Diderot

Diderot (spr. did'ro), Denis, namhafter franz. Schriftsteller, geb. 5. Okt. 1713 in Langres als Sohn eines Messerschmiedes, gest. 30. Juli 1784, widmete sich in Paris dem Studium der Philosophie, Mathematik und Physik, verlor, weil er darüber seine Berufsstudien vernachlässigte (er war anfangs Theolog, dann Jurist gewesen), die Unterstützung seines Vaters und mußte sich durch literarische Arbeiten (in denen er den Einfluß Bayles sowie der englischen Sensualisten und Freidenker verriet) seinen Lebensunterhalt verdienen. Der in Frankreich herrschenden Gläubigkeit trat er schon in den »Pensées philosophiques« (Haag 1746) und noch mehr in der 1747 geschriebenen, aber vor dem Druck mit Beschlag belegten »Promenade d'un sceptique« entgegen. Erstere Schrift, in der das Parlament einen Angriff auf das Christentum erblickte, wurde auf dessen Befehl vom Scharfrichter verbrannt. Letztere ist erst lange nach Diderots Tod in dem vierten Bande seiner »Mémoires, correspondance et ouvrages inédits« (Par. 1830) veröffentlicht worden. Der Zweifel, den er darin dem Theismus vom deistischen Standpunkt aus entgegensetzt, macht schon in den rasch darauf folgenden Schriften: »Introduction aux grands principes«, »Lettre sur les aveugles« (Lond. 1749), die, als atheistisch, ihm ein Jahr Gefängnis in Vincennes zuzogen, und »Lettre sur les sourds et muets« (1751) dem Zweifel am Deismus selber Platz. In der von 1751 ab publizierten »Encyclopédie« (s. Enzyklopädie) rühren nicht bloß sämtliche auf Technik und Gewerbe bezügliche, sondern auch einige philosophische, ja selbst viele physikalische und chemische Artikel von D. her, dessen schlagfertige Polyhistorie ihm erlaubte, überall einzuspringen, wo ein Mitarbeiter fehlte. Seine Theorien über das Theater, das er dem abstrakten klassischen Regelzwang entreißen und zur Natürlichkeit zurückführen wollte, betätigte er in seinen beiden Dramen: »Le fils naturel« (1757) und »Le père de famille« (1758). Diese beiden Stücke (übersetzt von Lessing, 1760), die wegen ihrer Rührseligkeit und pedantischen Moral vollständig durchfielen, waren die Vorläufer des sogen. bürgerlichen Dramas; sie fanden in Deutschland (bei Iffland, Kotzebue u. a.) mehr Nachahmung als in Frankreich. Von der Vielseitigkeit Diderots legen ein vortreffliches Zeugnis ab die »Salons«, Berichte über die Ausstellungen der Pariser Akademie von 1765–67, in denen er in geistreicher Plauderei die Naturwahrheit als Hauptforderung aufstellt; auch für diese Art der Kunstkritik kann D. als Begründer gelten. Die Mehrzahl seiner Erzählungen und Romane ist außer den »Bijoux indiscrets« (1748), einem unsaubern und faden Produkt, erst nach seinem Tode gedruckt worden. Von diesen ist am schwächsten »Jacques le fataliste« (deutsch von Mylius, Berl. 1792; eine Novelle daraus hat Schiller übersetzt, Sardou in »Fernande« dramatisiert), besser trotz des z. T. empörenden Naturalismus der Roman »La Religieuse«, am berühmtesten aber »Le neveu de Rameau«, der zuerst in Deutschland durch Goethes Übersetzung (1805) bekannt wurde, dann zurückübersetzt und erst 1821 nach dem Original gedruckt wurde, ein köstliches Spiegelbild der Genußsucht und Blasiertheit der Zeit (beste Ausg. von Thoinan, Par. 1891; vgl. R. Schlösser, Rameaus Neffe, Studien und Untersuchungen, Berl. 1900). Wahre Perlen liebenswürdigen Humors und geistreichen Erzählungstalents sind die kleinen Genrebilder, die er mit dem Namen »Petits papiers« bezeichnete. 1743 hatte er gegen den Willen seines Vaters aus Liebe ein armes Mädchen geheiratet, das aber durch Beschränktheit und Bigotterie sich den Gatten bald entfremdete, besonders als nach der Geburt mehrerer Kinder die drückendsten Nahrungssorgen auf ihm lasteten. D. fiel bald darauf in die Netze einer berüchtigten, herzlosen Kokette, Madame de Puisieux, die ihn zehn Jahre lang aufs schmählichste betrogen und ausgesogen hat. Dann schloß er eine enge Verbindung mit der geist- und gemütvollen Sophie Volland, die bis an deren Lebensende dauerte. Der pekuniäre Gewinn aus seinen Schriften, selbst aus der »Encyclopédie«, war nur gering, und er dachte schon daran, seine Bibliothek zu verkaufen, um seine Tochter aussteuern zu können, als seine enthusiastische Bewundrerin, die Kaiserin Katharina II. von Rußland, ihn auf edle, schonende Art seinen Verlegenheiten entriß: sie kaufte ihm seine Bibliothek für 15,006 Livres ab mit der Bedingung, daß er sie, solange er lebe, behalte und für 1000 Livres jährlichen Gehalt verwalte, und ließ ihm den Gehalt auf 50 Jahre vorausbezahlen; dann lud sie ihn nach Petersburg ein und lebte mit ihm einen Winter hindurch in vertraulichem Umgang, bis seine durch das rauhe Klima noch mehr geschwächte Gesundheit die Rückkehr in die Heimat verlangte. Eine Einladung Friedrichs d. Gr., über Berlin zu reisen, schlug er aus und reiste über Holland; seine Eindrücke über Land und Leute legte er in der Schrift »Voyage de Hollande« nieder. Nach Paris zurückgekehrt und bis an sein Lebensende unermüdlich tätig, starb er, wie er gelebt hatte, als Philosoph und wurde in der Kirche St.-Roch begraben. D. sind zwei Standbilder in Paris, von Gautherin vor St.-Germain-des-Prés und von Lecointe vor dem Hôtel de Ville, ein drittes von Bartholdi in Langres errichtet. D. war, nach Goethes Urteil, ein Schriftsteller, der mehr die Absicht hatte, die Freunde des Alten zu beunruhigen und eine Revolution zu veranlassen, als ein neues Gebäude zu errichten. Nach allen Richtungen anregend, ist er nach keiner erschöpfend; er selbst hat von sich gesagt, daß er nur »Seiten« schreiben könne. Sein Stil hat einen Zauber, den Goethe »hinreißend« nennt; auch seine tiefsinnigsten metaphysischen Abhandlungen, wie sein »Gespräch mit d'Alembert« und des letztern »Traum« (beides aus 1769), hat er durch Klarheit und Schwung zu rhetorischen Kunstwerken geformt. Als Philosoph hat er eine Reihe von Metamorphosen durchgemacht, die ihn vom Theismus zum Deismus, von diesem zum Atheismus und Materialismus führten. In seiner Schrift »Interprétation de la nature« (1754) setzt er an die Stelle der Monaden des Leibniz Atome, in denen, wie in jenen schlummernde Vorstellungen, so gebundene Empfindungen liegen. Sie werden bewußt im animalischen Organismus, und aus ihnen erwächst das Denken. Sein Atheismus beschränkt sich auf die Bemerkung gegen die Annahme eines persönlichen Gottes: diese Annahme bedenke nicht, daß das große musikalische Instrument, das wir Welt nennen, sich selbst spiele. Dagegen erkennt er in dem Naturgesetz und in der Wahrheit, Schönheit und Güte die Gottheit. – Seine Werke sind so zahlreich und so weit zerstreut worden, daß auch jetzt noch keine vollständige Ausgabe vorliegt, die beste und vollständigste ist die von Assézat und Tourneux (1875–77, 20 Bde.); leider ist darin Naigeon, dem D. die Herausgabe seiner Werke anvertraut hatte, und der den Text gewissenlos änderte, zuviel Glauben geschenkt (vgl. E. Dupuy, Paradoxe sur le Comédien par D., Par. 1902). Zahlreiche kleine Aufsätze Diderots sind in die »Correspondance littéraire« von Grimm (s.d. 1) aufgenommen und in deren Ausgaben mitgeteilt. Sein Briefwechsel mit Sophie Volland, Grimm u. a. ist enthalten in den »Mémoires, correspondance et ouvrages inédits« (1841, 2 Bde.). Seine einzige Tochter, Madame de Vandeul, hat »Mémoires pour servir à l'histoire de la vie et des ouvrages de D.« (1830) herausgegeben (abgedruckt an der Spitze der »Ouvrages inédits«). Vgl. Fr. Raumer, D. und seine Werke (Berl. 1843); Rosenkranz, Diderots Leben und Werke (Leipz. 1866, 2 Bde.); Sainte-Beuve, Portraits littéraires, Bd. 1 (neue Ausg., Par. 1869); Hettner, Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert (5. Aufl., Braunschw. 1894); Avezac-Lavigne, D. et la société du baron d'Holbach (Par. 1875); I. Morley, D. and the Encyclopaedists (2. Aufl., Lond. 1886, 2 Bde.); E. Scherer, D., étude (Par. 1880); Collignon, D., sa vie, ses œuvres, sa correspondance (das. 1895); Tourneux, D. et Catherine II (das. 1899).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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