Völkerwanderung

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Völkerwanderung

V√∂lkerwanderung, Gesamtname jener Z√ľge germanischer und andrer V√∂lker nach dem Westen und S√ľden Europas im 4.‚Äď6. Jahrh. n. Chr., wodurch das r√∂mische Weltreich zertr√ľmmert und der √úbergang vom Altertum zum Mittelalter angebahnt ward. Durch diese Heerfahrten und Wanderungen erhielt ein gro√üer Teil Europas eine neue Bev√∂lkerung, indem sich die Einwanderer, die auf ihren Z√ľgen selbst oder in den neuen Wohnsitzen das Christentum annahmen, mit der r√∂mischen oder romanisierten Einwohnerschaft vermischten und neue soziale und sittliche Zust√§nde sowie neue Sprachformen bildeten; f√ľr die materielle Kultur des sogen. V√∂lkerwanderungsstils s. Art. ¬ĽMetallzeit¬ę, S. 685. In Mitteleuropa dehnten sich teils die zur√ľckgebliebenen St√§mme weiter aus, teils r√ľckten dort andre V√∂lker, namentlich Slawen, ein, bis die allgemeine V√∂lkerflut, in der einzelne St√§mme v√∂llig untergingen oder in der Vereinigung mit andern verschwanden, allm√§hlich aufh√∂rte und die V√∂lker sich in den gewonnenen Sitzen dauernd festsetzten. Das R√∂mische Reich erschien schon seit der Zeit vor Christi Geburt den an seiner Nordgrenze wohnenden Barbaren, sobald diese die feinern Gen√ľsse und den Luxus der r√∂mischen Hochkultur kennen gelernt, als ein Land der Sehnsucht, dessen Vorz√ľge nicht blo√ü einzelne Edelinge, sondern auch ganze St√§mme verlockten, in r√∂mische Dienste zu treten oder sich vertragsm√§√üig auf r√∂mischem Boden niederzulassen, w√§hrend andre V√∂lker die ersehnten Reicht√ľmer raubten oder fruchtbare Landstriche eroberten. So verheerten die Goten von der Nordk√ľste des Schwarzen Meeres zur See die K√ľsten Kleinasiens und der Balkanhalbinsel und drangen auch zu Lande √ľber die Donau vor; die Sachsen befuhren von der untern Elbe und Weser aus die westlichen Meere und pl√ľnderten die K√ľsten Britanniens, Galliens u. a. Die Alemannen bem√§chtigten sich schon im 3. Jahrh. des r√∂mischen Zehntlandes, die Franken setzten sich gegen Ende des 3. Jahrh. zwischen Rhein und Schelde fest. Ein allgemeines Vorr√ľcken der Germanen nach S√ľdwesten, die f√∂rmliche √úberschwemmung des R√∂mischen Reiches durch barbarische V√∂lkermassen, wurde aber erst durch den Einfall der Hunnen veranla√üt. Diese zerst√∂rten 375 das m√§chtige Gotenreich Hermanrichs. Die Ostgoten und andre Germanen unterwarfen sich den Hunnen, die sich in der ungarischen Tiefebene festsetzten. Die Westgoten sicherten sich durch den Sieg √ľber Valens bei Adrianopel (378) den Besitz von M√∂sien und Thrakien. Alarich f√ľhrte sie, nachdem er 395/96 Griechenland verw√ľstet hatte, schon 401 nach Italien, ward aber 402 von Stilicho zur√ľckgetrieben, der auch 406 in Toskana ein gemischtes Germanenheer unter Radagaisus, das von der mittlern Donau her eingebrochen war, vernichtete. Nach seinem Tode (408) brachen die Westgoten unter Alarich wieder in Italien ein, w√§hrend zu gleicher Zeit die durch Zusammenziehung der r√∂mischen Legionen zum Schutz Italiens entbl√∂√üten Provinzen Gallien, Spanien, Britannien und Afrika von germanischen V√∂lkern √ľberflutet wurden. Die Alemannen nahmen das Oberrheingebiet in Besitz, die Burgunden setzten sich am Mittelrhein fest, die Angeln und Sachsen eroberten Britannien; Alanen, Wandalen und Sueven durchzogen Gallien und schlugen ihre Wohnsitze in Spanien auf; von hier aus eroberten die Wandalen 429‚Äď439 auch Afrika und die Inseln des westlichen Mittelmeers. Die Westgoten, 412 von Athaulf nach Gallien gef√ľhrt, gr√ľndeten 419 unter Wallia in S√ľdgallien und Nordspanien ein selbst√§ndiges Reich.

Mit Ausnahme von Britannien, wo die heidnischen Angelsachsen die Briten aus ihrem Reiche verdr√§ngten, und den Rheinlanden, wo die d√ľnne romanische Bev√∂lkerung nach dem Westen zur√ľckwich, wurden die R√∂mer bei ihrem Recht, ihrer Sprache und ihren Sitten belassen und mu√üten nur ein Drittel, selten mehr, von ihrem Grundbesitz den germanischen Eroberern abtreten, die in den von germanischen K√∂nigen beherrschten Reichen den kriegerischen Adel bildeten. Die √ľberlegene Kultur der weit zahlreichern r√∂mischen Bev√∂lkerung √ľbte bald einen assimilierenden Einflu√ü auf die Germanen aus, deren v√∂llige Verschmelzung mit den R√∂mern haupts√§chlich durch ihr arianisches Christentum verz√∂gert wurde. Auch waren die Germanen empf√§nglich f√ľr die Segnungen eines geordneten Staatswesens und vereinigten sich mit den R√∂mern zur Abwehr des Hunnenk√∂nigs Attila, der 437 das Burgundenreich am Mittelrhein zerst√∂rte und 451‚Äď453 an der Spitze ungeheurer V√∂lkermassen westw√§rts zog. Die Tr√ľmmer des westr√∂mischen Reiches in Italien und Gallien konnten sich gleichwohl nicht behaupten: das Rhonegebiet nahmen die vom Rhein vertriebenen Burgunden ein, das Seinegebiet 486 die Franken. In Italien machte der germanische S√∂ldnerf√ľhrer Odoaker 476 dem westr√∂mischen Kaisertum ein Ende; seine Herrschaft aber wurde schon 489 durch die Ostgoten gest√ľrzt, deren K√∂nig Theoderich in Italien ein lebenskr√§ftiges Reich gr√ľndete und eine schiedsrichterliche Oberhoheit √ľber die germanischen Reiche erlangte. So waren um 500 alle Provinzen des westr√∂mischen Kaiserreichs im Besitz germanischer Eroberer.

Unter dem ostr√∂mischen Kaiser Justinian I. (527‚Äď565) unternahmen die R√∂mer die Wiedereroberung des Verlornen. Belisar zerst√∂rte 534 das Wandalenreich in Afrika, er und Narses eroberten 535‚Äď553 auch Italien. Indes Ober- und Mittelitalien verloren sie 568 wieder an die Langobarden, die nach Zerst√∂rung des Gepidenreichs (566) in Italien einfielen. Das Westgotenreich unterlag erst 711 den Arabern. Das Frankenreich endlich dehnte seine Herrschaft √ľber einen gro√üen Teil des alten westr√∂mischen Reiches aus, indem es 507 das westgotische Gallien, 534 das Burgundenreich, 774 das Langobardenreich eroberte. Durch Unterwerfung der Alemannen (496), der Th√ľringer (530), der Sachsen (785) und der Bayern (788) gewann es s√§mtliche germanischen V√∂lker Mitteleuropas f√ľr die christliche Kultur, die zugleich durch den Sieg bei Tours (732) gegen den Islam verteidigt wurde. Die Wiederaufrichtung des westr√∂mischen Kaiserreichs durch den Frankenk√∂nig Karl d. Gr. 800 gab der V√∂lkerbewegung im Abendland einen gewissen Abschlu√ü. Des Christentums weitere Ausbreitung war gesichert; von der antiken Kultur waren bildungsf√§hige Reste erhalten, der romanischen Welt neue Lebenskr√§fte zugef√ľhrt und dem Germanentum die Entfaltung zu einer h√∂hern Zivilisation ohne Verlust seiner Nationalit√§t erm√∂glicht. W√§hrend nun der europ√§ische Westen zur Ruhe gekommen war, die erst im 8. und 9. Jahrh. gest√∂rt wurde, als in den skandinavischen V√∂lkern die Wanderlust erwachte (s. Normannen), dauerte im Osten die Bewegung fort. Zwar war das Land von der Weichsel bis zur Elbe, Saale und dem B√∂hmerwald schon im 5. Jahrh. von slawischen V√∂lkerst√§mmen besetzt worden (s. Slawen); im innern Ru√üland aber dauerte das Dr√§ngen der Slawen gegen die Finnen noch l√§ngere Zeit, und an der untern Donau, wo die tatarischen Avaren (s. d.), denen die Langobarden Pannonien √ľberlie√üen, bis zu ihrer Vernichtung durch Karl d. Gr. (796) das m√§chtigste Volk waren, trat erst allm√§hlich ein Stillstand ein, nachdem im 7. Jahrh. die finnischen, sp√§ter slawisierten Bulgaren und Serben feste Sitze genommen hatten. Im 9. Jahrh. drangen die Magyaren (s. d.) in Ungarn ein, deren westliche Kriegsfahrten die s√§chsischen K√∂nige Heinrich I. und Otto I. ein Ziel setzten. Vgl. Wietersheim, Geschichte der V. (Leipz. 1858‚Äď64, 4 Bde.; 2. Aufl. besorgt von Dahn, das. 1880‚Äď81, 2 Bde.); Pallmann, Geschichte der V. von der Gotenbekehrung bis zum Tode Alarichs (Gotha u. Weim. 1863‚Äď64, 2 Bde.); Dahn, Die K√∂nige der Germanen (M√ľnch., W√ľrzburg u. Leipz. 1861‚Äď1907, 10 Tle.) und Urgeschichte der germanischen und romanischen V√∂lker (Berl. 1880‚Äď89, 4 Bde.); Gaupp, Die germanischen Ansiedelungen und Landteilungen in den Provinzen des r√∂mischen Westreichs (Bresl. 1844); Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ostgermanen etc. (Berl. 1896, 3 Bde.). H. Lingg hat die V. in einem Epos behandelt.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905‚Äď1909.

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