Amsterdam [2]

Amsterdam (hierzu der Stadtplan), Hauptstadt (aber nicht Residenzstadt) des Königreichs der Niederlande, am Einfluß der Amstel in den ehemaligen Meerbusen Y (s. d.), von zwei Armen derselben durchflossen und in zwei Teile, die alte (östliche) und die neue (westliche) Seite, geschieden. Die Stadt liegt unter 52°22´30´´ nördl. Br. und 4°53´ 18´´ östl. L., ist in Gestalt eines Bogens, dessen Sehne das Y bildet, erbaut und hat einen Umfang von ca. 20 km (s. den Plan).

Wappen von Amsterdam.
Wappen von Amsterdam.

Von den ehemaligen acht Toren ist nur der merkwürdige Muiderpoort (Poort = Tor) übriggeblieben. Mehr als 50 Grachten (Kanäle) zerteilen die Stadt in zahlreiche Inseln, die durch meist steinerne Brücken (sluizen genannt) miteinander verbunden sind. Das Trinkwasser wird durch eine 1853 eröffnete unterirdische Wasserleitung aus den Dünen zugeführt. Außerdem liefert die Vechtwasserleitung das für andre Zwecke erforderliche Wasser. Die Häuser stehen auf eingerammten Pfählen, die, durch eine dicke Torfschicht getrieben, auf festem Sandboden ruhen.

[Straßen, Plätze, Gebäude.] Die Hauptstraßen laufen unter sich parallel als Halbbogen, deren Enden sich auf das Y stützen; gerade Querstraßen durchschneiden jene; die breitern haben in der Mitte mit Bäumen besetzte Kanäle. Zu den schönsten gehören: die Heerengracht, die Prinsen- und die 45 m breite Keizersgracht. Unter den zwölf öffentlichen Plätzen sind der Dam, der Mittelpunkt des städtischen Verkehrs (mit einem hohen Denkmal zum Andenken an 1830, errichtet 1856), das Amstelveldt, der Rembrandtsplein, früher Botermarkt (mit Rembrandts Statue, seit 1852), der Thorbeckeplein (mit Thorbeckes Statue), der Frederiksplein (1870 vollendet), der Leidsche Plein, der Westermarkt und Nieuwe Markt die vorzüglichsten. Die schönsten Spaziergänge liefert der Vondelspark (15 Hektar), von Privatleuten angelegt und unterhalten. Unter den 53 Kirchen der Stadt (darunter 25 reformierte, 17 katholische, 3 lutherische, 2 wallonische, eine englisch-presbyterianische, eine englisch-episkopale, eine für Remonstranten, eine für Mennoniten, 2 für Jansenisten) verdienen besondere Hervorhebung: die Nieuwe Kerk (Katharinenkirche) auf dem Dam, ein schöner spätgotischer Bau (1408–70 in Form einer kreuzförmigen Basilika ausgeführt) mit den Grabmälern de Ruyters, van Galens, des Dichters Vondel und des Helden van Speyk (der 1831 vor Antwerpen sein Boot in die Luft sprengte) und einer kunstvoll geschnitzten Kanzel; ferner die gotische Oude Kerk (Nikolaikirche, aus dem 14. Jahrh.) mit alten Glasmalereien, die Westerkerk mit 90 m hohem Turm und die neuerbaute St. Nicolaaskerk. Unter den neun Synagogen ist die dem Tempel Salomos nachgebildete der portugiesischen Juden (1670 erbaut) die schönste und größte. An hervorragenden Gebäuden ist A. reich. Das berühmteste ist das ehemalige Rathaus, seit 1808 königliches Palais, auf dem Damplatz, von Jakob van Kampen 1648–55 erbaut. Es steht auf 13,659 eingerammten Masten und bildet ein Viereck von 80 m Länge, 63 m Tiefe und 33 m Höhe, in der Mitte mit einem gewölbten Dom geziert, aus dem ein noch 20 m hoher, mit einem vergoldeten Schiff gekrönter Turm sich erhebt. Zahlreiche Statuen, Basreliefs und Wandgemälde zieren das Gebäude; die Hauptsäle sind mit Marmor ganz überkleidet, so namentlich der herrliche, aus den Zeiten König Ludwig Napoleons herrührende, 36 m lange, 18 m breite Ratssal, einer der größten Europas. In der Nähe des Palais steht die 1845 vollendete Börse, die bald einem größern Neubau Platz machen wird. Sonst sind noch anzuführen: der Admiralitätshof (der jetzt als Stadthaus dient), das Justizgebäude, das Trippenhuis (worin sich bisher das Reichsmuseum befand [s. unten], jetzt noch Sitz der königlichen Akademie der Wissenschaften und ihrer Bibliothek), das Haus der vormaligen Ostindischen Kompagnie, der Palast der Nationalindustrie (Paleis voor Volksvlijt, 1855–64 erbaut) mit 57 m hoher Kuppel und seit 1883 von einer prachtvollen Galerie umgeben; das 11,000 qm große Reichsmuseum, 1877 bis 1885 nach Plänen von Cuypers erbaut, der 1889 eröffnete Zentralbahnhof, nach Cuypers' Plan im altholländischen Renaissancestil erbaut, und der außerhalb der Stadt gelegene Schlachthof. – A. selbst ist keine eigentliche Festung mehr, bildet aber den Mittelpunkt der niederländischen Festungslinie und gilt als Hauptreduit des Reiches. Es ist durch eine Reihe detachierter Forts geschützt und kann durch künstliche Überschwemmung völlig unzugänglich gemacht werden.

[Bevölkerung, Erwerbszweige.] Die Zahl der Einwohner betrug 1. Jan. 1900: 523,557 (zwei Drittel Protestanten). 1794 hatte A. eine Bevölkerung von 217,024 Seelen, die 1815 bis auf 180,179 gesunken war. Die Industrie ist bedeutend; 1900 gab es 288 Fabriken, die mit Dampf betrieben wurden (mit 478 Dampfkesseln). Spezialitäten Amsterdams sind: die Diamantschleiferei, die, wiewohl weniger blühend als früher, dennoch in großartigem Maßstab, und zwar vorzugsweise von Israeliten betrieben wird (es gibt 51 Schleifereien); die Borax- und Kampferraffinerien, die Chininfabrik, die vortrefflichen Schmaltefabriken. In großem Umfang wird Zuckerraffinerie, Tabak- und Zigarrenfabrikation betrieben; außerdem besitzt A. 6 Bierbrauereien, zahlreiche Sägemühlen, eine Dampfreisschälmühle, Schiffswerften, Maschinenfabriken, 2 Glasbläsereien, ansehnliche Likör-, Schokolade-, Mehl- und Brotfabriken, großartige Eisengießerei und Fabrik für astronomische Uhren, Leder-, Seide-, Tapeten- und Wollfabriken, Kattundruckereien, Baumwollspinnereien, Porzellanfabriken, Buchdruckereien, zahlreiche Gold- und Silberschmiede, Juweliere etc. Haupterwerbszweig ist der Handel, da sich hier, zusammen mit Rotterdam, der gesamte Verkehr der Niederlande konzentriert. Die ganze Nordseite von A. (am Y) ist in einen einzigen großen Hafen von 400 Hektar Flächeninhalt und 12 m Tiefe mit ausgedehnten Kais, Magazinen und Trockendocks umgeschaffen, der durch Schleusen von Nord- und Zuidersee geschieden ist. Unmittelbar daran schließen sich der Petroleumhafen, der Holzhafen, das Westdock, der sogen. Open-Havenfront (für die Binnenschiffahrt), das Ostdock (dabei das Reichsmarinedock und die Reichswerft), der Binnenhafen, der Y-Hafen, das Eisenbahnbassin (am Zentralbahnhof) und das neue Entrepotdock. Im O. des Ostdocks befindet sich das Matrosenhaus (für unbeschäftigte Matrosen, 1856 erbaut). Der Nordseekanal (s. d.), in westlicher Richtung dem frühern Y folgend, verbindet seit 1876 A. mit der Nordsee. Die Amsterdamer Börse ist die erste Warenbörse des Kontinents und zugleich eine der bedeutendsten Fondsbörsen. Sie übt besonders durch ihre früher halbjährigen, jetzt zweimonatlichen Auktionen von Javakaffee einen für halb Europa maßgebenden Einfluß aus. Ein Teil der Kolonialwaren lagert in Rotterdam und Middelburg, Dordrecht und Schiedam, die Hauptmasse aber in A. Die Bedingungen für die zur Auktion kommenden Waren macht die Maatschappij, die 1824 begründete holländisch-ostindische Handelsgesellschaft (de Nederlandsche Handelmaatschappij, mit 36 Mill. Gulden Aktienkapital). durch den Druck bekannt. 1899 wurden durch die Gesellschaft hier und in Rotterdam für 24,2 Mill. Guld. Waren verkauft (unter andern 161,930 Ballen Kaffee zu 951/2 kg, 314,800 Blöcke Zinn, ferner Tabak und Chinarinde). Auch Zucker und Reis, Muskaten, Macis und Nelken, Petroleum, Leinöl, Bauholz und besonders Getreide erscheinen als bedeutende Artikel. Die Zahl der eingelaufenen Schiffe betrug 1899: 2024 von 7,004,341 cbm, die der ausgelaufenen 2011 von 6,924,934 cbm. Die Handelsflotte von A. zählte 1899: 92 Schiffe von 311,279 cbm. In das Binnenland gehen die Waren auf der Amstel und Vecht über Utrecht zum Rhein und zur Waal oder über Gouda nach Rotterdam; Eisenbahnen führen nach Deutschland über Amersfoort und Utrecht, nach Rotterdam, Haarlem, dem Helder und Enkhuizen; außerdem gibt es Dampftrambahnen nach einigen Nachbarorten und in der Stadt eine Pferdebahn und eine elektrische Bahn Das Elektrizitätswerk speiste 1900: 32,629 Lampen und 34 Elektromotoren. Zur See steht A. mit den bedeutendern Häfen Europas, ferner mit New York, Westindien, Buenos Aires und Java in regelmäßiger Dampferverbindung. Außer der Nederlandsche Handelmaatschappij gibt es in A. eine Westindische Handelsgesellschaft, verschiedene große Aktiengesellschaften für Assekuranz, industrielle oder merkantile Zwecke. Unter den zahlreichen Handelsinstituten steht die Niederländische Bank, die (1814 an Stelle der altberühmten Girobank neugegründet) mit einem Kapital von 20 Mill. Guld. arbeitet, obenan. Ferner haben ihren Sitz in A. die Niederländisch-Indische Handelsbank, die Bank von A., mehrere Hypothekenbanken und ostindische Kulturgesellschaften (landbouw-maatschappijen).

[Öffentliche Anstalten, Behörden etc.] Unter den wissenschaftlichen Anstalten sind die königliche Akademie der Wissenschaften, die Reichsakademie für bildende Künste, die Gemeinde-Universität (1900: 77 Lehrer und 929 Studierende), die freie Universität, 2 Gymnasien, mehrere Real- oder Bürgerschulen, auch für Mädchen, die Handelsschule, die Gewerbeschule für Mädchen (Industrieschool voor de vrouwelijke jeugd), eine Zeichenschule für Kunstindustrie, das Lehrerseminar und mehrere geistliche Seminare zu nennen, weiter die trefflich ausgestattete Seefahrtsschule (für ca. 80 Knaben, seit 1785 bestehend), das Blindeninstitut, die Sternwarte, der botanische Garten und der an seltenen Tierexemplaren reiche zoologische Garten (seit 1838) mit dem ethnographischen Museum und einem Aquarium, das besonders ostindische, japanische und chinesische Gegenstände sowie eine reiche Bibliothek enthält, das anatomische Theater etc. hervorzuheben. Dazu besitzt A. zahlreiche gelehrte und andre Gesellschaften, z. B. die Geographische, den Antiquarischen Verein (mit Sammlungen von Altertümern), die Gesellschaft der Dichtkunst und der schönen Wissenschaften, einen Verein für den allgemeinen Nutzen (Maatschappij tot mit van 't algemeen, seit 1784), der zahlreiche Filialvereine im ganzen Lande hat und sich namentlich die Bildung der untern Klassen zur Aufgabe stellt, die Gesellschaft »Seemannshoffnung« u.a. Unter den Kunstanstalten behauptet das Reichsmuseum die oberste Stelle, in dem die Sammlungen des Trippenhuis und des Museums van der Hoop, die kunstgewerblichen Sammlungen des Museums im Haag und der Oudheidkundig Genootschap in Amsterdam vereinigt sind. Das Museum enthält Meisterwerke ersten Ranges, z. B. Rembrandts Nachtwache und Staalmeesters, Hondecoeters Enten, mehrere Ruisdaels, van der Helfts Schützenmahlzeit, Gemälde von Jan Steen, Huysum, Don, Du Jardin, Weenix, Berchem, Potter, Wouwerman, van de Velde, Neeffs, Rubens, Hobbema, F. Bol, Flincks Amsterdamer Schützen u.a. Daneben bestehen das Museum Fodor (seit 1860), ein reichhaltiges Kupferstichkabinett, die historische Galerie des Malervereins »Arti et Amicitiae« sowie die ausgezeichnete private Kunstsammlung von Mr. Six. Verschiedene Vereine pflegen die Musik, die, wie in ganz Holland, deutsch ist. A. hat sechs Theater (das Stadttheater ist 1890 abgebrannt, aber neu erbaut), einen Zirkus, ein Panorama (mit Brouwers Jerusalem) und ein Panoptikum. Für die leidende Menschheit sorgen zahlreiche (über 100) meist reichdotierte Wohltätigkeitsanstalten: Waisenhäuser, Armen- und Krankenhäuser, Versorgungsorte für alte Männer und Frauen etc. Außerdem hat A. ein Zucht- und Arbeitshaus für männliche Verbrecher und mehrere Spinn- und Besserungshäuser. A. ist der Sitz eines Tribunals erster Instanz, eines Handelsgerichts, eines deutschen Generalkonsuls, des Seedépartements der Zuidersee, der Nationalbankdirektion und der Generaldirektion der öffentlichen Schuld. Die Umgebung der Stadt auf der Landseite bilden Wiesen, Windmühlen und schöne Villen meist neuern Ursprungs.

[Geschichte.] A. war noch zu Anfang des 13. Jahrh. ein Fischerdorf im Besitz der Herren v. Amstel, Vasallen des Stiftes Utrecht, erhob sich aber schon Anfang des 14. Jahrh. zu einem Ort mit städtischen Rechten. Um 1280 wurden die Herren v. Amstel Vasallen von Holland, und der Ort kam in holländischen Besitz. Wegen der Teilnahme Gysbrechts v. Amstel an dem Morde des Grafen Floris von Holland 1296 kam es bald darauf mit Amstelland endgültig und unmittelbar an die Grafen von Holland, die der Stadt Vorrechte gewährten. Im 14. und 15. Jahrh. wuchs A. durch den Handel auf der Ostsee; im 16. Jahrh. war A. die vornehmste Handelsstadt der nördlichen Niederlande. Seines Handels wegen blieb es Spanien lange treu und schloß sich erst 1578 dem übrigen Holland an. Seine eigentliche Blüte datiert von der Eroberung Flanderns und Brabants durch Parma (1579–85), die Antwerpens Größe vernichtete, weil viele Kaufleute und Handwerker aus Flandern und Brabant auswanderten und im Norden eine Freistätte suchten. Infolge der Stiftung der Ostindischen Kompagnie (1602) und des allgemeinen Aufschwungs der Republik Anfang des 17. Jahrh. schwang sich A. zur ersten Handelsstadt der Nordseeküste empor (s. oben) und wuchs so schnell, daß es 1622 bereits 100,000 Einw. zählte. Die Versuche des Engländers Leicester, sich 1587 der Stadt durch Verrat, und des Prinzen Wilhelm II., sich ihrer 1650 durch Überrumpelung zu bemeistern, mißlangen; dagegen mußte sie sich 1787 den Preußen ergeben. Nach dem Untergang der Batavischen Republik war A. 1808 Residenz des Königs Ludwig Napoleon und 1810–13 die dritte Stadt des französischen Kaiserreichs. Seit 1814 ist es die Hauptstadt der nördlichen Niederlande, wo die Huldigung der Könige stattfindet. Vgl. Wagenaar, Beschrijving van A. (Amsterd. 1760); Witkamp, A. in schetsen (das. 1859–63, 2 Bde.); Ter Gouw, Geschiedenis van A. (das. 1880–91, 7 Bde.); »A. in de 17de eeuw« (Prachtwerk, Haag 1897 ff.); Andriessen, Amsterdam (Zür. 1894).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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