Verstand


Verstand

Verstand (Intellectus), im allgemeinen Sinne die Fähigkeit des Verstehens, d. h. der sachlich richtigen und genauen Auffassung gegebener Tatsachen oder Gedanken und ihrer Beziehungen. Ein guter V. setzt Scharfe, d. h. die Fähigkeit, die mannigfaltigen Bestandteile eines verwickelten Zusammenhangs zu unterscheiden, und Nüchternheit, d. h. Unabhängigkeit von den subjektiven Einflüssen des Gefühls und der Affekte, voraus und unterscheidet sich dadurch einerseits von der Dummheit, welche die feinern Einzelheiten und Beziehungen nicht erkennt, anderseits von der Schwärmerei, welche die Gebilde der eignen Phantasie an Stelle der Wirklichkeit setzt. Im praktischen Leben heißt deshalb derjenige vorzugsweise verständig, der sich immer durch die ruhige Erwägung der jeweiligen Sachlage, nicht durch Antriebe des Affekts oder durch Wünsche und Hoffnungen leiten läßt. Die Vorzüge des Verstandes bezeichnen aber zugleich seine Schranken. Er ist nicht schöpferisches, aufbauendes, sondern kritisches, ausgestaltendes Vermögen; er liefert unserm geistigen Leben nicht neue wertvolle Inhalte, setzt unserm Handeln nicht neue Aufgaben und Ziele, sondern bringt das Vorhandene nur in übersichtliche Ordnung. zieht aus gegebenen Voraussetzungen die Folgerungen und bestimmt die Mittel zur Erreichung gegebener Zwecke. Die Philosophie definiert demgemäß den V. (nach Kant) als das Vermögen der Begriffe und setzt ihn einerseits zur Anschauung (s. d.), anderseits zur Vernunft (s. d.) in Gegensatz. Erstere ist es, die uns (als sinnliche Wahrnehmung) zuerst Vorstellungen von Gegenständen liefert, der V. bemächtigt sich dieser, er zerlegt und gliedert das einheitliche Anschauungsbild und hebt einzelne Bestandteile und Beziehungen durch Abstraktion daraus hervor, indem er sie in die Form des Begriffs bringt. Die genauere Analyse der Erkenntnis ist freilich dazu gelangt, dieser empirischen, bewußten, diskursiven Verstandesfunktion eine reine, vorbewußte synthetische gegenüberzustellen, indem sie annimmt, daß die an sich zusammenhangs- und beziehungslosen Elemente der Empfindung durch den V. verknüpft und in Beziehung gesetzt werden müssen, um Vorstellungen von Gegenständen, Vorgängen etc. entstehen zu lassen. Hiernach ist nur der Stoff der Anschauung gegeben, ihre Form aber im V. begründet (Intellektualität der Anschauung, Schopenhauer), in den Kategorien oder reinen Verstandsbegriffen kommt uns (nach Kant) diese Form zum Bewußtsein. Aber wie die Anschauung des Verstandes bedarf, so ist dieser seinerseits durchaus an den Stoff der Anschauung gebunden und seine Aufgabe lediglich die »Erscheinungen nach Begriffen zu buchstabieren«, während die Vernunft über Anschauung hinausgeht und die durch Sinne und V. vermittelte empirische Auffassung der Welt zu ergänzen strebt. – Die Formen und Gesetze der (diskursiven) Verstandestätigkeit behandelt im einzelnen die Logik (s. d.). – Gesunder Menschenverstand (lumen naturale) heißt der natürliche und unbefangene, durch keinerlei vorgefaßte Meinungen oder einseitige Denkgewohnheiten beeinträchtigte V.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Verstand — ohne Gefühl ist unmenschlich. Gefühl ohne Verstand ist Dummheit. «Egon Bahr [* 1922]; dt. Politiker» Verstand sieht jeden Unsinn, Vernunft rät, manches davon zu übersehen. «Wieslaw Brudzinski» Der Verstand, der uns nicht hindert, hie und da eine… …   Zitate - Herkunft und Themen

  • Verstand — »Auffassungsgabe, Denkfähigkeit, rechnende Klugheit«: Das vereinzelt schon in älterer Zeit vorkommende Wort (mhd. verstant, ahd. firstand »Verständigung, Verständnis«) hat seine heutige Bedeutung erst seit dem 16. Jh. entwickelt und besonders im… …   Das Herkunftswörterbuch

  • Verstand — [Basiswortschatz (Rating 1 1500)] Auch: • Geist • Sinn • Seele Bsp.: • Er hat einen sehr scharfen Verstand. • Was haben Sie im Sinn? …   Deutsch Wörterbuch

  • Verstand — Verstand, im Allgemeinen das Vermögen des Denkens, u. zwar einer solchen Verknüpfung der Begriffe u. Urtheile, wie sie durch den Inhalt des Gedachten gefordert wird. Diese Beschränkung ist deshalb wesentlich, weil nicht jede beliebige Verknüpfung …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Verstand — Verstand, s. Vernunft …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Verstand — Verstand, das Vermögen zu denken, oder aus Vorstellungen Begriffe zu bilden, diese im Urtheile als ihrem Brennpunkte zu vereinen und daraus Schlüsse zu ziehen …   Damen Conversations Lexikon

  • Verstand — Verstand, lat., intellectus, woher das ital. intelligenza, frz. entendement, engl. understanding, im allgemeinen gleichbedeutend mit Vernunft (s. d.); die neuere Philosophie unterschied den V. von der Vernunft im Ganzen dahin: er bewege sich… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Verstand — ↑Intellekt, ↑Nus, ↑Ratio …   Das große Fremdwörterbuch

  • Verstand — Sm verstehen …   Etymologisches Wörterbuch der deutschen sprache

  • Verstand — 1. Am Verstande trägt man nicht schwer. Die Finnen sagen: Verstand verwundet nicht den Kopf des Mannes. (Bertram, 41.) 2. Besser Verstand und fröhlicher Muth als fürstliche Schätze und königlich Gut. 3. De Verstand kummt mit de Jahre und de… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon


Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.