W√ľrttemberg [1]

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W√ľrttemberg [1]

W√ľrttemberg (fr√ľher Wirtemberg; hierzu die Karte ¬ĽW√ľrttemberg¬ę), K√∂nigreich in S√ľddeutschland, seiner Gr√∂√üe nach der dritte, der Einwohnerzahl nach der vierte der deutschen Bundesstaaten, grenzt gegen N. an Bayern und Baden, gegen Westen und S. an dieselben L√§nder sowie an den Bodensee und die hohenzollerischen Lande, im O. wieder an Bayern. Im N. ber√ľhrt es noch eine Exklave (Wimpfen) des Gro√üherzogtums Hessen, und im S. ist es durch den Bodensee von der Schweiz getrennt. Als Exklaven liegen im Badischen vier (darunter der Hohentwiel bei Singen) und in Hohenzollern f√ľnf Ortschaften.

Physische Verhältnisse

Bodenbeschaffenheit. Die Hauptgebirge des Landes sind der Schwarzwald und die Alb. Der von diesen Gebirgen nicht bedeckte √ľbrige Teil des Landes geh√∂rt der oberschw√§bisch-bayrischen Hochebene und dem schw√§bisch-fr√§nkischen Terrassenland an. Der w√ľrttembergische Schwarzwald (s. d.) macht ungef√§hr ein Drittel, n√§mlich das n√∂rdlichste St√ľck und einen Teil vom nordmittlern St√ľck, des ganzen Schwarzwaldes aus und erstreckt sich von der Gegend von Schramberg im S. bis in die Gegend von Neuenb√ľrg in einer L√§nge von 80 km. Die h√∂chsten Punkte des w√ľrttembergischen Schwarzwaldes sind an der Hornisgrinde der Dreimarkstein (1152 m) und der Kniebis mit der Alexanderschanze (971 m). Die Alb oder der schw√§bische Jura (s. Jura, S. 383) zieht sich von einer Grenze des K√∂nigreichs bis zur andern und zerf√§llt in folgende Teile: Heuberg mit dem 1015 m hohen Lemberg, Hohenzollernalb, Rauhe Alb (Uracher, M√ľnsinger, Blaubeurer, Ulmer Alb), Hochstr√§√ü, Aalbuch, H√§rtsfeld. S√ľdlich von der Alb dehnt sich, zu der oberschw√§bisch-bayrischen Hochebene geh√∂rig, ein von Westen nach O. 50‚Äď60 km, von N. nach S. ca. 70 km sich erstreckendes Gebiet aus, das von einer etwa 580 m hoch liegenden Wasserscheide sich nach S. zum Bodensee, nach N. zur Donau abdacht. Das breite Wiesental der Schussen teilt die s√ľdliche Abdachung in zwei fast gleichhohe Plateaus (650‚Äď750 m), auf deren Oberfl√§che zahlreiche kleine Seen liegen. Der bedeutendste H√∂henzug im Innern des Plateaus, von der Schussen und ihren Zufl√ľssen durchsetzt, f√ľhrt den Namen Altdorfer Wald. In der s√ľd√∂stlichen Ecke des Donaukreises erhebt sich als Ende des aus Bayern hereinziehenden Alpenlandes der Gebirgsstock der Adelegg mit dem Schwarzen Grat (1119 m). N√∂rdlich von der genannten Wasserscheide slacht sich das von moorigen Wiesengr√ľnden durchschnittene Land zur Donau ab, deren Spiegel bei Ulm noch 465 m √ľ. M. liegt. Die n√∂rdlichste H√∂he ist hier der isoliert sich erhebende Bussen (767 m) √∂stlich von Riedlingen. √Ėstlich vom Schwarzwald und n√∂rdlich von der Alb breitet sich das schw√§bische und fr√§nkische Terrassenland aus. Die bedeutendsten H√∂hen liegen im S., wo die von Donaueschingen bis gegen Rottweil sich erstreckende Hochfl√§che, die Baar genannt, 715‚Äď780 m Meeresh√∂he hat. Die zu beiden Seiten des obern Neckar bis Horb sich ausdehnenden Fl√§chen haben ein Niveau von 715‚Äď520 m Meeresh√∂he, ein gleiches das von der Nagold durchflossene, den Ostrand des untern Schwarzwaldes begleitende Plateau des obern G√§us. √Ėstlich von diesem breiten sich der Sch√∂nbuch, die Filder und das Strohg√§u aus, Plateaulandschaften von 550‚Äď650 m H√∂he. An das H√ľgelland des obern Neckar von Rottweil (542 m) bis Plochingen (247 m) schlie√üt sich zuerst an: zwischen Neckar, Fils und Rems nach O. der bis 513 m ansteigende Schurwald; weiterhin in dem durchschnittlich unter 320 m absinkenden Plateau- und H√ľgelland zwischen Neckar, Enz und der Rheinebene der Stromberg (bis zu 477 m) und der Heuchelberg (bis zu 336 m). N√∂rdlich vom Aalbuch und H√§rtsfeld, zwischen Rems, Kocher und Jagst, breiten sich h√∂here Plateaus aus, die zum Teil in niedern Bergz√ľgen endigen: der Welzheimer Wald, der Mainhardter Wald, die Waldenburger und die L√∂wensteiner Berge, diese s√§mtlich westlich vom Kocher, die Limpurger Berge zwischen Kocher und Jagst, die Ellwanger Berge und das Krailsheimer Hardt im O. der Jagst. Dieses gesamte Gebiet hat an wenigen Punkten unter 400 m, nirgends √ľber 650 m H√∂he. Tiefer liegen die fruchtbarern, nach NW. l√§ngs des Kocher, der Jagst und der Tauber bis an den Main und Odenwald sich ausdehnenden Plateaus, n√§mlich die Haller Ebene, die sich von Hall gegen O. bis Kirchberg erstreckt, und die gr√∂√üere Hohenloher Ebene, die von √Ėhringen bis Rothenburg an der Tauber reicht; bis zu 140 m sinkt das Land an der M√ľndung des Kocher und der Jagst in den Neckar, wo die beiden erstern Fl√ľsse durch den Harth√§user Wald auseinander gehalten werden.

Gew√§sser. W. hat in allen Teilen sch√∂ne und fruchtbare T√§ler. Das Rheintal ber√ľhrt zwar W. nur mit dem Bodenseekessel, nimmt aber das Haupttal des Landes, das Neckartal, und mehrere Nebent√§ler auf. Der kleinere Teil des Landes geh√∂rt zum Donaugebiet. Die Donau betritt dasselbe unweit Tuttlingen, verl√§√üt es bald bei Fridingen und erreicht es bei Scheer wieder, um es bis Ulm in nach NO. gerichtetem Laufe zu durchstr√∂men und hier nach insgesamt 175 km langem Laufe nach Bayern √ľberzutreten. Sie nimmt in W. von rechts her auf: die Ablach, die Ri√ü, die Rot und zahlreiche andre kleinere Gew√§sser, au√üerdem bei Ulm die der Donau mindestens ebenb√ľrtige Iller, die ihr gewaltige Mengen von Ger√∂ll zuf√ľhrt; von links her: die Elta, Beera, Lauchert, Aach, Lauter, Schmiech und Blau. Der gr√∂√üere Teil des Landes ist Rheingebiet, und zwar durch den Neckar, den Hauptflu√ü W√ľrttembergs. Er entspringt im √§u√üersten S√ľdwesten des Landes, in der Baar, tritt unterhalb Sulz ins Hohenzollerische, aber bald wieder nach W. √ľber und durchflie√üt es in nach N. gerichtetem Laufe, von Kochendorf bis Gundelsheim die Grenze gegen die gro√üherzoglich hessische Parzelle Wimpfen und gegen Baden bildend und hier das Land nach einem 281 km langen Lauf verlassend. Er wird von Lauffen an mit Schiffen und Fl√∂hen (ouch mittels Kettenschleppschiffahrt) befahren; die Fl√∂√üerei auf dem obern Neckar hat seit einigen Jahren aufgeh√∂rt. Seine wichtigsten Zufl√ľsse sind von rechts her: die Prim, Schlichem, Eyach, Echaz, Erms, Fils, Rems, Murr, der Kocher und die Jagst; von links her: die Eschach, Glatt, Nagold, Glems, Enz, Zaber und der Leinbach. Unmittelbar dem Rhein flie√üen zu: die kleinen Fl√ľ√üchen Alb, Pfinz, Salzach und Kraich, dann die Kinzig und die Murg mit der Sch√∂nm√ľnzach. In den Bodensee m√ľnden: die Rotach, die Schussen und die Argen. Ein Nebenflu√ü des Mains ist die Tauber, die den n√∂rdlichsten Teil W√ľrttembergs auf einer Strecke von 43 km durchflie√üt. Seen und Weiher gibt es in Menge, besonders im S. der Bodensee, von dem 115 qkm W. angeh√∂ren, der Federsee bei Buchau im Oberamt Riedlingen, 248 Hektar gro√ü, und mehrere Weiher in Oberschwaben. Mineralquellen z√§hlt man √ľber 70: alkalische W√§sser von erh√∂hter Temperatur (die Schwarzwaldthermen von Liebenzell und Wildbad) und von gew√∂hnlicher Temperatur (an vielen Orten im Buntsandstein und dem Sand und Kiesschutt des oberschw√§bischen Landes); Kohlens√§uerlinge (G√∂ppingen, Jebenhausen, Dizenbach etc.); muriatische S√§uerlinge (Kannstatt, Berg); Eisenwasser (√úberkingen, Niedernau, Teinach); Solen (Jagstfeld, Hall, Sulz und Rottweil); Bitterwasser (Mergentheim); endlich Schwefelquellen (Reutlingen, Sebastiansweiler, Boll).

Tabelle

Seit der Volksz√§hlung von 1900 betrug die j√§hrliche Zunahme der Bev√∂lkerung 1,22, seit der Volksz√§hlung von 1871: 1,11 Proz. Die Zahl der Auswanderer in √ľberseeische L√§nder belief sich in den 10 Jahren 1896‚Äď1905 auf 13,686 Personen gegen 49,848 von 1886‚Äď95 und 58,002 von 1876‚Äď85. Die am dichtesten bev√∂lkerten Bezirke sind die vom Neckar durchflossenen von E√ülingen bis Heilbronn, am schw√§chsten bev√∂lkert die auf der Alb und im s√ľd√∂stlichen Oberschwaben gelegenen. Von den St√§dten z√§hlten 1905: 1 (Stuttgart) √ľber 200,000,1 (Ulm) √ľber 50,000,6 √ľber 20,000,9 √ľber 10,000; weitere 22 St√§dte und 2 Pfarrd√∂rfer z√§hlten von 5000‚Äď10,000 Einw. Nach dem Geschlecht z√§hlte man 1905: 1,122,914 m√§nnliche und 1,179,265 weibliche (auf 100 m√§nnliche 105 weibliche) Personen. Unter 10,000 Einwohnern waren 1905: 6013 ledig, 3401 verheiratet, 575 verwitwet und 11 geschieden. 1906 fanden 18,617 Eheschlie√üungen statt, es wurden 78,922 Personen geboren (einschlie√ülich der Totgebornen) und 47,000 starben (einschlie√ülich der Totgebornen). Unter den Gebornen waren 8,52 Proz. unehelich Geborne; 20 Proz. der Lebendgebornen oder 36,08 Proz. der Gestorbenen √ľberhaupt starben im ersten Lebensjahr. Nach dem religi√∂sen Bekenntnis z√§hlte man 1905: 1,582,745 Evangelische, 695,808 R√∂misch-Katholische, 11,106 andre Christen, 12,053 Israeliten und 467 von andern Bekenntnissen. Die Bewohner sind gr√∂√ütenteils alemannisch-schw√§bischen, in der kleinern Nordh√§lfte des Landes fr√§nkischen Stammes. Reichsausl√§nder waren 1905: 23,376 (10,15 auf 1000 Einw.), meist √Ėsterreicher, Italiener und Schweizer.

Bildungsanstalten

Die geistige Kultur steht in W. von alters her auf einer hohen Stufe. Die Volksschulen, mit Schulzwang vom 7.‚Äď14. Lebensjahr, und die obligatorischen Fortbildungsschulen f√ľr die Jugend bis zum 16. Jahre, soweit dieselbe nicht die gewerblichen Fortbildungsschulen oder h√∂here Unterrichtsanstalten besucht, sind Konfessionsschulen mit gemischt staatlich-kirchlicher Lokalaufsicht; die Oberschulbeh√∂rde f√ľr die evangelischen Schulen ist das evangelische Konsistorium, f√ľr die katholischen der Kirchen rat. 1906 bestanden in W. 2382 √∂ffentliche Volksschulen mit 4890 Lehrern und 615 Lehrerinnen und 315,778 Sch√ľlern und Sch√ľlerinnen. Die Unterhaltung der Volksschulen erforderte 15,809,000 Mk., wozu der Staat 5,333,000 Mk. beisteuerte. √Ėffentliche Bildungsanstalten f√ľr den Volksschuldienst sind: die evangelischen Schullehrerseminare in E√ülingen, N√ľrtingen, K√ľnzelsau, Nagold und Backnang (letzteres von 1909 ab), die katholischen in Gm√ľnd und Saulgau, alle mit Pr√§parandenanstalt, und die Lehrerinnenseminare in Markgr√∂ningen (evangelisch) und Gm√ľnd (katholisch). F√ľr unbemittelte Waisen bestehen die Waisenh√§user in Stuttgart, Ochsenhausen und Markgr√∂ningen als √∂ffentliche Erziehungs- und Unterrichtsanstalten. In Gm√ľnd ist eine Taubstummen- und Blindenanstalt, in B√∂nnigheim eine Taubstummenanstalt, und mit den Lehrerseminaren in N√ľrtingen und Nagold sind Filialanstalten f√ľr taubstumme Z√∂glinge verbunden. An h√∂hern und mittlern staatlichen Unterrichtsanstalten f√ľr die Jugend bestehen: 14 Gymnasien, 2 Progymnasien, 57 Lateinschulen, 4 Realgymnasien, 6 Realprogymnasien, 10 Oberrealschulen, 19 mittlere und 64 untere Realschulen, 2 B√ľrgerschulen, 16 Elementarschulen zur Vorbereitung f√ľr die vorgenannten humanistischen und realistischen Lehranstalten; das h√∂here Lehrerinnenseminar in Stuttgart sowie 13 h√∂here M√§dchenschulen. Zur Vorbereitung der dem evangelisch-geistlichen Stande sich widmenden J√ľnglinge f√ľr das Universit√§tsstudium sind 4 niedere theologische Seminare (in Maulbronn, Sch√∂nthal, Blaubeuren und Urach) bestimmt; eine h√∂here theologische Studienanstalt ist das evangelische Seminar, das altber√ľhmte ¬ĽStift¬ę, in T√ľbingen. Ebenso gibt es zu demselben Zweck 2 niedere katholische Konvikte (in Ehingen und Rottweil) und ein h√∂heres (Wilhelmsstift) in T√ľbingen. Die Landesuniversit√§t (Eberhard-Karls-Universit√§t) daselbst besteht aus 7 Fakult√§ten (s. T√ľbingen). F√ľr die praktische Ausbildung der Kandidaten des katholischen Priesterstandes, die das Universit√§tsstudium absolviert haben, sorgt das Priesterseminar in Rottenburg. Anstalten f√ľr gewerbliche und landwirtschastliche Bildung sind: die Technische Hochschule und die Baugewerkeschule in Stuttgart, die landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim, die tier√§rztliche Hochschule in Stuttgart, 3 Ackerbauschulen, die Weinbauschule (mit Weinbauversuchsanstalt) in Weinsberg, 8 landwirtschaftliche Winterschulen, die zahlreichen gewerblichen Fortbildungsschulen (zufolge Gesetzes vom 22. Juli 1906 vom 1. April 1909 ab obligatorisch in allen Gemeinden, in denen durchschnittlich mindestens 40 m√§nnliche Arbeiter unter 18 Jahren in gewerblichen und kaufm√§nnischen Betrieben besch√§ftigt werden), verschiedene Frauenarbeitsschulen (darunter als gr√∂√üte diejenigen in Stuttgart und Reutlingen) und l√§ndliche Haushaltungsschulen, die h√∂here Handelsschule in Stuttgart, endlich das Technikum f√ľr die Textilindustrie in Reutlingen, die Stickschule in Wolfschlugen, die Fachschule f√ľr Feinmechanik (einschlie√ülich Uhrmacherei und Elektromechanik) in Schwenningen und die Lehrwerkst√§tte f√ľr das Gerbereigewerbe in Metzingen. Der k√ľnstlerischen Ausbildung dienen die Akademie der bildenden K√ľnste, die Kunstgewerbeschule (mit kunstgewerblicher Lehr- und Versuchswerkst√§tte) und das Konservatorium f√ľr Musik, s√§mtliche in Stuttgart. Von Anstalten und Vereinen zur Bef√∂rderung der Wissenschaften und K√ľnste sind zu erw√§hnen: der Verein f√ľr vaterl√§ndische Naturkunde in Stuttgart mit mehreren Zweigvereinen, der Literarische (Bibliophilen-) Verein in Stuttgart-T√ľbingen, der Verein f√ľr Baukunde, das Konservatorium f√ľr die vaterl√§ndischen Kunst- und Altertumsdenkm√§ler, die W√ľrttembergische Kommission f√ľr Landesgeschichte, der Verein f√ľr christliche Kunst, der W√ľrttembergische Kunstverein, der W√ľrttembergische Goethebund, der Schw√§bische Schillerverein (mit Schillermuseum in Marbach), der W√ľrttembergische Geschichts- und Altertumsverein etc.; endlich die wissenschaftlichen und Kunstsammlungen der Hauptstadt, n√§mlich die √∂ffentliche Bibliothek mit √ľber 400,000 Nummern, die M√ľnz- und Medaillen-, Kunst- und Altert√ľmersammlung, das Naturalienkabinett mit gegen 100,000 Arten und einer besondern Sammlung w√ľrttembergischer Naturalien, das Museum der bildenden K√ľnste und das Landesgewerbemuseum.

Land- und Forstwirtschaft. Bergbau

Von Landwirtschaft, die infolge des g√ľnstigen Klimas und der Bodenbeschaffenheit in der verschiedenartigsten Gestalt betrieben wird, einschlie√ülich Tierzucht, Forstwirtschaft und Fischerei, lebt nahezu die H√§lfte der ganzen Bev√∂lkerung (1895: 45,08 Proz.). Ihrer F√∂rderung dienen au√üer den genannten Lehranstalten: eine k√∂nigliche Zentralstelle zu Stuttgart, Gau- und Bezirksvereine, Landesvereine f√ľr den Wein-, Obst- und Gartenbau, die Pferde-, Gefl√ľgel- und Bienenzucht sowie verschiedene Rindviehzuchtgenossenschaften. Den Ackerbau hemmt teilweise die gro√üe Zerst√ľckelung im Lande; nahezu 33 Proz. der landwirtschaftlichen Fl√§che ist in H√§nden von kleinb√§uerlichen Betrieben mit weniger als 5 Hektar Grundbesitz. Nach der Aufnahme von 1900 entfallen 44,9 Proz. des Areals auf √Ącker und G√§rten, 1,1 auf Weinberge, 15,1 auf Wiesen, 2,8 auf Weiden, 30,8 auf Forsten und Holzungen. Den ergiebigsten Boden f√ľr den Getreidebau bieten Oberschwaben und der nord√∂stliche Teil des Jagstkreises. Hauptgetreidefr√ľchte sind: Hafer (1907: 150,653 Hektar), Spelz (147,873 Hektar), Sommergerste (99,199 Hektar). Roggen (39,962 Hektar) wird als allgemeine Brotfrucht haupts√§chlich in den nord√∂stlichen Teilen des Landes und im Schwarzwald gebaut. Der Weizenbau dehnt sich stetig aus (1878: 21,153, 1907: 37,029 Hektar). Mais ist in allen mildern Landesteilen eine bevorzugte K√∂rnerfrucht. Von H√ľlsenfr√ľchten werden Erbsen und Linsen √ľberall, zum Teil als Brotfrucht, gebaut; auch Ackerbohnen dienen h√§ufig als Zusatz zum Brot. Wickenbau ist im ganzen Lande verbreitet. Der Ertrag der wichtigsten Feldfr√ľchte ergab in dem guten Jahr 1907 folgende Mengen: 59,743 Ton. Roggen, 65,621 T. Weizen, 198,160 T. Spelz, 162,578 T. Gerste, 231,985 T. Hafer. Sehr umfangreich ist der Anbau von Wurzel- und Knollengew√§chsen, Kartoffeln (Ertrag 1907: 1,392,282 T.), Runkel- und Zuckerr√ľben, Kohlr√ľben, wei√üen R√ľben, M√∂hren. √úberall wird Sauerkraut, d. h. Kopfkohl (der beste auf den Fildern), gepflanzt. Auch den Handelsgew√§chsen ist eine nicht unbedeutende Fl√§che zugewiesen, obgleich der Raps- und R√ľbsenbau und jetzt auch, infolge der gedr√ľckten Preise, der Hopfenbau (1885: 7992, 1907: 4942 Hektar) in der Abnahme begriffen ist. Letzteres gilt auch vom Flachs. Der Tabakbau (1906: 257 Hektar) spielt in einigen Bezirken des Neckarkreises eine nicht geringe Rolle (1906 Ertrag 549,000 kg im Werte von 401,000 Mk.). Mehrere Gegenden W√ľrttembergs stehen durch Gem√ľsebau und Nutzg√§rtnerei in gro√üem Ruf; so namentlich die Umgegend von Stuttgart, E√ülingen (Spargel, Zwiebeln, Gurken), Ulm (Spargel), Heilbronn und das Remstal bis Schorndorf. Wiesen finden sich in gro√üer Ausdehnung vor (1907: 301,979 Hektar mit 1,486,377 Ton. Heu), namentlich in den T√§lern und an den Ufern der zahlreichen Fl√ľsse, Weiden besonders in den obern Neckargegenden, auf und l√§ngs der Alb sowie in den oberl√§ndischen Oberamtsbezirken Wangen, Leutkirch und Waldsee. Daneben wird starker Futterbau (haupts√§chlich Klee, auch Luzerne, Esparsette, Pferdezahnmais, 1907 zusammen 135,181 Hektar mit 810,180 Ton. Trockenfutter) getrieben. Der Weinbau ist in W. seit alten Zeiten einheimisch und √ľber den gr√∂√üten Teil des Neckartals mit den T√§lern von ca. 30 Nebenfl√ľssen desselben, das Taubertal und seine Seitent√§ler sowie die Bodenseegegend, in zusammen ca. 500 Ortschaften, verbreitet. Das vorz√ľglichste Produkt w√§chst im Neckartal von E√ülingen an abw√§rts, im Taubertal und in der Gegend von √Ėhringen sowie bei Maulbronn (Elfinger). In den 80 Jahren von 1827‚Äď1906 belief sich der Weinertrag j√§hrlich im Durchschnitt auf 384,295 hl oder 2110 Lit. von 1 Hektar der tragbaren Weinbaufl√§che; der Geldwert des Naturalertrags auf 9,161,934 Mk. j√§hrlich oder 503 Mk. vom Hektar. Von gro√üer Wichtigkeit ist auch der Obstbau, der fast √ľber alle Gegenden des Landes, selbst √ľber einen Teil des Schwarzwaldes und der Alb verbreitet ist. Hauptsitze des Obstbaues sind: das mittlere und untere Neckartal, die Gegend von Herrenberg, die Filder und die an das Neckartal sich anschlie√üenden T√§ler der Alb. Die gew√∂hnlichsten Obstarten sind: √Ąpfel, Birnen, Zwetschen, Kirschen, Quitten, Pfirsiche und Aprikosen sowie Beerenobst aller Art. In geringerer Quantit√§t werden N√ľsse und an der Schwarzwaldabdachung gegen den Rhein Kastanien gebaut. Im zehnj√§hrigen Durchschnitt bel√§uft sich der Ertrag an Kernobst auf 920,000, an Steinobst (Pflaumen, Zwetschen und Kirschen) auf ca. 73,000 dz und der Wert der Kern- und Steinobsternte auf ca. 7 Mill. Mk.

Ein h√∂chst bedeutender Erwerbszweig ist die Viehzucht. Man z√§hlte im Lande 1907: 115,192 Pferde, 1,070,878 Stuck Rindvieh, 277,661 Schafe, 536,478 Schweine, 88,115 Ziegen, 138,299 Bienenst√∂cke (darunter 113,005 mit beweglichen Waben), 203,587 G√§nse, 160,934 Enten, 2,681,130 H√ľhner. Die Pferdezucht erfreut sich bedeutender Unterst√ľtzung von seiten des Staates. Es besteht ein Landesstammgest√ľt mit vier Gest√ľtsh√∂fen: Marbach und Offenhausen im Oberamt M√ľnsingen, G√ľterstein und St. Johann im Oberamt Urach, dazu mehrere Fohleng√§rten. Die Rindviehzucht, in erfreulichem Aufschwung begriffen. ist im Donau- und Jagstkreis am bedeutendsten. Auf den h√∂hern Punkten des Alg√§us und des Schwarzwaldes, wo der Ackerbau nicht mehr lohnenden Ertrag gibt, findet reine Weidewirtschaft statt. Gegen√ľber der Rindviehzucht ist die Schafzucht, die besonders in den Bezirken auf und n√§chst der Alb ihren Sitz hat, erheblich zur√ľckgegangen. Die Schweinezucht ist in der Zunahme begriffen. In der neuern Zeit hat sich die Hundez√ľchtung in Leonberg, Ulm und Stuttgart einen Namen gemacht. Ein eigent√ľmlicher, kleiner Erwerbszweig in der obern Donaugegend ist endlich die Schneckenzucht. Edelwild findet sich als Standwild nur in den ausgedehntern Laubholzforsten (besonders im ¬ĽSch√∂nbuch¬ę). Die Fischerei hebt sich, seit die k√ľnstliche Fischzucht durch Staatspr√§mien und Vereine gef√∂rdert wird. Die Waldungen erfreuen sich einer vorz√ľglichen Bewirtschaftung und Benutzung. Die Gesamtwaldfl√§che betrug 1900: 600,415 Hektar (30,8 Proz. der Gesamtfl√§che des Landes). 31,23 Proz. sind Staats-, 1,08 hofkammerliche, 35,59 Privat- und 32,10 K√∂rperschaftswaldungen. Das Laubholz nimmt 38,5, das Nadelholz 61,5 Proz. der Gesamtwaldfl√§che ein. Nadelholz herrscht vor auf dem Schwarzwald, in Oberschwaben und dem Ellwanger, Limpurger und Welzheimer Wald, Laubholz auf der Alb und im Mittel- und Unterland. ‚Äď Der Bergbau bezweckt fast ausschlie√ülich die Gewinnung von Eisenerzen und Salz und befindet sich, abgesehen von dem Salzwerk Heilbronn (seit 1885), in den H√§nden der Staatsfinanzverwaltung. Salz wird in dem genannten Privatsalzwerk und auf vier dem Staate geh√∂rigen Salinen erzeugt, n√§mlich in Hall am Kocher, in Friedrichshall mit Kochendorf und Klemenshall am untern, zu Wilhelmshall und Sulz am obern Neckar. An Salz wurden 1906: 375,694 Ton., darunter 324,493 T. Steinsalz und 51,201 T. Siedesalz, erzeugt. Die Versuche auf Steinkohlen sind bisher alle fehlgeschlagen. An Torf besitzt W., besonders im Donaukreis, gro√üen Reichtum.

Industrie, Handel und Verkehr

In der technischen Kultur hat W. seit einigen Jahrzehnten sich aus vorherrschend landwirtschaftlichen Zust√§nden rasch zur Gro√üindustrie emporgearbeitet. F√ľr die F√∂rderung der Gewerbe und des Handels wurde 1848 eine besondere Beh√∂rde errichtet, die Zentralstelle f√ľr Gewerbe und Handel in Stuttgart, der acht Handels- und Gewerbekammern in Stuttgart, Heilbronn, Reutlingen, Ulm, Kalw, Heidenheim, Ravensburg und Rottweil und vier Handwerkskammern in Stuttgart, Ulm, Heilbronn, Reutlingen zur Seite stehen. Neben dem gro√üen Landesgewerbemuseum in Stuttgart bestehen lokale in Gm√ľnd und Spaichingen, in Stuttgart ein W√ľrttembergischer Kunstgewerbeverein mit Ausstellungen, Preisausschreiben, Pr√§miierungen. Von Industrie, Handel und Verkehr leben nach der Berufsz√§hlung vom 14. Juni 1895: 42,91 Proz. der Bev√∂lkerung; die Zahl der gr√∂√üern Gewerbebetriebe betrug 1905 (die Ergebnisse von 1907 sind noch nicht ver√∂ffentlicht): solche mit 6‚Äď10 Gehilfen 2884 (1882: 1342), mit 11‚Äď50: 2228 (1882: 1364), mit 51‚Äď200: 556 (1882: 279), mit mehr als 200: 123 (1882: 51); von den Betrieben benutzten als Motor stehender Triebwerke: Wasser 3313, Dampf 1766, Gas oder Hei√üluft 624, Petroleum, Benzin 338, Elektrizit√§t 164. Die Verarbeitung der edlen Metalle ist eins der wichtigsten Gewerbe W√ľrttembergs. Die Hauptorte sind f√ľr Gold- und Silberwaren Gm√ľnd und Stuttgart, f√ľr Silberwaren Heilbronn und Gm√ľnd. Wichtiger aber ist die Verarbeitung der unedlen Metalle. Eisengu√üwaren liefern mehrere k√∂nigliche Werke (gr√∂√ütes zu Wasseralfingen) und eine Anzahl bedeutender Privatgie√üereien. Weltber√ľhmt ist die Mausersche Gewehrfabrik in Oberndorf. Messerschmiedewaren liefern Tuttlingen, Heilbronn etc., Draht, Stifte, N√§gel, Ketten etc. Aalen und Umgegend, N√§gel Freudenstadt, Lochgau, Nadeln f√ľr Rundwirkst√ľhle und Strickmaschinen Ebingen, Schrauben f√ľr Uhren-, Fahrr√§der-, Lokomotiven- und Dampfmaschinenfabriken Rottenburg. Gro√üe Sensenfabriken sind in Friedrichsthal und Neuenb√ľrg. Die Fabrikation von Kupfer- und Blech waren, lackierten und unlackierten, wird in Ludwigsburg, E√ülingen, G√∂ppingen, Biberach, Kannstatt etc. in gro√üem Umfange betrieben. Messingwaren liefern Ulm, au√üerdem viele Orte Maschinen-, Feuerspritz-, Plaqu√©- und Messingwarenfabrikate sowie Kupferschmiede waren. Glockengie√üereien sind in Stuttgart, Biberach, Hall, Kochendorf, Reutlingen, Rottweil, Ulm, Kassenfabriken in Stuttgart, Aalen u. a. O., Eisenm√∂belfabriken in Schorndorf. Die Bronzewaren industrie ist bedeutend in Gm√ľnd und Stuttgart. Gegenst√§nde der Galvanotechnik und Plattierung liefern gro√üe Etablissements in Geislingen, E√ülingen, Gm√ľnd, Stuttgart. Metallwebereien sind in Reutlingen, Stuttgart u. a. O. In der Maschinenfabrikation √ľbernehmen die zum Teil gro√üartigen Etablissements (E√ülingen, Berg, Kannstatt, Heilbronn, Feuerbach, Reutlingen, Heidenheim, G√∂ppingen, Ravensberg, Ulm etc.) Auftr√§ge f√ľr stabile und lokomobile Dampfmaschinen, Dampfkessel, Lokomotoren und mechanische Einrichtungen jeder Art. Elektrotechnische Anstalten sind in Kannstatt und Stuttgart, Telegraphenbauanstalten in Stuttgart, Fahrradwerke von Weltruf in Stuttgart (Untert√ľrkheim) und Neckarsulm. Mathematische, optische und physikalische Instrumente aller Art werden haupts√§chlich in Stuttgart, Ulm, Ebingen. Onstmettingen, Heilbronn, T√ľbingen etc. gefertigt. F√ľr chirurgische Instrumente bestehen renommierte Werkst√§tten in Tuttlingen, Stuttgart und T√ľbingen. Die Uhrenfabrikation des w√ľrttembergischen Schwarzwaldes ist sehr bedeutend und hat ihre Hauptsitze in Schwenningen und Schramberg, woselbst auch Hilfs- und verwandte Betriebe (f√ľr Uhrengeh√§use, Uhrenbestandteile, Kontrolluhren) namhaft vertreten sind. Die Fabrikation von Klavieren und Harmoniums (Stuttgart, Heilbronn, Kirchheim u. T., Ulm) nimmt einen hervorragenden Rang ein. Der Orgelbau wird in ca. 10 Etablissements betrieben, wovon das bedeutendste in Ludwigsburg einen Weltruf hat, weitere gro√üe in Weikersheim, Giengen a. B. Sehr bedeutend ist auch die Mundharmonikafabrikation (Hauptorte: Trossingen. Knittlingen mit vielen Fabriken). Sonstige musikalische Instrumente liefern Stuttgart, Ludwigsburg.

Das Land enth√§lt mehr Ziegelbrennereien als, abgesehen von Bayern, irgendein deutsches Land, darunter zahlreiche Gro√übetriebe, die auch Tonwaren f√ľr Architektur, Wasserleitungen, Drainager√∂hren etc. fabrizieren. Eine gro√üe Steingutfabrik besteht in Schramberg, die auch gesch√§tzte Majolikawaren fertigt. F√ľr die Herstellung von hydraulischem Kalk (Roman- und Portlandzement) sind mehrere sehr bedeutende Werke, namentlich in Ulm, Blaubeuren, Ehingen, Lauffen a. N., N√ľrtingen, Geislingen u. a. O. vorhanden. K√ľnstliche Wetz- und Bimssteine liefert Bietigheim. Die Glasfabriken (Buhlbach, Freudenstadt, Zuffenhausen) liefern gew√∂hnliches Hohlglas und Tafelglas. Die Fabrikation von chemischen Erzeugnissen bl√ľht in zahlreichen Anstalten, deren bedeutendste sich in Heilbronn, Stuttgart, Feuerbach, G√∂ppingen befinden. Gro√üfabrikation von Seife wird in Untert√ľrkheim und Heilbronn, von Soda in Neckargartach, von Wichse in Aalen, von √Ėl in Besigheim, Obert√ľrkheim, Heilbronn, von Linoleum in Bietigheim, von Wachswaren in Biberach und Gm√ľnd betrieben. Die Fabrikation von Farben und Farblacken hat ihre Hauptsitze in Stuttgart und Feuerbach. Einen Weltruf hat die Schie√üpulverfabrikation in Rottweil. Die Holzbearbeitungsindustrie ist dank dem Reichtum an W√§ldern namhaft entwickelt; gro√üe S√§gewerke sind im Schwarzwald (Rotenbach) und im Oberland. Die Leistungen in der M√∂beltischlerei sind besonders in der Hauptstadt, aber auch in Ulm, Zuffenhausen, Ravensburg, Schwenningen, Reutlingen hervorragend; Parketterie und sonstige Holzbearbeitung haupts√§chlich in Stuttgart, E√ülingen, Langenargen, Friedrichshafen, Meckenbeuren, Bietigheim, Kannstatt, E√ülingen, G√∂ppingen u. a. O. Die Papierfabrikation ist eine sehr alte Industrie Schwabens; die erste Papierfabrik Deutschlands war vielleicht in der nunmehr w√ľrttembergischen Reichsstadt Ravensburg. Die namhaftesten Papier-, Pappe- und Holzstoffabriken sind in Heilbronn, Baienfurt, Dettingen a. E., Faurndau, Mochenwangen, Pfullingen, Gemmrigheim, Enzberg, Wildbad, M√∂ckm√ľhl, Kirchheim u. T., Reutlingen, Unterkochen, G√∂ppingen etc., die erste deutsche Kunstdruckpapierfabrik in Oberlenningen. Die Erfindung, aus Holzfaser Papierzeug zu machen, ging von einem W√ľrttemberger (Fabrikant V√∂lter in Heidenheim, gest. 1887) aus. Die an die literarische und k√ľnstlerische T√§tigkeit sich anschlie√üenden Gewerbe, insbes. die Buchdruckereien und Buchhandlungen W√ľrttembergs, sind von der gr√∂√üten Bedeutung. Als Verlagsplatz nimmt Stuttgart f√ľr den S√ľden Deutschlands die gleiche Stellung ein, die Leipzig f√ľr Norddeutschland besitzt; neben Stuttgart sind haupts√§chlich die Pl√§tze Ulm, T√ľbingen, Reutlingen und Heilbronn von Bedeutung. In den vervielf√§ltigenden K√ľnsten: Lithographie, Photographie, Photographiedruck, Zinkdruck, Kupferdruck, Farbendruck, in der Holzschneidekunst sowie im Kunsthandel nimmt Stuttgart gleichfalls eine achtunggebietende Stellung ein. Gro√übuchbinderei, Kartonnagen- und Etuisfabrikation ist in Stuttgart, Feuerbach, Heilbronn, Tuttlingen, Unterreichenbach u. a. O. vertreten. Die Gerberei und Lederfabrikation bl√ľht in Reutlingen, Backnang, Kalw, Friedrichshafen, Ebingen, E√ülingen, Nagold, N√ľrtingen, Tuttlingen, Biberach, Ulm, G√∂ppingen etc., diejenige von Ledergalanteriewaren in Stuttgart. Die Fabrikation von Handschuhen ist von Bedeutung in E√ülingen, Stuttgart, Ludwigsburg und Balingen, die gro√üindustrielle Schuhfabrikation in B√∂blingen, Kannstatt, Leonberg, Balingen, Kornwestheim, Schwenningen, Tuttlingen, Gm√ľnd, Zuffenhausen, K√ľnzelsau, die Pinselfabrikation in Ravensburg. Stark entwickelt ist die Textilindustrie. Die Seidenzwirnerei ist die bedeutendste im deutschen Reiche; Hauptsitze sind B√∂nnigheim, M√∂ssingen, Isny, Winterlingen, Langenargen, Andelfingen, Unterkochen. Gro√üe Seidenwebereien sind in Waiblingen, Biberach, Waldsee, Markgr√∂ningen, Pfullingen. Die Wollindustrie W√ľrttembergs hat gegen√ľber der norddeutschen und englischen Konkurrenz einen schweren Stand. Kammgarnspinnereien gibt es nur wenige, aber von bedeutendem Umfang (E√ülingen, Salach, Bietigheim, √Ėtlingen); eine gro√üe Streichgarnspinnerei ist in Backnang. Die Herstellung von Kunstwolle ist ein neu aufgekommener Industriezweig in Feuerbach, Zuffenhausen, Ulm, Reutlingen. Die Fabrikation von wollenen Decken bl√ľht in Mergelstetten und Kalw, von Teppichen und L√§uferstoffen in Sindelfingen, die Wollf√§rberei und -Appretur steht schon seit alter Zeit auf sehr hoher Stufe. Die bedeutendern Wollspinnereien besitzen ihre eignen F√§rbereien und Appreturen; au√üerdem bestehen gr√∂√üere selbst√§ndige Wollf√§rbereien in Kalw, Reutlingen, Metzingen, E√ülingen, G√∂ppingen, Aalen, Mergelstetten. Die Leinenindustrie, ein uraltes, volkst√ľmliches Gewerbe, hat sich wieder gehoben; gr√∂√üere mechanische Spinnereien sind in Urach, Ravensburg-Schornreute, Weingarten. Die Leinweberei, fr√ľher auf dem Lande als Hausflei√ü noch sehr verbreitet, ist heute eine Dom√§ne der fabrikm√§√üigen Gro√üindustrie; ihre Hauptsitze sind Blaubeuren, G√∂ppingen, Sindelfingen, Laichingen. Bedeutende Bleichereien sind in Urach und Blaubeuren. Gro√üartig entwickelt ist die Baumwollfabrikation. Die Baumwollspinnerei z√§hlte 1895: 69, die Baumwollweberei 385 Betriebe (die gr√∂√üten in Br√ľhl bei E√ülingen, Unterboihingen, Neckartenzlingen, Neckarhausen, Honan, Unterhausen, Wannweil, Sontheim, Urach, Dettingen, M√ľhlhausen a. N., Hall, Altenstadt-Kuchen, G√∂ppingen, Wangen i. Alg., E√ülingen, Heidenheim, Reutlingen, B√ľhlingen, Betzingen, Eningen, Klingenstein, G√∂ppingen, Urspring, Ebersbach, Kleineislingen, Salach, Uhingen, Reichenbach, Kirchheim u. T., Kannstatt, Schelklingen, S√∂flingen) mit zusammen 15,000 Personen. Auch die Baumwollbleicherei,-F√§rberei,-Druckerei und Appretur ist sehr fortgeschritten, freilich nur in bevorzugten Gro√übetrieben (Heidenheim, Uhingen, Reutlingen). Zwirnerei- und N√§hfadenfabriken sind in Sontheim bei Heilbronn, Betzingen, Eningen, Pfullingen. Die Wirkerei, Strickerei und insbes. die Trikotfabrikation steht in hoher Bl√ľte, und die darin besch√§ftigten Personen haben sich von 1882 (3693) bis 1895 (9402) nahezu verdreifacht. Die gr√∂√üten Betriebe sind in Ebingen, Balingen und Umgebung, Stuttgart, Vaihingen a. F., Besigheim, B√∂blingen, Sindelfingen, N√ľrtingen, Untert√ľrkheim, G√∂ppingen, Reutlingen, Tuttlingen, Kannstatt, Feuerbach, Ulm. Von hervorragenden Spezialbetrieben sind zu nennen die Kunst- und Fahnenstickerei in Ravensburg, Biberach, Ehingen, Aulendorf und Munderkingen, die Gardinenstickerei in Ravensburg und Mengen, die Verbandstoffabrikation in Heidenheim, die Samt- und Manchesterfabrikation in Ebingen, die Band- und Gurtenweberei in Kannstatt, N√ľrtingen, Neuffen, Reutlingen, G√∂ppingen, die mechanischen Kleiderfabriken in Reutlingen, Urach, die Pl√ľschweberei in T√ľbingen, Neufra, Mengen, die Haarnetzfabrikation in Laupheim. Die Korsettfabrikation W√ľrttembergs umfa√üte schon 1875 √ľber 66 Proz. der Betriebe im Deutschen Reich; Hauptpl√§tze sind: Stuttgart, Kannstatt, G√∂ppingen, Reutlingen, Ebingen, Heubach, M√∂gglingen etc. Bedeutende Filz- und Filzwarenfabrikation wird in Giengen a. Br. und Hermaringen, Bettfedernfabrikation in Kannstatt und Untert√ľrkheim, Strohhutfabrikation in Schramberg und Dunningen, Hutmacherei in Ulm, Ebingen, Stuttgart etc. betrieben. Getreidem√ľhlen gibt es √ľber 3000 im Lande, wovon ein nicht unbedeutender Teil f√ľr den Handel arbeitet. Die Zahl der im Lande befindlichen Runkelr√ľbenzuckerfabriken betr√§gt 3, im J. 1906 mit einer Produktion von 14,404 Ton. Rohzucker, 21,002 Ton. raffiniertem und Konsumzucker und 3475 Ton. Zuckerabl√§ufen. Die Konditorei wird fabrik- und kunstm√§√üig in Stuttgart, Ludwigsburg, Ulm sowie in Biberach betrieben, wo auch die Devisen- (Tragantwaren-) Fabrikation eine gro√üe Vollkommenheit erlangt hat. Von gro√üer Ausdehnung ist die Schokoladen- und Zuckerwarenfabrikation in Stuttgart (Untert√ľrkheim), Aalen, Feuerbach und noch mehr die Zichorienfabrikation und Bereitung andrer Kaffeesurrogate, besonders in Ludwigsburg und Heilbronn, ferner die Fabrikation von Essig und Senf (Heilbronn, E√ülingen), von Sprit (Heilbronn, Stuttgart, Feuerbach), von Schaumwein (schon 1825 durch eine noch bestehende Fabrik in E√ülingen eingef√ľhrt), von Konserven (Heilbronn a. N.), von Hafergr√ľtze (Gerabronn), von Eierteigwaren (Pl√ľderhausen, Lorch), von Malzextrakt (Grunbach), sowie die Tabak- und Zigarrenfabrikation, deren bedeutendste Betriebe ihren Sitz in Lauffen a. N., Kannstatt, Heilbronn, Kalw, Heidenheim, Schnaitheim, Ulm haben. Sehr bedeutend ist die Molkereiindustrie, insbes. im Alg√§u (Wangen, Isny, Eisenharz, Leutkirch). Gewerbliche Bierbrauereien z√§hlte das Land 1905: 1246 (neben 3522 Privatbrauereien), die Produktion betrug 3,968,466 hl. Die Hausindustrie ist in verschiedenen Gegenden von hoher Bedeutung; ihre hervorragendsten Zweige sind Strickerei und Wirkerei (Ba lingen, Reutlingen, Metzingen, der Heuberg), Leinweberei (Laichingen, Heidenheim), Wei√ü- und Gardinenstickerei (Wolfschlugen, Laichingen, Saulgau), Strohflechterei (Schramberg, Alpirsbach), Schuhmacherei (Tuttlingen, Schwenningen, Balingen, Ebingen), Handschuhn√§herei (Balingen, E√ülingen), Korsetkn√§herei (G√∂ppingen, Geislingen, Ebingen), Uhrmacherei, Feinmechanik, Mundharmonikafabrikation (Tuttlingen, Oberndorf, Rottweil, Spaichingen).

F√ľr den Handel sind die bedeutendsten Pl√§tze: Heilbronn, Stuttgart, Ulm. Die Wareneinfuhr besteht in allen Arten der f√ľr Gewerbe und Industrie notwendigen Rohprodukte, in Kohle, Petroleum, ferner in Brotgetreide, Mehl, Malz, Wein, Bier, Zucker, Gefl√ľgel, Kolonialwaren, die Ausfuhr in den Erzeugnissen der Hauptindustrien, ferner in Hafer, Hopfen, Holz, Kartoffeln, Salz, Steinen, Rindvieh, Schafen, Molkereiprodukten (Butter, K√§se). Bedeutende Bank- und Versicherungsgesch√§fte, die ihr Arbeitsfeld nicht auf W. beschr√§nken, sondern zum Teil auf das ganze Deutsche Reich und das Ausland erstrecken, sind in Stuttgart, auch in Heilbronn und Ulm. Lebhaft ist der Marktverkehr, haupts√§chlich in Vieh, Getreide, Wolle, Leder, Rinde, Viktualien aller Art. Die Einwohner mehrerer Gemeinden treiben starken Hausierhandel mit Porzellan und Steingut (Unterdeufstetten, Matzenbach), B√ľrstenwaren (L√ľtzenhardt), Schindeln, Holzwaren (Mainhardter Wald), S√§mereien (G√∂nningen) etc. und bereisen nicht nur W., sondern, wie die G√∂nninger Samenh√§ndler, auch das √ľbrige Deutschland und das Ausland.

[Verkehr]. Schiffahrt findet auf dem untern Neckar und dem Bodensee statt. Die Dampfschiffahrt auf dem letztern ist in den H√§nden des Staates. Eigentum des Staates sind auch, mit Ausnahme verschiedener kleinerer Privatbahnen (ca. 265 km), die Eisen bahnen (1907 zusammen 1963 km). Die Hauptlinien sind: die Hauptbahn Bretten-Friedrichshafen (262 km), die untere Neckarbahn (Bietigheim-Jagstfeld, 4l km), die untere Jagstbahn (Jagstfeld-Osterburken, 39 km), Kocherbahn (Heilbronn-Hall-Krailsheim, 98 km), obere Jagstbahn (Krailsheim-Goldsh√∂fe, 30 km), Tauberbahn (Krailsheim-Mergentheim, 59 km), Remsbahn (Kannstatt-N√∂rdlingen, 108 km), Brenzbahn (Aalen-Heidenheim-Ulm, 73 km), obere Neckarbahn (Plochingen-Rottweil, 123 km), hohenzollerische Bahn (T√ľbingen-Sigmaringen, 88 km), obere Donaubahn (Rottweil-Immendingen, 38 km), Donaubahn (Ulm-Immendingen, 146 km), Alg√§ubahn (Herbertingen-Leutkirch-Memmingen, 94 km; Ki√ülegg-Hergatz, 16 km), Schwarzwaldbahn (Zuffenhausen-Kalw, 49 km), Nagoldbahn (Horb-Br√∂tzingen, 67 km), Enzbahn (Pforzheim-Wildbad, 23 km), Murrtalbahn (Waiblingen-Backnang-Hessenthal, 61 km und Backnang-Bietigheim, 26 km), G√§ubahn (Stuttgart-Schiltach, 113 km), Bodenseeg√ľrtelbahn (Fischbach-Friedrichshafen-Hemigkofen, 21 km), Kraichgaubahn (Heilbronn-Eppingen, 25 km), au√üerdem verschiedene Nebeneisenbahnen (265 km) und Schmalspurlinien (101 km). Vgl. Supper, Die Entwickelung des Eisenbahnwesens im K√∂nigreich W. (Stuttg. 1895); Jacob, Die k√∂niglich w√ľrttembergischen Staatseisenbahnen (T√ľbing. 1895). Die Post, fr√ľher Thurn und Taxisch, seit 1. Juli 1851 in die unmittelbare Verwaltung des Staates √ľbergegangen, z√§hlte 1907: 1086 Postanstalten, 2025 Telegraphenanstalten, Orte mit Fernsprechanstalten 670, mit √∂ffentlichen Sprechstellen (in Orten ohne Fernsprechanstalt) 1213.

Staatsverfassung und Verwaltung

Was die Staatsverfassung anlangt, so beruht die Konstitution des K√∂nigreichs auf der Verfassungsurkunde vom 25. Sept. 1819, mit Ab√§nderungen aus den Jahren 1868, 1874 und 1906 (vgl. G√∂z, Die Verfassungsurkunde f√ľr das K√∂nigreich W., erl√§utert, T√ľbing. 1906). Die Verfassung des Deutschen Reiches weist W. 4 Stimmen im Bundesrat und 17 Abgeordnete zum Reichstag zu (s. Karte ¬ĽReichstagswahlen¬ę). Der K√∂nig (gegenw√§rtig Wilhelm II., geb. 25. Febr. 1848, seit 6. Okt. 1891 regierend) vereinigt alle Rechte der Staatsgewalt in seiner Person, ist jedoch hinsichtlich der Gesetzgebung und Besteuerung an die Mitwirkung der Landst√§nde gebunden. Die Krone ist erblich im Mannesstamm des k√∂niglichen Hauses nach der Linealerbfolge und dem Erstgeburtsrecht. Bei dessen Erl√∂schen sukzediert die weibliche Linie; doch tritt bei der Deszendenz des sodann regierenden k√∂niglichen Hauses das Vorrecht des Mannesstammes wieder ein. Der K√∂nig wird mit zur√ľckgelegtem 18. Jahre vollj√§hrig und bezieht eine Zivilliste von 1,800,000 Mk. nebst Naturalien im Betrage von ca. 240,000 Mk. Alle W√ľrttemberger haben gleiche staatsb√ľrgerliche Rechte, die nach dem Gesetz vom 31. Dez. 1861 von dem Religionsbekenntnisse unabh√§ngig sind. Die Landst√§nde teilen sich in zwei Kammern. Die Erste Kammer besteht aus den Prinzen des k√∂niglichen Hauses, aus den H√§uptern der standesherrlichen Familien (zurzeit 15 f√ľrstlichen und 5 gr√§flichen), aus h√∂chstens 6 vom K√∂nig auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern, aus 8 Mitgliedern des ritterschaftlichen Adels, aus dem Pr√§sidenten des evangelischen Konsistoriums, dem Pr√§sidenten der evangelischen Landessynode und 2 evangelischen Generalsuperintendenten, einem Vertreter des Landesbischofs und einem von den katholischen Dekanen aus ihrer Mitte gew√§hlten Mitgliede, aus je einem Vertreter der Landesuniversit√§t in T√ľbingen und der Technischen Hochschule in Stuttgart, aus 2 Vertretern des Handels und der Industrie, 2 Vertretern der Landwirtschaft und einem Vertreter des Handwerks. Die Zweite Kammer (Kammer der Abgeordneten) ist zusammengesetzt aus je einem Abgeordneten der Oberamtsbezirke (63 ohne Stuttgart-Stadt), aus 6 Abgeordneten der Stadt Stuttgart und je einem Abgeordneten der St√§dte T√ľbingen, Ludwigsburg, Ellwangen, Ulm, Heilbronn, Reutlingen, aus 17 Abgeordneten zweier Landeswahlkreise, von denen der erste den Neckar- und den Jagstkreis umfa√üt und 9 Abgeordnete w√§hlt, der zweite den Schwarzwald- und Donaukreis umfa√üt und 8 Abgeordnete w√§hlt. F√ľr die Wahl der Mitglieder der Zweiten Kammer gilt das allgemeine, gleiche, unmittelbare und geheime Wahlrecht. Die 6 Abgeordneten der Stadt Stuttgart und die 17 Abgeordneten der beiden Landeswahlkreise werden je in einem Wahlgang nach dem Grundsatz der Listen- und Verh√§ltniswahl gew√§hlt. Je nach Ablauf von sechs Jahren mu√ü eine neue Wahl f√ľr s√§mtliche durch Wahl berufenen Mitglieder der beiden Kammern angeordnet werden. Zu Mitgliedern der Ersten und Zweiten Kammer k√∂nnen nur solche Personen gew√§hlt oder ernannt werden, die am Tage der Wahl oder Ernennung das 25. Lebensjahr zur√ľckgelegt haben. Der Pr√§sident der Ersten Kammer wird unmittelbar vom K√∂nig ernannt, der der Zweiten Kammer von dieser selbst gew√§hlt. Das Recht, Gesetze vorzuschlagen, steht dem K√∂nig sowie jeder der beiden Kammern zu. Ebenso hat jede der beiden Kammern das Recht, die Minister in Anklagestand zu versetzen, f√ľr welchen Zweck sowie √ľberhaupt zum gerichtlichen Schutz der Verfassung ein Staatsgerichtshof besteht, aus vom K√∂nig ernannten und von der St√§ndeversammlung gew√§hlten Mitgliedern zusammengesetzt. An der Spitze der Staatsverwaltung stehen das Staatsministerium, gebildet durch die Minister oder Chefs der Verwaltungsdepartements, und der Geheime Rat, bestehend aus den Mitgliedern des Staatsministeriums und vom K√∂nig ernannten ordentlichen und au√üerordentlichen Mitgliedern. Dem Staatsministerium sind unterstellt: die Bevollm√§chtigten zum Bundesrat, der Verwaltungsgerichtshof und der Disziplinarhof f√ľr die Staatsbeamten. Die sechs Departements sind die der Justiz, der ausw√§rtigen Angelegenheiten, des Innern, des Kirchen- und Schulwesens, des Kriegswesens und der Finanzen.

An der Spitze der Rechtspflege steht das Oberlandesgericht in Stuttgart mit drei Zivilsenaten und einem Strafsenat. Weiter sind acht Landgerichte (in Stuttgart, Heilbronn, T√ľbingen, Rottweil, Ellwangen, Hall, Ulm, Ravensburg) mit Zivil- und Strafkammern und je einem Schwurgerichtshof eingesetzt, unter diesen stehen die 64 Amtsgerichte (s. Textbeilage ¬ĽGerichtsorganisation¬ę im 7. Bd.). Dem Ministerium der ausw√§rtigen Angelegenheiten sind au√üer der Diplomatie auch die Archivdirektion, die Generaldirektion der Staatseisenbahnen und der Bodenseedampfschiffahrt sowie die Generaldirektion der Posten und Telegraphen untergeordnet. Unter dem Ministerium des Innern stehen au√üer der eigentlichen Verwaltung die Medizinalangelegenheiten, der Stra√üen- und Wasserbau, das Gewerbewesen und die landwirtschaftlichen Angelegenheiten. Behufs der Verwaltung ist das Land in die oben genannten vier Kreise geteilt. An der Spitze eines jeden Kreises steht eine Regierung: f√ľr den Neckarkreis in Ludwigsburg, f√ľr den Schwarzwaldkreis in Reutlingen, f√ľr den Jagstkreis in Ellwangen, f√ľr den Donaukreis in Ulm. Die Kreise zerfallen in den Stadtdirektionsbezirk Stuttgart und in 63 Oberamtsbezirke mit je einem Oberamtmann, in Stuttgart dem Stadtdirektor, an der Spitze. Neben dem Oberamt ist auf dem Gebiete der staatlichen Verwaltung der Bezirksrat teils zur Entscheidung, teils zur Mitwirkung bei bestimmten oberamtlichen Anordnungen, teils zur Beratung des Oberamts berufen; er besteht aus dem Oberamtsvorstand als Vorsitzenden und aus sechs weitern ordentlichen Mitgliedern, die nebst vier stellvertretenden Mitgliedern von der Amtsversammlung (s. unten) teils aus deren Mitte, teils aus den sonstigen Bezirksangeh√∂rigen je auf die Dauer von drei Jahren gew√§hlt werden. Die Gemeindeverfassung beruht seit 1. Dez. 1907 auf der Gemeindeordnung vom 28. Juli 1906, wonach die Gemeinden in solche mit mehr als 50,000 Einw. (gro√üe St√§dte), mehr als 10‚Äď50,000 Einw. (mittlere St√§dte) und in solche bis zu 10,000 Einw. (kleinere St√§dte und Landgemeinden) eingeteilt sind. Letztere zerfallen wieder in Gemeinden von mehr als 4‚Äď10,000 Einw. (erste Klasse), mehr als 1000‚Äď4000 Einw. (zweite Klasse) und nicht mehr als 1000 Einw. (dritte Klasse). Die Vertretung der Gemeinden und die Verwaltung ihrer Angelegenheiten kommt dem Gemeinderat zu; zur √úberwachung der Verwaltung ist ein B√ľrgerausschu√ü bestellt, der in den gesetzlich bestimmten F√§llen zur Mitwirkung an der Verwaltung berufen ist. Der Gemeinderat besteht aus dem Ortsvorsteher als Vorsitzenden und aus 4‚Äď42 weitern unbesoldeten Mitgliedern, je nach der Gr√∂√üe der Gemeinden. In den mittlern und gr√∂√üern St√§dten kann durch Gemeindesatzung die Anstellung eines oder mehrerer besoldeter Gemeinderatsmitglieder angeordnet werden. Die Zahl der Mitglieder des B√ľrgerausschusses ist ebensogro√ü wie diejenige der Mitglieder des Gemeinderats. Die Mitglieder der Gemeindekollegien werden in den gro√üen und mittlern St√§dten durch Verh√§ltniswahl, in den kleinern St√§dten und Landgemeinden durch Listenwahl von den Gemeindeb√ľrgern gew√§hlt. S√§mtliche Gemeinden eines Oberamtsbezirks bilden die Amtsk√∂rperschaft, deren Angelegenheiten durch die Amtsversammlung und den Bezirksrat besorgt werden. Die Amtsversammlung wird unter dem Vorsitz des Oberamtmanns aus 20‚Äď30 Abgeordneten der Oberamtsstadt und der √ľbrigen Amtsorte gebildet und besorgt haupts√§chlich die √∂konomischen Angelegenheiten der Amtskorporation. Die Gemeindevorsteher, Stadtschulthei√üen oder Schulthei√üen, werden aus drei von den Gemeinden gew√§hlten Kandidaten f√ľr Gemeinden erster Klasse vom K√∂nig, f√ľr die √ľbrigen von der Kreisregierung ernannt.

Jede der drei im K√∂nigreich bestehenden christlichen Konfessionen ordnet ihre Angelegenheiten unter der Oberaufsicht des K√∂nigs selbst. Die evangelische Kirche ist seit 1823 uniert; nur in Stuttgart bilden die Reformierten eine eigne kleine Gemeinde. Das Kirchenregiment wird durch das k√∂nigliche Konsistorium und den Synodus verwaltet. Die Episkopalrechte stehen dem evangelischen Landesherrn zu. Wenn der K√∂nig nicht der evangelischen Konfession angeh√∂rt, geht (Gesetz vom 28. M√§rz 1898) die Aus√ľbung der landesherrlichen Kirchenregimentsrechte in der evangelischen Kirche auf ein Kollegium √ľber, das den Namen ¬ĽEvangelische Kirchenregierung¬ę f√ľhrt und aus zwei dieser Kirche angeh√∂renden ordentlichen Mitgliedern des Geheimen Rats (darunter dem Departementschef des Kirchen- und Schulwesens, wenn er evangelisch ist), den Pr√§sidenten des Evangelischen Konsistoriums und der Evangelischen Landessynode und einem Generalsuperintendenten besteht. Die aus 57 Mitgliedern zusammengesetzte Landessynode (6 vom evangelischen Landesherrn ernannte, ein von der evangelisch-theologischen Fakult√§t der Landesuniversit√§t, 50 von den Di√∂zesansynoden Gew√§hlte) wirkt bei der kirchlichen Gesetzgebung in ihrem ganzen Umfange mit. Unter dem evangelischen Konsistorium als evangelische Oberkirchenbeh√∂rde stehen die Generalsuperintendenten (Pr√§laten) und der Feldpropst, die 49 evangelischen Dekanate mit 928 Pfarrorten und 1146 st√§ndigen Geistlichen. Die innern Angelegenheiten der katholischen Kirche werden von dem bisch√∂flichen Ordinariat (dem Landesbischof nebst dem Domkapitel) zu Rottenburg geleitet, das zur oberrheinischen Kirchenprovinz (Erzdi√∂zese Freiburg) geh√∂rt. Das Verh√§ltnis der Staatsgewalt zur Kirche ist durch das Gesetz vom 30. Jan. 1862 geregelt worden. Die verfassungsm√§√üige Beh√∂rde, durch welche die in der Staatsgewalt begriffenen Rechte √ľber die katholische Kirche ausge√ľbt werden, ist der katholische Kirchenrat. Die Aussicht und Leitung des israelitischen Kultus- und Armenwesens ist der seit 1828 eingesetzten, von einem Ministerialrat geleiteten israelitischen Oberkirchenbeh√∂rde √ľbertragen.

Das Kriegsministerium ist f√ľr alle Milit√§rangelegenheiten und die s√§mtlichen Zweige der Kriegsverwaltung die oberste verantwortliche Staatsbeh√∂rde. Im deutschen Reichsheere bilden die w√ľrttembergischen Truppen ein eignes, das 13. Armeekorps, bestehend aus 10 Regimentern Infanterie (Nr. 119‚Äď127 und 180), 4 Regimentern Kavallerie (je 2 Regimenter Dragoner, Nr. 25 und 26, und Ulanen, Nr. 19 und 20), 4 Regimentern Feldartillerie (Nr. 13,29,49 und 65), ein Pionier- und ein Trainbataillon (Nr. 13), ein Detachement Telegraphentruppen. Im Gebiete des K√∂nigreichs W. liegt der gr√∂√üere Teil der Reichsfestung Ulm.

Unter dem Finanzministerium stehen: die Oberfinanzkammer (mit den Abteilungen Dom√§nendirektion, Forstdirektion u. Bergrat), Oberrechnungskammer, Staatskassenverwaltung, Steuerkollegium mit zwei Abteilungen und das Statistische Landesamt. Der Hauptfinanzetat f√ľr 1907 ergab einen Staatsbedarf von 91,268,911 Mk. Zur Deckung dieses Aufwandes sind bestimmt:

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Der Staatsbedarf f√ľr 1907 im einzelnen ist:

Tabelle

Der Stand der Staatsschulden war im April 1907: 560,762,400 Mk., wovon auf die Eisenbahnschuld 524,769,026 Mk. kommen.

[Wappen, Orden.] Das Staatswappen (s. Tafel ¬ĽWappen I¬ę) zeigt einen gespaltenen Schild, der rechts drei quer √ľbereinander gestellte schwarze Hirschstangen in Gold (W.), links drei schwarze L√∂wen √ľbereinander, ebenfalls in Gold (Hohenstaufen, Herzoge von Schwaben) enth√§lt. Auf dem Wappenschild ruht ein mit der K√∂nigskrone gezierter goldener Spangenhelm; Schildhalter sind ein schwarzer, k√∂niglich gekr√∂nter L√∂we und ein goldener Hirsch, die auf einem dunkelroten Bande stehen, das in goldenen Lettern die Devise: ¬ĽFurchtlos und trew¬ę aufweist. Die Landesfarben sind Schwarz und Dunkelrot. Der K√∂nig verleiht drei Ritterorden: n√§mlich 1) den Orden der W√ľrttembergischen Krone (s. Tafel ¬ĽOrden I¬ę, Fig. 5), zur Belohnung ausgezeichneter, dem Staate geleisteter Dienste (gestiftet 23. Sept. 1818), mit f√ľnf Klassen (s. Kronenorden 6), 2) den Milit√§rverdienstorden (6. Nov. 1806 gestiftet und 23. Sept. 1818 modifiziert), mit drei Klassen, und 3) den Friedrichsorden (1. Jan. 1830 gestiftet, 3. Jan. 1856 erweitert, s. Tafel ¬ĽOrden I¬ę, Fig. 14), zur Belohnung ausgezeichneter Verdienste im Milit√§r- und Zivildienst, mit f√ľnf Klassen (s. Friedrichsorden). F√ľr die Inl√§nder ist mit den vier ersten Klassen des Kronenordens und dem Milit√§rverdienstorden Erlangung des Personaladels verbunden. Zur Belohnung milit√§rischer Verdienste im Kriege wird der Orden der W√ľrttembergischen Krone und der Friedrichsorden je in seinen s√§mtlichen Klassen mit Schwertern verliehen. Der am 27. Juni 1871 gestiftete Olga-Orden wird f√ľr besondere Verdienste auf dem Felde der freiwillig helfenden Liebe im Krieg oder Frieden verliehen, und zwar ohne Unterschied an M√§nner, Frauen und Jungfrauen. 1889 ist noch die Karl Olga-Medaille (in Silber und Bronze) f√ľr Verdienste um das Rote Kreuz hinzugetreten. Ferner werden verliehen die Verdienstmedaille des Kronenordens und des Friedrichsordens, das Verdienstkreuz, die silberne Verdienstmedaille, die kleine und die gro√üe Medaille f√ľr Kunst und Wissenschaft (s. Tafel ¬ĽVerdienstmedaillen¬ę, Fig. 14), die silberne und die goldene Rettungsmedaille sowie milit√§rische Dienstehrenzeichen. Die k√∂nigliche Residenz ist Stuttgart, die zweite Ludwigsburg.

[Geographisch-statistische Literatur.] Die Ver√∂ffentlichungen des k√∂niglichen Statistischen Landes-' amtes: ¬ĽW√ľrttembergische Jahrb√ľcher f√ľr Statistik und Landeskunde¬ę (seit 1818 erscheinend), ¬ĽStatistisches Handbuch f√ľr das K√∂nigreich W.¬ę (Stuttg., seit 1885), ¬ĽDas K√∂nigreich W., eine Beschreibung von Land, Volk und Staat¬ę (das. 1882‚Äď86, 3 Bde.; neue Ausg. 1893), die Beschreibung der einzelnen Oberamtsbezirke (das. 1824‚Äď86, neue Folge 1893 ff.) und ¬ĽDas K√∂nigreich W. Eine Beschreibung nach Kreisen, Ober√§mtern und Gemeinden¬ę (das. 1904‚Äď07,4Bde.); ¬ĽHof- und Staatshandbuch¬ę; die ¬ĽJahresberichte der Handels- und Gewerbekammern in W.¬ę (hrsg. von der Zentralstelle f√ľr Gewerbe und Handel); ¬ĽOrtsverzeichnis des K√∂nigreichs W.¬ę (hrsg. von der Generaldirektion der Posten, Stuttg. 1906); Lang, Die Entwickelung der Bev√∂lkerung W√ľrttembergs im Laufe des 19. Jahrhunderts (T√ľbing. 1903); Str√∂hmfeld, Schw√§bisches Wanderbuch (Stuttg. 1900); Hartmann, Durch Schwaben, Wanderbilder (Z√ľr. 1895); Engel, Geognostischer Wegweiser durch W. (3. Aufl. mit E. Schulze, Stuttg. 1908); G√∂z, Staatsrecht des K√∂nigreichs W. (T√ľbing. 1908); Springer, Verfassung und Verwaltungsorganisation der St√§dte im K√∂nigreich W. (in den Schriften des Vereins f√ľr Sozialpolitik, Leipz. 1905); Keppler, W√ľrttembergs kirchliche Kunstaltert√ľmer (Rottenburg 1888); Paulus, Die Kunst- und Altertumsdenkmale im K√∂nigreich W. (Stuttg. 1889 ff., fortgesetzt von Gradmann). Karten: ¬ĽTopographischer Atlas des K√∂nigreichs W.¬ę (1: 50,000,55 Blatt; neu als ¬ĽH√∂henkurven-Karte¬ę 1: 25,000, 1892 ff.); derselbe auch geognostisch (seit 1894 neu erscheinend), neue geologische Karte von W. 1: 25,000,184 Blatt (bis jetzt erschienen 2 Blatt); √úbersichtskarten von W. 1: 200,000 (6 Blatt), 1: 400,000 (1 Blatt); geognostische √úbersichtskarte 1: 600,000 (1 Blatt).

Geschichte

Die √§lteste germanische Bev√∂lkerung des jetzigen K√∂nigreichs W. bildeten die Sueven. Im 1. Jahrh. n. Chr. eroberten die R√∂mer das Land und sch√ľtzten es durch den Grenzwall (s. Limes), der sich seit 150 n. Chr. von Jagsthausen √ľber √Ėhringen bis Lorch hinzog und dann rechts in der Richtung auf Dinkelsb√ľhl ausbog, gegen feindliche Angriffe; das r√∂mische Gebiet, Zehntland (Agri decumates, s. d.) genannt, war zwar mit germanischen Ansiedlern besetzt, aber die r√∂mische Kultur ward dort heimisch. Im 3. Jahrh. von den Alemanen erobert, kam es nach deren Unterwerfung durch die Franken (496) an das fr√§nkische Reich und geh√∂rte dann zu dem im 9. Jahrh. sich bildenden deutschen Herzogtum Schwaben (s. d.). Der erste Herr von W. (Wirtineberg, einem Schlo√ü, das auf dem Rotenberg bei Stuttgart stand, auf dem 1860‚Äď64 eine Gruftkapelle f√ľr die k√∂nigliche Familie erbaut, und dem 1907 wieder der offizielle Name W. beigelegt wurde), wird bald nach 1080 genannt. Das Geschlecht erlangte von den Staufern reiche Besitzungen und die Grafenw√ľrde. Graf Ulrich (1241 bis 1265), mit dem die sichere Reihe der Grafen von W. beginnt, erwarb von Konradin das Marschallamt in Schwaben und die Vogtei √ľber die Stadt Ulm und kaufte w√§hrend des Interregnums neue G√ľter, so die Grafschaft Urach. Ihm folgten seine S√∂hne Ulrich II. und Eberhard I., der Erlauchte, von denen ersterer schon 1279 starb, letzterer seinen Besitz gegen die K√∂nige Rudolf von Habsburg und Albrecht I., welche die Reichsg√ľter zur√ľckforderten, zu verteidigen hatte. Von Heinrich VII. aus seinem Lande vertrieben, kehrte Eberhard erst nach des Kaisers Tode (1313) zur√ľck. Dennoch vergr√∂√üerte er die Grafschaft durch Neuerwerbungen fast um die H√§lfte und erlangte durch die Landvogtei in Schwaben nicht nur betr√§chtliche neue Eink√ľnfte, sondern auch die Hoheitsrechte, die zur Entwickelung einer Territorialmacht erforderlich waren. Nach Zerst√∂rung des Schlosses W. durch die E√ülinger machte er 1321 Stuttgart, wohin er das Erbbegr√§bnis seines Hauses verlegte, zur Residenz. Auf seinen Sohn Ulrich III. (1325‚Äď44) folgten dessen S√∂hne Eberhard II., der Greiner, und Ulrich IV. erst gemeinsam, nach des letztern Tod (1366) Eberhard allein bis (1392). Da dieser die Rechte als Inhaber der schw√§bischen Landvogtei energisch geltend machte, geriet er mit den schw√§bischen Reichsst√§dten und der Ritterschaft in Streit, siegte 1372 √ľber die St√§dte bei Altheim und brach, nachdem sein Sohn Ulrich 1377 bei Reutlingen geschlagen worden war, die Macht des Schw√§bischen St√§dtebundes durch seinen Sieg bei D√∂ffingen (1388). Sein Enkel Eberhard III. (1392‚Äď1417) und dessen Sohn Eberhard IV. (1417‚Äď19) vermehrten den Besitz des Geschlechts durch die Erwerbung von M√∂mpelgard (s. Montb√©liard). Nach dem fr√ľhen Tod Eberhards IV. regierte dessen Witwe, Gr√§fin Henriette, f√ľr die minderj√§hrigen S√∂hne Ludwig 1. und Ulrich V., die, vollj√§hrig geworden, erst gemeinschaftlich herrschten, 25. Jan. 1442 aber das Land teilten; Ludwig erhielt den Uracher, Ulrich den Stuttgarter oder Neuffener Teil. Als Ludwig 23. Sept. 1450 starb, √ľbernahm Ulrich die Vormundschaft √ľber dessen unm√ľndige S√∂hne Ludwig II. und Eberhard V. (im Bart), von denen der erstere schon 1457 starb, der letztere 1477 die Universit√§t T√ľbingen gr√ľndete. Ulrich V. k√§mpfte 1462 mit andern Herren gegen den Kurf√ľrsten Friedrich von der Pfalz, wurde aber bei Seckenheim geschlagen und gefangen genommen und erst 1463 freigelassen. Bei seinem Tode (1. Sept. 1480) hinterlie√ü er den Stuttgarter Anteil seinem ausschweifenden Sohn Eberhard VI., der aber 14. Dez. 1482 durch den M√ľnsinger Vertrag die Regierung seinem Vetter Eberhard V. √ľberlie√ü; dieser Vertrag setzte zugleich unter Mitwirkung der Landst√§nde die Unteilbarkeit des w√ľrttembergischen Landes und die Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt fest, was Kaiser Maximilian I. auf dem Wormser Reichstag 1495 best√§tigte. Nur die linksrheinischen Gebiete durften zur Versorgung nachgeborner Prinzen verwendet werden; Eberhard ward zum Herzog erhoben und W. f√ľr ein Reichsf√ľrstentum erkl√§rt.

W√ľrttemberg als Herzogtum

Als Herzog Eberhard I. 24. Febr. 1496 kinderlos starb, folgte ihm sein Vetter Eberhard Vl., als Herzog Eberhard II. Daer sich dem von Eberhard 1. ihm bestellten Regiment der Landst√§nde nicht f√ľgen wollte, wurde er unter Zustimmung des Kaisers von den St√§nden f√ľr abgesetzt erkl√§rt und verzichtete f√∂rmlich 10. Juni 1498 im Horber Vertrag. Sein minderj√§hriger Neffe Ulrich, der Sohn des geisteskranken Grafen Heinrich, folgte ihm unter vormundschaftlicher Regierung, wurde aber 1503, erst 16j√§hrig, vom Kaiser f√ľr vollj√§hrig erkl√§rt. Als des jungen Herzogs Prachtliebe und Verschwendung eine Erh√∂hung der Steuern notwendig machten, brach 1514 im Remstal der Aufruhr des ¬Ľarmen Konrad¬ę aus. Zur Herstellung der Ordnung schritten die St√§nde ein: durch den T√ľbinger Vertrag vom 8. Juli 1514 √ľbernahmen sie die Schulden des Herzogs (950,000 Gulden), wogegen sich dieser verpflichtete, ohne ihre Zustimmung keinen Krieg anzufangen, kein St√ľck Land zu verpf√§nden, keine Schatzung auszuschreiben und niemand ohne Urteil und Recht zu bestrafen; diese Rechte bildeten die Grundlage der Verfassung des w√ľrttembergischen Territoriums. Sehr bald beschwor Ulrich einen neuen Konflikt herauf: er t√∂tete 1515 den Ritter Hans von Hutten, mit dessen Gattin er ein Liebesverh√§ltnis hatte, und zog sich dadurch den Zorn der Ritterschaft zu; seine Gemahlin Sabine floh zu ihren Br√ľdern, den Herzogen von Bayern, und diese bewogen den Kaiser Maximilian, 1516 den Herzog wegen Mordes zu √§chten. Als Ulrich 28. Jan. 1519 die Reichsstadt Reutlingen √ľberfiel und besetzte, begann der Schw√§bische Bund, dessen Mitglied Reutlingen war, den Krieg, eroberte W. und verkaufte es 1520 f√ľr 220,000 Gulden an Kaiser Karl V., der 1530 seinen Bruder Ferdinand damit belehnte. Herzog Ulrich, der sich nach vergeblichen Versuchen, sein Land wiederzuerobern, nach M√∂mpelgard begeben hatte, wo er sich der Reformation anschlo√ü, gewann 1534 den Beistand des Landgrafen Philipp von Hessen und machte durch seinen Sieg bei Lauffen (13. Mai) der √∂sterreichischen Herrschaft ein Ende, mu√üte aber im Frieden von Kaaden (29. Juni 1534) die √∂sterreichische Oberlehnshoheit anerkennen. Ulrich f√ľhrte nun die Reformation in W. durch und f√∂rderte aus den G√ľtern der eingezogenen Kl√∂ster die Zwecke der Kirche und Schule. Von neuem gef√§hrdete Ulrich seine Herrschaft durch seine Teilnahme am Schmalkaldischen Krieg: nach dem R√ľckzug der Verb√ľndeten aus S√ľddeutschland ward W. von den Kaiserlichen besetzt und Ulrich im Heilbronner Vertrag 1547 nur unter dr√ľckenden Bedingungen, besonders der Annahme des Interim, zur√ľckgegeben. Gleichwohl wegen seiner neuen Rebellion mit Absetzung bedroht, starb Ulrich 6. Nov. 1550.

Ulrichs Sohn Christoph (1550‚Äď68) wurde vom K√∂nig Ferdinand unter den Bedingungen des Kaadener Vertrags als Herzog von W. anerkannt. Er vollendete die Reformation in W. und legte durch die ¬Ľgro√üe Kirchenordnung¬ę den Grund zum w√ľrttembergischen Kirchen- und Schulwesen, f√ľr dessen Zwecke er hinreichende Eink√ľnfte aus dem eingezogenen Kirchengut beschaffte. Auch f√ľhrte er ein allgemeines Landrecht ein und bildete im Einvernehmen mit den St√§nden zur Kontrolle des Finanzwesens aus der Landschaft den Kleinern und den Gr√∂√üern Ausschu√ü, der durch sein Selbsterg√§nzungsrecht allm√§hlich eine oligarchische Stellung errang und die St√§dte selbst in den Hintergrund dr√§ngte. Christophs Sohn Ludwig (1568‚Äď93), der die Konkordienformel einf√ľhrte und das Collegium illustre, eine Anstalt zur wissenschaftlichen Ausbildung weltlicher Beamten, gr√ľndete (1592), starb kinderlos, und ihm folgte der einzige noch √ľbrige F√ľrst des w√ľrttembergischen Hauses, Friedrich I. (1593‚Äď1608), der Sohn des Grafen Georg von M√∂mpelgard, eines Bruders des Herzogs Ulrich. Er erreichte es 1599, da√ü Kaiser Rudolf II. im Prager Vertrag gegen eine hohe Geldentsch√§digung W. aus einem √∂sterreichischen Lehen wieder zu einem Reichslehen machte. Er regierte fast unumschr√§nkt und n√∂tigte dem Landesausschu√ü die Bewilligung seiner bedeutenden Geldforderungen ab; doch die Aufhebung des T√ľbinger Vertrags und die Beseitigung der st√§ndischen Rechte gl√ľckten ihm nicht. Sein Sohn Johann Friedrich (1608‚Äď28) mu√üte den T√ľbinger Vertrag voll best√§tigen und die Hinrichtung des Kanzlers Enslin, der verschiedener Rechtswidrigkeiten angeklagt wurde, 1613 zulassen. Obgleich Mitglied der Union, nahm Johann Friedrich am Drei√üigj√§hrigen Kriege nicht teil; dennoch hatte W. von den Durchz√ľgen und Pl√ľnderungen der Truppen, namentlich der Wallensteinschen, viel zu leiden. Mitten im Kriege starb Johann Friedrich 18. Juli 1628 und hinterlie√ü einen erst 14j√§hrigen Sohn, Eberhard III., f√ľr den 1628 bis 1633 seine Oheime Ludwig Friedrich, dann Julius Friedrich die Vormundschaft f√ľhrten. Gleich nachdem Eberhard die Regierung √ľbernommen, trat er dem Heilbronner B√ľndnis bei und stellte Truppen zum schwedischen Heer, weswegen nach der Niederlage bei N√∂rdlingen (1634) W. von den Kaiserlichen besetzt wurde; der Herzog fl√ľchtete nach Stra√üburg und kehrte erst 1638 zur√ľck. Im Westf√§lischen Frieden erhielt er sein ganzes Land wieder, aber entv√∂lkert und verarmt. Bis zu seinem Tode (3. Juli 1674) war nun Eberhard bem√ľht, die Finanzwirtschaft in ertr√§glichen Zustand zu bringen, Kirche und Schule wieder einzurichten und den Wohlstand des Landes zu heben. Seinem Sohne Wilhelm Ludwig (1674‚Äď77) folgte dessen einj√§hriger Sohn, Eberhard Ludwig, der bis 1693 unter der Vormundschaft seines Oheims Friedrich Karl stand. Unter ihm wurde W. wiederholt von Einf√§llen der Franzosen (1688, 1703 und 1707) heimgesucht. Der Herzog nahm 1699 fl√ľchtige Waldenser in W. auf, um die Bev√∂lkerung und den Wohlstand zu mehren. Nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges richtete er einen gl√§nzenden Hofhalt ein und stellte dadurch gro√üe finanzielle Anforderungen an seine Untertanen. Dazu kam die M√§tressenwirtschaft der Gr√§fin Gr√§venitz, der zuliebe der Herzog die neue Residenz Ludwigsburg erbaute. 1731 ward die Gr√§fin entfernt, und 31. Okt. 1733 starb Eberhard Ludwig. Sein Nachfolger war der Sohn seines Vormundes Friedrich Karl, Karl Alexander (1733‚Äď1737), der in √∂sterreichischem Kriegsdienst katholisch geworden war und daher der besorgten Landschaft Religionsreversalien ausstellen mu√üte. Ihm verschaffte der Jude S√ľ√ü Oppenheimer, zum Geheimen Finanzrat ernannt, das n√∂tige Geld. Schon hie√ü es, der Herzog wolle die Verfassung umst√ľrzen, die Religionsreversalien zur√ľcknehmen und dem Katholizismus freie Bahn √∂ffnen, als er 12. M√§rz 1737 pl√∂tzlich starb.

W√§hrend der Minderj√§hrigkeit seines √§ltesten Sohnes, Karl Eugen, f√ľhrte die vormundschaftliche Regierung zuerst Herzog Karl Rudolf von W.-Neuenstadt, der den Juden S√ľ√ü h√§ngen lie√ü, seit 1738 Herzog Friedrich Karl von W.-√Ėls. 1744 vom Kaiser f√ľr vollj√§hrig erkl√§rt, √ľbernahm Karl Eugen selbst die Regierung, entfaltete einen ungeheuern Luxus in der Hofhaltung durch Pflege des Theaters etc. und baute mit gro√üer Pracht das neue Schlo√ü in Stuttgart sowie die Schl√∂sser Solit√ľde und Hohenheim. Gleichzeitig nahm er am Siebenj√§hrigen Kriege gegen Preu√üen teil. Allerdings zahlte Frankreich bedeutende Hilfsgelder; dennoch verschlang das Heer gro√üe Summen aus Landesmitteln; auch war im evangelischen W. der Kampf gegen das protestantische Preu√üen nicht popul√§r. Die n√∂tigen Gelder verschaffte sich der Herzog durch verfassungswidrige Mittel, namentlich einen schamlosen √Ąmterhandel, und suchte in Gemeinschaft mit seinem obersten Minister, Grafen Montmartin, und dem Kriegsrat Rieger die Rechte der Landschaft zu unterdr√ľcken; den Konsulenten derselben, J. J. Moser, warf er ins Gef√§ngnis. Die Landschaft beschwerte sich wiederholt beim Kaiser; aber erst nach siebenj√§hrigen Verhandlungen wurde 27. Febr. 1770 der sogen. Erbvergleich geschlossen, der die alten Landesvertr√§ge und das Steuerbewilligungsrecht der St√§nde best√§tigte und die Abstellung der eingerissenen Mi√übr√§uche verlangte. Zwar erf√ľllte der Herzog nicht alle Versprechungen und beging noch manche Willk√ľrakte, wie die Verhaftung des Dichters Schubart und den Verkauf von 2000 Soldaten an Holland, aber bei zunehmendem Alter und unter dem Einflu√ü seiner zweiten Gemahlin, Franziska von Hohenheim, wendete er sich edlern Zielen zu und suchte durch Pflege der Wissenschaften und durch Gr√ľndung von Unterrichtsanstalten (¬Ľhohe Karlsschule¬ę) zu gl√§nzen. Da er keine erbberechtigten Kinder hinterlie√ü, so folgte ihm nach seinem Tode (24. Okt. 1793) sein Bruder Ludwig Engen und, als dieser schon 20. Mai 1795 starb, der j√ľngere Bruder, Friedrich Eugen (1795 bis 1797), der lange Jahre in preu√üischen Diensten gestanden und sich mit einer Nichte Friedrichs d. Gr. verm√§hlt hatte, weswegen seine Kinder evangelisch waren. 1796 drangen die Franzosen unter Moreau in W. ein, mit denen der Herzog 17. Juli den Waffenstillstand von Baden abschlo√ü, demgem√§√ü er seine Truppen vom Reichsheer zur√ľckzog und eine Kontribution von 4 Mill. Gulden bezahlte; im Frieden von Paris (7. Aug.) trat er M√∂mpelgard gegen das Versprechen sp√§terer Entsch√§digung an Frankreich ab. Friedrich Eugen starb 23. Dez. 1797; mit ihm endete die Reihe der katholischen Herzoge, die seit 1733 geherrscht hatten.

W√ľrttemberg als K√∂nigreich

Friedrich Eugens √§ltester Sohn, Friedrich II. (1797‚Äď1816), nahm gegen den Willen der St√§nde am Kriege der zweiten Koalition gegen Frankreich teil. W. wurde 1800 von Moreau besetzt und gebrandschatzt; der Herzog floh nach Erlangen. Im Frieden mit Frankreich (27. M√§rz 1802) trat er alle linksrheinischen Besitzungen ab und bekam daf√ľr durch den Reichsdeputationshauptschlu√ü an Entsch√§digung: die Propstei Ellwangen, die Abteien Zwiefalten und Sch√∂nthal sowie die neun Reichsst√§dte: Weil, Reutlingen, E√ülingen, Rottweil, Aalen, Giengen, Hall, Gm√ľnd und Heilbronn, zusammen 2200 qkm mit 124,688 Einw., und die Kurw√ľrde. Die neuen Gebiete erhielten als Neuw√ľrttemberg eine besondere, in Ellwangen residierende Regierung und vor allem keine Landst√§nde. Als 1805 der neue Krieg zwischen Frankreich und √Ėsterreich ausbrach, mu√üte Friedrich ein B√ľndnis mit Napoleon schlie√üen und lie√ü seine Truppen zu den Franzosen sto√üen. Seitdem ein eifriger Anh√§nger des Kaisers, erntete er reiche Belohnungen: im Pre√üburger Frieden (26. Dez. 1805) empfing er die √∂sterreichischen Besitzungen in Oberschwaben, die Grafschaften Hohenberg, Nellenburg und Bondorf und die Landvogtei Altdorf und nahm 1. Jan. 1806 die K√∂nigsw√ľrde an. Alt- und Neuw√ľrttemberg wurden v√∂llig verschmolzen, die alte Verfassung aufgehoben und das Kirchengut unter Staatsverwaltung gestellt. Nachdem der K√∂nig 12. Juli 1806 dem Rheinbund beigetreten war, erhielt W. durch die Mediatisierung mehrerer f√ľrstlicher und gr√§flicher H√§user sowie durch Gebietsabtretung einen weitern Zuwachs von 160,000 Seelen und durch den Wiener Frieden (14. Okt. 1809) Ulm, Mergentheim u. a., im ganzen 110,000 Einw., so da√ü W., das 1802 nur 650,000 Einw. gehabt, nun 1,400,000 Einw. z√§hlte. Daf√ľr mu√üte das w√ľrttembergische Kontingent 1806‚Äď07 gegen Preu√üen, 1809 gegen √Ėsterreich, 1812 gegen Ru√üland und 1813 gegen die Verb√ľndeten k√§mpfen. Nach der Schlacht bei Leipzig, w√§hrend der eine w√ľrttembergische Brigade zu den Verb√ľndeten √ľberging, fiel K√∂nig Friedrich von Napoleon ab und erlangte von Metternich im Vertrag zu Fulda (2. Nov. 1813) die Garantie seines Gebietes und seiner Souver√§nit√§t, worauf die w√ľrttembergischen Truppen 1814‚Äď15 am Kampfe gegen Frankreich teilnahmen. Auf dem Wiener Kongre√ü str√§ubte sich der K√∂nig hartn√§ckig gegen jede Beschr√§nkung seiner Souver√§nit√§t und trat erst 1. Sept. 1815 dem Deutschen Bund bei. Seinem Versprechen im Manifest vom 11. Jan. 1815 gem√§√ü legte er der am 15. M√§rz er√∂ffneten St√§ndeversammlung den Entwurf einer konstitutionellen Verfassung vor; doch verlangten die St√§nde ihr ¬Ľaltes, gutes Recht¬ę zur√ľck und lehnten den Entwurf ab. Friedrich I. starb 30. Okt. 1816, w√§hrend der Verfassungsstreit im Lande aufs heftigste tobte.

Sein Sohn, K√∂nig Wilhelm I. (1816‚Äď64), gelangte erst unter dem Drucke der Karlsbader Beschl√ľsse zur Vereinbarung einer Verfassung mit den St√§nden, die am 25. Sept. 1819 verk√ľndet wurde. Die Justiz wurde von der Verwaltung getrennt und das Land 1817 in 4 Kreise und 64 Ober√§mter eingeteilt. Das Schulwesen wurde verbessert, die katholische Kirche neu organisiert, 1817 eine katholisch-theologische Fakult√§t in T√ľbingen und 1828 das Bistum in Rottenburg errichtet. Besondere F√ľrsorge widmete der K√∂nig der Landwirtschaft und gr√ľndete 1818 die land- und forstwirtschaftliche Akademie in Hohenheim. Mit Erfolg bem√ľht, die Finanzen des Landes zu bessern und die Steuerlasten zu mindern, f√ľhrte er im Gegensatz zu seinem Vater einen sehr einfachen Hofhalt und hielt auch in der Staatsverwaltung aut strengste Sparsamkeit. Die Landst√§nde zeigten sick. nach der einmal erfolgten Vers√∂hnung nachgiebig und friedlich und nur 1831‚Äď33 waren einige Vertreter der liberalen Opposition unter ihnen. In einem politischen Stillleben wuchsen langsam Gewerbe und Handel und damit der Wohlstand durch den Anschlu√ü an den Zollverein, den Bau der ersten Staatseisenbahn u. a. Erst 1848 brach in W. eine freiheitliche und nationale Bewegung aus, welcher der K√∂nir sofort nachgab: das bureaukratische Ministerium Schlayer (seit 1833) wurde entlassen, und die am 9. M√§rz zu Ministern berufenen Liberalen, R√∂mer, Duvernoy, Pfizer und Goppelt, versprachen 11. M√§rz liberale Reformen im Innern und Mitwirkung bei Herstellung eines einigen Deutschland. Der alte Landtag genehmigte noch die Gesetze √ľber B√ľrgerbewaffnung, Versammlungsrecht und Abl√∂sung der Grundlasten, wurde 27. M√§rz aufgel√∂st, und die viele demokratische Mitglieder z√§hlende neue Kammer beschlo√ü au√üer einem neuen Wahlgesetz die Abschaffung aller Privilegien. Die von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen Grundrechte verk√ľndete die Regierung als Reichsgesetze, und der widerstrebende K√∂nig mu√üte 24. April 1849 notgedrungen auch die Reichsverfassung unterzeichnen. Die demokratische Agitation im Lande verlangte indes die Unterst√ľtzung des badisch-pf√§lzischen Aufstandes zur Durchf√ľhrung der Reichsverfassung. Um die Erhebung W√ľrttembergs zu bef√∂rdern, verlegte das Rumpfparlament seinen Sitz nach Stuttgart; doch das Ministerium schritt energisch ein, sprengte 18. Juni das Rumpfparlament durch Milit√§r auseinander und l√∂ste den Landtag 8. Aug. auf.

Das deutschnationale Ministerium R√∂mer hatte hierdurch W. vor einem Her√ľbergreifen des Aufstandes bewahrt, nach dessen Unterdr√ľckung in der Pfalz und Baden der K√∂nig 28. Okt. 1849 das Ministerium entlie√ü und Schlayer wieder an die Spitze der Regierung berief, dem im Juli 1850 v. Linden (bis 1864) folgte. Der K√∂nig sagte sich entschieden von Preu√üen los, sprach sich gegen das preu√üische Unionsprojekt aus und schlo√ü sich im Oktober 1850 in Bregenz ganz an √Ėsterreich an. Nachdem die drei von August 1849 bis Herbst 1850 durch allgemeine, direkte Wahlen zustande gekommenen demokratischen Landesversammlungen wegen Ablehnung der Regierungsvorlagen aufgel√∂st worden waren, hob der K√∂nig im November 1850 das Wahlgesetz vom 1. Juli 1849 auf und erkl√§rte die Verfassung von 1819 f√ľr allein g√ľltig. Die neue Kammer bestand zumeist aus Staats- und Gemeindebeamten. Der im Mai 1851 zusammentretende Landtag genehmigte die Beseitigung des Verfassungseides der Truppen, die Aufhebung der Grundrechte, die Aufl√∂sung der Volksvereine, die Wiedereinf√ľhrung der Todes- und Pr√ľgelstrafe und die Befreiung der Standesherren vom Kriegsdienst; nur die Entsch√§digung des Adels f√ľr seine durch die Abl√∂sung der Grundlasten erlittenen Verluste lehnte der Landtag ab. Mit dem p√§pstlichen Stuhl schlo√ü 8. April 1857 der Kultusminister R√ľmelin ein Konkordat, das die Entscheidung √ľber gemischte Ehen und √ľber die Erziehung des Klerus dem Bischof √ľberlie√ü und Niederlassungen geistlicher Orden erlaubte. Es wurde als k√∂nigliche Verordnung verk√ľndet, die st√§ndische Zustimmung nur zu den eine Gesetzes√§nderung erfordernden Punkten vorbehalten, aber der Landtag lehnte 1861 die Vorlage ab und bat, das Verh√§ltnis des Staates zur Kirche durch die Landesgesetzgebung zu regeln. Dies geschah durch das Gesetz vom 30. Jan. 1862, das der neue Kultusminister Golther vorlegte.

In der deutschen Frage folgte W. den W√ľnschen √Ėsterreichs, und als nach dem italienischen Kriege 1859 die Bundesreform wieder in Flu√ü kam, hielt die Regierung, auf die antipreu√üische Str√∂mung im Volke sich st√ľtzend, sich m√∂glichst zur√ľck. Sie nahm an den von Bayern angeregten mittelstaatlichen Verhandlungen √ľber eine engere Einigung der ¬Ľrein deutschen Staaten¬ę teil und erkl√§rte sich 1863 f√ľr das √∂sterreichische Bundesreformprojekt. Den Herzog von Augustenburg erkannte sie als berechtigten Erben Schleswig-Holsteins an, ging aber auf die vom Landtag verlangte energische Politik gegen die Gro√üm√§chte nicht ein; auch f√ľgte sie sich dem von Preu√üen 1862 abgeschlossenen franz√∂sischen Handelsvertrag, um eine Aufl√∂sung des Zollvereins zu vermeiden. Als jedoch K√∂nig Wilhelm 25. Juni 1864 starb und sein Nachfolger, K√∂nig Karl (s. Karl 82), den gem√§√üigt-liberalen, aber antipreu√üischen Freiherrn v. Varnb√ľler an die Spitze des Ministeriums stellte, entwickelte die Regierung nach innen und nach au√üen eine lebhaftere T√§tigkeit. Sie hob die r√ľckst√§ndigen Verordnungen √ľber Presse und Vereinswesen auf (24. Dez. 1864) und beantragte 1865 beim Landtag eine bedeutende Erweiterung des Eisenbahnnetzes. In √úbereinstimmung mit der Kammer erkl√§rte sie sich gegen Preu√üens Haltung in der schleswig-holsteinischen Frage, nahm an den mittelstaatlichen Konferenzen in Augsburg und Bamberg teil und traf schon im April 1866 milt√§rische Vorbereitungen, wof√ľr ihr im Juni der Landtag 7,700,000 Gulden bewilligte. W. stimmte 14. Juni in Frankfurt f√ľr √Ėsterreichs Antrag auf Mobilmachung aller nichtpreu√üischen Bundeskorps, und w√§hrend ein Bataillon Hohenzollern besetzte, stie√ü das w√ľrttembergische Kontingent zum 8. Bundeskorps. Obwohl die Schlacht bei K√∂niggr√§tz die kriegerische und siegesbewu√üte Stimmung im Volk abk√ľhlte, trieb Varnb√ľler zur Fortsetzung des Kampfes und verstand sich erst, als die W√ľrttemberger 24. Juli bei Tauberbischofsheim schwere Verluste erlitten und nach Aufl√∂sung des 8. Korps W. der preu√üischen Okkupation offen lag, zu Verhandlungen, die am 2. Aug. zu einem Waffenstillstand mit Manteuffel f√ľhrten; der n√∂rdliche Teil des Landes wurde von den Preu√üen besetzt, Hohenzollern aber ger√§umt. Der Fried 6 vom 13. Aug. legte W. eine Kriegsentsch√§digung von 8 Mill. Gulden auf; gleichzeitig schlo√ü die Regierung mit Preu√üen ein geheimes Schutz- und Trutzb√ľndnis.

Der Ausgang des Krieges f√ľhrte in W. zun√§chst noch zu keiner Vers√∂hnung mit der neuen Lage in Deutschland. Die Zweite Kammer forderte bei der Beratung des Friedensvertrags 11. Okt statt Anschlu√ü an Preu√üen einen besondern s√ľddeutschen Bund und genehmigte das 1867 ver√∂ffentlichte Schutz- und Trutzb√ľndnis sowie den Vertrag √ľber die Reform des Zollvereins 31. Okt. d. J. nur, weil Preu√üen drohte, W. im Fall der Ablehnung eines der Vertr√§ge aus dem Zollverein auszuschlie√üen. Bei den Wahlen f√ľr das Zollparlament (24. M√§rz 1868) wurden unter Beg√ľnstigung der Regierung nur Gegner der Einigung mit Preu√üen, Gro√üdeutsche, Ultramontane und Demokraten, gew√§hlt. Nun folgten im Juni 1868 die Wahlen f√ľr die Kammer nach dem neuen Wahlgesetz, das direkte und geheime Wahl vorschrieb: dadurch erlangten die Gro√üdeutschen und Demokraten 45 von 70 Sitzen. Durch diesen Sieg ermutigt, begann die Demokratie eine allgemeine Agitation gegen das 1868 vom Kriegsminister v. Wagner mit M√ľhe durchgesetzte Kriegsdienstgesetz, das ¬ĽFluchgesetz¬ę, das nur mit bedeutenden Abschw√§chungen der preu√üischen Grunds√§tze √ľber Wehrpflicht und Heeresorganisation angenommen worden war. Nun forderte die Demokratie dessen Abschaffung und Einf√ľhrung der wahrhaft allgemeinen Dienstpflicht mit milit√§rischer Jugendvorbereitung und kurzer aktiver Dienstzeit. Im M√§rz 1870 stellten Gro√üdeutsche und Demokraten einen Antrag auf Herabsetzung der Pr√§senzziffer und Verminderung der Heeresausgaben, den die Finanzkommission zur Annahme empfahl. Das Ministerium war uneinig und half sich 24. M√§rz zun√§chst durch Vertagung der Kammern.

Die franz√∂sische Kriegserkl√§rung im Juli 1870 gab den Dingen eine ganz andre Wendung. Der im partikularistischen Stilleben eingeschlummerte deutsche Patriotismus erwachte und erhob sich f√ľr die nationale Sache. Der K√∂nig erlie√ü 17. Juli den Mobilisierungsbefehl, die Kammern bewilligten 22. d. M. fast einstimmig den verlangten Kriegskredit. Die w√ľrttembergische Division wurde der unter dem Oberbefehl des Kronprinzen von Preu√üen stehenden dritten Armee zugeteilt und nahm an der Schlacht bei W√∂rth und den K√§mpfen vor Paris, besonders der Schlacht bei Villiers (30. Nov. und 2. Dez. 1870), r√ľhmlichen Anteil. Varnb√ľler trat 31. Aug. zur√ľck, und der Justizminister Mittnacht (s. d.) f√ľhrt: in Versailles die Verhandlungen √ľber den Eintritt W√ľrttembergs in das neue Deutsche Reich, die am 25. Nov. zum Abschlu√ü f√ľhrten: W. behielt die eigne Verwaltung der Post, der Telegraphen, der Eisenbahnen und die besondere Besteuerung des Bieres und des Branntweins; die w√ľttembergischen Truppen bildeten das 13. deutsche Armeekorps, dessen Kommandeur der Kaiser ernannte, behielten aber ihr eignes Kriegsministerium, und der K√∂nig ernannte die Offiziere; im Bundesrat bekam W. 4 Stimmen. Nachdem Neuwahlen der Regierung in der Zweiten Kammer eine nationalgesinnte Mehrheit verschafft hatten, wurden die Vertr√§ge mit dem Norddeutschen Bunde vom Landtag genehmigt und 1. Jan. 1871 verk√ľndet. Die ersten Reichstagswahlen (3. M√§rz 1871) best√§tigten den Umschwung der Volksstimmung; bis auf einen Ultramontanen wurden nur nationalgesinnte M√§nner gew√§hlt, und ein Jahrzehnt lang offenbarte das bedeutende √úbergewicht der nationalen Abgeordneten den wieder erwachten Patriotismus. Unter den 17 Reichstagsabgeordneten des Landes befanden sich 1871: 16, 1874: 13, 1877: 11, 1878: 12 nationale. Da auch das Ministerium, in dem nach Varnb√ľlers (s. d.) Entlassung Mittnacht (s. d.) seit 1873 das Ausw√§rtige leitete und seit 1876 Pr√§sident war, sich auf den Boden der neugeschaffenen Rechtszust√§nde stellte und der kr√§nkliche K√∂nig, der viel im Ausland weilte, dem zustimmte, so war die reichstreue Politik W√ľrttembergs entschieden. Auch die vor√ľbergehenden starken Wahlerfolge der Volkspartei und der Ultramontanen in den 1880er Jahren bedeuteten keineswegs eine Abkehr der W√§hler vom Reich, da auch diese Parteien sich inzwischen auf den Boden des neuen Reiches gestellt hatten.

Die Eingliederung W√ľrttembergs in das Reich stellte Regierung und Landtag vor mancherlei Aufgaben: es galt die Milit√§rorganisation durchzuf√ľhren und die Ausf√ľhrungsgesetze f√ľr die deutsche Justizreform zu erlassen. Dazu kamen zahlreiche notwendige Reformen; es wurde das Steuerwesen neu geregelt, ein Forststraf- und Forstpolizeigesetz, ein Gesetz √ľber die Rechtsverh√§ltnisse der Lehrer und ein solches √ľber die Verwaltung des kirchlichen Verm√∂gens vereinbart. Dagegen fand der Plan einer Vereinheitlichung des deutschen Eisenbahnwesens keinen Anklang; ein Antrag Elben zur F√∂rderung des Reichseisenbahnsystems wurde 30. M√§rz 1876 in der Zweiten Kammer mit 80 gegen 6 Stimmen abgelehnt, und die Erste Kammer trat dieser Auffassung bei. Indes der Ausfall in den Einnahmen der allzu schnell vermehrten Staatseisenbahnen machte 1881 die Erh√∂hung vorhandener und die Einf√ľhrung neuer Steuern n√∂tig, bis die Vermehrung der Reichseinnahmen die Finanzen so erheblich verbesserte, da√ü 1889 die Steuern herabgesetzt, wichtige Bauten ausgef√ľhrt und die Beamtengeh√§lter erh√∂ht werden konnten.

Immer aufs neue trat die Frage der Verfassungsreform in den Mittelpunkt des Interesses. Ihre L√∂sung forderte die Regierung und nicht minder die Kammern; besonders die Erste verlangte Verst√§rkung ihrer Arbeitskr√§fte. Gleichwohl scheiterten zun√§chst alle Versuche, da die Zweite Kammer immer einheitlicher das v√∂llige Ausscheiden der Privilegierten (Vertreter der Ritterschaft, der Kirchen und der Universit√§t) aus ihr und deren Ersetzung durch gew√§hlte Abgeordnete des allgemeinen gleichen Stimmrechts forderte, w√§hrend die Regierung darauf beharrte, an ihrer Stelle ¬Ľein andres geeignetes, stetiges, insofern konservatives Element¬ę, etwa durch Gew√§hlte von H√∂chstbesteuerten zu setzen. Nur geringf√ľgige Ab√§nderungen der Verfassung ergaben die Gesetze vom 23. Juni 1874, 1. Juli 1876, 16. Dez. 1876 und 25. Aug. 1879, die unter anderm das Recht der Initiative beider Kammern, die Bildung eines Staatsministeriums und eines Verwaltungsgerichtshofes brachten.

Durch den Beitritt W√ľrttembergs zu der Branntweinsteuergemeinschaft (1887) wurde eines der Reservatrechte aufgegeben. Im √ľbrigen waren die Zust√§nde so befriedigend, da√ü sich die gl√§nzende Feier des 25j√§hrigen Regierungsjubil√§ums des K√∂nigs 25. Juni 1889 rechtfertigte. Der K√∂nig starb 6. Okt. 1891 unerwartet rasch. Da er keine Kinder hinterlie√ü, folgte ihm sein Neffe, Prinz Wilhelm, als K√∂nig Wilhelm II. (s. Wilhelm 39). Er behielt das Ministerium Mittnacht bei und betonte in einer Ansprache an das Volk besonders seine Stellung als deutscher Regent und seine Treue zu den Vertr√§gen mit Preu√üen. Ein neuer Versuch einer Verfassungsrevision 1894, nach dem die Erste Kammer eine Verst√§rkung auf 45 Mitglieder erfahren und die Zweite Kammer 73 Mitglieder des allgemeinen Stimmrechts, 7 Vertreter der Berufsst√§nde und 15 bevorrechtete Mitglieder z√§hlen sollte, scheiterte an dem Widerstande der Zweiten Kammer gegen alle Vorrechte. Der 1895 neugew√§hlte Landtag zeigte ein v√∂llig neues Gepr√§ge: infolge des Zusammengehens von Demokratie und Zentrum erlitt die bisher f√ľhrende Deutsche Partei eine schwere Niederlage. Es wurden 31 Demokraten, 18 Ultramontane und 2 Sozialdemokraten gegen einen Konservativen und 11 Mitglieder der Deutschen Partei gew√§hlt; das Pr√§sidium erhielt der F√ľhrer der Volkspartei, Payer (s. d. 2). Neben der Neugestaltung der Verfassung war inzwischen auch eine solche des Steuerwesens und der Gemeindeordnung notwendig geworden. Da der K√∂nig keine m√§nnlichen Nachkommen hatte, und der letzte evangelische Agnat des Hauses W., der greise Herzog Nikolaus (gest. 22. Febr. 1903) kinderlos war, stand der √úbergang der Krone auf die katholische Linie zu erwarten. Deshalb mu√üten Bestimmungen √ľber die Aus√ľbung der landesherrlichen Kirchenregimentsrechte im Falle der Zugeh√∂rigkeit des K√∂nigs zu einer andern als der evangelischen Konfession getroffen werden. Allein das Religionsreversaliengesetz scheiterte 1896 an dem Widerstand der noch von den Wahlen her verb√ľndeten Demokraten und Ultramontanen. Die neuen Beschl√ľsse der evangelischen Landessynode wurden 1898 nur als kirchliches Gesetz genehmigt, mit der Ma√ügabe, da√ü die nach diesem Gesetz berufenen Staatsbeamten (in erster Linie zwei Minister) zum Eintritt in die evangelische Kirchenregierung keiner h√∂hern Genehmigung bed√ľrfen. Der Gesetzentwurf √ľber die Abschaffung der Lebensl√§nglichkeit der Ortsvorsteher wurde 1898 von der Zweiten Kammer genehmigt, aber von der Ersten abgelehnt. Wider Erwarten scheiterte auch die durch den Gesetzentwurf vom 29. Juni 1897 wieder aufgenommene Verfassungsrevision. Die Regierung war endlich bereit, die Zweite Kammer v√∂llig auf der Grundlage des allgemeinen Stimmrechts aufzubauen, und unter den aus Wahlen hervorgegangenen Mitgliedern der Zweiten Kammer herrschte Einstimmigkeit. Der Entwurf fand 5. April 1898 mit 69 gegen 18 Stimmen der Privilegierten Annahme. Demgem√§√ü sollte die Zahl der Mitglieder der Ersten Kammer durch Zutritt der Privilegierten von 26 auf 48 steigen; in der Zweiten Kammer aber sollten an Stelle der letztern noch 2 Vertreter Stuttgarts und 21 nach dem Proportionalwahlverfahren gew√§hlte Abgeordnete der 4 Kreise treten. Die Reform scheiterte in letzter Stunde, da das Zentrum seine endg√ľltige Zustimmung von der Festlegung der Konfessionsschule sowie des bisch√∂flichen Rechts auf die Einf√ľhrung geistlicher Orden und Niederlassungen abh√§ngig machte. Diese Antr√§ge wurden von der Regierung und den √ľbrigen Parteien in den Verhandlungen vom 11.‚Äď14. Mai aufs entschiedenste bek√§mpft und schlie√ülich mit 58 gegen 22 Stimmen abgelehnt. Infolgedessen schlug sich das Zentrum bei der endg√ľltigen Abstimmung zu den Privilegierten, so da√ü die Vorlage bei 48 gegen 38 Stimmen nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit fand. Dasselbe Schicksal widerfuhr der vom Finanzminister Riecke (s. d.) ausgearbeiteten und nach seinem Tode von Zeyer vertretenen Steuerreform. Die Zweite Kammer w√ľnschte besonders eine Progression der Einkommensteuer bis zu 6 Proz.; die Erste Kammer stellte jedoch den H√∂chstsatz mit 4 Proz. wieder her und verlangte, da√ü die Erh√∂hung des Einheitssatzes der Einkommensteuer der ordentlichen Gesetzgebung vorbehalten sein sollte. Da sie auch in der zweiten Beratung sich nur zu einem H√∂chstsatze von 4,5 Proz. verstand, lehnte die Zweite Kammer die Vorlage ab.

Der Landtag hatte somit keine seiner Aufgaben bew√§ltigt, aber es hatte sich doch eine √Ąnderung vollzogen insofern, als sich die Demokratie vom Zentrum trennte und die protestantischen Privilegierten ihre Stellung √§nderten, weil das Zentrum konfessionelle Gesichtspunkte geltend machte. Infolge dieser ver√§nderten Lage konnte der ¬ĽReformlandtag¬ę (1901 bis 1906) bedeutende Erfolge verzeichnen. Die Neuwahlen von 1900 brachten der Volkspartei 26, dem Zentrum 20, der Deutschen Partei 11, dem Bund der Landwirte 4 und der Sozialdemokratie 5 Vertreter. Im Ministerium waren bedeutende √Ąnderungen eingetreten. Ende 1900 wurde an Stelle v. Mittnachts der Kriegsminister Schott v. Schottenstein (s. d.) Ministerpr√§sident und nach dessen Enthebung im April 1901 der Justizminister v. Breitling (s. d., seit 1896); das Ministerium des Ausw√§rtigen und der Verkehrsanstalten √ľbernahm der Kabinettschef des K√∂nigs, v. Soden (s. d. 2), dem Kultusminister v. Sarwey (s. d.) folgte v. Weizs√§cker (s. d. 3), Kriegsminister wurde v. Schn√ľrlen (s. d.), und nur die Minister des Innern und der Finanzen, v. Pischek (s. d.) und v. Zeyer, blieben im Amte. 1901 wurde der Eintritt W√ľrttembergs in die preu√üisch-hessische Eisenbahngemeinschaft im Landtage lebhaft besprochen, und im Mai 1901 erkl√§rte sich die Zweite Kammer aus wirtschaftlichen, politischen und konstitutionellen Gr√ľnden gegen eine solche Gemeinschaft, selbst wenn sie finanzielle Vorteile br√§chte; die Erste Kammer und die Regierung nahmen eine √§hnliche Stellung ein. Dagegen erkl√§rte sich der w√ľrttembergische Handelskammertag entschieden f√ľr einen Anschlu√ü an Preu√üen-Hessen. Immerhin brachte 1901 in dem Postmarkenvertrag mit einheitlichen Postwertzeichen einen Fortschritt auf dem Gebiete des Verkehrswesens, der zwar beinahe einen Kompetenzkonflikt hervorrief, aber doch von den Kammern genehmigt wurde. Auch in den n√§chsten Jahren kam die Eisenbahnfrage nicht zur Ruhe, und die Zahl der Anh√§nger einer Verkehrsgemeinschaft wuchs, zumal angesichts der Umleitungen der badischen und bayrischen Eisenbahnverwaltungen, gegen die 1903 im Landtag heftige Angriffe erfolgten. Als 1904 die Regierung die Initiative zur Herbeif√ľhrung einer Betriebsmittelgemeinschaft der deutschen Eisenbahnen ergriff, fand dieses Vorgehen die Zustimmung des Landtags.

√úber den 1902 wieder vorgelegten Entwurf einer Steuerreform ward 17. Juli 1903 eine Einigung erzielt. Die Regierung schlug 4,5 Proz. als H√∂chstsatz der Einkommensteuer vor, die Zweite Kammer forderte 6 Proz., begn√ľgte sich aber infolge des Widerstands der Ersten Kammer mit 5 Proz. bei 200,000 Mk. Einkommen und stimmte der geforderten Erweiterung des Budgetrechts der Ersten Kammer zu. Das Gemeindesteuerrecht wurde gleichzeitig abge√§ndert, besonders durch die Bestimmung eines h√∂chstens 50prozentigen Zuschlags zur staatlichen Einkommensteuer. Im April 1902 wurde ein Volksschulgesetz vorgelegt, das f√ľr gr√∂√üere Bezirke Schulaufsicht im Hauptamt durch Geistliche oder Schulm√§nner vorsah. Die Zweite Kammer nahm die Vorlage an, aber die katholische Mehrheit der Ersten lehnte die Zulassung von Schulm√§nnern zur Bezirksschulaufsicht ab, und die Regierung zog nun die Vorlage zur√ľck. Die katholischen Prinzen des k√∂niglichen Hauses, insbesondere Herzog Albrecht, seit dem Tode des Herzogs Nikolaus pr√§sumtiver Thronfolger, h√§tten eine Entscheidung zugunsten der Regierungsvorlage herbeif√ľhren k√∂nnen, blieben aber der Sitzung fern. Der Fall des Schulgesetzes lie√ü die Verfassungsreform wieder aufleben, da es galt, den Charakter der Schule als unabh√§ngiger Staatsanstalt sicherzustellen. Teilweise wurde in Kundgebungen sogar die Abschaffung der Ersten Kammer gefordert. Am 15. Juni 1905 ging den St√§nden der Entwurf einer Verfassungs√§nderung zu: die Grundlinien bildeten die Schaffung der ¬Ľreinen Volkskammer¬ę, hervorgehend aus allgemeinen Wahlen, und die Erh√∂hung der Mitgliederzahl und des Einflusses der Ersten Kammer. F√ľr die aus der Zweiten Kammer ausscheidenden Privilegierten war au√üer einer st√§rkern Vertretung der Stadt Stuttgart kein Ersatz vorgesehen. Auf der andern Seite sollte die Erste Kammer durch den Eintritt der Ritter, einflu√üreicher Vertreter der Kirchen und Schulen, von Handel, Gewerbe, Handwerk und Landwirtschaft lebenskr√§ftiger werden und ein erweitertes Budgetrecht erhalten. Das Zentrum verhielt sich ablehnend, w√§hrend die Privilegierten grunds√§tzlich mit der Neugestaltung einverstanden waren. Die Mehrheit der Zweiten Kammer forderte dagegen einen Ersatz f√ľr die ausscheidenden Privilegierten durch Erw√§hlte des allgemeinen Stimmrechts nach dem Proportionalwahlverfahren und bestand auf dem Budgetvorrecht. Eine Minderheit bef√ľrwortete einen Ersatz durch berufsst√§ndische Vertreter. Zweimal kehrte der Entwurf abge√§ndert aus der Ersten Kammer zur√ľck, bis 9. Juli 1906 vollst√§ndige Einigung erzielt und der Entwurf in der Ersten Kammer einstimmig, in der Zweiten mit 66 gegen 21 Stimmen des Zentrums und zweier Ritter angenommen wurde. Nach diesem Gesetz besteht die Erste Kammer aus den Prinzen des k√∂niglichen Hauses (zurzeit 4), den Standesherren (zurzeit 19), aus h√∂chstens 6 k√∂niglichen R√§ten, 8 Vertretern der Ritterschaft, 4 der evangelischen und 2 der katholischen Kirche, je einem der beiden Hochschulen, 2 Vertretern des Handels und der Industrie, 2 der Landwirtschaft und einem des Handwerks. Die Zweite Kammer besteht aus 63 Bezirksabgeordneten und 6 St√§dteabgeordneten, gew√§hlt nach romanischem Verfahren, ferner aus 6 Abgeordneten der Stadt Stuttgart und 17 Abgeordneten der zwei Landeswahlkreise, gew√§hlt nach dem Proportionalwahlverfahren.

Wenige Tage sp√§ter wurde auch die neue Gemeinde- und Bezirksordnung nach langen Verhandlungen endg√ľltig angenommen; sie brachte eine Ausdehnung der Selbstverwaltung in den Gemeinden und Bezirken, die Beseitigung der lebensl√§nglichen und die Einf√ľhrung der periodischen Wahl der Ortsvorsteher ohne r√ľckwirkende Kraft. Nur die Schulreform steht noch aus. Die Wahlen auf Grund des neuen Gesetzes um die Jahreswende 1906/07 ergaben trotz eines unverkennbaren Vordringens der extremen Parteien (Bauernbund und Sozialdemokratie) keine wesentliche Kr√§fteverschiebung. Es wurden gew√§hlt 15 Mitglieder des Bauernbundes, 13 der Deutschen Partei, 24 der Volkspartei, 15 der Sozialdemokratie und 25 des Zentrums. Die anschlie√üenden Reichstagswahlen ergaben eine Niederlage der Sozialdemokraten, die von 4 Wahlkreisen nur einen behaupteten. Der neue Landtag, der auch neue Minister, v. Weizs√§cker als Verkehrsminister und Ministerpr√§sident, v. Fleischhauer als Kultusminister, v. Marchthaler als Kriegsminister, von Schmidlin als Justizminister, antraf, f√ľhrte eine umfassende Beamtenbesoldungsausbesserung mit einem Gesamterfordernis von rund 6 Mill. Mk. durch.

[Geschichtsliteratur.] ¬ĽWirttembergisches Urkundenbuch¬ę (hrsg. vom k√∂niglichen Staatsarchiv, Stuttgart 1849‚Äď1907, Bd. 1‚Äď9); ¬ĽW√ľrttembergische Geschichtsquellen¬ę (das. 1894 ff.) und ¬ĽDarstellungen aus der w√ľrttembergischen Geschichte¬ę (das. 1904 ff.; beide hrsg. von der Kommission f√ľr Landesgeschichte); St√§lin, Wirtembergische Geschichte (das. 1841‚Äď73, 4 Bde.; bis 1593); P. F. St√§lin, Geschichte W√ľrttembergs (Gotha 1882‚Äď87, Bd. 1 in 2 Tln.); E. Schneider, W√ľrttembergische Geschichte (Stuttg. 1896); Belschaer, Geschichte von W. in Wort und Bild (das. 1902); Weller, W√ľrttemberg in der deutschen Geschichte (das. 1900); Fricker und Ge√üler, Geschichte der Verfassung W√ľrttembergs (das. 1869); Hieb er, Die w√ľrttembergische Verfassungsreform von 1906 (das. 1906); Wintterlin, Geschichte der Beh√∂rdenorganisation in W. (das. 1904‚Äď06, Bd. 1 u. 2); ¬ĽW. und sein K√∂nig 1864‚Äď1889, eine Festgabe¬ę (das. 1889); ¬ĽW√ľrttembergische Kirchengeschichte¬ę, hrsg. vom Kalwer Verlagsverein (Kalw u. Stuttg. 1893); R. Schmid, Reformationsgeschichte W√ľrttembergs (Heilbr. 1904); Golther, Der Staat und die katholische Kirche im K√∂nigreich W. (Stuttg. 1874); Kai√üer, Geschichte des Volksschulwesens in W. (das. 1894‚Äď97, 2 Bde.); Bartens, Die wirtschaftliche Entwickelung des K√∂nigreichs W. (Frankf. 1901); Binder, W√ľrttembergische M√ľnz- und Medaillenkunde (neue Bearbeitung von Ebner, Stuttg. 1904 ff.); Haug und Sixt, Die r√∂mischen Inschriften und Bildwerke W√ľrttembergs (das. 1898‚Äď1900, 2 Tle.); Hofmann, Historischer Reisebegleiter f√ľr Deutschland, Bd. 3: Das K√∂nigreich W. (Berl. 1906); Krau√ü, Schw√§bische Literaturgeschichte (Freib. i. Br. 1897‚Äď1899, 2 Bde.); ¬ĽW√ľrttembergische Vierteljahrshefte f√ľr Landesgeschichte¬ę (Stuttg. 1878‚Äď1905); Heyd, Bibliographie der w√ľrttembergischen Geschichte (Bd. 1 u. 2, das. 1895‚Äď96; Bd. 3 von Th. Sch√∂n, 1907), und die ¬ĽGeschichtskarten von Deutschland¬ę im 4. Band.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905‚Äď1909.

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  • W√ľrttemberg Hz ‚ÄĒ DRG Class 97.5 Number(s): DRG 97 501‚Äď504 Quantity: 4 Manufacturer: Esslingen Year( ‚Ķ   Wikipedia

  • W√ľrttemberg Ts 4 ‚ÄĒ DRG Class 99.17 Number(s): Nr. 1‚Äď3 99 171‚Äď173 Quantity: 3 Manufacturer: Maschinenfabrik Esslingen Year(s) of manufacture: 1891, 1899 Retired: 1931 Axle arrangement: D n2t ‚Ķ   Wikipedia

  • W√ľrttemberg [1] ‚ÄĒ W√ľrttemberg (so officiell seit 1802 geschrieben, fr√ľher Wirtenberg, Wirtemberg), K√∂nigreich in Deutschland, begr√§nzt von Baden, den preu√ü. hohenzollerschen F√ľrstenth√ľmern, dem Bodensee u. Bayern, 354 QM. gro√ü mit 1784000 E., unter denen 555000… ‚Ķ   Herders Conversations-Lexikon

  • W√ľrttemberg [1] ‚ÄĒ W√ľrttemberg (seit 1803 amtlich angeordnete Schreibart f√ľr W√ľrtemberg od. das fr√ľhere Wirtenberg u. das nachmalige Wirtemberg), K√∂nigreich in S√ľddeutschland, zwischen 25¬į 52 20 u. 28¬į 9 36 √∂stl. L√§nge u. zwischen 47¬į 35 u. 49¬į 35 30 n√∂rdl. Breite ‚Ķ   Pierer's Universal-Lexikon

  • W√ľrttemberg [3] ‚ÄĒ W√ľrttemberg (Geneal.). Das Haus W. stammt v√§terlicher Seits von dem Geschlechte der alemannischen Herz√∂ge u. m√ľtterlicher Seits von dem uralten Geschlechte der Grafen vom Remsgau (s. oben S. 408), welche seit dem 12. Jahrh. auf der Burg… ‚Ķ   Pierer's Universal-Lexikon

  • W√ľrttemberg ‚ÄĒ und Hohenzollern ‚Ķ   Meyers Gro√ües Konversations-Lexikon


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