Coleridge

Coleridge (spr. kōlriddsch), 1) Samuel Taylor, engl. Dichter, Kritiker und Theolog, der originalste Reformator der englischen Poesie zur Zeit der französischen Revolution, geb. 20. Okt. 1772 zu Ottery St. Mary in Devonshire, wo sein Vater Prediger war, gest. 25. Juli 1834 in Highgate, erhielt seine Vorbildung in der Christ's-Hospitalschule zu London und studierte 1791–94 zu Cambridge. Seine Gesinnung war damals ultra-radikal und antidogmatisch, doch immer streng religiös, so daß er in Milton sein Ideal fand. Er verließ daher die Universität, wurde in der äußersten Not für eine Weile Soldat, wollte mit Southey und andern Freunden nach Amerika auswandern, um eine kommunistische Republik zu gründen, vermählte sich zu diesem Behuf mit einer Schwägerin von Southey, sah sich jedoch bald von den Genossen verlassen und zu einem Schriftstellerleben in England gezwungen. In Hymnen und Sonetten Miltonscher Art, in einem mit Southey und Lovell geschriebenen Drama: »The fall of Robespierre« (1794), in einer Zeitung. »The watchman« (1796) und in einer Reihe öffentlicher Vorlesungen zu Bristol bekundete sich seine Begeisterung für die Ideen der französischen Revolution. Vor der Not, die ihn und seine Familie dabei bedrängte, schützte ihn die Einladung des Lohgerbers Poole nach Nether-Stowey (Somersetshire), wo er binnen Jahresfrist (1797–98) seine schönsten Gedichte schuf: Landschaftsidyllen, wie »Diese Lindenlaube mein Gefängnis« oder »Frost um Mitternacht«, in denen durch die realistisch beobachteten Phänomene etwas Übernatürliches, eine Art pantheistisch gedachter Weltseele durchschimmert; und gespenstische Balladen wie »Der alte Matrose« (deutsch von Freiligrath; von Höfer, Berl. 1841) oder »Christabel«. Zum »Alten Matrosen« gab der Traum eines Freundes die Anregung, und Shelvockes Weltumsegelung das Motiv vom ersch offenen Albatroß; »Christabel« beruht auf einer Episode in Spensers »Feenkönigin«; beide Gedichte haben auf Walter Seott, Byron, Shelley und Keats tiefen Eindruck geübt. Die Poesie von C. ist nicht umfangreich, aber stimmungssatt und melodisch, bald gedankenschwer und bald mit einem Märchenreiz ausgestattet, der für die englische Romantik tonangebend wurde. Mit ihren Vorzügen steht es leider im Zusammenhang, daß C. sich gleichzeitig dem Opium ergab, was zur Folge hatte, daß sich sein Geist allmählich zwischen Unternehmungsfülle und Energielosigkeit erschöpfte. Zunächst ging er, von den Brüdern Wedgewood unterstützt, nach Deutschland, um Kant zu studieren, trieb in Göttingen mit Eifer deutsche Literaturgeschichte (1798–99) und gab nach der Rückkehr in einer klassischen Übersetzung von Schillers »Wallenstein« (Lond. 1800) ein Beispiel, wie deutsche Verse treu und doch idiomatisch in englische zu verwandeln sind. Auch durch kleinere Übersetzungen wirkte er für die Aufnahme deutscher Poesie; in vielbesuchten Vorlesungszyklen importierte er die ästhetischen Entdeckungen von Lessing, Kant, Herder, Jean Paul und Schlegel, so daß für die englische Kunstkritik eine neue Epoche begann; mündlich und schriftlich ward er zum bedeutendsten Interpreten deutscher Metaphysik. Das Hauptprodukt dieser Tätigkeit ist seine »Biographia literaria« (Lond. 1817, 2 Bde.; zuletzt 1876 in Bohns »Standard library«). Seine poetische Kraft war inzwischen erlahmt und zeigte sich noch am ehesten auf dem Gebiete des Romanzendramas: er bearbeitete sein Jugenddrama »Remorse« (1813) für die Bühne und ahmte Shakespeares »Wintermärchen« nach in »Zapolya« (1817). Politisch war er, je mehr die französische Republik erobernd auftrat und in Napoleonischen Despotismus umschlug, ein desto überzeugterer Konservativer geworden, schrieb erfolgreiche Leitartikel für das Regierungsblatt »Morning Post« und vergaß nicht, die Metaphysik seines eignen Organs »The friend« (1809 bis 1810, in Buchform neugedruckt 1812, umgearbeitet 1818) in einen Ausruf zu den Befreiungskriegen auslaufen zu lassen. Seine Familie hatte er inzwischen an den Seen in Nordwestengland untergebracht, in Keswick bei seinem Schwager Southey, unweit von Wordsworth, weshalb er mit diesen Dichtern zusammen als lakist bezeichnet wird. Er hielt sich aber dort nur zeitweilig auf, da er als Publizist meist in London lebte. Aus Gesundheitsrücksichten ging er 1804 für anderthalb Jahre nach Malta als Sekretär des Gouverneurs; seit 1810 genoß er die Pflege befreundeter Familien in Hammersmith und Calne. Die letzte Periode seines Lebens verbrachte er im Hause des Arztes Gilman zu Highgate, seit 1816; dort verfaßte er die christlich-sozialen, Flugschriften »The statesman's manual, a lay sermon« (1816); »A second lay sermon« (1817; mit ersterm zusammen, 3. Aufl. 1852); »On the constitution of the church and state« (1830, 4. Aufl. 1852); dort entstanden auch die frommen und zugleich freisinnigen »Aids to reflection« (1825, neueste Aufl. 1885), die »Confessions of an inquiring spirit« (erschienen 1849) und »Theory of life« (hrsg. von Watson, 1849). Als »das Orakel von Highgate« hielt er berühmte Gespräche, von denen ein Teil ausgezeichnet und nach seinem Tod als »Table talk« gedruckt wurde (1835, zuletzt 1884). Eine Sammlung seiner kleinern Prosaschriften aus dem Nachlaß erschien als »Literary remains« (1836–38, 4 Bde.; neue Ausg. 1863). Seine »Notes and lectures on Shakespeare«, teilweise von seiner Tochter 1849 herausgegeben, wurden in weiterm Umfange von T. Ashe in einem Neudruck zusammengefaßt (Lond. 1883). Eine gute Ausgabe seiner »Poetical works« ist die von Freiligrath bei Tauchnitz; vollständig er ist die 1877 bei Pickering erschienene (Lond., 4 Bde.) und noch mehr die von J. D. Campbell (das. 1893, 1 Bd.) mit »Life«, das 1894 auch separat herauskam. Biographien verfaßten Gillman (Lond. 1838), Traill (das. 1884), Brandl (»S. T. C. und die englische Romantik«, Berl. 1886) und H. Caine (Lond. 1887). Sein Enkel Ernest Hartley C. veröffentlichte: »The letters of Samuel Taylor C.« (Lond. 1895, 2 Bde.) und »Anima Poetae, trom the note-books of Sam. Taylor C.« (das. 1895). Eine Bibliographie seiner Schriften verfaßte Shepherd (das. 1901). Val. auch A. Swinburne, Essays and studies (Lond. 1888), und E. Yarnall, Wordsworth and the Coleridges (New York 1899).

2) Hartley, engl. Dichter, Sohn des vorigen, geb. 19. Sept. 1796 in Clevedon bei Bristol, gest. 6. Jan. 1849 zu Rydal in Westmoreland, studierte in Oxford und erregle als Kind durch seine dichterischen Anlagen die größten Erwartungen. Einiges in seinen »Poems« (Lond. 1833) schließt sich an die besten Erzeugnisse der englischen Dichtkunst an. Er schrieb außerdem in Prosa: »Biographia borealis« (Lond. 1833) und »The worthies of Yorkshire and Lancashire« (1836; neue Ausg. 1852, 3 Bde.). Eine Ausgabe seiner »Essays and marginalia« (1851, 2 Bde.) sowie seiner »Poems« (1852, 2 Bde.) wurde von seinem Bruder Derwent C. veranstaltet. – Seine nicht minder begabte Schwester Sara C., geb. 22. Dez. 1802 in Greta Hall bei Keswick, seit 1829 mit ihrem Vetter Henry Nelson C. verheiratet, gest. 3. Mai 1852, besaß eine gründliche Kenntnis der alten und neuern Sprachen, gab die Gedichte ihres Vaters 1847 heraus, übersetzte aus dem Lateinischen und Französischen, schrieb: »Pretty lessons for good children« (1834, 6. Aufl. 1874) und »Phantasmion«, eine reizende Feengeschichte (1837, neue Ausg. 1874), und hinterließ eine vorzügliche Selbstlebensbeschreibung, die als »Memoirs and letters« von ihrer Tochter 1873 herausgegeben wurde (Lond. 1873, 2 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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