschen Sammlungen im Erdgeschoß und den ethnographischen und anthropologischen Sammlungen in den drei ĂŒbrigen Geschossen; das Museum fĂŒr Naturkunde mit dem zoologischen Institut und reichen zoologischen, mineralogischen etc. Sammlungen; das mĂ€rkische Provinzialmuseum (Neubau am MĂ€rkischen Platz unternommen; enthĂ€lt mĂ€rkische AltertĂŒmer aller Art, bis jetzt 80,000 Nummern); das Beuth-Schinkel-Museum (enthĂ€lt den kĂŒnstlerischen Nachlaß Schinkels sowie die hinterlassene Sammlung Beuths); landwirtschaftliches Museum und Museum fĂŒr Bergbau und HĂŒttenkunde in der Invalidenstraße; das Reichspostmuseum, das Hygienemuseum, das Museum fĂŒr deutsche Volkstrachten, das handelsgeographische Museum, das Architekturmuseum der königlich technischen Hochschule, das stĂ€dtische Schulmuseum, die königliche Sammlung alter Musikinstrumente und das christliche Museum. Unter den Privatgalerien ist die RavenĂ©sche, moderne GemĂ€lde enthaltende hervorzuheben; dauernde Kunstausstellungen finden an verschiedenen Orten statt, unter andern im Verein Berliner KĂŒnstler.

FĂŒr die geistige Unterhaltung Berlins sorgt eine große Zahl von Theatern, Konzerten und Ă€hnlichen VergnĂŒgungen. An ihrer Spitze stehen die beiden königlichen Institute: das Opernhaus (fĂŒr Oper u. Ballett) und Schauspielhaus (fĂŒr das rezitierende Drama; vgl. das Geschichtliche im Art. »Schauspielkunst«), zu denen neuerdings das ehemalige Krollsche Theater als Neues Operntheater hinzugetreten ist. Außerdem bestehen noch ca. 20 grĂ¶ĂŸere und kleinere Theater, von denen die kĂŒnstlerisch hervorragendsten sind: das Deutsche Theater, das Berliner und zwei Schillertheater im O. und N. (klassisches und modernes Repertoire), das Lessingtheater (moderne Richtung im Sittendrama) und das Residenztheater (französisches Schauspiel). Konzerte von grĂ¶ĂŸerer Bedeutung sind diejenigen des königlichen Domchors, die Symphoniekonzerte der königlichen Kapelle, die AuffĂŒhrungen der königlichen Hochschule fĂŒr Musik, des philharmonischen Orchesters (Philharmonie) und der Singakademie (gegrĂŒndet von Fasch; vgl. ihre Geschichte von M. Blumner, 1891). ErwĂ€hnung verdienen noch die beiden Zirkus Busch und Schumann, das Passage- und das Castansche Panoptikum und mehrere Panoramen, endlich die beiden Institute der Urania im Landesausstellungspark (mit Sternwarte) und in der Taubenstraße fĂŒr wissenschaftliche VortrĂ€ge. Großer Beliebtheit erfreuen sich die Hindernisrennen bei Karlshorst und die Flachrennen in Hoppegarten, die Wettfahrten fĂŒr Trabrennen in Weißensee und bei Charlottenburg, ferner die fĂŒr Radfahrer auf der Rennbahn bei Charlottenburg, die Ruder- und Segelregatten in GrĂŒnau wie auf dem MĂŒggel- und Wannsee. Ihre alte Anziehungskraft haben auch die FrĂŒhjahrs- und Herbstparaden auf dem Tempelhofer Feld und die Hubertusjagd (frĂŒher im Grunewald, neuerdings nach Döberitz verlegt) bewahrt. Unter allen VergnĂŒgungs- und Unterhaltungslokalen steht obenan der Zoologische Garten, der seit 1899 durch geschmackvolle Neubauten und die Anlagen neuer Promenaden umgestaltet ist und durch den Reichtum seines Inhalts und die Pracht seiner Einrichtungen den ersten Rang auf dem Kontinent einnimmt; ferner sind der Landesausstellungspark mit der jĂ€hrlichen großen Kunstausstellung (im Sommer) und das Aquarium Unter den Linden zu nennen.

Verwaltung. Finanzen. Behörden.

Seit 1. April 1881 ist B. aus der Provinz Brandenburg ausgeschieden und bildet einen Verwaltungsbezirk fĂŒr sich. Doch sind das OberprĂ€sidium, das Konsistorium, das Provinzialschulkollegium und das Medizinalkollegium der Provinz Brandenburg auch fĂŒr B. als höhere Instanz zustĂ€ndig. Das PolizeiprĂ€sidium ist fĂŒr B. die königliche, der Magistrat die stĂ€dtische Behörde. Hinsichtlich militĂ€rischer Maßnahmen haben der Oberbefehlshaber in den Marken, der Gouverneur und der Kommandant von B. Anordnungen zu treffen. Das PolizeiprĂ€sidium steht direkt unter dem Ministerium des Innern und gilt seit 1900 als oberste Polizeibehörde in den zu einem Landespolizeibezirk vereinigten Stadtbezirken B., Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf. Es hat in B. die eigentliche Polizei und die Aussicht ĂŒber Fremden-, Paß-, Fuhrwerks-, Dienstbotenwesen, Feuerwehr und sonstige zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ordnung gehörige Anstalten. FĂŒr diese Zwecke steht ihm eine bedeutende Schutzmannschaft (einschließlich der Offiziere und Kriminalbeamten ca. 6000 Mann) zu Gebote, die z. T. beritten ist. Über B. verteilt sind 12 Bezirkshauptmannschaften und 102 Polizeibureaus. Der Magistrat besteht aus einem OberbĂŒrgermeister, einem BĂŒrgermeister, 15 besoldeten (darunter 2 Syndiken, 2 Schul- und 2 BaurĂ€te) und 17 unbesoldeten StadtrĂ€ten. Die verschiedenen einzelnen Aufgaben dieser Behörde werden durch Direktionen, Deputationen, Kommissionen und Kuratorien erledigt, die aus Magistratsmitgliedern, Stadtverordneten und BĂŒrgerdeputierten bestehen; im ganzen sind im Gemeindedienst der Stadt etwa 20,000 Personen beschĂ€ftigt, von denen der grĂ¶ĂŸte Teil die Ämter unentgeltlich als EhrenĂ€mter verwaltet. Die Stadt ist in 326 Bezirke geteilt, deren jeder einen unbesoldeten Vorsteher hat; ferner schickt sie aus 4 Wahlbezirken 9 Abgeordnete in das Abgeordnetenhaus (der OberbĂŒrgermeister ist Mitglied des Herrenhauses) und 6 Abgeordnete aus 6 Wahlkreisen in den deutschen Reichstag. Die Zahl der Stadtverordneten betrĂ€gt 141. Die Gerichtsbarkeit ĂŒber alle Einwohner hatten bisher das Landgericht I und das einzige ihm unterstellte Amtsgericht I, doch ist durch Gesetz vom 16. Sept. 1899 die Einrichtung von drei neuen Amtsgerichten. B.-Tempelhof, B.-Schöneberg und B.-Wedding (in Reinickendorf), in Aussicht genommen, von denen die beiden ersten dem Landgericht II, das letzte dem Landgericht III (Charlottenburg) unterstellt wird. Die oberste Instanz fĂŒr B. bildet als Oberlandesgericht das Kammergericht. Zu diesem gehören 10 Landgerichte, unter andern auch das Landgericht II in B. fĂŒr die 9 Amtsgerichte B.-Schöneberg, B.-Tempelhof, Köpenick, Großlichterfelde, Königswusterhausen, Mittenwalde, Rixdorf, Trebbin und Zossen.

Finanzen. Das stĂ€dtische Budget beziffert sich fĂŒr das Finanzjahr 1902/1903 in Einnahme und Ausgabe auf 112,781,257 Mk. Zu den Einnahmen liefern die Steuerverwaltung 65,6 Mill. Mk., die Vermögensverwaltung 15,4 Mill., die stĂ€dtischen Werke 6,2 Mill., die KĂ€mmerei 826,286 Mk., die Straßen- und Vorortbahngesellschaften 2,103,900 Mk., die Berliner ElektrizitĂ€tswerke 2,025,000 Mk., die englische Gasgesellschaft 505,850 Mk., das öffentliche Anschlagswesen 400,000 Mk. etc. An direkten Steuern erhebt die Stadt eine Gemeinde-Einkommensteuer, eine Gemeinde-Grundsteuer, eine Gewerbe- und eine Umsatzsteuer, an indirekten eine Hunde- und Braumalzsteuer. Unter den Ausgaben erfordern nach dem Etat 1902/1903:

Tabelle

Die Gesamtschulden der Stadt beliefen sich Ende MÀrz 1902 auf 319 Mill. Mk.; das Vermögen reprÀsentierte einen Wert von 649 Mill. Mk., wovon auf Grundbesitz 414 Mill. Mk. entfielen. Das Stiftungsvermögen der Stadt betrug 42 Mill. Mk.

In B. haben außer Bundesrat und Reichstag folgende Reichsbehörden ihren Sitz: AuswĂ€rtiges Amt, Reichsamt des Innern, Reichsmarineamt, Reichsjustizamt, Reichsschatzamt, Reichseisenbahnamt, Verwaltung des Reichsinvalidenfonds, Reichspostamt, Reichsamt fĂŒr die Verwaltung der Reichseisenbahnen, Reichsbank, Reichsschuldenkommission, endlich ReichsmilitĂ€rgericht. Preußische Behörden sind, abgesehen von den beiden HĂ€usern des Landtags, in B.: Staatsrat, die 9 preußischen Ministerien nebst den ihnen unmittelbar unterstellten Behörden (wie unter dem Staatsministerium: Gerichtshof zur Entscheidung der Kompetenzkonflikte, Disziplinarhof fĂŒr nicht richterliche Beamte, königliches Oberverwaltungsgericht); ferner der evangelische Oberkirchenrat.

Von MilitĂ€rbehörden befinden sich in B. der Generalstab der Armee, die Landesverteidigungskommission, die Generalkommandos des Garde- und des 3. Armeekorps nebst den StĂ€ben der Gardedivisionen und der Mehrzahl der Gardebrigaden, die Generalinspektionen der Artillerie, des Ingenieurkorps, des MilitĂ€rerziehungswesens, die Inspektionen der JĂ€ger und SchĂŒtzen, des Trains, der Kriegsschulen u. a. Die Garnison besteht aus 3 Garderegimentern zu Fuß, 3 Gardegrenadierregimentern und dem GardefĂŒsilierregiment, 4 Gardekavallerieregimentern (GardekĂŒrassiere, 1. und 2. Gardedragoner, 2. Garde-Ulanen) und 1 Eskadron der Gardedukorps, dem 2. und einer Abteilung des 3. Garde-Feldartillerieregiments, dem Gardepionier- und dem Gardetrainbataillon, 3 Eisenbahnregimentern nebst Luftschifferabteilung, dem Telegraphenbataillon und 4 Landwehr-Bezirkskommandos. Außerdem sind hervorzuheben: die Oberfeuerwerkerschule, MilitĂ€rroßarztschule und MilitĂ€rlehrschmiede; endlich gibt es in B. ein Proviantamt, ein Hauptmontierungsdepot und 2 Garnisonlazarette.

Wappen (s. Abbildung, S. 692). B. fĂŒhrte nach einer Urkunde von 1272 einen Adler im Siegel. Bereits 1280 findet sich im Stadtsiegel der Adlerschild von zwei BĂ€ren beseitet, die man, da sie dem Schilde den RĂŒcken kehren, als SchildwĂ€chter bezeichnen kann. 1418 erscheint im Schilde der Adler auf einem schreitenden, mit einem Halsband versehenen BĂ€ren fußend. König Friedrich I. bewilligte (6. Febr. 1710) ein neues Siegelbild: Schild gespalten; vorn Preußen, rĂŒckwĂ€rts Brandenburg, in der eingepfropften Spitze ein aufrechter, mit einem Halsband versehener BĂ€r. 1839 erscheint an Stelle der Spitze ein mit einer Mauerkrone geschmĂŒckter Schild mit dem BĂ€ren aufgelegt, dem mit Magistratsbeschluß vom 1. Okt. 1875 der Halsring genommen wurde.

Umgebung Berlins.

(Hierzu »Karte der Umgebung von Berlin«.)

B. ist mit den benachbarten Orten, die sich besonders im W. mĂ€chtig entwickelt haben, fast zusammengewachsen, so im W. und SW. mit Charlottenburg (nebst der Villenkolonie Westend) und Schöneberg, an die sich die aufblĂŒhenden Orte Deutsch-Wilmersdorf, Friedenau, Schmargendorf anschließen. AufwĂ€rts an der Havel liegen Saatwinkel mit der Insel Valentinswerder und Tegel am gleichnamigen See, einst W. v. Humboldts Besitztum. Zwischen Tegel und Moabit breitet sich die Jungfernheide (mit der Strafanstalt Plötzensee) und die Tegeler Forst mit dem Artillerieschießplatz aus. Unterhalb Spandau an der Havel liegen Pichelswerder und Schildhorn. ferner Wannsee mit stattlicher Villenkolonie an einer seeartigen Ausbuchtung der Havel; am nahen Kleinen Wannsee H. v. Kleists Grab. SĂŒdwestlich von Charlottenburg zieht sich bis zur Havel die Spandauer Forst hin, an die sich sĂŒdwĂ€rts der Grunewald anschließt. An seinem Eingang liegt der Vorort Halensee, zu dem vom LĂŒtzowufer in B. durch Charlottenburg und Deutsch-Wilmersdorf hin der KurfĂŒrstendamm fĂŒhrt, ferner am Bahnhof Grunewald die vornehme Villenkolonie Grunewald. Der Grunewald enthĂ€lt von VergnĂŒgungsorten: Hundekehle, Jagdschloß Grunewald, Krumme Lanke, Schlachtensee. Die B.-Potsdam-Magdeburger Bahn fĂŒhrt an Schöneberg, Friedenau, Steglitz, Großlichterfelde und Zehlendorf vorĂŒber; ein Zweig von ihr, die Wannseebahn (fĂŒr den Vorortverkehr, s. S. 697), zieht sich auf der Strecke Zehlendorf-Neubabelsberg nördlich von der Hauptbahn hin; die B.-Anhaltische Bahn fĂŒhrt ĂŒber Großlichterfelde (mit der Hauptkadettenanstalt) nach Großbeeren (s. d.). Im S. der Stadt liegt die Hasenheide mit zahlreichen VergnĂŒgungslokalen. Sie stĂ¶ĂŸt an den großen Exerzierplatz der Berliner Garnison bei Tempelhof. Im SO. liegt die volkreiche Stadt Rixdorf (s. d.). An der obern Spree sind Treptow, Stralau und Köpenick zu nennen, ferner Rummelsburg an dem gleichnamigen, mit der Spree zusammenhĂ€ngenden See, GrĂŒnau an der Dahme, Friedrichshagen am MĂŒggelsee. Friedrichsfelde im O. der Stadt enthĂ€lt ein Schloß (mit Park); nördlich davon liegt der große Vorort Lichtenberg, dessen Einverleibung in B. geplant ist. Im NO. liegen Weißensee und Neu-Weißensee, im N. Pankow und Niederschönhausen mit königlichem Lustschloß und Park, endlich Schönholz mit dem SchĂŒtzenhaus der Berliner SchĂŒtzengilde.

Geschichte Berlins.

B. ist Anfang des 13. Jahrh. aus zwei Ortschaften entstanden, B. auf dem rechten Spreeufer und Kölln auf einer Spreeinsel. Die Stelle war zur Anlage einer Ansiedelung geeignet, weil sich hier ein bequemer Übergang ĂŒber die Spree fĂŒr die von Leipzig nach der untern Oder fĂŒhrende alte Handelsstraße darbot. Der Ort B. bildete sich wohl im Anschluß an eine slawische Kastellanei, an deren Stelle unter den Askaniern eine markgrĂ€fliche Vogtei trat, und bedeckte den Raum zwischen der Spree und der Neuen Friedrichstraße, dem spĂ€tern Stadtteil B. entsprechend, wĂ€hrend Kölln nur den sĂŒdlichen Teil der Spreeinsel umfaßte. Vorzugsweise nach NO. und S. erstreckte sich das Gemeindeland, ferner Acker und Wiesen beider Orte, wobei das Ă€ltere und wichtigere B. mit weit grĂ¶ĂŸerm Grundbesitz (120 Hufen Ackerland) ausgestattet erscheint als Kölln. Beide Orte erhielten unter der Regierung der Markgrafen Johann I. und Otto III. Stadtrechte, Kölln um 1232 von Spandau, B. um 1240 von Brandenburg a. H. FĂŒr Kölln war die Petrikirche, fĂŒr B. die Nikolaikirche Pfarrkirche, neben der hier im 13. Jahrh. noch die Marienkirche gebaut wurde.

Der Name »B.« ist wahrscheinlich auf »Wehr« (Damm) zurĂŒckzufĂŒhren und der BĂ€r als Wappentier erst nachtrĂ€glich (s. oben, S. 701) gewĂ€hlt worden; »Kollen« (Kölln) bezeichnet im Wendischen einen aus Sumpf und Wasser sich erhebenden HĂŒgel. An der Spitze beider StĂ€dte stand ein gemeinsamer Stadtschultheiß, unter ihm 2 RĂ€te, in Berlin von 12, in Kölln von 6 Mitgliedern gebildet. Der am Jahresschluß abtretende Rat ernannte die neuen Mitglieder, trat aber meist im darauf folgenden Jahre wieder in Funktion. Die Vereinigung der RĂ€te beider StĂ€dte zu einem gemeinsamen Rat (1307) wurde schon 1311 aufgehoben. B. wurde gleich andern mĂ€rkischen StĂ€dten zu den Landtagen hinzugezogen und galt um 1400 als Hauptstadt des Barnim und Teltow. Auch in dem mĂ€rkischen StĂ€dtebund spielte es eine Hauptrolle und trat im 15. Jahrh. der Hansa bei. 1391 erwarb es das Schultheißenamt und die Gerichtsgewalt. Die Vereinigung beider StĂ€dte (1432) und die Bildung eines gemeinsamen Rates neben dem bestehenden fĂŒhrte zu Unruhen, infolge deren Friedrich II. der Eiserne 1442 die Vereinigung aufhob, den Viergewerken einzelne Sitze in den Ratskollegien zugestand, die Gerichtsbarkeit und das Recht der Niederlage beiden StĂ€dten entzog und den Bau eines Schlosses in Kölln begann. Als der KurfĂŒrst vielen BĂŒrgern die widerrechtlich angeeigneten Lehen entzog, kam es zur offenen Fehde (»Berliner Unwille«), bis sich B. 1448 einem Gericht der StĂ€nde der Mittelmark zu Spandau unterwerfen und die Verfassung von 1442 anerkennen mußte. B. war nun und blieb die Residenz der Hohenzollern. Eine dauernde Hofhaltung fĂŒhrte zuerst Johann Cicero in Berlins Mauern ein. Joachim I. verlieh 1508 wieder die Gerichtsbarkeit der Stadt, behielt sich nur die Ernennung des Richters vor, bis auch diese 1544 der Stadt zufiel. Joachim II., mit dem B. 1539 das lutherische Bekenntnis annahm, reformierte das Kirchen- und Schulwesen, wobei das Kirchenpatronat auf den Rat ĂŒberging, und baute die noch aus dem 13. Jahrh. stammende Dominikanerkirche (auf dem heutigen Schloßplatz) zu einer Dom- und Gruftkirche fĂŒr das Herrscherhaus um. Unter Joachim II. begann auch 1538 der Um- oder Neubau des Schlosses in Kölln (s. oben). In die Regierungszeit Johann Georgs (1571–98) fallen die erste Bebauung des Werders in der NĂ€he des königlichen Schlosses, die Errichtung der ersten lateinischen Schule (1574 in dem aufgehobenen Franziskanerkloster) sowie die Niederlassung von Handwerkern und KĂŒnstlern aus den Niederlanden. Der 1613 erfolgte Übertritt des KurfĂŒrsten Johann Siegmund zum reformierten Bekenntnis hatte in B. mehrere AuflĂ€ufe zu Folge, in deren einem (1615) sogar der Statthalter, Markgraf Johann Georg von JĂ€gerndorf, verwundet wurde. WĂ€hrend des DreißigjĂ€hrigen Krieges wurde B. nur wĂ€hrend der Jahre 1627–43 in Mitleidenschaft gezogen und von Kaiserlichen und Schweden mehrfach bedroht, mußte aber nur 1636 und 1639 an die Schweden Kontributionen zahlen. Insgesamt hat die Stadt etwa 1/2 Mill. Tlr. fĂŒr den Krieg aufwenden mĂŒssen, wovon jedoch drei FĂŒnftel fĂŒr Zwecke der Landesverteidigung verausgabt wurden. Die Bevölkerung, um 1600 etwa 14,000 Seelen, war um 1650 auf kaum 8000 gesunken; man zĂ€hlte 1654 neben 727 bewohnten 147 verlassene HĂ€user im Stadtteil B., ferner wurden die VorstĂ€dte 1640–41 aus RĂŒcksicht auf die Verteidigung der Stadt von den kurfĂŒrstlichen Truppen selbst zerstört.

Ein großer Aufschwung der Stadt erfolgte unter Friedrich Wilhelm, dem Großen KurfĂŒrsten. Zuerst sorgte er fĂŒr die Pflasterung und Beleuchtung der Straßen, dann wurden Maßregeln fĂŒr die Bebauung der wĂŒsten Stellen getroffen, alle kurfĂŒrstlichen GebĂ€ude und Anlagen wiederhergestellt und der Lustgarten, ein Park in hollĂ€ndischem Stil, mit Lusthaus und Orangerie angelegt. Von Privatbauten entstanden die Palais Derfflingers (am Köllnischen Fischmarkt), Schombergs (im 19. Jahrh. kronprinzliches Palais), Danckelmanns (in der Kurstraße). Der KurfĂŒrst erleichterte die Steuerlast der Hausbesitzer durch EinfĂŒhrung der Akzise (1667), ferner der Kopf- und der Stempelsteuer, neben denen von frĂŒher her die Bierziese bestand. Die Verfolgungen der Protestanten in Frankreich, die Aufhebung des Edikts von Nantes, verbunden mit dem Potsdamer Edikt vom 29. Okt. 1685, fĂŒhrten eine Menge gewerbfleißiger Franzosen nach B., die viele Privilegien (z. B. besondere Gerichtshöfe, langjĂ€hrige Steuerfreiheit etc.) erhielten; ihnen schlossen sich 1689 und 1697 auch viele PfĂ€lzer und Schweizer an. Dadurch wurde eine bedeutende Erweiterung der StĂ€dte notwendig. Schon 1658 begann die VergrĂ¶ĂŸerung der Anlagen auf dem Werder; 1670 fing man an, die Spandauer Vorstadt aufzubauen; 1674 entstand eine neue Vorstadt vor dem neuen Tor des Friedrichswerders, seit 1676 von ihrer GrĂŒnderin, der KurfĂŒrstin Dorothea, Dorotheenstadt genannt. Seit 1680 wurden die ĂŒbrigen VorstĂ€dte und Neu-Kölln angelegt. Die Einwohnerzahl war beim Tode Friedrich Wilhelms (1688) auf 20,000 gestiegen. Das Aussehen der Stadt wurde sehr verĂ€ndert durch die 1658 begonnene Befestigung; schon 1657 hatte B. Garnison (etwa 2000 Mann) erhalten. Der damals aus der Spree abgeleitete Festungsgraben umgab B. und Kölln in zwei Armen: der eine ging rechts aus dem Hauptstrom bei der Stralauer und mĂŒndete in denselben unweit der Spandauer BrĂŒcke; die andre HĂ€lfte begann oberhalb der WaisenbrĂŒcke und ging um Kölln und den Werder in den Kupfergraben. Der Friedrichswerder, seit 1667 ein besonderer Stadtteil mit eignem Magistrat, und Neu-Kölln waren außerhalb des Festungsgrabens in die Verteidigungslinie eingeschlossen. Die neue Befestigung bestand jedoch nur wenige Jahrzehnte unverĂ€ndert.

Friedrich III. (als König Friedrich I.) beschloß 1688 den Anbau der Friedrichstadt, und bereits 1695 standen 300 GebĂ€ude nach einem bestimmten Plan, der durch Friedrich Wilhelm I. zu dem gegenwĂ€rtigen Umfang erweitert wurde. Zu den bedeutendern Bauten König Friedrichs I. gehören außerdem: das Zeughaus, das AkademiegebĂ€ude, die KurfĂŒrstenbrĂŒcke, die Sternwarte, die Kirchen auf dem Gendarmenmarkt, die Garnisonschule u. a. Sein glĂ€nzender Hof erzeugte auch unter den BĂŒrgern Luxus und VergnĂŒgungssucht. KaffeehĂ€user wurden angelegt und Schauspiele zuerst 1690 von den Truppen Sebastian Scios und des sĂ€chsischen Hofkomödianten Magister Feldheim im Rathaus ausgefĂŒhrt. Unter Friedrich I. wurden auch die bisher getrennten und von besondern Magistraten verwalteten Stadtteile Berlin, Kölln, Friedrichswerder, Friedrichstadt, Dorotheenstadt 1709 zu einem Ganzen vereinigt und einem Magistrat (bestehend aus 4 BĂŒrgermeistern, 2 Syndiken, 3 KĂ€mmerern und 10 Ratsherren, deren Amt stĂ€ndig, aber erst seit Friedrich Wilhelm I. vom König besetzt wurde) untergeordnet. Die Einzelbenennungen Kölln, Friedrichstadt u. a. gingen seitdem in dem Gemeinnamen B. unter. 1710 wurde ein Stadtgericht errichtet, das aber nur fĂŒr die BĂŒrger galt, wĂ€hrend im Amte MĂŒhlenhof der dortige Hauptmann, im Schloßbezirk der Hausvogt und fĂŒr vornehme Personen das Kammergericht zustĂ€ndig blieben. Auch die Polizei blieb in den HĂ€nden des Gouverneurs und des Hausvogts.

WĂ€hrend der Regierung Friedrich Wilhelms I., der zuerst seine Edikte nicht von Kölln an der Spree, sondern von B. datierte, wurden das Friedrich Wilhelms-Waisenhaus und der Schloßbau bis 1716 grĂ¶ĂŸtenteils vollendet und der Lustgarten in einen Exerzierplatz umgewandelt. Vornehmlich ward die Friedrichstadt ausgebaut, ferner zahlreiche Kirchen gebaut (ihre Zahl stieg von 12 auf 25); schon 1737 gab es dort 1682 HĂ€user. FĂŒr das Schulwesen waren die Anlage der frĂŒhern GebĂ€ude des Joachimsthalschen Gymnasiums und die GrĂŒndung einer Kadettenschule von Bedeutung. Ferner wurde der botanische Garten der Akademie (jetzt der UniversitĂ€t) angelegt und im NW. der Stadt ein Pesthaus errichtet, an dessen Stelle Friedrich II. 1785 die CharitĂ© erbaute. 1740 bestanden außer den schon 1709 eine Stadt bildenden fĂŒnf StĂ€dten noch die Luisenstadt, das Stralauer Viertel, die Königsstadt, die Sophienstadt.

Unter Friedrich d. Gr. wurde noch vor dem SiebenjĂ€hrigen Kriege der Tiergarten zu einem Park umgestaltet; auch erfolgte die Abtragung der noch vorhandenen Befestigungswerke (1745), anderen Stelle die Neue Friedrichstraße, Alexanderstraße und Wallstraße traten. 1747 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, wodurch die Zahl der Ratsmitglieder auf 20 erhöht wurde, die sich durch eigne Wahl ergĂ€nzen sollten; an ihre Spitze trat ein vom König ernannter StadtprĂ€sident, der zugleich die Polizei mit mehreren Ratsmitgliedern leitete; erst 1795 erfolgte die Errichtung einer vom Magistrat gesonderten Polizeibehörde. 1757 drang der österreichische General Haddik in die VorstĂ€dte ein und erpreßte eine Kontribution von 200,000 Tlr. 1760 beschossen die Russen unter Totleben die Stadt vom Tempelhofer Feld aus, drangen 9. Okt. in dieselbe ein und erhoben eine Kontribution von 11/2 Mill. Tlr. Der Kaufmann Gotskowsky machte sich um die Milderung der feindlichen Forderungen sehr verdient. Nach dem Frieden fanden sich von den 1755 vorhandenen 126,661 Einw. nur noch 103,200 vor. Friedrich d. Gr. suchte durch Kanalbauten den Handel Berlins zu heben und richtete neue Industriezweige ein. Es wurden auf königliche Kosten großartige Seidenfabriken, Webereien und Druckereien fĂŒr Kattun u. a. angelegt; die Porzellanmanufaktur hatte er schon 1751 errichtet. Die Bevölkerung stieg bis nahe an 150,000, wovon allerdings noch nicht 11,060 BĂŒrger waren. Dieser Zuwachs machte die Anlegung der Rosenthaler und die Erweiterung der Stralauer Vorstadt nötig. Zur Verschönerung der Stadt trugen die beiden TĂŒrme auf dem Gendarmenmarkt bei, ferner die AusschmĂŒckung des Wilhelmsplatzes, das Opernhaus, das Schauspielhaus, die königliche Bibliothek und andre öffentliche Bauten. Damals war B. der Sammelplatz der französischen Schön- und Freigeister (d'Argens, Voltaire, Lamettrie); auch Lessing, Moses Mendelssohn, Ramler, Gleim, Engel hielten sich grĂ¶ĂŸtenteils in B. auf. Unter Friedrich Wilhelm II. wurde das Brandenburger Tor (s. oben, S. 693) errichtet.

WĂ€hrend des letzten Jahrzehnts des 18. Jahrh. hob sich, begĂŒnstigt durch die französische Revolution, namentlich die Seidenzeugfabrikation. Auch die kĂŒnstlerischen und literarischen VerhĂ€ltnisse der Stadt erlangten von Tag zu Tag eine grĂ¶ĂŸere Bedeutsamkeit. Anstalten wie die Tierarzneischule, die Artillerieakademie, das medizinische Friedrich Wilhelms-Institut wirkten auf den gesamten Staat zurĂŒck. Noch grĂ¶ĂŸer wurden die Fortschritte Berlins seit dem Anfang des 19. Jahrh., und die im UnglĂŒcksjahr 1806 erfolgende Besetzung der Stadt durch die Franzosen (24. Okt. 1806 bis 1. Dez. 1808) machte darin nur eine kurze Unterbrechung. Eine völlige Änderung der Verwaltung fĂŒhrte die neue StĂ€dteordnung von 1808 herbei, die im April 1809 in B. durchgefĂŒhrt wurde. Der Magistrat bestand fortan aus einem OberbĂŒrgermeister, einem BĂŒrgermeister, 2 Syndiken, einem KĂ€mmerer, einem Baurat, 4 besoldeten und 12 unbesoldeten StadtrĂ€ten; die Stadtverordnetenversammlung zĂ€hlte 102 Mitglieder. Erst 23. Dez. 1809 kehrte die königliche Familie nach B. zurĂŒck. Das wissenschaftliche Leben der Residenz erhielt 1816 durch die GrĂŒndung der UniversitĂ€t einen neuen Mittelpunkt. An Stelle der Akzise trat damals eine Konsumtions- und Luxussteuer, außerdem wurde eine Gewerbesteuer eingefĂŒhrt. Als Preußen sich 1813 gegen Frankreich erklĂ€rte, strömte auch ein großer Teil der Berliner Bevölkerung begeistert zu den Fahnen. Am 20. Febr. 1813 drangen russische Reiter unter Tschernitschew und Tettenborn in die Stadt ein, die inzwischen wieder von einem französischen Korps besetzt war, und der Übergang Wittgensteins ĂŒber die Oder nötigte den französischen General Saint-Cyr, 4. MĂ€rz B. zu rĂ€umen. Weitere Versuche der Franzosen gegen die Hauptstadt wurden durch die Siege der Nordarmee bei Großbeeren und Dennewitz vereitelt. Nach 1816 begann von neuem die Verschönerung Berlins durch PrachtgebĂ€ude und DenkmĂ€ler aller Art, vornehmlich unter Schinkel. Sein erstes grĂ¶ĂŸeres Werk war das neue Schauspielhaus, das an Stelle des Ă€ltern abgebrannten 1819–21 errichtet ward; dann folgten das Museum, die Königs- oder Neue Wache, die SchloßbrĂŒcke, die Werdersche Kirche, die frĂŒhere Bauakademie und die frĂŒhere Artillerie- und Ingenieurschule (letztere in »Unter den Linden«). 1834–36 entstand das Palais des spĂ€tern Kaisers Wilhelm I. (s. oben). Eine andre Verschönerung der Stadt unter Friedrich Wilhelm III. war die Ausstellung der Standbilder BlĂŒchers, Scharnhorsts und BĂŒlows nach Rauchs Modellen (1822–26) am Opernhausplatz; 1840 ward der Grundstein zum Friedrichsdenkmal gelegt. Damals wurde von dem Gartenbaudirektor LennĂ© der Tiergarten in einen englischen Park umgewandelt. 1826 begann die EinfĂŒhrung der Gasbeleuchtung, und die erste Eisenbahn von B. nach Potsdam wurde 29. Okt. 1838 eröffnet.

Kunstsinnig wirkte Friedrich Wilhelm IV. fĂŒr B. Unter seiner Regierung entstanden das Opernhaus, das Neue Museum, das Krollsche GebĂ€ude am Königsplatz, Kirchen und Kapellen, Bethanien, das katholische Hedwigskrankenhaus, die Ulanenkaserne zu Moabit, das ZellengefĂ€ngnis ebendaselbst; ferner wurden die FriedenssĂ€ule auf dem Belle-Allianceplatz, die Standbilder Yorcks u. Gneisenaus am Opernplatz, Thaers an der Bauakademie, das Denkmal Friedrich Wilhelms III. im Tiergarten, endlich das Reiterdenkmal Friedrichs d. Gr. eingeweiht; das Nationalkriegerdenkmal im Invalidenpark ist das letzte Werk dieser Art. Neue Stadtviertel wurden errichtet, die Friedrich Wilhelmsstadt und die Friedrichsvorstadt schlossen die zwölf historischen Bestandteile der Stadt ab, so, wie sie mit ihren 458,000 Einw. Ende 1858 bestand. Diese gĂŒnstige Entwickelung wurde durch die MĂ€rzrevolution von 1848, die vom 18.–20. MĂ€rz zum Bau von Barrikaden und zu blutigen KĂ€mpfen mit dem MilitĂ€r fĂŒhrte (vom Volke fielen 183, von den Truppen 20 Mann), nur unwesentlich gehemmt. Doch wurde 1848 eine neue Polizeitruppe, die Schutzmannschaft, errichtet. Unter König Wilhelm I. wurde B. durch die Aufnahme eines großen Teiles der VorstĂ€dte in seine Mauern (die weggerissen wurden) bedeutend vergrĂ¶ĂŸert und durch zahlreiche Prachtbauten (besonders wĂ€hrend der 1870er Jahre), ferner die ZuschĂŒttung der alten FestungsgrĂ€ben sowie den Bau der Stadtbahn in seinem Aussehen völlig umgestaltet. Die Stadt dehnte sich, wĂ€hrend in den alten Stadtteilen Berlin, Kölln und Friedrichswerder die HĂ€user in GeschĂ€ftshĂ€user verwandelt und die Einwohner verdrĂ€ngt wurden, im Laufe der Zeit (außer im N.) ĂŒber die Grenzen ihres Weichbildes aus, indem 1861 Moabit und 1878 ein Teil der Feldmark von Lichtenberg einverleibt wurden. Die neueste Entwickelung Berlins ist in die Darstellung seiner heutigen Erscheinung verwoben worden (s. oben). Der gewaltige Aufschwung der Berliner Industrie zeigte sich auf den Gewerbeausstellungen 1879 und 1896. Seine neueste Geschichte lĂ€ĂŸt sich nicht von der des preußischen Staates trennen. B. wurde 1871 auch Hauptstadt des Deutschen Reiches; hier ward 13. Juli 1878 der Berliner Friede (s. Berliner Kongreß) unterzeichnet. Vom November 1884 bis Ende Februar 1885 tagte in B. die Konferenz ĂŒber die Kongofrage (s. Kongokonferenz), 15.–29. MĂ€rz 1890 die Arbeiterschutzkonferenz (s. d.).

[Literatur.] Amtliche Werke: »Statistisches Jahrbuch der Stadt B.« (hrsg. von R. Böckh); Verwaltungsbericht ĂŒber die Gemeindeverwaltung der Stadt B. von 1889–95 (1899–1900, 2 Bde.). Vgl. ferner: Ring, Die deutsche Kaiserstadt B. (Leipz. 1883, 2 Bde.); Lindenberg, B. in Wort und Bild (Berl. 1894–95); BĂ€deker, Berlin, FĂŒhrer (12. Aufl., Leipz. 1902); F. v. Zobeltitz, B. und die Mark Brandenburg (Bielef. 1902); O. Raschdorff, B. Rundbild vom neuen Dom aufgenommen (1900); »B. und seine Bauten« (hrsg. vom Architektenverein, 1896, 2 Bde.); MĂŒller-Bohn, Die DenkmĂ€ler Berlins (1897); Muther u. Hirth, Cicerone der königlichen GemĂ€ldegalerie von B. (MĂŒnch. 1889); Spemanns »HandbĂŒcher der königlichen Museen zu B.« (1891 ff.); Borrmann, Die Bau- und KunstdenkmĂ€ler von B. (1892); »Das medizinische B.« (6. Aufl. 1901); Dahms, Das literarische B. (1895); Virchow und Guttstadt, Die Anstalten der Stadt B. fĂŒr die öffentliche Gesundheitspflege (1886); Pistor, Das öffentliche Gesundheitswesen von B. 1886 bis 1888 (1890); Geologisches von Berendt (s. d. 2); Hellmann, Das Klima von B. (1891); Wiedfeldt, Statistische Studien zur Entwickelungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720–1890 (Leipz. 1898); »Der richtige Berliner in Wörtern und Redensarten« (4. Aufl. 1882); Brendicke, Der Berliner Volksdialekt (1895); Spielmann, Die Anstalten zur Pflege von Wissenschaft und Kunst in B. (1897); Rodenberg, Bilder aus dem Berliner Leben (1890, 3 Bde.); »Die Stadt B.« (Festschrift zum 7. Geographenkongreß 1899); »Die StraßenbrĂŒcken von B.« (amtlich, 1902); »Die Wohlfahrtseinrichtungen Berlins« (2. Aufl. 1899); Rowe, Die Gemeindefinanzen von B. und Paris (Jena 1893); Voigt, Grundrente und Wohnungsfrage in B. (das. 1901); »FĂŒhrer durch das kirchliche B.« (1902); Evers, Die Berliner Stadtmission (1902); Brachvogel, Handbuch der Behörden der Provinz Brandenburg um. des Stadtkreises B. (1901). – FĂŒr die Umgebung Berlins vgl. Trinius, Die Umgebung der Kaiserstadt B. in Wort und Bild (1888); F. Fontanes »FĂŒhrer durch die Umgegend von B.« (5 Tle.).

Zur Geschichte Berlins vgl. die zahlreichen »Publikationen des Vereins fĂŒr die Geschichte Berlins«, die von diesem herausgegebene »Berlinische Chronik nebst Urkundenbuch« sowie dessen Zeitschriften: »Mitteilungen« (seit 1884) und »Der BĂ€r« (seit 1875); Nicolai, Beschreibung von B. und Potsdam (1786, 3 Bde.); Geppert, Chronik von B. seit Entstehung der Stadt (1837–41); Fidicin, Historisch-diplomatische BeitrĂ€ge zur Geschichte der Stadt B. (1837–1842, 5 Bde.); Derselbe, B., historisch und topographisch (2. Ausg. 1852); Streckfuß, 500 Jahre Berliner Geschichte (neue Ausg. von Fernbach, 1900); Derselbe, B. im 19. Jahrhundert (1867–69, 4 Bde.); Woltmann, Die Baugeschichte Berlins (1872); Rosenberg, Die Berliner Malerschule (1879); »Berlin im Jahre 1786. Schilderungen der Zeitgenossen« (Leipz. 1886); Schwebel, Geschichte der Stadt B. (1889, 2 Bde.); L. Geiger, B. 1688–1840; Geschichte des geistigen Lebens (1892–95, 3 Tle.); Wolff, Berliner Revolutionschronik (neue Ausg. 1897); Busch, Die Berliner MĂ€rztage von 1848 (MĂŒnch. 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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