Glasgow

Glasgow (spr. gläsgo), Stadt (city) und Grafschaft (seit 1893) in Lanarkshire (Schottland), an beiden Ufern des Clyde (Kathedrale 55°511/2' nördl. Br., 4°14' westl. L. v. Gr.), ist die erste Handels- und Fabrikstadt Schottlands und die zweite unter den Städten des Vereinigten Königreichs.

Wappen der Stadt Glasgow.
Wappen der Stadt Glasgow.

Der Clyde hat hier eine Breite von nur 122 m, 9 Brücken verbinden die nördlich und südlich von ihm gelegenen Stadtteile, die sich in ostwestlicher Richtung 71/4 km weit ausdehnen und eine Oberfläche von 7000 Ar bedecken. Auf einer Höhe im nordöstlichen Teil der Stadt steht die Kathedrale, der Mittelpunkt der Altstadt, deren gewundene, düstere Straßen mit steinernen, schiefergedeckten Häusern und engern Sackgäßchen (closes) eine dicht gedrängte Arbeiterbevölkerung bergen. Dicht bei der Kathedrale liegt der 1830 von der Kaufmannschaft angelegte Friedhof (Necropolis), auf dem sich ein weithin sichtbarer Obelisk mit der Statue des Reformators John Knox erhebt. Neben ihr steht ein geräumiges, stattliches Krankenhaus. Östlich schließen sich an die Altstadt die gleichfalls von zahlreichen Arbeitern bewohnten Vorstädte Calton, Bridgeton und Camlachie an. Vom sogen. Kreuz, am untern Ende der alten Hochstraße (hier ein Denkmal Wilhelms III.), führt die »Trongate« genannte Straße und ihre Fortsetzung, Argyle Street, nach dem eigentlichen Geschäftsteil der Stadt, mit glänzenden Läden (namentlich in Buchanan Street), palastähnlichen Geschäftshäusern und architektonisch hervorragenden öffentlichen Gebäuden, wie namentlich die Börse mit korinthischem Portikus (1829 erbaut, vor ihr Denkmal Wellingtons), das neue Rathaus (seit 1889), das Hauptpostamt, die Handelskammer und das Theater. Auch liegt hier George Square, der bedeutendste Platz der Stadt, mit 25 m hoher Säule, die eine Statue Walter Scotts trägt, und Denkmälern James Watts, Pitts, R. Peels, des Generals Moore, Colin Campbells, der Dichter Burns und Campbell, Th. Grahams, Livingstones, der Königin Viktoria und des Prinzen Albert. Den Platz umgeben ansehnliche Gebäude, wie die Bank von Schottland, mehrere Hotels u. a. Die westlichen Stadtteile sind teilweise ärmlich, namentlich diejenigen in der Nähe des Flusses. Blythswood Square ist Sitz der Handelsaristokratie, die den neuen Westend Park (am Kelvin, einem Nebenfluß des Clyde) umgebenden Stadtteile gehören zu den reizendsten der ganzen Stadt. Im nördlichen Teil Glasgows liegt Port Dundas mit großen Speichern, am Monklandkanal, der 7 km unterhalb der Stadt in den Clyde mündet. Der südliche Stadtteil ist eben und besteht aus Hutchesontown, Gorbals, Laurieston etc. Unter den öffentlichen Parken verdienen Erwähnung: das alte Glasgow Green, am Clyde, oberhalb der Brücken, mit Obelisk zu Ehren Nelsons; der Alexandra Park im O.; der Kelvingrove oder Westend-Park, ein reizendes Hügelland mit den neuen Universitätsgebäuden, der nach dem Entwurf von Sir J. Paxton angelegte Queen's Park und die von James Dick der Stadt geschenkten Cathkin Braes im südlichen Stadtteil. Eine Wasserleitung versieht die Stadt täglich mit 450 Mill. Lit. des trefflichsten Wassers aus dem Loch Katrine, einem 39 km nördlich gelegenen Hochlandsee; aber bei der ungemein zahlreichen Arbeiterbevölkerung ist die Sterblichkeit im Verhältnis zu andern Städten des Königreichs ziemlich groß. Unter den 334 Kirchen der Stadt gehören 97 der Staatskirche, 90 der freien schottischen Kirche an. Die merkwürdigste unter ihnen ist die 1197–1433 erbaute gotische Kathedrale St. Mungos, 96 m lang, 21 m breit, mit 68,5 m hohem Turm, 1854 restauriert. Nächst ihr ist der Turm der Tronkirche (von 1484) das älteste kirchliche Gebäude der Stadt. Unter den neuern Kirchen verdienen Erwähnung die katholische Kathedrale (von 1815) u. die Marienkirche (seit 1870).

G. hatte 1871: 566,577,1901 aber (nach Einverleibung der Vorstädte bis auf drei) 735,906 Einw., darunter 70,000 Irländer und 18,000 Kelten. Die weibliche Bevölkerung überwiegt (auf 100 männliche kommen 104 weibliche Personen). Die Zahl der bewohnten Gebäude beträgt 150,336. G. ist sowohl für Handel als Industrie ungemein günstig gelegen. Sehr förderlich sind die nach allen Richtungen auslaufenden Eisenbahnen (mit drei großen Bahnhöfen im Mittelpunkt der Stadt) und Kanäle, der durch Baggerung für Schiffe von 7,3 m Tiefgang fahrbar gemachte Fluß Clyde sowie die Nähe reicher Steinkohlen- und Eisengruben. Bis 1638 war Fischfang das Hauptgewerbe der Stadt; aber seit jener Zeit und namentlich seit 1772 hat sich die Industrie rasch entwickelt. Am wichtigsten sind die Baumwollspinnereien und-Webereien (1891: 18,822 Arbeitei), denen sich Tuch- und Kammgarnfabriken, Teppichweberei und andre Zweige der Textilindustrie anschließen. Gleichfalls wichtig sind die Eisen- und Stahlhütten (13,304 Arbeiter) und mehrere Zweige der Eisenindustrie, namentlich aber der Maschinenbau (15,439 Arbeiter) und der Bau eiserner Schiffe (1901 wurden 129 Schiffe von 146,137 Ton. für das Inland und 54 von 19,600 Ton. für das Ausland gebaut). Dem Schiffbau dienen das Kingston Dock und das Queen's Dock, ferner in Govan das neuerbaute Ceßnock Dock. Unter den Schiffswerften erfreuen sich die der Firma Napier eines Weltrufs. Außerdem verdienen Beachtung: die chemischen Fabriken (die Fabrik von Charles Tennant u. Co. ist eine der bedeutendsten der Welt), die Porzellanfabriken, die Glashütten, die Tabakmanufakturen etc. Die Produkte dieser Industriezweige sind Gegenstand einer lebhaften Ausfuhr, außerdem vermittelt G. einen Teil des irischen Handels, dessen Leinenwaren es nach dem Ausland verschifft. Zur Einfuhr gelangen namentlich Vieh, Fleischwaren, Weizen, Mais, Mehl, Tabak, Zucker, Erze, Holz, Petroleum, zur Ausfuhr Maschinen, Eisen und Stahl, Schiffe, Leinenwaren, Wollwaren, Jutefabrikate, Baumwollwaren, Spirituosen, Bier, Chemikalien u. Steinkohlen. Die Einfuhr schätzte man 1900 auf 14,026,597 Pfd. Sterl., die Ausfuhr britischer Produkte auf 18,109,237, die ausländischer und Kolonialprodukte auf 374,297 Pfd. Sterl. Die Reederei der Stadt, die am Anfang des 19. Jahrh. auf einige kleine Küstenfahrer beschränkt war, hat mit der Entwickelung der Industrie gleichen Schritt gehalten. 1901 besaß G. 1586 Seeschiffe (darunter 1141 Dampfer) von 1,606,852 Ton. Gehalt; es liefen ein 10,899 Schiffe (darunter 9855 Küstenfahrer) von 3,757,271 T., aus 11,303 (darunter 9706 Küstenfahrer) von 4,022,149 T. Unter den Wohltätigkeitsanstalten verdienen Beachtung: drei große u. mehrere kleine Krankenhäuser, das Irrenhaus, drei Waisenhäuser, mehrere Besserungsanstalten, Industrieschulen, das Magdalenenstift (für gefallene Mädchen) u. a. Unter den Bildungsanstalten nimmt die Universität den ersten Rang ein. Sie wurde 1450 vom Bischof William Turnbull gestiftet, umfaßt vier Fakultäten: Künste, Theologie, Jurisprudenz u. Medizin, u. zählt (1902) 60 Professoren und 2059 Studenten (darunter 360 weibliche in dem 1892 der Universität angeschlossenen Queen Margaret College). Sie besitzt eine große Bibliothek von ca. 200,000 Bänden; in Verbindung mit ihr stehen das 1781 von William Hunter hinterlassene Museum, eine Sternwarte und ein botanischer Garten. Nachdem die alten Universitätsgebäude in der Altstadt in den Besitz einer Eisenbahngesellschaft übergegangen (1864), sind neue Universitätsgebäude nach dem Entwurfe Gilbert Scotts auf dem Gilmorehügel, neben dem Westend Park, im frühgotischen Stil errichtet worden. Die Hauptfassade dieses Neubaues ist 162 m lang, die Mitte desselben ziert ein 91 m hoher Turm. Im Westend Park liegt auch das neuerrichtete naturhistorische und ethnographische Museum. Unter den übrigen höhern Lehranstalten steht obenan Anderson's Institution (1796 von Professor Anderson gegründet), eine medizinische Schule, ein Museum und eine Gewerbeschule umfassend. Sonst sind anzuführen: drei theologische Seminare, eine im 12. Jahrh. gestiftete Hochschule (Gymnasium), eine Kunstschule (Haldane Academy), die 1791 von Stirling gegründete Freibibliothek, die 1863 von G. Baillie gegründete Freischule und Bibliothek, zwei Schullehrerseminare, ein Arbeiterbildungsverein (Mechanics Institution), ein Athenäum für die Mittelklassen etc. Die gelehrten und Kunstgesellschaften sind zahlreich und von Wichtigkeit (physikalische Vereine, drei medizinische Gesellschaften, Keltischer Verein, Verein für Naturgeschichte etc.). Die Stadt besitzt eine Gemäldesammlung alter Meister, die ihr von M'Clellan vermacht wurde. G. wird im Parlament durch sieben Abgeordnete vertreten. Es ist Sitz eines römisch-katholischen Erzbischofs und eines protestantischen Bischofs sowie eines deutschen Konsuls. In nächster Nähe der Stadt, aber außerhalb der Munizipalgrenze, liegen Partick (s.d.), jenseit des Kelvin, und Govan (s.d.), am Südufer des Clyde, beide mit Schiffswerften und Landsitzen.

Geschichte. G. war bis 1300 ein unbedeutender Ort, wurde aber 1491 Sitz eines Erzbistums. Der Aufschwung zu seiner jetzigen Größe begann mit der Union von Schottland und England, die der Stadt den Handel mit Amerika und Westindien eröffnete, der zuvor ein Monopol der englischen Seehäfen gewesen war. Eine noch reichere Quelle der Wohlhabenheit wurde zu Hause eröffnet, indem G., das sich im Laufe des 18. Jahrh. nur mit der Fabrikation der feinern Gattungen von Leinwand, Kambriks, Schleier. tuch, Gaze etc. sowie mit Strumpfwirkerarbeiten und der Fabrikation von Schuhwerk beschäftigt hatte, sich auch der Baumwollmanufaktur zuwandte und hierin der gefährlichste Nebenbuhler von Manchester wurde. G. war eine der ersten Städte, die sich die Erfindung der mechanischen Webstühle (power-looms) aneigneten. Vgl. Denholm, History of the city of G. (3. Aufl., Glasg. 1864); Mac Gregor, History of G. (1881); »G. past and present, by ›Senex‹ and others« (1884, 3 Bde.); Macgeorge, Old G. (3. Aufl. 1888); Duncan, Literary history of G. (1887); Bell und Paton, G., its municipal organisation and administration (1896); Muir, G. in 1901 (1901); Maclean, Local industries of G. etc. (1901); Lokalbeschreibungen von Ward, Black u. a.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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