Goethe [1]

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Goethe [1]

Goethe, Johann Wolfgang, der grĂ¶ĂŸte Dichter deutscher Nation, geb. 28. August 1749 in Frankfurt a. M., starb 22. MĂ€rz 1832 in Weimar.

Tabelle

Goethes Geschlecht.

Die Spuren des Goetheschen Geschlechts weisen bis in die Mitte des 17. Jahrh. und ins sĂ€chsisch-thĂŒringische Gebiet zurĂŒck (vgl. DĂŒntzer, Goethes StammbĂ€ume, Gotha 1894). Goethes Urgroßvater Hans Christian G. saß als Hufschmied zu Artern an der Unstrut (im Mansfeldischen); dessen Sohn Georg Friedrich, ein tatkrĂ€ftiger, bewußt vorwĂ€rts strebender Mann, ließ sich 1687 in Frankfurt als Schneidermeister nieder und ward infolge seiner zweiten Heirat mit Cornelia Schellhorn, gebornen Walther, Gastwirt im »Weidenhof« (vgl. R. Jung, Georg Friedrich G., in der »Festschrift zu Goethes 150. Geburtstagsfeier, dargebracht vom Freien Deutschen Hochstift«, Frankf. 1899). Seinen jĂŒngern Sohn, Johann Kaspar (getauft 31. Juli 1710, gest. 27. Mai 1782), ließ er die Rechte studieren, nach der Promotion in Wetzlar und Regensburg seine weitere Ausbildung suchen und nach Italien reisen. Heimgekehrt, bewarb sich Johann Kaspar G. um ein stĂ€dtisches Amt, wurde aber zurĂŒckgewiesen und faßte deshalb den Entschluß, auf jede bĂŒrgerliche Anstellung in seiner Vaterstadt zu verzichten. Er wußte sich den Titel eines kaiserlichen Rates zu verschaffen und lebte bei behĂ€bigem Wohlstand in seinem Haus am Frankfurter Hirschgraben (gegenwĂ€rtig im Besitz des Freien Deutschen Hochstifts) ehrbar und ernst der Erziehung seiner Kinder und seinen kĂŒnstlerischen Liebhabereien, erfuhr aber mehr und mehr in kleinlichem Tun die niederdrĂŒckenden EinflĂŒsse eines unausgefĂŒllten, berufslosen Daseins (vgl. Felicie Ewart, Goethes Vater, Hamb. 1899). Seine Gattin, Katharina Elisabeth (geb. 19. Febr. 1731, gest. 13. Sept. 1808), die Tochter des hochangesehenen Schultheißen Johann Wolfgang Textor, war 21 Jahre jĂŒnger als er und bildete mit ihrer naiven Lebhaftigkeit, ihrer HerzenswĂ€rme und unerschĂŒtterlichen Frische der Phantasie einen auffĂ€lligen Gegensatz zu seiner schwerfĂ€lligen Strenge. Sie, die als »Frau Rat« oder als »Frau Aja« (so hieß die Mutter der vier Haimonskinder), des großen Sohnes wĂŒrdig, fortleben wird im GedĂ€chtnis der Menschen, besaß die wunderbare Gabe, jung und alt durch die LiebenswĂŒrdigkeit ihres Herzens und ihre lebhaft-urwĂŒchsige Rede zu fesseln. Die »Briefe von Goethes Mutter an die Herzogin Anna Amalia«, herausgegeben von Burkhardt (»Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 1, Weim. 1885), verraten ihre unbefangene Herzlichkeit gegenĂŒber dieser verstĂ€ndnisvollen Gönnerin ihres Sohnes. Und als ihr »HĂ€tschelhans« Christiane Vulpius ohne das Band der Ehe zu der seinen machte, war sie, die es haßte, jemand zu »bemoralisieren«, ohne lange Bedenken bereit, der »Tochter« Herz und Haus zu öffnen (vgl. »Briefe von Goethes Mutter an ihren Sohn, Christiane und August v. G.«, in den »Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 4, Weim. 1889; ferner Heinemann, Goethes Mutter, 7. Aufl., Leipz. 1904). Der Ă€lteste Sohn von Johann Kaspar und Elisabeth G. war unser Dichter; von mehreren nachgebornen Geschwistern blieb nur die Tochter Cornelia Friederike Christiane (geb. 7. Dez. 1750, seit 1773 mit J. Georg Schlosser [s. d.] vermĂ€hlt, gest. 8. Juni 1777 in Emmendingen) am Leben; sie, dem Dichter Ă€ußerlich wie innerlich unĂ€hnlich, stand doch seinem Herzen besonders nahe (vgl. Witkowski, Cornelia, die Schwester Goethes, Frankf. 1902).

Goethes Leben bis zur Übersiedelung nach Weimar (1749–75).

Die ersten JugendeindrĂŒcke Goethes trugen viel dazu bei, seine Phantasie anzuregen und seine geistigen Anlagen zu fördern; die Naturbilder der schönen Umgebung, die historischen Erinnerungen der verkehrsreichen Vaterstadt, vor allem aber die Ereignisse des SiebenjĂ€hrigen Krieges beschĂ€ftigten den jugendlichen Geist, und als vollends im Januar 1759 die verrĂ€terisch den Franzosen ĂŒbergebene Stadt unmittelbar in die Kriegsunruhen hineingezogen und jahrelangen Einquartierungen ĂŒberliefert wurde, fehlte es nicht an mannigfaltigen Schauspielen, die das KindergemĂŒt bewegten. Im Hause von Goethes Vater war der »Königsleutnant« Graf Thoranc (G. schreibt in »Dichtung und Wahrheit« irrtĂŒmlich Thorane) untergebracht, der die höchste Polizeigewalt bei Streitigkeiten zwischen MilitĂ€r und Zivil besaß (vgl. Schubart, François de ThĂ©as Comte de Thoranc, Goethes Königsleutnant, »Dichtung und Wahrheit«, 3. Buch, MĂŒnch. 1896; Grotefend, Der Königsleutnant Graf Thoranc in Frankfurt, Frankf. 1904). Reibereien und heftige Auftritte zwischen Thoranc und dem Rat G., vielfache Störungen des Unterrichts, den teils Goethes Vater selbst, teils Privatlehrer erteilten, vermehrten die Unruhe des jugendlichen Geistes. Sein Interesse fĂŒr Kunst wurde durch die von Thoranc wie von dem Rat G. im Hause beschĂ€ftigten Frankfurter und DarmstĂ€dter Maler genĂ€hrt; seine Liebhaberei fĂŒr Drama und BĂŒhne durch hĂ€ufigen Besuch des französischen Theaters fast zu frĂŒh angeregt. Der vielseitige Unterricht war auf Realien und formale Fertigkeiten gerichtet und nicht einwandfrei, wurde aber trotz zersplitternder Reichhaltigkeit mit ĂŒberraschender Leichtigkeit bewĂ€ltigt. Der frĂŒhreife Geist ĂŒbte sich in mannigfaltigen poetischen Versuchen, von denen uns jedoch nur spĂ€rliche und nicht viel besagende Reste erhalten sind. Das leidenschaftliche GemĂŒt des FĂŒnfzehnjĂ€hrigen wurde durch die Liebe zu »Gretchen« tief erregt, ĂŒber die wir jedoch nur die poetisch ausgeschmĂŒckte Darstellung in »Dichtung und Wahrheit« kennen. Die peinliche Verbindung mit zweifelhaften JĂŒnglingen geringern Standes, die wegen bedenklicher Handlungen in gerichtliche Untersuchung gezogen wurden, vermehrte den verworrenen Zustand des JĂŒnglings, der infolgedessen auch von den Festlichkeiten bei der Krönung Josephs II. nur schattenhafte EindrĂŒcke gewann.

Auf der UniversitĂ€t Leipzig, die G. im Oktober 1765 als Student der Rechte bezog (er nahm seine Wohnung in dem Hause »Zur Feuerkugel« zwischen der jetzigen UniversitĂ€tsstraße und dem Neumarkt), wurden diese ZustĂ€nde leidenschaftlicher Verwirrung im ganzen nur noch gesteigert. Die Stadt machte auf ihn einen bedeutenden Eindruck, die UniversitĂ€t weniger. Gellert war von hypochondrischer SchwĂ€che schon allzusehr niedergedrĂŒckt, um dauernd und tief wirken zu können; der Betrieb der philosophischen Lehren war ungefĂ€hr derart, wie ihn Mephisto im »Faust« beschreibt, die verknöcherte Juristerei nicht besser. Der literarische Geschmack in Leipzig stand jedoch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hoch: in solchem Kreise sah der Dichter ein, daß seine bisherigen Versuche nichts wert seien; er warf den grĂ¶ĂŸten Teil seiner Papiere ins Feuer und beherzigte fortan den Grundsatz, nur Selbsterlebtes und dieses in möglichst knapper Form zu gestalten. Freilich blieb er auch jetzt noch in konventionellen GefĂŒhlen befangen. Sein Verkehr war nicht durchaus förderlich fĂŒr ihn: an erster Stelle zu nennen ist hier der elf Jahre Ă€ltere Behrisch (s. d.), ein drolliger Pedant, kenntnisreich, aber in zweckloser TĂ€tigkeit seine Kraft vergeudend und zu albernem Widerspruch allzusehr geneigt; anregender waren die Stunden im Hause des BuchhĂ€ndlers Breitkopf, vor allem aber die bei Adam Friedrich Oeser, dem tĂŒchtigen Maler und Direktor der Zeichenakademie; bei ihm nahm G. Unterricht und gewann durch ihn, den Freund und AnhĂ€nger Winckelmanns, Einsicht in wahrhaft lebenweckende Kunstanschauungen. Doch war sein Geschmack nicht einseitig der Antike zugewendet; bei einem Besuch in Dresden (1767) gewann der junge Dichter nicht minder tiefe EindrĂŒcke durch die in der dortigen Galerie reich vertretenen niederlĂ€ndischen Maler, die doch einem ganz andern Kunstideal gehuldigt hatten. Die heißblĂŒtige Natur des Dichters verriet sich in seiner Liebe zu KĂ€thchen Schönkopf, der anmutigen filia hospitalis auf dem BrĂŒhl, die sich aber schließlich dem eifersĂŒchtigen UngestĂŒm des drĂ€ngenden JĂŒnglings entzog, und die bald nach Goethes Wegzug von Leipzig einem andern, dem Dr. Kanne, Herz und Hand schenkte. Durch das ungeregelte Leben der Leipziger Jahre zog sich der junge Dichter eine schwere ErschĂŒtterung seiner Gesundheit zu, die sich durch einen Blutsturz und andre Leiden verriet. Sein poetisches Talent war jedoch gewachsen: es gelangen ihm eine Reihe ansprechender lyrischer Gedichte, die freilich zumeist noch im Geiste der herrschenden Anakreontik gehalten waren (vgl. Strack, Goethes Leipziger Liederbuch, Gießen 1893). Die Erfahrungen mit KĂ€thchen Schönkopf verwertete er fĂŒr das an Gellert sich anschließende SchĂ€ferspiel »Die Laune des Verliebten«, und ZustĂ€nde des Frankfurter BĂŒrgerlebens spiegeln sich in der (zuerst einaktigen) Komödie »Die Mitschuldigen«, die auch in Leipzig bereits z. T. ausgefĂŒhrt wurde. Aber als ein SchiffbrĂŒchiger verließ G. im August 1768 die Stadt an der Pleiße, und der nach Frankfurt Heimgekehrte, von den Eltern mit Sorge und Beklommenheit begrĂŒĂŸt, krĂ€nkelte noch wĂ€hrend des ganzen Jahres 1769. In dieser Zeit gewann er bedeutende Anregungen durch FrĂ€ulein Susanne v. Klettenberg, die tieffĂŒhlende pietistische Freundin seiner Mutter, deren hinterlassene Papiere er spĂ€ter im 6. Buche von »Wilhelm Meisters Lehrjahren« fĂŒr die »Bekenntnisse einer schönen Seele« verwertete.

Im FrĂŒhling 1770 bezog G. die UniversitĂ€t Straßburg, wo er seine Studien im August 1771 zum Abschluß brachte. Anregender Verkehr mit dem Aktuar Salzmann, dem Senior des Mittagstisches, zu dem G. gehörte, u.a., vor allem aber mit Herder, der als Reisebegleiter des Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg gekommen war und sich hier einer langwierigen Augenoperation unterzog, gab diesem Straßburger Aufenthalt fĂŒr Goethes innere Entwickelung entscheidende Bedeutung. Herder erschloß dem jungen Dichter das VerstĂ€ndnis fĂŒr die Volkspoesie aller Zeiten; er betrachtete die Dichtung als eine Völkergabe, die unter jedem Himmelsstrich und zu jeder Zeit gedeihen könne und insbes. von gelehrter Bildung unabhĂ€ngig sei; er verstand es, feinfĂŒhlend die innersten Geheimnisse der Dichtungen klarzulegen, und er wußte ebensosehr die Poesie des Alten Testaments wie diejenige Homers, Shakespeares oder Ossians, vor allem aber diejenige des Volksliedes aller Zeiten zu verdeutlichen. Diese Lehren Herders waren epochemachend fĂŒr Goethes Geist, und die rauhe ostpreußische Art und der ĂŒberlegene Spott Herders trugen vollends dazu bei, das GemĂŒt des jungen Dichters aufzurĂŒhren. Er fand sich selbst, und er lernte an den Grenzen Frankreichs deutsche Art und deutsche Kunst inniger begreifen als in dem galanten französierenden Leipzig. Dazu kam die erste, sein GemĂŒt vertiefende Liebe, die Liebe zu Friederike Brion (s. d.), der Tochter des Pfarrers in Sesenheim, eine Liebe, deren beseligende Kraft sich in mehreren Gedichten (»Kleine Blumen, kleine BlĂ€tter«, »Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferd«) wundervoll offenbart. Aber ein VorgefĂŒhl von der KĂŒrze und VergĂ€nglichkeit dieses GlĂŒckes trĂŒbte die letzten Tage dieser Straßburger Zeit; Ă€ußern und innern RĂŒcksichten folgend, löste G. von Frankfurt aus, wohin er im August 1771 als Lizentiat der Rechte zurĂŒckkehrte, das einer Verlobung gleichkommende LiebesverhĂ€ltnis wieder auf, nicht ohne selbst unter dem Treubruch auf das tiefste zu leiden.

Die nĂ€chsten vier Jahre in Frankfurt und Wetzlar sind die ertragreichsten und bedeutendsten in Goethes Leben. Er wurde 28. Aug. 1771 zur Advokatur zugelassen, hatte aber nur wenig zu tun und wurde in dem Wenigen ĂŒberdies von dem Vater unterstĂŒtzt. Fast ganz konnte er seine Kraft der Dichtung widmen: vom Oktober bis Dezember 1771 gelang ihm die erste Niederschrift des »Götz von Berlichingen«, den er dann 1773 vollstĂ€ndig umarbeitete und in dieser Fassung veröffentlichte. Dem Shakespeareschen Historienstil folgend, hatte der Dichter hier ein echt deutsches KulturgemĂ€lde von ĂŒberraschender Lebenswahrheit und LebensfĂŒlle entworfen, ein aller Regeln spottendes Werk von entzĂŒckender Frische, durch das eine neue Epoche der deutschen Dichtung eingeleitet wurde (vgl. Minor und Sauer, Studien zur G.-Philologie, Wien 1880; Weißenfels, G. im Sturm und Drang, Halle 1894, Bd. 1).

Vom Mai bis September 1772 weilte G. in Wetzlar als Praktikant bei dem gĂ€nzlich verkommenen Reichskammergericht. In einer literarisch angeregten Tischgesellschaft (darunter Gotter, v. GouĂ©, Kestner) verbrachte er genußreiche Stunden. Vor allem aber kam sein rĂ€tselhaft tiefes und leidenschaftliches GemĂŒtsleben zur höchsten Entwickelung in der Liebe zu Charlotte Buff, der Braut Kestners; nur dadurch, daß er rechtzeitig, ohne Abschied zu nehmen, Wetzlar verließ, wußte er der heftigen Erregung Herr zu werden (vgl. Herbst, G. in Wetzlar, Gotha 1881). Nach kurzem Aufenthalt zu Ehrenbreitstein in der Familie der Romanschriftstellerin Sophie v. Laroche kehrte G. nach Frankfurt zurĂŒck, wo er eine Reihe von AufsĂ€tzen schrieb, weiterhin an der Herausgabe der »Frankfurter Gelehrten Anzeigen« beteiligt war, zahlreiche dramatische und sonstige PlĂ€ne entwarf und zu Anfang des Jahres 1774 in wenigen Wochen die »Leiden des jungen Werthers« niederschrieb, in denen er seine Wetzlarer Erfahrungen, die erschĂŒtternde Kunde des am 29. Okt. 1772 erfolgten Selbstmordes von Karl Wilhelm Jerusalem (s. d.) und eigne unerfreuliche Erlebnisse mit Peter Anton Brentano, dem Gatten von Maximiliane, gebornen Laroche, seiner Freundin, verwertete. Dieser Roman, der das erste europĂ€ische Buch der deutschen Literatur werden sollte und schnell in alle Kultursprachen ĂŒbersetzt wurde, ist das großartigste literarische Denkmal des empfindsamen, stillen, tiefen Kulturlebens jener Zeit. Die Verfeinerung des GefĂŒhls bei geringer Kultur des aktiven Willens gelangt in keinem andern Werke so wie hier zum Ausdruck; zugleich aber gewinnt man bei aller krankhaften SchwĂ€rmerei des Helden doch einen Ausblick auf gesunde und reine VerhĂ€ltnisse einer gemĂŒtvoll sinnigen Wett (vgl. A. Kestner, G. und Werther, 2. Aufl., Stuttg. 1857; J. W. Appell, Werther und seine Zeit, Leipz. 1855; 4. Aufl. 1896; Erich Schmidt, Richardson, Rousseau und G., Jena 1875). Daneben schrieb G. ĂŒbermĂŒtige dramatische Satiren: den »Prolog zu den neuesten Offenbarungen Gottes« (gegen den AufklĂ€rer Bahrdt), das »Jahrmarktsfest zu Plundersweilern« mit mannigfaltiger literarischer Satire (vgl. M. Herrmann, Jahrmarktsfest zu PlĂŒndersweilern, Berl. 1900), den »Pater Brey« gegen Leuchsenring, den »Satyros« gegen die Rousseauschen Naturapostel, »Hanswursts Hochzeit«, »Götter, Helden und Wieland« gegen Wielands »Alceste«. Von groß angelegten Arbeiten blieben »Mahomet«, »Prometheus« und der »Ewige Jude« Fragment, jedes in seiner Art, vor allem der »Prometheus«, von höchster GenialitĂ€t und eigenartigster Weltanschauung zeugend. Auch vom »Faust« entstanden 1774–75 die meisten Abschnitte des ersten Teils, darunter der erste Monolog, die Szene mit dem Erdgeist, die Wagnerszene, die SchĂŒlerszene und fast die ganze Gretchentragödie (die Kerkerszene noch in Prosa). Diese Ă€ltesten Abschnitte des Werkes, der sogen. »Urfaust«, sind erst 1887 in einer Abschrift des weimarischen HoffrĂ€uleins Luise v. Göchhausen wieder aufgefunden und durch Erich Schmidt veröffentlicht worden (»Goethes. Faust' in ursprĂŒnglicher Gestalt«, Weim. 1887, 5. Aufl. 1901; vgl. Collin, Goethes, Faust' in seiner Ă€ltesten Gestalt, Frankf. a. M. 1896; Minor, Goethes 'Faust', Stuttg. 1901, 2 Bde.); sie bilden in der gedrĂ€ngten FĂŒlle tiefsinnigster Gedanken, in dramatisch gehobener Handlung, lyrisch vertieften Situationen und tragisch erschĂŒtternder GrĂ¶ĂŸe das Gewaltigste, was G. geschaffen hat. Zur Vollendung gelangte in dieser Zeit der »Clavigo« (Leipz. 1774), ein an Beaumarchais' Memoiren eng angelehntes, in acht Tagen flĂŒchtig niedergeschriebenes Werk, das immerhin noch den großen Dichter verrĂ€t, aber den Vergleich mit seinen bessern Arbeiten nicht vertrĂ€gt. Auch »Stella, ein Schauspiel fĂŒr Liebende« (Berl. 1776), ein nach vielfĂ€ltigen Modellen gearbeitetes, verwickeltes StĂŒck, ist trotz der entzĂŒckenden Schilderung des Seelenlebens der Heldin im ganzen eine verfehlte Arbeit; der damals bereits weit geförderte »Egmont« gelangte in Frankfurt nicht mehr zum Abschluß.

Zu dem vor allem durch den »Werther« schnell berĂŒhmt gewordenen Dichter suchten zahlreiche Schriftsteller, teils brieflich, teils persönlich Beziehungen zu gewinnen. Im Sommer 1774 machte er eine Lahn- und Rheinreise mit Lavater und Basedow; 1775 eine Reise nach der Schweiz mit den Grafen Friedrich Leopold und Christian zu Stolberg. Seit 1774 verbanden ihn freundschaftliche Beziehungen mit Fritz Jacobi und dessen Freundin Johanna Fahlmer; 1774 und 1775 kehrte Klopstock in Goethes Haus ein; Mitte Oktober 1774 erschienen Boie, im Februar 1775 Jung-Stilling, spĂ€ter Sulzer, Pestalozzi, Georg Zimmermann u.a. Aber das wichtigste Erlebnis dieser Zeit war Goethes Liebe zu Elisabeth (Lili) Schönemann, der Tochter eines Frankfurter Bankiers, einer ebenso schönen wie klugen 17jĂ€hrigen Blondine, deren harmlose Koketterie die edelsten GemĂŒts- und Charakteranlagen nur leise verbarg. Sie, die vielleicht besser als irgend eine andre des Dichters Lebensweg zu schmĂŒcken verstanden hĂ€tte und seiner wĂŒrdig gewesen wĂ€re, wurde zwar seine Braut, doch fĂŒhrten einerseits die Ehescheu des jungen Titanen, anderseits die Verschiedenheit der LebenssphĂ€ren und Anschauungen beider Familien bald zu einer Lösung der Verlobung (vgl. E. Graf von DĂŒrckheim, Lillis Bild, 2. Aufl., MĂŒnch. 1894). So war es denn auch in dieser Hinsicht wĂŒnschenswert, daß G. den heimischen VerhĂ€ltnissen, die ihm zu eng wurden, entfloh: einer Einladung des jungen Herzogs Karl August von Weimar, dessen Bekanntschaft er schon 1774 gemacht hatte, folgend, zog er nach der thĂŒringischen Residenz, wo er 7. Nov. eintraf, ohne zunĂ€chst zu glauben, daß er hier dauernd verweilen werde.

Vom Eintritt in Weimar bis zur RĂŒckkehr aus Italien (1775–88).

Der Eintritt in neue VerhĂ€ltnisse großen Stils und in einen Kreis hochgebildeter vornehmer Personen blieb nicht ohne tiefgehenden Einfluß auf den Dichter. Karl August, eine ĂŒberschĂ€umende Kraftnatur, hochbegabt, soldatisch derb, rastlos, aber nicht immer zweckbewußt tĂ€tig, begegnete dem jungen Dichter mit Bewunderung und grĂ¶ĂŸtem Vertrauen. Beide wurden bald nahe befreundet und ĂŒberboten sich zum Schrecken aller Philister in oft fast bedenklich tollem Treiben. Den Mittelpunkt des Musenhofes bildete noch die Herzogin-Mutter Anna Amalia, der die Huldigungen der Dichter und Komponisten (außer G.: Wieland, Knebel, Bertuch, Herder, Einsiedel, Seckendorf u.a.) in erster Linie galten. Dagegen hielt sich die edle, sittenstrenge Herzogin Luise, von dem haltlosen Treiben peinlich berĂŒhrt, mit Entschiedenheit zurĂŒck (vgl. E. v. Bojanowski, Luise, Großherzogin von Sachsen-Weimar, Stuttg. 1903). Auch von den Staatsbeamten verfolgten manche mit KopfschĂŒtteln die Beweise unbedingter Gunst, die der FĂŒrst des Landes dem jungen Dichter schenkte, vor allem Graf Görtz und der Minister v. Fritsch, der mit seinem Abschied drohte, als Karl August G. ein Amt im Verwaltungsdienst ĂŒbertragen wollte (vgl. K. von Beaulieu-Marconnay, Karl August und der Minister v. Fritsch, Weim. 1874; DĂŒntzer, G. und Karl August, 2. Aufl., Leipz. 1888). Aber der Herzog ließ sich nicht abhalten, G. 11. Juli mit dem Titel eines Geheimen Legationsrates im geheimen Konseil anzustellen; er ĂŒbertrug ihm die GeschĂ€fte der Wegebaukommission, der Bergwerks- und Forstverwaltung, der Kriegskommission u.a., GeschĂ€fte, die des Dichters nicht immer wĂŒrdig sein mochten, ihm aber doch die Weltkenntnis mehrten. 1782 wurde G. auf Anlaß Karl Augusts durch den Kaiser geadelt, und im selben Jahr ĂŒbernahm er das KammerprĂ€sidium. Er selbst, der acht Jahre Ă€lter war als der Herzog, fĂŒhlte sich bald durch die zerstreuenden VergnĂŒgungen unbefriedigt und suchte auch seinen ungestĂŒmen Herrn zu ernsterer Lebensauffassung zu bewegen.

Zu der tiefen Wandlung, die G. schon in den ersten Jahren erfuhr, trug wesentlich bei seine Liebe zu Frau von Stein, gebornen v. Schardt. Sie, die Gattin des Oberstallmeisters v. Stein, Mutter von sieben Kindern, sieben Jahre Ă€lter als G., flĂ¶ĂŸte ihm ein GefĂŒhl ein, das sich von seinen frĂŒhern Liebesregungen wesentlich unterschied. Die krĂ€nkelnde, nicht eben schöne Frau vereinte mit den edlen Formen der echten Aristokratin ein unendlich tiefes GemĂŒt, ungewöhnlich reiche Bildung und scharfen Verstand. Ihr Wesen spiegelt sich in den Gestalten von Iphigenie und der Prinzessin im »Tasso«, vor allem in der letztern, ab. Auch ihr begegnete der Dichter mit leidenschaftlichem UngestĂŒm, aber sie verstand es, sein heißes DrĂ€ngen in Schranken zu halten, sein GemĂŒt zu klĂ€ren und zu beruhigen, und ihrem Einfluß ist der weihevolle Geist der Dichtungen dieser Zeit in erster Linie zu danken.

Goethes BemĂŒhungen gelang es, Herder dauernd nach Weimar zu ziehen, wo er die Stellung eines Generalsuperintendenten und ersten Predigers an der Stadtkirche ĂŒbernahm. Andre Freunde unsers Dichters, Lenz und Klinger, machten sich in Weimar, wo sie zu Besuch erschienen, bald unmöglich; der Graf Fritz Stolberg wurde dagegen durch Klopstock, dem ĂŒbertriebene GerĂŒchte von dem wilden Treiben der Weimaraner zu Ohren gekommen waren, bewogen, die angebotene Stellung eines Kammerherrn abzulehnen. – Außer einigen tiefgefĂŒhlten Gedichten schrieb G. in dieser Periode nur kleine Dramen, die zumeist fĂŒr die AusfĂŒhrung auf dem von ihm selbst geleiteten Liebhabertheater bestimmt waren: die entzĂŒckenden »Geschwister« (1776), »Lila« (1777), mit Anspielung auf das VerhĂ€ltnis des Herzogs und der Herzogin, den »Triumph der Empfindsamkeit« (1778), mit starker Satire gegen die herrschende GefĂŒhlsseligkeit, »Jeri und BĂ€tely«, »Die Fischerin«, »Scherz, List und Rache«, vor allem aber »Iphigenie auf Tauris« (1779), welches StĂŒck, damals in Prosa abgefaßt, bei der AusfĂŒhrung sogleich tiefen Eindruck machte. Daneben gelangen dem Dichter die AnfĂ€nge des »Wilhelm Meister« und des »Torquato Tasso«, wĂ€hrend »Elpenor« und »Die Geheimnisse« leider immer Fragment blieben. Schon seit der zweiten Schweizerreise, die G. in Gemeinschaft mit dem Herzog in den Monaten September 1779 bis Januar 1780 unternahm, war eine Wandlung seines Innern unverkennbar geworden. Der DreißigjĂ€hrige befestigte sich mehr und mehr in idealer Lebensauffassung und in dem Vorsatz zu rastloser TĂ€tigkeit. Als dann 1781 das Noviziat seines VerhĂ€ltnisses zu Frau v. Stein mit einer endgĂŒltigen Festsetzung der einzuhaltenden Grenzen abgeschlossen war, steigerte sich sein leidenschaftlicher Bildungseifer, sein tiefes Verlangen nach Veredlung seines gesamten Seins. Indessen fĂŒhlte er mehr und mehr die Hindernisse, die ihm die weimarischen VerhĂ€ltnisse hierbei entgegenstellten; es war eine gewisse ErnĂŒchterung eingetreten, die anfangs empfundene Anregung der GeschĂ€fte war verflogen, das VerhĂ€ltnis zum Herzog des öftern getrĂŒbt, vor allem aber empfand es der Dichter als schweren Druck, daß ihm die Vollendung seiner poetischen Arbeiten erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht wurde. Alles dies bewog ihn, sich fĂŒr lĂ€ngere Zeit von den Fesseln des Amtes zu befreien: mit Zustimmung des Herzogs, aber ohne Wissen andrer Personen trat er 3. Sept. 1786 von Karlsbad aus die lang erwĂŒnschte Reise nach Italien an.

WĂ€hrend dieser in Italien verbrachten Zeit vollendete sich die innere Wandlung des Dichters (vgl. »TagebĂŒcher und Briefe Goethes aus Italien an Frau v. Stein und Herder« in den »Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 2, Weim. 1886; R. Haarhaus, Auf Goethes Spuren in Italien, Leipz. 1896 bis 1897, 3 Bde.). Es war eine ernst aufgefaßte Bildungsreise, wĂ€hrend deren die Kunstbetrachtungen im Vordergrund standen, eine Reise, die des Dichters Ă€sthetische Weltanschauung zur Reise brachte. Über MĂŒnchen und den Brenner fuhr er nach Verona und Venedig, der durch Palladios Meisterwerke geschmĂŒckten Stadt, in der er ĂŒber 14 Tage verweilte; nach kurzem Aufenthalt in Ferrara und Bologna eilte er nach Rom, wo er 29. Okt. 1786 durch die Porta del popolo einzog. Im Verkehr mit deutschen KĂŒnstlern, Bury, SchĂŒtz, Dannecker, Lips, Trippel, Reiffenstein, Heinrich Meyer, mit Angelika Kauffmann und dem Dichter Karl Philipp Moritz, unter historischen wie kunsthistorischen Studien, die SchĂ€tze des Vatikans emsig wĂŒrdigend und vor allem Michelangelos GrĂ¶ĂŸe tief erfassend, verbrachte er hier bedeutungsvolle Monate. Am 22. Febr. 1787 reiste er nach Neapel weiter, wo statt der Kunst nunmehr das bunte, sĂŒdlich-bewegte Volkstreiben mit Bewunderung verfolgt wurde. Mit dem Maler Heinrich Kniep, der ihm außer Philipp Hackert hier in Neapel Anregungen bot, fuhr G. 29. MĂ€rz nach Sizilien weiter, dessen Naturwunder, KunstschĂ€tze und AltertĂŒmer ihm EindrĂŒcke gaben, die er als »unzerstörlichen Schatz seines Lebens« betrachtete. Auf der RĂŒckkehr verbrachte er die zweite HĂ€lfte des Mai wieder in Neapel, dann die Zeit vom Juni 1787 bis zum April 1788 abermals in Rom, wo Angelika Kauffmann ein Ölbild, Trippel die berĂŒhmte ApollobĂŒste des Dichters schuf. Hier in Rom, wo er seine KrĂ€fte wiederum den mit tiefstem Ernst betriebenen Bildungsinteressen widmete, gewann er in Maddalena Riggi, der »schönen MailĂ€nderin«, eine bewundernd zu ihm ausschauende Freundin, in der jugendlichen Faostina Antonini die Geliebte, die neben Christiane Vulpius in den »Römischen Elegien« verewigt wurde (vgl. Carletta, G. a Roma, Rom 1899). Der Gewinn der Reise bestand in einer Vertiefung seiner Kunstanschauungen und in allseitiger Bereicherung seines innern Lebens; er hatte die Umarbeitung der »Iphigenie«, des »Egmont« und mehrerer Singspiele der frĂŒhern Zeit vollendet, die des »Tasso« wesentlich gefördert, die Arbeit am »Faust« fortgefĂŒhrt und daneben neue bedeutende PlĂ€ne, wie den der »Nausikaa«, entworfen.

Von der RĂŒckkehr aus Italien bis zu Schillers Tod (1788–1805).

Nach diesen reichen Jahren der italienischen Reise folgte eine schmerzliche Reaktion. Namentlich Frau v. Stein hatte dem Dichter die heimliche Flucht verĂŒbelt; nur spĂ€rliche und z. T. heftig grollende Briefe hatte sie ihm nach Italien gesandt; auch den am 18. Juni 1788 Heimkehrenden empfing sie mit ZurĂŒckhaltung, ja KĂ€lte, und wenn er mit Begeisterung von den herrlichen EindrĂŒcken Italiens erzĂ€hlte, fĂŒhlte sie sich hierdurch verletzt. Dazu kam, daß G. bald nach seiner RĂŒckkehr den Liebesbund mit Christiane Vulpius einging, die ihm als Bittstellerin fĂŒr ihren Bruder, den Verfasser des »Rinaldo Rinaldini«, im Park zu Weimar begegnet war und seine sinnliche Natur durch ihre Jugendfrische und Schönheit entzĂŒckte. Frau v. Stein konnte dem Dichter den Verstoß gegen die Sitte nicht verzeihen, und so kam es im Sommer 1789 zu dem Goethes Seele tief erschĂŒtternden Bruch mit der Frau, die ihm fĂŒr seine geistige Entwickelung mehr geboten hatte als irgend eine andre. Auch der Mißerfolg der ersten Sammlung seiner »Schriften«, die 1787–90 bei Göschen in Leipzig erschienen und den Himburgschen Nachdruck beseitigen sollten, verstimmte ihn; vollends aber war ihm die große Erscheinung der französischen Revolution, da er weiter schaute als die andern, von Anfang an peinlich und bedrĂŒckend. G., dessen höchstes Streben auf die Steigerung und Vertiefung des individuellen Lebens gerichtet war, besaß geringeres VerstĂ€ndnis fĂŒr die Bewegungen des Gesamtbewußtseins, die Erhebung der Massen. Im FrĂŒhjahr 1790 war er, dem Christiane 25. Dez. 1789 den ersten Sohn geschenkt hatte, zur BegrĂŒĂŸung der Herzogin Anna Amalia abermals nach Italien und zwar nach Venedig gereist, wo er 31. MĂ€rz eintraf. Aber der Zauber der Lagunenstadt und des sĂŒdlichen Volkes waren fĂŒr ihn diesmal entschwunden; seine Liebe fĂŒr Italien hatte einen tödlichen Stoß erfahren. »Ich bin«, so schrieb er, »ein wenig intoleranter gegen das Sauleben dieser Nation als das vorige Mal.« Die »Venezianischen Epigramme« legen Zeugnis von dieser verbitterten Stimmung ab. Im Juli 1790 folgte G. seinem Herzog in das schlesische Lager, wo König Friedrich Wilhelm II eine diplomatisch-militĂ€rische Intervention zu unrĂŒhmlichem Abschluß brachte. Zwei Jahre spĂ€ter beteiligte sich G., wiederum im Gefolge seines Herzogs, an dem Feldzug nach Frankreich, der freilich noch viel jĂ€mmerlicher endete und z. T. von dem Dichter eindrucksvoll beschrieben wurde. Auch 1793 war er bei der Belagerung von Mainz, die er ebenfalls beschrieb, zugegen. In dieser Zeit waren ihm außer den unvergleichlichen »Römischen Elegien« der »Reineke Fuchs« und der Abschluß des »Tasso« gelungen. Im »Reineke Fuchs« lieferte er eine durch den Hexameter besonders glĂŒcklich gehobene Neubearbeitung des niederdeutschen Werkes; im »Tasso« schuf er ein Meisterwerk, in dem er die Psychologie des Dichters, das Schwanken zwischen Traum und Wirklichkeit, mit unvergleichlich tiefer Divination erschloß. Daneben suchte er in dem dramatisch wirksamen, aber peinlichen »Groß-Cophta«, dem »BĂŒrgergeneral«, den unvollendeten »Aufgeregten« und der »Reise der Sohne Megaprazons« die EindrĂŒcke des ihm unheimlichen Zeitlebens ohne Erfolg poetisch zu ergrĂŒnden.

Neuen Inhalt und unerwartet reiche Anregungen erfuhr G. durch die freundschaftliche Verbindung mit Schiller. Am 13. Juni 1794 richtete dieser an G. die Aufforderung, sich an der neuen Zeitschrift »Die Horen« zu beteiligen; am 24. sprach G. seine Zustimmung aus. Im Juli und August kam es zu einer AnnĂ€herung, und vollends nach Empfang von Schillers tiefdringendem Briefe vom 22. Aug. 1794 erkannte G., welch unerwarteter Gewinn ihm durch die neue Freundschaft erwuchs. Hatten doch beide zuvor teils abwartend, teils ablehnend einander aus der Ferne beobachtet; jetzt war ihre Entwickelung zu dem Punkte gelangt, wo sie einander ganz nahe gerĂŒckt waren und im Innersten verstanden. Der Freundschaftsbund, der allen Intrigen unedler Neider, wie z. B. Kotzebues, zum Trotz ungetrĂŒbt fortbestand, ward beiden MĂ€nnern zum Segen. G. erfuhr von Schiller vielfĂ€ltigste Anregung zu poetischer Arbeit: soz. B. war es Schillers Verdienst, daß der immer noch fragmentarische »Faust« wieder aufgenommen und zum Abschluß gebracht wurde. Dagegen endete das schon frĂŒher mehrmals getrĂŒbte VerhĂ€ltnis zu Herder 1796 durch Herders Schuld mit einer dauernden Entfremdung der einstigen Freunde. Neue Aufgaben waren dem Dichter seit 1791 durch die BegrĂŒndung des stĂ€ndigen Hoftheaters, dessen Leitung ihm oblag, erwachsen. Jetzt, unter Schillers Anteil, besonders seit dessen Übersiedelung nach Weimar (1799), gelang es unserm Dichter, den idealistischen Stil des ThĂ©Ăątre Français mit einigen Umbildungen und Vertiefungen auf seiner BĂŒhne heimisch zu machen und sie, unter Schillers Anteil, zu einer viel bewunderten Musteranstalt zu erheben. Daneben nahmen ihn die VerwaltungsgeschĂ€fte fĂŒr die UniversitĂ€t Jena, die BegrĂŒndung der »Neuen Jenaer allgemeinen Literaturzeitung«, die immer reger betriebenen tiefdringenden naturwissenschaftlichen Studien und anderes in Anspruch. Unter seinen poetischen Arbeiten ist die Vollendung von »Wilhelm Meisters Lehrjahren« (1794–96, 4 Bde.) in erster Linie zu nennen. In diesem Werke schuf G. den ersten epochemachenden Bildungsroman der deutschen Literatur; ursprĂŒnglich beabsichtigte er nur eine Schilderung des Theaterwesens jener Zeit zu geben, spĂ€ter fĂŒhrte er jedoch seinen Helden aus dieser SphĂ€re in die mit immer wĂ€rmerm Anteil geschilderte adlige Welt empor und ließ ihn, von einem Milieu zum andern fortschreitend, eine immer reichere und klarere Bildung des Geistes und Herzens gewinnen. Inhalt wie Darstellung des Werkes wurden von entscheidendem Einfluß auf die Produktion der romantischen Schule. Noch weit höher erhob sich G. in »Hermann und Dorothea« (1797), dem Muster des idyllischen Epos, das durch Plastik der Darstellung, Lebenswahrheit, Tiefe des GefĂŒhls und Vollendung des poetischen Stils unerreicht dasteht und, wie Schiller schrieb, den Gipfel der gesamten neuern Kunst bezeichnet (vgl. W. v. Humboldts Ȁsthetische Versuche«, s. Humboldt 1); Cholevius, Ästhetische und historische Einleitung nebst fortlaufender ErlĂ€uterung zu »Hermann und Dorothea«, 3. Aufl., Leipz. 1897; V. Hehn, Über Goethes »Hermann und Dorothea«, 2. Aufl., Stuttg. 1898). Ihm gegenĂŒber fĂ€llt der Versuch einer engern Anlehnung an Homer, den G. in der »Achilleis« machte, ab, und die »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten« sind des Dichters zum großen Teil kaum wĂŒrdig; nur das entzĂŒckende »MĂ€rchen«, das den Schluß bildet, verrĂ€t die große FĂŒlle seiner Kraft. WĂ€hrend weiterhin eine Reihe vortrefflicher Balladen, die er im Wettkampf mit Schiller, namentlich 1797, schrieb, in weitesten Kreisen beliebt geworden sind, ist dagegen die allzu stark stilisierte »NatĂŒrliche Tochter« (1803), in der G. noch einmal die Erscheinungen der französischen Revolution widerspiegelte, wohl wegen der unklaren und unabgeschlossenen Handlung dem VerstĂ€ndnis des Publikums niemals nahe gerĂŒckt, obwohl G. in der Heldin Eugenie einen besonders anziehenden und eigenartigen Frauencharakter schilderte. Mit Schiller gemeinsam schrieb er 1796 die ungeheures Aufsehen erregenden »Xenien«, in denen sich beide mit Überlegenheit, Witz und heiligem Ernst gegen die SchĂ€den und RĂŒckstĂ€ndigkeiten des literarischen und wissenschaftlichen Lebens der Zeit wandten (vgl. Boas, Schiller und G. im Xenienkampf, Stuttg. 1851, 2 Tle.; »Xenien 1796«, hrsg. von Erich Schmidt u. Bernh. Suphan, in den »Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 8, Weim. 1893). Mit Eifer förderte G. in dieser Zeit seine kunsttheoretischen und kunsthistorischen Studien: er bearbeitete »Benvenuto Cellinis Leben«, schrieb eine grĂ¶ĂŸere Anzahl bedeutender AufsĂ€tze fĂŒr die Zeitschrift »PropylĂ€en«, die er 1798 bis 1800 herausgab, wandte sich in den Anmerkungen zu Diderots »Versuch ĂŒber die Malerei« (1799) gegen den Naturalismus in der Kunst und schrieb ein biographisch-kritisches Meisterwerk in seinem »Winckelmann und sein Jahrhundert« (1805). Dabei befestigte er sich ebenso wie in seinen poetischen Werken mehr und mehr in den Tendenzen des klassizistischen Stils.

Goethes Leben und Schaffen seit Schillers Tod (1805–32).

Nach Schillers frĂŒhem Tod, der G. auf das tiefste erschĂŒtterte, vereinsamte er mehr und mehr. Unter den Kriegsunruhen, die nach der Schlacht bei Jena (14. Okt. 1806) auch die Stadt Weimar bedrĂŒckten, litt G. schwer. Christiane Vulpius, die sich in den Tagen schwerster Not und Aufregung tapfer bewĂ€hrt hatte, fĂŒhrte er 19. Okt. 1806 vor den Traualtar. In eben diesem Jahre begann die erste Cottaische Ausgabe seiner Werke zu erscheinen, in die auch der vollendete erste Teil des »Faust« aufgenommen war, den der Dichter unter Schillers regem Anteil in den Jahren 1797–1800 abgeschlossen hatte, und der nunmehr von einer neuen, nach nationaler Erhebung sich sehnenden Zeit als ein Wunderwerk deutscher Geisteskraft gepriesen wurde, wĂ€hrend die fragmentarische Veröffentlichung vom Jahre 1790 fast unbeachtet vorĂŒbergegangen war. Im Winter 1807/08, den G. grĂ¶ĂŸtenteils in Jena verbrachte, gewann er einen tiefen Eindruck von der jungfrĂ€ulichen Anmut Minna Herzliebs, der Pflegetochter des BuchhĂ€ndlers Frommann (vgl. Gaedertz, Goethes Minchen, 2. Aufl., Brem. 1889), und er hielt ihr Charakterbild in der Ottilie der »Wahlverwandtschaften« fest, dem tiefsinnigen, kunstvoll komponierten Roman, den er 1809 niederschrieb und 1810 veröffentlichte. Das große Problem der Ehescheidung wird hier von G. in gedankenreicher Darstellung an vier von vielseitigem und tiefstem Innenleben erfĂŒllten Personen geistvoll und durchaus mit der Forderung sittlicher Entsagung behandelt. In der Zeit der Napoleonischen Vorherrschaft zeigte sich G. in nationalen Dingen kleinglĂ€ubig und als ein entschiedener Bewunderer des französischen Kaisers, der im Oktober 1808 auf der Erfurter Konferenz den Dichter mit großer Auszeichnung behandelte (vgl. Andreas Fischer, G. und Napoleon, 2. Aufl., Frauens. 1900). Auch 1813 war G. von der großen Volksbewegung nur schwach berĂŒhrt, 1814 durch neue Erfolge Napoleons, 1815 durch seine RĂŒckkehr von Elba peinlich bewegt. Den individuellen Bildungsinteressen ganz und gar sich hingebend, suchte er mit erstaunlicher Kraft immer weitere Bildungskreise zu eröffnen, immer höhere Ideale auszubilden. Sein Streben, auch das geistige Leben in seiner organischen Entwickelung wie einen Naturprozeß aufzufassen, bewĂ€hrte sich glĂ€nzend in »Dichtung und Wahrheit«, der ungemein gedankenreichen, anschaulichen und ansprechenden Lebensgeschichte, deren erste drei BĂ€nde 1811–14 erschienen und vor allem die Entwickelung von Goethes Weltanschauung und seinem kĂŒnstlerischen Vermögen deutlich vergegenwĂ€rtigen; der vierte, schwĂ€chere Band kam erst 1832, nach Goethes Tode, heraus (vgl. Alt, Studien zur Entstehungsgeschichte von Goethes »Dichtung und Wahrheit«, Berl. 1898). Das »Vorspiel 1807« verrĂ€t den gleichen Eifer nach Vertiefung der individuellen Bildung, die »Pandora« in mĂ€chtig antikisierender Darstellung die Hoffnung auf die Wiederkehr der Schönheit und des GlĂŒcks.

Eine neue Wendung wurde dem Schaffen des Dichters gegeben, nachdem ihm durch die Hafis-Übersetzung J. v. Hammers die Poesie des Orients eröffnet worden war; das Erlernte unmittelbar zu bedeutsamster Produktion verwertend, schrieb G. die wunderbar tiefgedachten und tiefgefĂŒhlten Gedichte des »Westöstlichen Diwan« (1819), in denen eine resolute Lebensauffassung, poetische Hingabe an Liebe und Wein, insbes. aber tiefsinnige ReligiositĂ€t zum Ausdruck gelangt sind. Wichtigste Lebensanregungen boten ihm zu den wundervollen Liebesliedern des Suleika-Zyklus die glĂŒcklichen Stunden, die er in Frankfurt 1814 und 1815 mit der anmutigen und talentvollen Marianne v. Willemer und ihrem Gatten verbrachte (vgl. »Briefwechsel zwischen G. und Marianne v. Willemer«, Stuttg. 1877, 2. Aufl. 1878). 1816 wurde der Dichter durch den Tod seiner Frau tief ergriffen. 1817 legte er die Leitung des weimarischen Hoftheaters, die ihm schon lange keine Freude mehr bereitet hatte, nieder, da er unter den Intrigen der Jagemann (Frau v. Heygendorf), der Geliebten des Herzogs, viel zu leiden gehabt hatte; schließlich gab eine Äußerlichkeit den Ausschlag: der Großherzog hatte gegen Goethes Anordnung befohlen, daß ein EffektstĂŒck, »Der Hund des Aubry«, in dem ein dressierter Pudel mitwirken sollte, gespielt werde. Hierauf nahm G. grollend seine Entlassung und schied aus einer Stellung, in der er mit großem Erfolg 26 Jahre lang gewirkt hatte. Noch einmal wurde er von tiefer Liebesleidenschaft ergriffen zu der jugendlichen Ulrike v. Levetzow, mit der er 1822 und 1823 in Marienbad und Karlsbad glĂŒckliche Stunden verbrachte, und der er in seiner berĂŒhmten »Trilogie der Leidenschaft« ergreifende Verse voll jugendlicher Glut widmete. Doch mehr und mehr machte sich nun das Alter bemerklich. Die fĂŒnfzigste Wiederkehr des Tages, an dem er zuerst Weimar betreten hatte, der 7. Nov. 1825, wurde feierlich begangen, wie denn der greise Dichter vom Inland und Ausland wie ein FĂŒrst verehrt und als der grĂ¶ĂŸte Mann seiner Zeit anerkannt wurde. Schwere SchicksalsschlĂ€ge bewegten seine letzten Jahre: 1828 starb sein fĂŒrstlicher Freund Karl August, 1829 die edle Großherzogin Luise, 1830 Goethes Sohn August, der ihm freilich infolge seines ungeregelten Lebens viel Kummer bereitet hatte. In rastloser, immer mehr sich ausbreitender TĂ€tigkeit suchte er der niederdrĂŒckenden Schmerzen Herr zu werden. Viel beschĂ€ftigte ihn der Gedanke der Weltliteratur, d.h. eines internationalen Austausches literarischer Meisterwerke, und wie er selbst alles Gute aus der Fremde mit Dank und Gewinn aufnahm, so ĂŒbten seine Dichtungen immer gewaltigere Nachwirkung in allen KulturlĂ€ndern. Die letzten Lebensjahre waren der Vollendung von »Wilhelm Meisters Wanderjahren« und des zweiten Teiles vom »Faust« gewidmet: in den erstern bot G. ein Werk von zumeist nur wenig ansprechender Darstellung, aber außerordentlich tiefem Gehalt; einige der eingestreuten Novellen, namentlich »Der Mann von fĂŒnfzig Jahren«, sind zwar auch durch die poetische Form anziehend, aber mehr als die konkrete Darstellung wirken die gewaltigen theoretischen Erörterungen ĂŒber Erziehung, Wirtschafts- und Staatsleben. Im zweiten Teile des »Faust«, der erst nach dem Tode des Dichters, 1832, erschien, wird der Held aus der kleinen in die große Welt des Staatslebens eingefĂŒhrt, dann in dem 3. Akt, der Helena-Tragödie, mit der Welt der Schönheit und des klassischen Geistes vermĂ€hlt, um schließlich in den letzten Akten zu rastloser, gemeinnĂŒtziger TĂ€tigkeit glorreich fortzuschreiten. In hier und da schwer verstĂ€ndlichen Symbolen und Allegorien, hĂ€ufig aber auch in unmittelbar tiefergreifender Darstellung fĂŒhrte der Dichter sein vor 60 Jahren begonnenes Meisterwerk zu glĂŒcklichstem Abschluß. Wenige Monate darauf, 22. MĂ€rz 1832, schied er sanft und schmerzlos aus dem Leben.

Goethes Gesamtbild.

Ausgestattet mit dem ungewöhnlichsten anschaulich gegenstĂ€ndlichen Denken und lebendigster Regsamkeit des GefĂŒhls, gelangte G. zu der GrĂ¶ĂŸe und Neuheit seines Schaffens, insbes. durch den mit Inbrunst erfaßten Gedanken von der in allen Erscheinungen der Welt lebendig wirkenden Kraft der Natur oder Gottes. FrĂŒhzeitig, durch Rousseau, mehr aber noch durch Spinoza, dessen »Ethik« er 1773 kennen lernte, angeregt, suchte er die Natur als ein Ganzes zu begreifen und nicht nur das einzelne Erschaffene, sondern die in allem wirkende Kraft, die lebendige Bewegung, das rastlose Werden und Wachsen zu wĂŒrdigen. Von frĂŒher Jugend an tiefbewegt durch die Geheimnisse des religiösen Glaubens, mit denen er bis an sein Ende immer weiter gerungen hat, gelangte er doch schon in jungen Jahren zu der Erkenntnis von der Überlegenheit der pantheistischen Anschauungsweise. Gott und die Welt sind ihm eins; mit poetischer Andacht erkennt er in den einzelnen Erscheinungen Manifestationen »jenes Urlichts droben, das unsichtbar alle Welt erleuchtet«. Selten ist daher ein so törichtes Wort ausgesprochen, wie das von dem »großen Heiden« G. Er war in Wahrheit ein tief religiöser Mann, wenn freilich dem orthodoxen Bekenntnis beider christlicher Konfessionen oft grollend abgeneigt (vgl. Filtsch, Goethes religiöse Entwickelung, Gotha 1894; Keuchel, Goethes Religion u. Goethes »Faust«, Riga 1899; Vogel, Goethes Selbstzeugnisse ĂŒber seine Stellung zur Religion, 3. Aufl., Leipz. 1903).

Im innern Zusammenhang mit diesen Grundanschauungen steht Goethes BeschĂ€ftigung mit den Naturwissenschaften (vgl. Steiner, Goethes Weltanschauung, Weim. 1897); sein Streben ging dahin, das Geheimnis der wirkenden göttlichen Kraft allseitig zu erschließen. Das zeigen schon seine hymnenartig begeisterten AufsĂ€tze »Die Natur« und »Der Granit«; mehr aber kommt es zum Ausdruck in den Arbeiten zur Naturwissenschaft im allgemeinen und in den Spezialuntersuchungen auf dem Gebiete der Botanik, der Morphologie, Mineralogie, Meteorologie und insbes. der Farbenlehre. In den Arbeiten zur Naturwissenschaft ĂŒberhaupt hat G. als ein VorlĂ€ufer Darwins den Gedanken einer organischen Entwickelung der Natur von einfachen zu immer vollkommenern Gebilden mit Klarheit ausgesprochen und verteidigt. Ihm ist der einheitliche Zusammenhang alles Erschaffenen deutlich geworden, wenn freilich er die Darwinschen ErklĂ€rungsgrĂŒnde und Gesetze von der Zuchtwahl, Anpassung und dem Kampf ums Dasein nicht herangezogen und erschlossen hat. Von diesem Standpunkt aus erblickte er in dem Blatte das ursprĂŒnglichste Organ der GewĂ€chse und entwickelte die durchaus anschauliche Idee einer Urpflanze (vgl. Bliedner, G. und die Urpflanze, Frankf a. M. 1901); von diesem Standpunkt aus machte er die Entdeckung, daß der SchĂ€del als Fortbildung der WirbelsĂ€ule aufzufassen sei, und indem er die regelmĂ€ĂŸig sich fortsetzende Entwickelung von den niedern Tieren zum Menschen im Auge behielt, erkannte er, daß der Zwischenknochen (os intermaxillare), den man bisher beim Menschen nicht beobachtet hatte, auch bei diesem in Resten sich erhalten habe, und daß also die von frĂŒhern Anatomen aufgestellte Behauptung, in dem Fehlen dieses Knochens zeige sich der Unterschied zwischen Mensch und Tier, zu Unrecht gemacht worden sei. Wenig Anerkennung hat Goethes umfangreiches Werk ĂŒber die Farbenlehre (1810) erfahren, in dem er die von Newton aufgestellte Theorie bekĂ€mpfte. Dagegen zeugen die geologischen und auch die, namentlich von G. in seinem Greisenalter gepflegten, meteorologischen Studien wiederum von der Lebendigkeit seiner fruchtbringend selbstĂ€ndigen Betrachtung.

Wie Goethes naturwissenschaftliches Denken mit seinem religiös-philosophischen zusammenhĂ€ngt, so hat es auch auf sein poetisches Schaffen ebenso stark wie bedeutsam zurĂŒckgewirkt. Ihm schien es die höchste Aufgabe, die menschliche Seele in ihren mannigfaltigen Typen nach den in der Wirklichkeit geltenden Gesetzen, gleichsam im Sinne der schaffenden Natur, von innen heraus neu erstehen zu lassen; er will dem Erdgeist das Gesetz seines Schaffens ablauschen und im Sinn und Auftrag der natura naturans eine neue Welt bilden, gleich seinem Prometheus. Aber nicht das Gewordene, sondern das Werdende ist ihm immer der vorzĂŒglichste Gegenstand seines Interesses. Indem er die treibenden KrĂ€fte erkennt und erfaßt, hĂ€lt er sich frei von aller Unsicherheit der die Natur bloß nachahmenden KĂŒnstler; er baut eine neue Welt auf, aber nach dem Gesetz der wirklichen. Hiermit ist auch bereits angedeutet, daß G. mit innerer Notwendigkeit sich von der naturalistischen und realistischen Darstellungsweise schließlich abwenden und der idealistischen Kunst zuwenden mußte, die nicht die zufĂ€lligen Einzelheiten des Gewordenen, sondern die wesentlichen, treibenden Ideen in ihren Darstellungen festzuhalten sich bemĂŒht.

Und mit diesen Ă€sthetischen Anschauungen sind weiterhin auch die ethischen Überzeugungen Goethes eng verknĂŒpft. Wenn in dem Werden, in der lebendigen BetĂ€tigung der KrĂ€fte, der göttliche Kern zu suchen ist, so ist es auch des Menschen höchste Aufgabe, die in ihm wirkende Kraft zu höchster BetĂ€tigung zu entfesseln. Alles dasjenige ist daher von Übel, was die TriebkrĂ€fte einschrĂ€nken und hemmen kann; man soll sie nicht hindern, sondern anregen, beleben und nur auf den rechten Weg weisen. Dasjenige, was die Gottheit als Keim in uns angelegt hat, soll zur höchsten Entwickelung gelangen: nur so bildet sich der Einzelne zu einer Persönlichkeit aus, und darin, eine Persönlichkeit zu werden, liegt das »höchste GlĂŒck der Erdenkinder«. In diesem Sinne durfte sich G. mit Recht als den Befreier der Deutschen bezeichnen. Nichts war ihm so zuwider wie stockende UntĂ€tigkeit und zweckloses Treiben; er war der Überzeugung, daß der Mensch göttlicher werde, je lebendiger die TĂ€tigkeit in ihm angeregt sei, aber diese TĂ€tigkeit dĂŒrfe sich nicht im Zerstören und Verneinen offenbaren, sondern nur in positiver Förderung, im Aufbauen und Erschaffen. Goethes gesamtes Wirken besteht in einem Kampf gegen die Hemmnisse, die von innen und außen an uns heranstĂŒrmen; er ergreift dankbar alles, was die innere Bewegung fordert, und er weist alles zurĂŒck, was uns niederdrĂŒckt und erschlafft. Und so wird er, der der grĂ¶ĂŸte moderne Dichter nicht nur Deutschlands, sondern aller Völker genannt werden darf, zugleich ein lebenweckender Heros eines neuen Weltideals, dessen DurchfĂŒhrung in der Wirklichkeit vielleicht erst im Laufe von Generationen erwartet werden darf. Da aber das Neue seiner Lebensanschauung so groß und mannigfaltig ist, war es zu begreifen, daß manche der Zeitgenossen (z. B. Börne und Menzel), aber auch der spĂ€tern Geschlechter die Hoheit seines Strebens und die fruchtbringende Kraft seiner Weltanschauung gröblich verkannt haben; unter den neuern hat der Jesuit A. Baumgartner in seiner Schrift »G., sein Leben und seine Werke« (2. Aufl., Freiburg 1885–86, 3 Bde.) die verhĂ€ngnisvollsten IrrtĂŒmer ĂŒber den Dichter verbreitet.

Goethes Ă€ußere Erscheinung, Bildnisse, Statuen.

(Hierzu Tafel »Goethe-Bildnisse«.)

Die Zeugnisse der Zeitgenossen sind einstimmig in der Bewunderung von Goethes stattlicher, eindrucksvoller Erscheinung, namentlich seines großen, leuchtenden und sprechenden Auges. Malerei und Plastik haben denn auch gewetteifert, sein Äußeres in GemĂ€lden, Kupferstichen, Lithographien, Medaillen, BĂŒsten und Statuen darzustellen. Über die Bildnisse hat vor allen Fr. Zarncke eingehende Forschungen angestellt, der in seiner Schrift »Kurzgefaßtes Verzeichnis der Originalaufnahmen von Goethes Bildnis« (Leipz. 1888) 124 hierher gehörige Kunstwerke aufzĂ€hlt. Als die bedeutendsten sind zu nennen: das Brustbild von Kraus (1776), das ÖlgemĂ€lde von May (1779, s. Tafel), die BĂŒste von Trippel (Rom 1787, s. Tafel), das große ÖlgemĂ€lde Tischbeins (G. unter antiken SteintrĂŒmmern, Rom 1787), der große Stich von Lips (nach einer Zeichnung, 1791), das Aquarell von Heinr. Meyer (G. im Reisekleid, 1797), die BĂŒsten von Fr. Tieck (1801 u. 1820), die Bildnisse von Jagemann (1806 u. 1817, s. Tafel), das ÖlgemĂ€lde von G. KĂŒgelgen (1808), die BĂŒste und das Medaillon von Schadow (1816 u. 1817), die BĂŒste und Statuette von Rauch (1820, s. Tafel, u. 1825), die Zeichnungen von Schwerdtgeburth (1822 u. 1832), die Bildnisse von Kolbe (1822, s. Tafel) und Vogel v. Vogelstein (1824 u. 1826), das PorzellangemĂ€lde von Sebbers (1826), das ÖlgemĂ€lde von Stieler (1828, s. Tafel), der Stich von Barth (mit Benutzung des Stielerschen Bildes, 1829), die wunderliche KolossalbĂŒste Davids (Weimarer Bibliothek, 1829), die Zeichnungen von Schmeller (1830) und Preller (am Tag nach Goethes Tod, 1832). Eine Erzstatue Goethes von Schwanthaler ist seit 1849 in Frankfurt a. M., eine Marmorstatue von Marchesi ebenda seit 1840, eine Doppelstatue Goethes und Schillers von E. Rietschel seit 1857 in Weimar (Abguß davon seit 1901 im Golden Gate Parc zu San Francisco), eine Goethestatue von Widnmann seit 1869 in MĂŒnchen, eine solche von F. Schaper (s. Tafel »Bildhauerkunst XVII«, Fig. 8) seit 1880 in Berlin, von E. Hellmer seit 1900 in Wien aufgestellt; Statuen des jungen G. wurden 1903 von K. Seffner fĂŒr Leipzig, 1904 von E. WĂ€gener fĂŒr Straßburg geschaffen, und 23. Juni 1904 fand auch die EnthĂŒllung der von Kaiser Wilhelm II. der Stadt Rom geschenkten Goethestatue Eberleins in Villa Borghese statt. Von AbgĂŒssen viel verbreitet sind die charakteristische Statuette und die BĂŒste Rauchs sowie diejenige Trippels. Die von Zarncke zusammengebrachte reichhaltige Sammlung von Goethe-Bildnissen befindet sich gegenwĂ€rtig auf der Leipziger Stadtbibliothek.

Ausgaben von Goethes Werken.

Die erste vom Dichter selbst besorgte Ausgabe waren »Goethes Schriften« in 8 BĂ€nden (Leipz., bei Göschen, 1787–90), an die sich »Goethes neue Schriften« (Berl., bei Unger, 1792–1800, 7 Bde.), die seit 1790 erschienenen Werke enthaltend, anschlossen. Dann erschienen im Verlag der J. G. Cottaschen Buchhandlung zu Goethes Lebzeiten drei Ausgaben. »Goethes Werke« in 13 BĂ€nden (TĂŒbing. 1806–10), »Goethes Werke« in 20 BĂ€nden (das. 815–19, im wesentlichen identisch mit einer von 1816–22 in Wien veröffentlichten authentischen Ausgabe in 26 BĂ€nden) und »Goethes Werke, vollstĂ€ndige Ausgabe letzter Hand« (TĂŒbing. 1827–31, 40 Bde., Taschenformat), ergĂ€nzt durch »Goethes nachgelassene Werke« (das. 1833–42, 20 Bde.); ein Druck der Ausgabe letzter Hand in Oktav, gleichfalls in 60 BĂ€nden, erschien von 1827–42 (dazu »Inhalts- u. Namensverzeichnisse« zu Bd. 1–55 von Musculus u. Riemer, 1835). FĂŒr den gesamten Inhalt der letzten Ausgabe, bei deren Redaktion er durch Eckermann, Riemer und den Philologen Göttling unterstĂŒtzt wurde, verschaffte sich G. vom Bundestag ein Privilegium gegen Nachdruck. Auf der Ausgabe letzter Hand beruhen: »Goethes poetische und prosaische Werke«, in 2 BĂ€nden (sogen. Quart-Ausgabe, TĂŒbing. 1836–37); »Goethes sĂ€mtliche Werke«, vollstĂ€ndige, neugeordnete Ausgabe (das. 1840, 40 Bde.); »Goethes sĂ€mtliche Werke« (das. 1850–51 u. 1858, 30 Bde.); »Goethes sĂ€mtliche Werke« (mit Einleitungen von Goedeke, das. 1866–68, in 3 Ausgaben: Großoktav und Miniatur [36 Bde.], Taschenformat [40 Bde.]). Von den zahlreichen Ausgaben, die nach dem Erlöschen der Cottaschen Privilegien erschienen, verdienen die des Hempelschen Verlags, von Loeper u.a. besorgt (Berl. 1868 ff., 36 Bde.), und die aus KĂŒrschners »Deutscher Nationalliteratur«, von DĂŒntzer, Schröer u.a. (Stuttg. 1882 ff., 32 Bde.), mit Auszeichnung genannt zu werden; jetzt sind sie ĂŒberholt durch die Cottasche JubilĂ€umsausgabe, besorgt von E. v. d. Hellen u.a. (das. 1902 ff., 40 Bde.), namentlich aber durch die einheitlich redigierte, mit reichem Kommentar versehene Ausgabe des Bibliographischen Instituts, von K. Heinemann u.a. (Leipz. 1899 ff., 30 Bde.). Die wissenschaftlich wertvollste ist die alles umfassende kritische Ausgabe der Goetheschen Werke, die im Auftrage der Großherzogin von Sachsen veranstaltet wird (s. unten: Goethe-Gesellschaft, S. 167); sie ist bisher ebensowenig wie die zuvor genannten zwei Ausgaben ganz zum Abschluß gelangt; sie besteht aus vier Abteilungen, von denen die erste die poetischen, die zweite die naturwissenschaftlichen Werke, die dritte die TagebĂŒcher, die vierte die Briefe Goethes enthĂ€lt. Die Dichtungen und Briefe Goethes aus den Jahren 1764–76 auf Grund der ersten Ausgaben gab Salomon Hirzel im Verein mit M. Bernays heraus u. d. T.: »Der junge G.« (mit einer Einleitung von Bernays, Leipz. 1875, 3 Bde.).

Goethes Briefwechsel, Unterhaltungen etc.

Die Literatur ĂŒber G. ist zu einer kaum noch ĂŒbersehbaren Masse angeschwollen und ist großenteils von geringem Werte. Die einzelnen Sammlungen von Goethes Briefen sind jetzt meist durch den Druck in der Weimarischen Ausgabe ersetzt worden; daneben sind empfehlenswert die Ausgaben ausgewĂ€hlter Briefe, besorgt von Ph. Stein (Berlin 1901 ff., bisher 4 Bde.) und von v. d. Hellen (Stuttgart 1901 ff.). Noch verdienen erwĂ€hnt zu werden: »Goethes Jugendbriefe« von Fielitz (Berl. 1880), »Goethes naturwissenschaftliche Korrespondenz 1812–1832« von Bratranek (Leipz. 1874, 2 Bde), die aus Leipzig geschriebenen Briefe Goethes an seine Schwester Cornelia und an Behrisch (»Goethe-Jahrbuch«, Bd. 7), die »Briefe an Leipziger Freunde« (hrsg. von O. Jahn, Leipz. 1849; 2. Aufl. 1867), die Briefe an Herder (»Aus Herders NachlaĂŸÂ«, Bd. 1, Frankf. 1856), an Lotte und Kestner (»G. und Werther«, 2. Aufl., Stuttg. 1855), an Merck (in den drei Wagnerschen Sammlungen, Darmst. 1835 u. 1838 und Leipz. 1847), an Lavater 1774–85 (»G. und Lavater«, hrsg. von H. Funck. »Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 16, Weim. 1901), an die GrĂ€fin Auguste von Stolberg (Leipz. 1839, neue Ausg. von W. Arndt 1881), an Johanna Fahlmer (hrsg. von Urlichs, das. 1874), an Frau v. Stein, 1776–1828 (hrsg. von Schöll, Weim. 1848–51, 3 Bde.; neue Ausg. von Wahle, Frankf. 1899–1900, 2 Bde.); ferner »Briefe und AufsĂ€tze aus den Jahren 1766–1786« (hrsg. v. A. Schöll, Leipz. 1846); »Briefwechsel mit F. H. Jacobi« (das. 1847); »Briefwechsel zwischen G. und Knebel 1774–1832« (hrsg. von Guhrauer, das. 1851, 2 Bde.); »Briefwechsel des Großherzogs Karl August mit G. 1775–1828« (Weim. 1863, 2 Bde.); »Goethes Briefe an Chr. Gottl. v. Voigt« (hauptsĂ€chlich auf amtliche Angelegenheiten bezĂŒglich, hrsg. von O. Jahn, Leipz. 1868); »Goethes Briefe an F. A. Wolf« (den Philologen, hrsg. von M. Bernays, Berl. 1868); »Goethes Briefe an EichstĂ€dt« (den Herausgeber der Jenaer Literaturzeitung, hrsg. von W. v. Biedermann, das. 1872); »Briefwechsel zwischen Schiller und G. in den Jahren 1794–1805« (Stuttg. 1828–29, 6 Bde.; 4 vermehrte Ausg. 1881, 2 Bde., u. ö.); »Briefwechsel zwischen G. und Zelter 1796–1832« (hrsg. von Riemer, Berl. 1833–34, 6 Bde.); »Freundschaftliche Briefe von G. und seiner Frau an Nikolaus Meyer« (Leipz. 1856; die Briefe Christianens, die fĂŒr das VerstĂ€ndnis von deren Charakter von großem Interesse sind, wurden besonders hrsg. Straßb. 1887); »Briefwechsel Goethes mit einem Kinde« (Bettina v. Arnim; Berl. 1835, 3 Tle.; 4. Aufl., mit einer orientierenden Einleitung von H. Grimm, das. 1890); »Briefe Goethes an Sophie v. Laroche und Bettina Brentano« (hrsg. von G. v. Loeper, das. 1879); »Briefwechsel zwischen G. und (Graf v.) Reinhard 1807–1832« (Stuttg. 1850); »G. und GrĂ€fin O'Donell« (Hofdame der Kaiserin von Österreich, die er 1810 in Teplitz kennen lernte, hrsg. von R. M. Werner, Berl. 1884); »Briefwechsel zwischen G. und Staatsrat Schultz« (einem AnhĂ€nger seiner Farbenlehre, hrsg. von DĂŒntzer, Leipz. 1853); »Goethes Briefe an Rauch« (hrsg. von Eggers, das. 1880); »Goethes Briefwechsel mit den GebrĂŒdern Humboldt« (hrsg. von Bratranek, das. 1876); »Goethe-Briefe aus Fritz Schlossers (s. Schlosser, Johann Friedrich Heinrich) NachlaĂŸÂ« (hrsg. von Frese, Stuttg. 1877); »Goethes Briefe an Soret« (der die »Metamorphose der Pflanzen« ins Französische ĂŒbertrug, hrsg. von Uhde, das. 1877); »Briefwechsel zwischen G. und Marianne v. Willemer« (hrsg. von Th. Creize- nach, das. 1877; 2. Aufl. 1878); »Briefwechsel zwischen G. und Kaspar Graf v. Sternberg 1820–1832« (einem Mineralogen, den er in Böhmen persönlich kennen lernte, hrsg. von Bratranek, Wien 1866; besser von A. Sauer, Prag 1902); »Briefwechsel und mĂŒndlicher Verkehr zwischen G. und dem Rat GrĂŒner« (Polizeirat in Eger, den er 1820 auf der Reise nach Karlsbad kennen lernte, Stuttg. 1853); »Briefwechsel zwischen G. und Göttling« (hauptsĂ€chlich auf die Ausgabe letzter Hand bezĂŒglich, hrsg. von Kuno Fischer, MĂŒnch. 1880); »Goethes und Carlyles Briefwechsel« (engl. hrsg. von Norton, Lond. 1887; deutsche Ausg., Berl. 1887); »Briefwechsel mit Freunden und Kunstgenossen in Italien« (in den »Schriften der Goethe-Gesellschaft«, Bd. 5, 1890). Unter den Werken, in denen GesprĂ€che Goethes ausgezeichnet sind, verdienen besondere Beachtung: Falk, G. aus nĂ€herm persönlichen Umgang dargestellt (3. Aufl., Leipz. 1856); Riemer, Mitteilungen ĂŒber G. (Berl. 1841, 2 Bde.); »Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich v. MĂŒller« (weimarischer Staatsbeamter, Stuttg. 1870, 2. Aufl. 1898), und vor allem Eckermanns »GesprĂ€che mit G. in den letzten Jahren seines Lebens« (Leipz. 1837, 2 Bde.; 6. Aufl. von DĂŒntzer, das. 1884, 3 Bde., u. ö.). Eine Sammlung der GesprĂ€che veranstaltete W. von Biedermann. »Goethes GesprĂ€che« (Leipz. 1889–96, 10 Bde.).

Biographische Literatur. Charakteristik.

Einzelne Abschnitte seines Lebens hat G. selber behandelt: die Zeit bis zur Übersiedelung nach Weimar (1775) in »Dichtung und Wahrheit«, die Herbstreise in die Schweiz (1779), mit VerhĂŒllung der Namen der Reisenden, spĂ€ter als Anhang zu den »Leiden des jungen Werther« hinzugefĂŒgt; ferner die »Italienische Reise« (1786–88), die »Campagne in Frankreich« (1792), die »Belagerung von Mainz« (1793), »Aus einer Reise in die Schweiz im Jahre 1797«, »Aus einer Reise am Rhein, Main und Neckar in den Jahren 1814 und 1815«. Außerdem enthalten die »Tag- u. Jahreshefte als ErgĂ€nzung meiner sonstigen Bekenntnisse von 1749–1822« eine mehr summarische Übersicht ĂŒber den angegebenen Zeitraum, wĂ€hrend in den »Biographischen Einzelnheiten« noch eine Reihe merkwĂŒrdiger Ereignisse aus Goethes Leben, z. B. die AnknĂŒpfung nĂ€herer Beziehungen zu Schiller (1794), die Unterredung mit Napoleon (1808), besprochen wird. Zu diesen autobiographischen Bekenntnissen, die beinahe den fĂŒnften Teil von Goethes gesamter schriftstellerischer Wirksamkeit ausmachen, kommen noch fĂŒr die Zeit von 1775 an die TagebĂŒcher (mitgeteilt in der 4. Abteilung der Weimarer Ausgabe; vgl. ferner »Goethes TagebĂŒcher der sechs ersten Weimarischen Jahre 1776–1782«, in lesbarer Gestalt hrsg. und sachlich erlĂ€utert von DĂŒntzer, Leipz. 1889). Außerdem haben sich noch aus den Straßburger Jugendjahren tagebuchartige Aufzeichnungen erhalten: »Ephemerides« (hrsg. von Schöll in den obenerwĂ€hnten »Briefen und AufsĂ€tzen von G. aus den Jahren 1766 bis 1786«, und von Martin, Heilbr. 1883).

Eine völlig erschöpfende, der Bedeutung und GrĂ¶ĂŸe des Dichters entsprechende Biographie Goethes ist noch nicht vorhanden: die Werke von Viehoff (5. Aufl., Stuttg. 1887, 4 Tle.), SchĂ€fer (3. Aufl., Brem. 1877, 2 Bde.), auch das gut geschriebene, seiner Zeit brauchbare Werk von Lewes: »Life and works of G.« (Lond. 1855, 2 Bde.; deutsch von Frese, 18. Aufl., Leipz. 1903, 2 Bde.), ferner Goedeke, Goethes Leben und Schriften (2. Aufl., Stuttg. 1877) sind veraltet. Noch vielfach anregend ist H. Grimm, Goethe (Vorlesungen, Berl. 1877; 7. Aufl. 1903); von neueren verdienen Hervorhebung: Heinemann, Goethe (3. Aufl., Leipz. 1903), R. M. Meyer, Goethe (2. Aufl., Berl. 1898), G. Witkowski, Goethe (Leipz. 1899) und vor allem Bielschowsky, Goethe (MĂŒnch. 1895–1903, 2 Bde., wiederholt aufgelegt).

Unter den zahlreichen Schriften, die einzelne Abschnitte aus Goethes Leben behandeln, sind außer den frĂŒher genannten hervorzuheben: v. Biedermann: G. und Leipzig (Leipz. 1865, 2 Bde.), G. und Dresden (Berl. 1875) und G. und das sĂ€chsische Erzgebirge (Stuttg. 1877); Scherer, Aus Goethes FrĂŒhzeit (Straßb. 1879); Diezmann, G. und die lustige Zeit in Weimar (Leipz. 1857; Neudruck, Weim. 1903); Stahr, Weimar und Jena (3. Aufl., Oldenb. 1892); H. Grimm, G. in Italien (das. 1861); Wentzel, G. in Schlesien 1790 (Oppeln 1867); Hlawaček, G. in Karlsbad (2. Aufl., Karlsbad 1883); Prökl, G. in Eger (Wien 1879); Keil, G., Weimar und Jena im Jahre 1806 (Leipz. 1882); Brahm, G. und Berlin (Berl. 1880); Sckell, G. in Dornburg (Jena 1864); Erich Schmidt, G. und Frankfurt (Frankf. a. M. 1899); Geiger, G. in Frankfurt a. M. 1797 (das. 1899); Pasig, G. und Ilmenau (Weim. 1902); Stieda, Ilmenau und StĂŒtzerbach. Eine Erinnerung an die Goethezeit (Leipz. 1902); J. Vogel, Goethes Leipziger Studentenjahre. Bilderbuch zu »Dichtung und Wahrheit« (das. 1899); Herzfelder, G. in der Schweiz (das. 1891); die »Festschrift zu Goethes 150. Geburtstag« (Frankf. a. M. 1899), mit wichtigen Mitteilungen von Heuer, Pallmann u. E. Mentzel ĂŒber Goethes Beziehungen zu seiner Vaterstadt, sowie »Weimars FestgrĂŒĂŸe zum 28. August 1899« (Weim. 1899) mit AuszĂŒgen aus dem italienisch geschriebenen Tagebuch von Goethes Vater ĂŒber seine italienische Reise, mitgeteilt von Bojanowski, und desselben Haushaltungsbuch, mitgeteilt von Ruland etc.

Auch die Beziehungen Goethes zu seinen Zeitgenossen sind in zahlreichen Monographien dargestellt worden. Hier seien erwĂ€hnt die Veröffentlichungen von DĂŒntzer: Freundesbilder aus Goethes Leben (Leipz. 1853), Aus Goethes Freundeskreis (Braunschw. 1868), G. und Karl August (Leipz. 1861–65, 2 Bde.; 2. Aufl. 1888), Schiller und G. (Stuttg. 1859), Frauenbilder aus Goethes Jugendzeit (das. 1852), Charlotte v. Stein (das. 1874, 2 Bde.) und Ch. v. Stein und Corona Schröter (das. 1876); Lyon, Goethes VerhĂ€ltnis zu Klopstock (Leipz. 1882); Burkhardt, G. und der Komponist Ph. Chr. Kayser (das. 1879); Bratranek, Zwei Polen (Mickiewicz und Odyniec) in Weimar (Wien 1870).

Zur Charakteristik Goethes ist ferner zu vergleichen: Braun, G. im Urteil seiner Zeitgenossen 1773–1812 (Berl. 1882–85, 3 Bde.); GrĂ€f, G. ĂŒber seine Dichtungen (Frankf. a. M. 1900–03, 3 Bde.); Gutzkow, Über G. im Wendepunkt zweier Jahrhunderte (Berl. 1836); Rosenkranz, G. und seine Werke (2. Aufl., Königsb. 1856); O. Vilmar, Zum VerstĂ€ndnis Goethes (4. Aufl., Marb. 1879); Fr. v. MĂŒller, Goethes Persönlichkeit. Drei Reden, gehalten in den Jahren 1830 und 1832, hrsg. von W. Bode (Berl. 1901); Gerland, Über Goethes historische Stellung (Nordhaus. 1865); Henkel, Das Goethesche Gleichnis (Halle 1886); ferner in bezug auf seine amtliche TĂ€tigkeit: Vogel, G. in amtlichen VerhĂ€ltnissen (Jena 1834); Kriegk, G. als Rechtsanwalt (in den »Deutschen Kulturbildern«, Leipz. 1874); Meisner, G. als Jurist (Berl. 1885); PasquĂ©, Goethes Theaterleitung (Leipz. 1863, 2 Bde.); Burkhardt, Das Repertoire des Weimarischen Theaters unter Goethes Leitung (Hamb. 1891); Wahle, Das Weimarer Hoftheater unter Goethes Leitung (Schriften der Goethe-Gesellschaft, Bd. 6, Weim. 1892); in bezug auf seine Stellung zur Religion (s. oben, S. 163) und Philosophie: O. Harnack, G. in der Epoche seiner Vollendung (Leipz. 1887, 2. Aufl. 1901); Danzel, Über Goethes Spinozismus (das. 1843); Jellinek, Die Beziehungen Goethes zu Spinoza (Wien 1878); Caro, La philosophie de G. (2. Aufl., Par. 1880); Langguth, Goethes PĂ€dagogik historisch-kritisch dargestellt (Halle 1886); Pietsch, G. als Freimaurer (Leipz. 1880), in bezug auf seine Stellung zur Geschichtswissenschaft und Politik: Wegele, G. als Historiker (WĂŒrzb. 1876); Tardy, Goethes VerhĂ€ltnis zu Vaterland und Staat (Bresl. 1874); A. SchĂ€fer, Goethes Stellung zur deutschen Nation (Heidelb. 1880); Lorenz, Goethes politische Lehrjahre (Berl. 1893); in bezug auf seine naturwissenschaftlichen Studien (s. oben, S. 163): Virchow, G. als Naturforscher (Berl. 1861); Helmholtz, Über Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten (in den »VortrĂ€gen«, Bd. 1) und Goethes Vorahnungen kommender naturwissenschaftlicher Ideen (Berl. 1892); Cohn, G. als Botaniker (in der »Deutschen Rundschau«, 1881, Bd. 28); Haeckel, Die Naturanschauung von Darwin, G. und Lamarck (Jena 1882) etc.; ĂŒber Goethes VerhĂ€ltnis zu bildender Kunst und Musik: Hettner, G. und die bildende Kunst (in den »Kleinen Schriften«, Braunschw. 1884); Volbehr, G. und die bildende Kunst (Leipz. 1895); W. v. Bock, G. in seinem VerhĂ€ltnis zur Musik (Berl. 1871); v. Wasiliewski, Goethes VerhĂ€ltnis zur Musik (Leipz. 1880); Jullien, G. et la musique (Par. 1880); Hiller, Goethes musikalisches Leben (Köln 1883). Als Sammlungen von AufsĂ€tzen ĂŒber G. seien erwĂ€hnt: Schöll, G. in HauptzĂŒgen seines Lebens und Wirkens (Berl. 1882); DĂŒntzer, Abhandlungen zu Goethes Leben und Werken (Leipz. 1885, 2 Bde.); Scherer, AufsĂ€tze ĂŒber G. (Berl. 1886) und besonders: Hehn, Gedanken ĂŒber G. (4. Aufl., das. 1900). Ferner sind zu nennen: W. Bode, Goethes Lebenskunst (2. Aufl., Berl. 1902) u. Goethes Ästhetik (das. 1901); Siebeck, G. als Denker (Stuttg. 1902); Litzmann, Goethes Lyrik (Berl. 1904); Riemann, Goethes Romantechnik (Leipz. 1902); Boucke, Wort und Bedeutung in Goethes Sprache (Berl. 1901); K. Weitbrecht, Diesseits von Weimar (Stuttg. 1895).

Kommentare, Bibliographie etc.

In DĂŒntzers Sammelwerk »ErlĂ€uterungen zu den deutschen Klassikern« sind Kommentare zu den meisten Werken Goethes enthalten. Ferner lieferten Ausgaben und ErlĂ€uterungsschriften, außer den obenerwĂ€hnten, zu den »Gedichten«: Viehoff (»Goethes Gedichte erlĂ€utert«, 3. Aufl., Stuttg. 1876) und v. Loeper (»Goethes Gedichte mit Einleitung und Anmerkungen«, Berl. 1882–84, 3 Bde.); zu »Götz von Berlichingen«: Wustmann (Leipz. 1871), die Franzosen Chuquet (neue Ausg., Par. 1885) und E. Lichtenberger (das. 1885); zu »Egmont«: Bratranek (»Goethes Egmont und Schillers Wallenstein«, Stuttgart 1862); zu »Iphigenie«: O. Jahn (Vortrag, Greifsw. 1843), Kuno Fischer (»Goetheschriften«, Bd. 1); zu »Tasso«: Vilmar (Â»Ăœber Goethes Tasso«, Frankf. 1869), Kern (»Beitrag zur ErklĂ€rung des Dramas«, Berl. 1884; »Goethes Tasso, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben«, das. 1893), Kuno Fischer (»Goetheschriften«, Bd. 3). Am zahlreichsten sind die ErlĂ€uterungsschriften zum »Faust«; Kommentare und Kritiken lieferten unter andern: Chr. H. Weiße (Leipz. 1837), DĂŒntzer (2. Aufl., das. 1857), K. Köstlin (TĂŒbing. 1860); ferner Vischer (»Kritische GĂ€nge«, Bd. 2, das. 1844; neue Folge, Heft 3, Stuttg. 1861; »Kritische Bemerkungen ĂŒber den ersten Teil von Goethes Faust«, ZĂŒrich 1857; »Goethes Faust; neue BeitrĂ€ge zur Kritik des Gedichts«, Stuttg. 1875), Kuno Fischer (»Goethes Faust«, 1878–1903, 4 Bde., z. T. in mehreren Auflagen). Schreyer (»Goethes Faust als einheitliche Dichtung erlĂ€utert und verteidigt«, Halle 1881), Baumgart (»Goethes Faust als einheitliche Dichtung«, Königsb. 1893–1903, 2 Bde.) und Valentin (»Goethes Faust-Dichtung in ihrer kĂŒnstlerischen Einheit dargestellt«, Berl. 1894) richten sich gegen die namentlich bei K. Fischer hervortretende Tendenz, die Bedeutung der wĂ€hrend der Arbeit erfolgten Änderungen des Plans der Dichtung hervorzuheben. Kommentierte Ausgaben des Gedichts liegen vor von CarriĂšre (Leipz. 1869), v. Loeper (2. Ausg., Berl. 1879), A. v. Öttingen (Auszug, Erlang. 1880), Schröer (4. Aufl., Heilbr. 1898, 2 Bde.), B. Taylor (deutsch, Berl. 1882), C. Thomas (Boston 1892–1901, 2 Bde.). Über »Wilhelm Meister« schrieben Gregorovius (»Goethes W. Meister in seinen sozialistischen Elementen entwickelt«, Königsb. 1849), A. Jung (»Goethes Wanderjahre und die wichtigsten Fragen des 19. Jahrhunderts«, Mainz 1854).

Einen Mittelpunkt der gesamten Goethe-Forschung bildet das »Goethe-Jahrbuch«, das seit 1880 in Frankfurt a. M. erscheint und auch zum Organ der »Goethe-Gesellschaft« (s. unten) erhoben wurde. Es bringt auch Jahresberichte ĂŒber die Goethe-Literatur. Das reichhaltigste Gesamtverzeichnis der Goethe-Literatur gab Koch in Goedekes »Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung« (2. Aufl., Bd. 4, Dresd. 1891). Hirzels »Neuestes Verzeichnis einer Goethe-Bibliothek« (Privatdruck 1874) enthĂ€lt ein chronologisches Verzeichnis aller Drucke von Werken Goethes.

In Frankreich haben neben andern besonders J. J. Weiß, Blaze de Bury, E. Faivre, Blanchet, MĂ©ziĂšres, HĂ©douin, Bossert, Ehni, Waller, Jullien, E. Lichtenberger, Chuquet, A. Lange, Rod die Kenntnis Goethes gefordert. Seine Dichtungen sind wiederholt ins Französische ĂŒbersetzt worden, am hĂ€ufigsten »Faust« (durch H. Blaze, Polignac, Gerard de Nerval, Mare Monnier, Stapfer, H. Groß, E. Benoit, G. Pradez, neuerlich besonders durch Fr. Sabatier, 1893), dann »Hermann und Dorothea«, von dem mehr als zwölf Übertragungen vorliegen, »Iphigenie«, »Werther«. Vgl. Baldensperger, G.en France (Par. 1904); Langkavel, Die französischen Übertragungen von Goethes »Faust« (Straßb. 1903). In England knĂŒpft das Interesse fĂŒr G. in erster Linie an den Namen Th. Carlyles an, dessen Briefwechsel mit dem Dichter 1887 herausgegeben wurde (s. oben, S. 165), und der selbst unter anderm »Wilhelm Meister« ins Englische ĂŒbertrug. Unter den Übersetzern des »Faust« sind Bayard Taylor, J. W. Grant, Theodor Martin zu nennen. Vgl. E. Oswald, G. in England and America (Bibliographie, Lond. 1899); W. Heinemann, Goethes Faust in England and America (Berl. 1886); Kuno Francke, A history of German literature as determined by social forces (4. Aufl., New York 1901); Brandl, Die Aufnahme von Goethes Jugendwerken in England (»Goethe-Jahrbuch«, Bd. 3) und Goethes VerhĂ€ltnis zu Byron (ebenda, Bd. 20, S. 3).

Goethes Nachkommen. BegrĂŒndung der Goethe-Gesellschaft, Goethe-Nationalmuseum etc.

Goethes einziger Sohn, Julius August Walter v. G., geb. 25. Dez. 1789, weimar. Kammerherr und Kammerrat, war seit 1817 verheiratet mit Ottilie, geborner Freiin v. Pogwisch (gest. 26. Okt. 1872 in Weimar; vgl. Jenny v. Gerstenbergk, Ottilie v. G. und ihre Sohne in Briefen und Erinnerungen, Stuttg. 1901), und starb 28. Okt. 1830 in Rom an den Blattern; er hinterließ drei Kinder, von denen das jĂŒngste, Alma v. G., geb. 29. Okt. 1827, als 16jĂ€hriges MĂ€dchen 29. Sept. 1844 in Wien starb. Der Ă€lteste Sohn, Walter Wolfgang v. G., geb. 9. April 1818, gest. 15. April 1885 in Leipzig, widmete sich in Leipzig unter Mendelssohn und Weinlig musikalischen Studien und lebte als Kammerherr in Weimar; er blieb unvermĂ€hlt. Von seinen Kompositionen sind mehrere im Druck erschienen. Der zweite, Maximilian Wolfgang v. G., geh. 18. Sept. 1820, gest. 20. Jan. 1883 in Leipzig, studierte die Rechte in Bonn, Berlin, Jena und Heidelberg, wo er promovierte, fungierte lĂ€ngere Zeit als LegationssekretĂ€r in Dresden und lebte dann gleichfalls als Kammerherr in Weimar. Er blieb wie sein Bruder unvermĂ€hlt. Er veröffentlichte: »Der Mensch und die elementarische Natur« (Stuttg. 1845), eine Dichtung. »Erlinde« (2. Aufl., das. 1851), eine Sammlung lyrischer Gedichte (das. 1851) und schrieb das vorzĂŒgliche, nur als Manuskript gedruckte Werk »Studien und Forschungen ĂŒber das Leben und die Zeit des Kardinals Bessarion« (1871). Vgl. O. Mejer, Wolfgang G., ein Gedenkblatt (Weim. 1889). Beide BrĂŒder wurden 1859 in den Freiherrenstand erhoben.

Durch das Testament Walters v. G. wurde Goethes Haus am Frauenplan in Weimar samt seinen KunstschĂ€tzen und seinen naturwissenschaftlichen Sammlungen (s. S. 168: Goethe-Nationalmuseum) dem Besitz und der Obhut des weimarischen Staates ĂŒberwiesen, wĂ€hrend zur Erbin und alleinigen Verwalterin des Goethischen Familienarchivs die Großherzogin Sophie von Sachsen ernannt wurde. Nachdem nun die Erbin dieses wichtigsten Goethischen Nachlasses ihrerseits die Bereitwilligkeit ausgesprochen hatte, das Archiv nutzbar und namentlich fĂŒr die lĂ€ngst begehrte kritische Gesamtausgabe von Goethes Werken zugĂ€nglich zu machen, erließ 9. Juni 1885 eine freie Vereinigung von Literaturfreunden in Weimar, Jena und Berlin behufs GrĂŒndung einer Goethe Gesellschaft den Ausruf zu einer konstituierenden Versammlung, die unter zahlreicher Beteiligung 20. und 21. Juni in Weimar stattfand und die Goethe-Gesellschaft definitiv begrĂŒndete. Sie steht unter dem Protektorat des Großherzogs von Sachsen-Weimar, hat ihren bleibenden Sitz in Weimar und ist im Großherzogtum mit den Rechten einer juristischen Person ausgestattet. Zum ersten PrĂ€sidenten ward der ReichsgerichtsprĂ€sident v. Simson in Leipzig erwĂ€hlt. Zum Organ der Gesellschaft bestimmte man das »Goethe-Jahrbuch«, in dem die Jahresberichte veröffentlicht werden. Nach § 2 ihres Statuts hĂ€lt die Goethe-Gesellschaft jĂ€hrlich Generalversammlungen ab und veranstaltet grĂ¶ĂŸere Veröffentlichungen, die auf G. und dessen Wirken Bezug haben. Bis zum Jahre 1903 sind 18 BĂ€nde »Schriften der Goethe-Gesellschaft« erschienen. Direktor des Goethe-Archivs war zuerst Erich Schmidt, dann (seit 1886) Bernhard Suphan. Dem Archiv sind seit seinem Bestehen reichhaltige Schenkungen zugeflossen. Nachdem im Juni 1889 die Freiherren Ludwig und Alexander v. Gleichen-Rußwurm, der Enkel vnd Urenkel Schillers, das reichhaltige Schiller-Archiv zu Schloß Greifenstein in Unterfranken der Großherzogin von Sachsen zur Vereinigung mit dem Goethe-Archiv ĂŒbergaben, wurde letzteres zum Goethe- u. Schiller-Archiv erweitert. Außerdem enthĂ€lt das Archiv wichtige Handschriften etc. aus dem Nachlaß zahlreicher andrer Dichter. Anfangs war es im Weimarischen Schloß untergebracht; 1896 wurde es in einen neuen Prachtbau verlegt. Eine Hauptobliegenheit der Beamten des Archivs ist die Teilnahme an den Arbeiten fĂŒr die neue Goethe-Ausgabe mit kritisch revidiertem Text und Verzeichnis der abweichenden Lesarten, die im Auftrag der Großherzogin Sophie, jetzt des regierenden Großherzogs Ernst Wilhelm von Sachsen unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrten veranstaltet wird. Die Mitgliederzahl der Goethe-Gesellschaft, die bereits bei der ersten Generalversammlung im Mai 1886 nicht weniger als 1660 betrug, stieg im August 1886 auf 2500,1888 auf 3038 und betrug am Schlusse des Jahres 1902: 2836. Das Goethe-Nationalmuseum im Goethe-Haus am Frauenplan, in dem die KunstschĂ€tze und Sammlungen Goethes (Katalog von Schuchardt, Jena 1848–49, 3 Tle.) vereinigt sind, wurde 3. Juni 1886 nach einer wĂŒrdigen Einweihungsfeier der Öffentlichkeit ĂŒbergeben; es steht unter C. Rulands Leitung. Vgl. dessen Veröffentlichungenen: »Das Goethe-Nationalmuseum« (3. Aufl., Erfurt 1901); »Die SchĂ€tze des Goethe-Nationalmuseums in Weimar« (60 Lichtdrucke, Leipz. 1887–1888), und »Aus dem Goethe-Nationalmuseum« (Weim. 1895–97, 49 Lichtdrucke).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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