Fourier

Fourier (spr. furīē), 1) Jean Baptiste Joseph, Baron de, Mathematiker und Physiker, geb. 21. März 1768 in Auxerre, gest. 16. Mai 1830, besuchte die Militärschule seiner Vaterstadt, ging dann in das Kloster St.-Benoît-sur-Loire als Novize, trat jedoch 1789 in das Weltleben zurück und hatte den Lehrstuhl der Mathematik in Auxerre bis 1794 inne. Er nahm an den Jakobinerversammlungen teil und gehörte zu dem furchtbaren Comité de surveillance. Kurze Zeit bekleidete er eine Professur an der Normalschule zu Paris, dann an der Polytechnischen Schule und folgte 1798 Bonaparte nach Ägypten, wo er als dessen Sekretär für das Ägyptische Institut und als Diplomat tätig war. Zugleich war er eifriger Mitarbeiter an der »Description de l'Egypte«, deren historische Einleitung er verfaßte. 1802 wurde er Präfekt des Isèredepartements, wo er die lange versuchte Austrocknung der Moräste in Bourgoin bei Lyon vollendete, 1808 Baron und 1815 Präfekt des Rhônedepartements, legte aber diese Stelle bald nieder und lebte seitdem in Paris seinen Studien; 1817 ward er Mitglied und später ständiger Sekretär der mathematischen Klasse des französischen Nationalinstituts. Seine wichtigsten Werke sind: »Théorie analytique de la chaleur« (Par. 1822; deutsch von Weinstein, Berl. 1884) und »Analyse des équations déterminées« (hrsg. von Navier, 1831; Übersetzung von Löwy in »Ostwalds Klassikern«, Leipz. 1902). Eine Auswahl seiner Werke hat Darboux herausgegeben (Par. 1888–90, 2 Bde.). S. Fouriersche Reihen.

2) François Marie Charles, der Begründer eines besondern sozialistischen Systems, des Fourierismus, und einer sozialistischen Schule, der Fourieristen, geb. als Sohn eines reichen Kaufmanns 7. April 1772 in Besançon, gest. 10. Okt. 1837 in ärmlichen Verhältnissen in Paris. F. widmete sich dem kaufmännischen Beruf, besuchte als Handlungsreisender Deutschland und Holland und gründete 1793 in Lyon ein Kolonialwarengeschäft. Beteiligt bei den Aufständen gegen die Herrschaft der Jakobiner, wurde er gefangen, verlor sein Vermögen und entging nur mit Mühe dem Todesurteil. Bald darauf wurde er zur Armee eingezogen, der er zwei Jahre angehörte. 1799 in einem Handlungshaus in Marseille beschäftigt, wurde F. beauftragt, im Interesse einer Preisspekulation heimlich eine große Reisladung ins Meer werfen zu lassen. Dies soll ihn zuerst auf sozialistische Ideen gebracht haben. Er wurde dann in Lyon Handelsmakler und veröffentlichte 1803 anonym im »Bulletin de Lyon« einen politischen Artikel, »Le Triumvirat«, der damals großes Aufsehen, auch die Aufmerksamkeit des Konsuls Bonaparte erregte. In den folgenden Jahren befaßte er sich in seinen Mußestunden mit Spekulationen über Wesen und Bestimmung der Menschen und über die Möglichkeit, gegenüber den bisherigen Zuständen das Glück aller herzustellen. Als Frucht seiner Studien erschien 1808 ein größeres Werk: »Théorie des quatre mouvements et des destinées générales«, in dem er sein neues sozialistisches System begründete. Bis in alle Einzelheiten schilderte er dasselbe in »Traité d'association domestique agricole« (Besançon u. Par. 1822, 2 Bde.; 1841 u. d. T.: »Théorie de l'unité universelle« gedruckt). Die weitern, z. T. umfangreichen Arbeiten Fouriers enthalten im wesentlichen nur Wiederholungen oder Ausführungen der in jenen Werken bereits ausgesprochenen Ideen. Zwar war F. unablässig bemüht, für seine Ideen Anhänger zu gewinnen, aber seine Arbeiten fanden lange Zeit keine Beachtung; erst gegen Ende der 1820er Jahre gelang es ihm, in Paris eine kleine Schule zu begründen; vorher (1816) hatte er nur einen Schüler, Just Muiron, gefunden. Er lebte von 1808–26 abwechselnd meist bei Verwandten und Freunden, namentlich in Besançon und Paris; zeitweise hatte er Stellungen in Handelshäusern inne. 1826 siedelte er dauernd nach Paris über und blieb dort bis zu seinem Tode. Von Fouriers größern Arbeiten sind noch zu erwähnen: »Le nouveau monde industriel et sociétaire, etc.« (1829, 2. Aufl. 1845); »Piéges et charlatanisme des deux sectes Saint-Simon et Owen, etc.« (1831); »La fausse industrie, etc.« (1835). Seine »Œuvres complètes« erschienen Paris 1840–46 in 6 Bänden (neuer Abdruck 1870); Auszüge daraus gaben Gide (1890) und Bourgin (1903) heraus. Fouriers Bildnis s. Porträttafel »Sozialisten«.

Fouriers Werke zeugen von Begabtheit und ebensowohl kritischem als schöpferischem Talent. Doch enthalten sie neben guten Gedanken viele Phantastereien, wunderliche Berechnungen und mit neuen gesuchten Wortbildungen überladene verworrene Ausführungen. Über Fouriers sozial istisches System (Fourierismus) s. Sozialismus. Die sozialistische Umwandlung der menschlichen Gesellschaft und deren neue Einrichtung auf Grundlage seiner »Phalangen« begründete er mit einer in seinem ersten Werke breit ausgeführten Psychologie und Kosmogonie, von denen die erstere, völlig unhaltbar, keine Beachtung gefunden, die letztere aber mit ihren Prophezeiungen über die Zukunft des Menschengeschlechts und der Erde geradezu als Verrücktheit bezeichnet werden muß. Es genügt, hier z. B. zu erwähnen, daß F. weissagt: es würde durch die über die ganze Erde verbreiteten Phalangen mit dem über die Welt herrschenden, in Konstantinopel residierenden Omniarchen der ganze Zustand der Erdoberfläche eine Änderung erfahren: um den Nordpol werde sich eine Lichtkrone bilden, die Leben und Wärme über die kalten Länder der Erde verbreite, die Erde werde dann überall bewohnbar sein, die Fische würden den Menschen dienstbar sein und Schiffe ziehen, die wilden Tiere zu Lasttieren werden; die Menschen würden 2 m hoch, 144 Jahre alt, 200 kg schwer werden und in der Bevölkerung von 3 Milliarden nicht weniger als 37 Mill. Dichter wie Homer, 37 Mill. Mathematiker wie Newton, 37 Mill. Schauspieler wie Molière zählen etc. Völlig unmoralisch sind Fouriers Anschauungen und Forderungen über die Ehe, das Verhältnis der Geschlechter und die Kindererziehung in seiner »idealen« sozietären Gemeinschaft. Der an sich einfache Grundgedanke, auf dem die unklaren und phantastischen Anschauungen beruhen, ist: daß alle Menschen eine Reihe von 12 Grundtrieben (5 sensuelle, 4 affektive, 3 distributive) haben, aus deren verschiedener Mischung sich bei den Einzelnen der verschiedene Charakter derselben bilde, daß das Glück der Menschen darin bestehe, daß jeder ungehindert seinen Trieben in deren natürlicher Äußerung folgen könne, und daß, um das allgemeine Glück zu schaffen, daher eine soziale Ordnung geboten sei, die diese natürliche Gestaltung und damit »die Harmonie« der Triebe sichere. Der Fourierismus gelangte erst nach dem Untergang des Saint-Simonismus gegen das Lebensende von F. und mehr nach seinem Tode vorübergehend zu größerer Bedeutung durch die energische Agitation einiger hervorragender Anhänger Fouriers, namentlich V. Considérants (s.d.), die aus den Fourierschen Lehren den praktischen sozialistischen Kern herausschälten. Von bekanntern Fourieristen sind noch zu nennen: Jules Lechevalier, Abel Transon, Lemoyne, Morize, Paget, Baudet-Dulary, César Daly, Pellarin, Blanc, Chambellant, Pecqueur etc. Einige vergebliche Versuche mit Phalangen wurden in Frankreich und Amerika gemacht. Zeitschriften der Fourieristen waren: »Le nouveau monde«, »Le Phalanstère, ou la réforme sociale« (1832–34), »La Phalange« (1836), »La démocratie pacifique« (1843). Vgl. I. Lechevalier, Etudes sur la science sociale (1832–34); V. Considérant, Exposition abrégée du système de F. (1845); Gattide Gamond, F. et son système (5. Aufl. 1841); Transon, Théorie sociétaire de Ch. F. (1832); L. Reybaud, Études sur les réformateurs, Bd. 1 (7. Aufl. 1864); Pellarin, Ch. F., sa vie et sa théorie (5. Aufl. 1871); Sambuc, Le socialisme de F. (Par. 1900); L. Stein, Geschichte der sozialen Bewegung in Frankreich, Bd. 2 (Leipz. 1850); V. Marlo, Untersuchungen über die Organisation der Arbeit, 1. Bd., 2. Abt. (Kassel 1853); Bebel, Charles F. (Stuttg. 1888); Warschauer, Geschichte des Sozialismus und Kommunismus im 19. Jahrhundert, Abt. 2 (Leipz. 1903).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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