Gymnasium

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Gymnasium

Gymnasium (griech.), bei den alten Griechen der Ort (gymnĂĄsion), an dem die gymnastischen Übungen stattfanden (s. Gymnastik): Turnplatz und Turnhalle; heute: höhere Lehranstalt, in der die alten klassischen Sprachen gelehrt und SchĂŒler fĂŒr die UniversitĂ€t vorgebildet werden. Die Gymnasien der alten Griechen, lustige und schattige PlĂ€tze mit Vorrichtungen fĂŒr Spiel, Lauf, Ringkampf etc., spĂ€ter meist auch mit SĂ€ulenhallen, BĂ€dern und RĂ€umen fĂŒr gelehrte Unterhaltung (exedrae), hatten ihr Urbild in dem Dromos zu Sparta, fanden aber ihre höchste Ausbildung nach den Perserkriegen in Athen, wo damals drei große Gymnasien: Akademie, Lykeion und Kynosarges, bestanden. Sie waren Lieblingsaufenthalt und BildungsstĂ€tte der JĂŒnglinge (Epheben), die Ringschule (PalĂ€stra) wie Leitung der PĂ€dagogen und PĂ€dotriben (Turnlehrer) bereits hinter sich hatten und hier von Gymnasten unter Leitung eines Gymnasiarchen und Oberaufsicht des Sophronisten (Sittenmeisters) unterwiesen wurden. Die Gymnasien verbreiteten sich mit der griechischen Bildung in den MittelmeerlĂ€ndern und galten als deren charakteristisches Merkmal. In Rom fanden sie keinen ebenso allgemeinen Eingang. Altrömisch gesinnte Kreise nahmen Anstoß an der Nacktheit der JĂŒnglinge und an der Roheit einzelner Übungen, besonders am Ringkampf und dem dabei unvermeidlichen WĂ€lzen im Staube. Dennoch hielten reiche Leute bei ihren StadtpalĂ€sten und lĂ€ndlichen Villen mehr und mehr auch Gymnasien, und die Kaiser verbanden derartige Anstalten, besonders seit Nero, mit ihren großartigen BĂ€dern (Thermen), in denen öffentliche VortrĂ€ge mit kĂŒnstlerischen Darbietungen aller Art und gymnastischen SchaustĂŒcken wechselten. Von dem regsamen, auch geistigen Treiben, das sich in den griechischen Gymnasien neben dem Turnwesen entwickelte, gibt die Wirksamkeit des Sokrates, wie sie Platon und Xenophon schildern, und ebenso Lukian im »Anacharsis« lebendige Anschauung. Platon lehrte in der Akademie, Aristoteles im Lykeion, Antisthenes (Kyniker) im Kynosarges.

Hieran anknĂŒpfend, nannten besonders die Humanisten des 15. und 16. Jahrh. ihre in erster Reihe der Pflege der alten Sprachen gewidmeten Schulen gern Gymnasien; diese Bezeichnung der gelehrten Schulen verdrĂ€ngte allmĂ€hlich in Deutschland die gleichbedeutenden Namen, die nun den bestimmtern Begriff von halbakademischen Anstalten (Lyzeum), von Anstalten mit KosthĂ€usern (PĂ€dagogium, paidagogeion, im 16. Jahrh. meist Vorschule an einer UniversitĂ€t) oder von BildungsstĂ€tten fĂŒr Lehrer (Seminarium) annahmen, wĂ€hrend die Bezeichnung lateinische oder gelehrte Schulen fast ganz abkam. Maßgebend zunĂ€chst fĂŒr Preußen wurde der Erlaß des Ministers v. Schuckmann vom 12. Nov. 1812, der fĂŒr alle unmittelbar zur UniversitĂ€t entlassenden Schulen die Bezeichnung G. amtlich einfĂŒhrte. Im Ausland ist diese minder gebrĂ€uchlich. Bei den romanischen Völkern bĂŒrgerte sich der mittelalterliche Name Kollegium (span. Colegio, ital. Collegio, franz. CollĂšge etc.) durch die Schulsprache der Jesuiten ein; doch heißen in Frankreich die vollstĂ€ngigen staatlichen Gymnasien LycĂ©es, in Belgien AthĂ©nĂ©es; in Großbritannien findet sich neben der allgemeinern Benennung Grammar Schools (High Schools) oder Public Schools ebenfalls der Name Colleges, der aber hier wie besonders in Nordamerika auch einzelne UniversitĂ€ten oder UniversitĂ€tsinstitute und -Stiftungen bezeichnet.

Die Gymnasien der Humanisten waren nur selten ganz neue Anstalten; die meisten entstanden durch Umbildung aus Dom- und Klosterschulen oder aus stĂ€dtischen lateinischen Parochial- und Ratsschulen, den HeimstĂ€tten der sieben freien KĂŒnste. Manche ihrer ersten Leiter (wie Alexander Hegius, gest. 1498; s. d.) gingen aus dem Kreise der niederlĂ€ndischen Hieronymianer oder BrĂŒder des gemeinsamen Lebens hervor. Man kehrte zu den bessern lateinischen Schriftstellern des goldenen Zeitalters zurĂŒck, namentlich zu Cicero, und erstrebte klassische Reinheit der LatinitĂ€t in Wort und Schrift; das Griechische, diesseit der Alpen bis dahin beinahe unbekannt, und bald auch die AnfangsgrĂŒnde des HebrĂ€ischen wurden, jenes durch Hegius, dieses besonders durch Reuchlin, eingefĂŒhrt; auch tu der sachlichen Bildung galten die Alten damals noch unangefochten als Meister. An der Spitze der Bewegung standen bald nach 1500 Johannes Reuchlin (1455–1522) aus Pforzheim und Desiderius Erasmus (Geert Geerts, 1466–1536) aus Rotterdam (s. beide). Zur vollen Kraft gelangte jedoch der Umschwung im gelehrten Schulwesen erst durch den Anschluß der jĂŒngern Humanisten an die Reformation. Luthers erklĂ€rte WertschĂ€tzung der Sprachen als der Scheide, in der das Schwert des Geistes steckt (Brief an die Ratsherren deutscher StĂ€dte, 1524), und des Pommern Johann Bugenhagen (s. d.) ordnende TĂ€tigkeit in einer Reihe vornehmer norddeutscher StĂ€dte waren hierbei von wesentlichem Einfluß. Vor allem aber gab beider Freund Philipp Melanchthon schon von seinem JĂŒnglingsalter an als praeceptor Germaniae den deutschen Gymnasien Gesetze und drĂŒckte ihnen fĂŒr Menschenalter durch seinen Schulplan von 1528 (im VisitationsbĂŒchlein) und eine Anzahl LehrbĂŒcher seines Geistes Stempel auf. Unter seinen Freunden und SchĂŒlern, den praktischen SchulmĂ€nnern Joachim Camerarius (1500–74) in NĂŒrnberg und Leipzig, Valentin Friedland von Trotzendorf (1490–1556) in Goldberg und Liegnitz, Johannes Sturm (1507–89) in Straßburg, Michael Neander (1525–95) in Ilfeld, Hieronymus Wolf (1516–80) in NĂŒrnberg, MĂŒhlhausen, Augsburg u. a., stand das deutsche humanistische G. bis ĂŒber die Mitte des 16. Jahrh. hinaus in BlĂŒte, deren volle Entfaltung jedoch die Verworrenheit der politischen Lage Deutschlands und die Engherzigkeit des theologischen Parteitreibens hinderte. Aneignung der altklassischen Bildung nach Inhalt und Form und im Dienste des christlichen, meist des reformatorisch-evangelischen Geistes (docta atque eloquens pietas) war das Ideal der SchulmĂ€nner und Gelehrten. Aber schon wenige Jahrzehnte spĂ€ter war das Vertrauen zu dem einseitig gelehrten G. erschĂŒttert. Der strenge Ausschluß der Muttersprache von der Jugendbildung und die BeschrĂ€nkung auf das Wissensgebiet der Alten wirkten drĂŒckend, je mehr die Keime eigner neuer wissenschaftlicher Forschung erstarkten. WĂ€hrend im humanistischen Kreise selbst das vordem so frische Leben erstarrte, erhob sich, durch auslĂ€ndische EinflĂŒsse gestĂ€rkt (Rabelais, Montaigne, Bacon), bald nach 1600 lebhafter Widerspruch gegen den Verbalismus. Die neue Richtung des pĂ€dagogischen Realismus trat auf den Schauplatz. Sie fand begabte WortfĂŒhrer in Wolfgang Ratichius (Ratke, 1571–1635) und Joh. Amos Comenius (1591–1671). Aber beide waren glĂŒcklicher in der Kritik und in der Aufstellung einiger wichtiger pĂ€dagogischer GrundsĂ€tze (Ausgehen von der Anschauung, Pflege der Muttersprache, naturgemĂ€ĂŸer, methodischer Fortschritt etc.) als in der praktischen AusfĂŒhrung ihrer Ansichten. Die Grundform des humanistischen Gymnasiums blieb bestehen, wenn auch allmĂ€hlich eine bescheidene Pflege des Deutschen, hier und da das Französische und mancherlei Realistisches eindrangen und dafĂŒr das Griechische zurĂŒcktrat.

Als Abart des humanistischen Gymnasiums darf das Kollegium der Jesuiten bezeichnet werden, indem sich deren »Ratio atque institutio studiorum« (1599) in wesentlichen GrundzĂŒgen an die Schulordnung von J. Sturm in Straßburg anschloß. Schon die Namen der sechs Klassen ihrer studia inferiora, d. h. des Gymnasiums, zeigen diese Art an; sie heißen, von unten begonnen: Principia, Rudimentum, Grammatica, Syntaxis, Poetica oder Humanitas, Rhetorica und sind mit Ausnahme der zweijĂ€hrigen Rhetorik auf je ein Jahr berechnet. Auch bei den Jesuiten tritt das Griechische hinter dem Lateinischen zurĂŒck, und die »Erudition«, das Wissen von der Ă€ußern Welt, beschrĂ€nkt sich der Hauptsache nach auf eine nach dem kirchlichen Zweck der Gesellschaft getroffene, begrenzte Auswahl aus Geschichte, Staatsleben und Wissenschaft des Altertums. Auch die Vorliebe fĂŒr Schulkomödien teilten die Jesuiten mit den Humanisten. Nur wurden nicht mehr StĂŒcke von Terenz, GesprĂ€che Lukians oder deren Bearbeitungen, sondern zumeist religiöse und moralische Allegorien etc. aufgefĂŒhrt.

Als eigentĂŒmliche Mischform zwischen Schule und UniversitĂ€t sind hier noch die besonders im 17. Jahrh. aufkommenden akademischen Gymnasien (Gymnasia illustria od. dgl.) zu nennen. Kleinere Territorialherren oder Freie StĂ€dte (Straßburg, NĂŒrnberg, Bremen, Hamburg etc.) suchten durch solche Anstalten ihren Landeskindern den Besuch auswĂ€rtiger Akademien zu ersparen oder wenigstens zu verkĂŒrzen und die Jugend der Nachbargebiete anzulocken. Zu dauernder BlĂŒte hat es indes keine dieser Anstalten gebracht. Einige wurden spĂ€ter wirkliche UniversitĂ€ten (Straßburg, Altdorf, Herbore etc.), die meisten sanken auf die Stufe einfacher G. oder Stadtschulen zurĂŒck.

Neues Leben kam dem protestantischen G. aus dem nach dem großen Krieg erwachenden Streben der Wiedererhebung und besonders der tiefern religiösen Erregung des pietistischen Kreises, dessen HĂ€upter, Ph. J. Spener und besonders A. H. Francke, warme Freunde der Schule waren. Da auf der einen Seite die alten Sprachen der höhern Berufsstudien wegen unentbehrlich blieben, auf der andern Seite der Pietismus, hierin zusammentreffend mit Leibniz, Thomasius u. a., das wirkliche Leben und seine AnsprĂŒche gegenĂŒber der kĂŒhlen Gelehrsamkeit begĂŒnstigte, erwachte zuerst in diesem Kreis klareres Bewußtsein von der Berechtigung einer zwiefachen höhern Jugendbildung, der humanistischen, auf die alten Sprachen begrĂŒndeten fĂŒr diejenigen, die sich einer gelehrten Laufbahn widmen wollen, und der realistischen fĂŒr Adel und BĂŒrgerstand, deren Lebensaufgabe mehr unmittelbar im Leben der Gegenwart liegt. Man errichtete an den Gymnasien BĂŒrgerklassen fĂŒr die, welche »unlateinisch« oder wenigstens »ungriechisch« bleiben, d. h. nicht studieren wollten, und bald auch gesonderte Realschulen, wie die von Chr. Semler in Halle (gest. 1740) und von J. J. Hecker (1707–68, s. d.) in Berlin. Einem Ă€hnlichen BedĂŒrfnis fĂŒr die adlige Jugend sollten die nach einzelnen Ă€ltern Mustern in jener Zeit aufkommenden Ritterakademien abhelfen. Bei aller Verschiedenheit der Realschulen und der Ritterakademien standen beide doch als moderne Bildungsanstalten dem altklassischen G. gegenĂŒber. Übrigens sind die wenigen bis heute erhaltenen Ritterakademien spĂ€ter dem G. wieder angenĂ€hert oder, wie in Preußen, geradezu Gymnasien geworden.

Mit der Entstehung besonderer Realschulen (s. d.) war vom G. die Gefahr einer Entfernung von dem im 16. Jahrh. gelegten Grund abgewendet. Aber schon war ein gewisser Abfall von den GrundsĂ€tzen des Humanismus eingetreten, das Griechische sehr zurĂŒckgedrĂ€ngt, oft ganz auf den Urtext des Neuen Testaments, und selbst im Lateinischen die klassische LektĂŒre vielfach zugunsten moderner Kompendien oder theologischer Lehr- und Bekenntnisschriften eingeschrĂ€nkt. GrĂŒndliche, aber maßvolle Reform geschah dem gegenĂŒber besonders durch den Vorgang J. M. Gesners (gest. 1761), der das Griechische wieder zu Ehren brachte, aber daneben auch dem Deutschen warme Liebe entgegentrug und die BedĂŒrfnisse solcher SchĂŒler wĂŒrdigte, die nicht der gelehrten Laufbahn folgen wollten, sowie seiner Nachfolger in Leipzig (J. A. Ernesti, gest. 1781) und Göttingen (Chr. G. Heyne, gest. 1812). Sehr zugute kam dem deutschen G. die tiefere Erfassung des klassischen Altertums durch J. J. Winckelmann, Lessing, Goethe, Schiller und besonders Herders kulturhistorische UniversalitĂ€t und HumanitĂ€t. Dagegen blieb es dem philanthropisch-utilitarischen Zeitgeiste des ausgehenden 18. Jahrh. gegenĂŒber spröde und hat selbst dem bleibenden Guten, das aus dieser Bewegung Pestalozzi und seine JĂŒnger entwickelten, nur zögernd sich erschlossen. Richtige WertschĂ€tzung der körperlichen Erziehung, umfangreichere BerĂŒcksichtigung auch der Realien, Ausgehen von Anschauung und Erfahrung, freundlicheres Eingehen auf das Leben und Empfinden der Jugend hat man allmĂ€hlich doch auch am G. den Philanthropen, methodisches Ausgehen von der Anschauung und vom konkreten Leben Pestalozzi und demnĂ€chst Herbart und seiner Schule abgelernt. Dagegen verschĂ€rfte anderseits F. A. Wolf durch die selbstĂ€ndige Gestaltung und Vertiefung der klassischen Philologie und die damit verbundene Lösung des höhern Lehrerstandes vom theologischen Studium und Beruf den Gegensatz zwischen Humanismus und Realismus, G. und Realschule, der das 19. Jahrh. erfĂŒllte und in seinen AuslĂ€ufern noch ĂŒberdauert. Der Versuch, G. und Realschule wieder zu verschmelzen zur höhern Einheitsschule (s. d.), mußte scheitern. Zunehmenden, aber bis jetzt immer noch bescheidenen Erfolg hatte dagegen im letzten Jahrzehnt das Programm der sogen. Reformschulen (s. d.), gemĂ€ĂŸ dem G. und den Realanstalten als gleichberechtigte Aste aus einem gemeinsamen Stamme hervorwachsen, was naturgemĂ€ĂŸ nur durch den Beginn mit einer beiden gemeinsamen, d. h. neuern, Fremdsprache (Französisch) und Versparung von Latein und Griechisch auf Mittel- und Oberklassen zu erkaufen ist. Das alte G. und seine unbedingten VorkĂ€mpfer (Deutscher Gymnasialverein seit 1890) mußten sich das Anerkenntnis voller Gleichberechtigung dieser Reformgymnasien und wesentlicher Gleichberechtigung fĂŒr das UniversitĂ€tsstudium auch der realistischen Vollanstalten (Realgymnasien, Oberrealschulen) noch eben vor Ablauf des 19. Jahrh. gefallen lassen. Ob damit dem G. zugunsten der Realanstalten erheblicher Abbruch geschehen wird, kann erst die Zukunft lehren. Bisher scheint es nicht so. Die vorwiegende WertschĂ€tzung gerade des gymnasialen Bildungsganges fĂŒr die leitenden BerufsstĂ€nde der Nation wurzelt doch tiefer als in dem (nunmehr kaum noch nennenswerten) Vorzuge betreffs der sogen. Berechtigungen fĂŒr kĂŒnftige StaatsprĂŒfungen oder in geselliger Gewohnheit und Tradition.

Nach dieser allgemeinen Übersicht nur noch wenige einzelne Data aus der neuern Geschichte des Gymnasiums in Deutschland und Österreich.

WĂ€hrend die Gymnasien der katholischen Gebiete im 18. Jahrh. vorwiegend den Typus der Jesuitenkollegien aufwiesen, waltete im evangelischen Deutschland neben der wenig modernisierten humanistischen Lateinschule Kursachsens (FĂŒrstenschulen, Thomasschule zu Leipzig etc.) und WĂŒrttembergs (Klosterschulen, seit 1804: Seminare) besonders das in Preußen bevorzugte Hallesche System (sogen. Fachsystem) vor, bis die philanthropischen Ideen in den letzten Jahrzehnten vor 1800 mannigfache Versuche der Anpassung an die AnsprĂŒche der Gegenwart herbeifĂŒhrten. Mehr und mehr trat Preußen auch im höhern Schulwesen an die Spitze der Nation. Maßgebend dafĂŒr war besonders das Wirken des Ministers v. Zedlitz (bis 1787, gest. 1791). Der erste Anlauf zu strengerer Regelung der VerhĂ€ltnisse an den preußischen Gymnasien geschah von dem soeben (1787) eingesetzten Oberschulkollegium durch Erlaß einer Instruktion ĂŒber die PrĂŒfung der zur UniversitĂ€t ĂŒbergehenden SchĂŒler (Reife- oder MaturitĂ€tsprĂŒfung) vom 23. Dez. 1788. An ihre Stelle trat 25. Juni 1812 eine neue Instruktion und, nachdem 1832 eine entsprechende Instruktion fĂŒr höhere BĂŒrger- und Realschulen erschienen war, 4. Juni 1834 ein neues Reglement, das mit einigen Änderungen vom 12. Jan. 1856 bis zum Erlaß der PrĂŒfungsordnung vom 27. Moi 1382 (vgl. ReifeprĂŒfung) bestanden hat, die ihrerseits rascher der Ordnung der ReifeprĂŒfung vom 6. Jan. 1892, wie diese der jetzt geltenden vom 27. Okt. 1901 hat weichen mĂŒssen. – Eine den ganzen Betrieb der Gymnasien regelnde Unterrichtsverfassung ward seit 1810 von SĂŒvern (s. d.) bearbeitet, dann von F. A. Wolf begutachtet und trat 1816 in Kraft. Sie stellte betreffs der alten Sprachen einseitig hohe AnsprĂŒche, enthielt aber sonst viel Treffliches. So fĂŒhrte sie allgemein das Klassensystem ein und damit das Amt der Klassenlehrer oder Ordinarien, wĂ€hrend bis dahin nach dem Halleschen Fachsystem derselbe SchĂŒler bei den einzelnen Fachlehrern in verschiedenen Klassen sitzen konnte. Die Verfassung wurde 24. Okt. 1837 unter dem Eindruck des Lorinserschen Streites ĂŒber die gesundheitsgefĂ€hrlichen EinflĂŒsse der Schulen abgelöst durch den »Normalplan«, der mit geringen Änderungen vom 7. Jan. 1856 bis zum 31. MĂ€rz 1882 gegolten hat. Durch den Normalplan von 1837 wurde das Turnen, seit 1820 verboten, wieder eingefĂŒhrt. Inzwischen war auch fĂŒr den Nachweis geeigneter Vorbildung der Gymnasiallehrer gesorgt. Die wissenschaftlichen Deputationen in Berlin, Königsberg und Breslau fĂŒr diese PrĂŒfungen waren schon 4. Dez. 1809 eingesetzt und das erste Reglement 12. Juli 1810 erlassen worden. An Stelle der genannten Deputationen traten 19. Dez. 1816 die mit jeder UniversitĂ€t verbundenen wissenschaftlichen PrĂŒfungskommissionen, deren TĂ€tigkeit eine besondere PrĂŒfungsordnung (erneuert 12. Dez. 1866,5. Febr. 1889,12. Sept. 1898) regelt. Nach abgelegter PrĂŒfung hat der angehende Gymnasiallehrer seit 1826 vor der Anstellung ein Probejahr durchzumachen, dem nach der »Ordnung der praktischen Ausbildung der Kandidaten des höhern Lehramtes« vom 15. MĂ€rz 1890 jetzt noch ein ausschließlich der praktisch pĂ€dagogischen Schulung gewidmetes Seminarjahr vorausgeht.

Seit 1837 besteht das preußische G. aus sechs aufsteigenden Klassen, deren drei untere einjĂ€hrigen, drei obere zweijĂ€hrigen Lehrgang haben. Die Klassen werden lateinisch benannt (von unten auf: Sexta, Quinta, Quarta, Tertia, Sekunda, Prima). Da jedoch die drei obern Klassen in je zwei FahrgĂ€nge (Unter- und Obertertia etc.) gegliedert sind und fĂŒr gewisse Unterrichtszweige die Trennung beider JahrgĂ€nge sogar on allen Anstalten geboten ist, hat das G. eigentlich neun einjĂ€hrige Klassen, die um so mehr einzeln gezĂ€hlt werden sollten, da anderseits, auch amtlich, obere (I. und Ober II.), mittlere (Unter II., III.) und untere Klassen unterschieden werden und einer der praktisch wichtigsten Abschnitte des Gymnasialbesuchs, die Erlangung der wissenschaftlichen Reise fĂŒr den einjĂ€hrigfreiwilligen Heerdienst, mitten in die Sekunda fĂ€llt. Der Lehrplan der preußischen Gymnasien ist seit 1882 unter dem Eindruck lebhafter literarischer und parlamentarischer Debatten dreimal umgestaltet worden. 31. MĂ€rz 1882, 6. Jan. 1892,29. Mai 1901. Den beiden letzterlassenen LehrplĂ€nen gingen Vorberatungen einberufener VertrauensmĂ€nner aus verschiedenen Berufskreisen in Berlin voran: Dezemberkonferenz 1890, Junikonferenz 1900 Wesentliche Gleichberechtigung der realistischen Vollanstalten (Realgymnasien und Oberrealschulen; s. d.) mit dem G. begrĂŒndete fĂŒr Preußen der königliche Erlaß vom 26. Nov. 1900. Es folgen hier zunĂ€chst die LehrplĂ€ne der preußischen Gymnasien noch deren Festsetzung in den Fahren 1856, 1882, 1892 u. 1901.

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Hierzu kommen noch je 3 Stunden Turnen und fĂŒr die befĂ€higten SchĂŒler 2 Stunden Gesang. Fakultativ findet auch in den höhern Klassen Zeichenunterricht statt in je 2 Stunden wöchentlich; desgleichen HebrĂ€isch oder Englisch in 2 Stunden. Der Unterricht in Deutsch und Lateinisch soll in den drei untern Klassen tunlichst von demselben Lehrer erteilt werden.

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Dazu kommen: 1) als verbindlich je 3 Stunden Turnen durch alle Klassen und je 2 Stunden Singen fĂŒr die SchĂŒler der Klassen VI und V. Einzelbefreiungen finden nur auf Grund Ă€rztlicher Zeugnisse und in der Regel nur auf ein halbes Jahr statt. Die fĂŒr Singen beanlagten SchĂŒler von IV an aufwĂ€rts sind zur Teilnahme am Chorsingen verpflichtet; – 2) als wahlfrei von Unter II ab je 2 Stunden Zeichnen; von Ober II ab je 2 Stunden Englisch und je 2 Stunden HebrĂ€isch (Meldung verpflichtet fĂŒr ein halbes Jahr). – FĂŒr SchĂŒler mit schlechter Handschrift in IV und III ist besonderer Schreibunterricht einzurichten. Abweichung vom vorstehenden Lehrplan ist dahingehend zulĂ€ssig, daß in den drei obern Klassen (Ober II, Unter und Ober I) an Stelle des verbindlichen Unterrichts im Französischen solcher Unterricht im Englischen mit ie 3 Stunden tritt, Französisch aber wahlfreier Lehrgegenstand mit je 2 Stunden wird.


Der Lehrplan des Gymnasiums schließt gleichzeitig denjenigen des Progymnasiums, d. h. eines Gymnasiums ohne Prima und Obersekunda (vor 1892 nur ohne Prima), in sich. Wie diese Tabellen zeigen, ist der Unterricht in den beiden alten Sprachen neuerdings nicht unwesentlich beschnitten worden: von 128 (1856) auf 117 (1882), 98 (1892), 104 (1901). Dies konnte selbstverstĂ€ndlich nur geschehen bei entsprechender Herabsetzung der Lehrziele. Es wird gegenwĂ€rtig nicht mehr sichere eigne Handhabung der (namentlich lateinischen) Sprache (lateinischer Aufsatz!) erstrebt, sondern auf sicherer Grundlage grammatischer Schulung gewonnenes VerstĂ€ndnis der bedeutendsten klassischen Schriften und dadurch EinfĂŒhrung in Geistes- und Kulturleben des Altertums. Dadurch sind alle schriftlichen Übungen als Mittel zum Zweck in die zweite Reihe gestellt und erheblich eingeschrĂ€nkt.

In allen Hauptsachen kann dieser Hergang in Preußen als typisch fĂŒr das deutsche G. ĂŒberhaupt gelten. Da im Deutschen Reich die preußische Heerverfassung allgemein angenommen worden war, mußte folgerecht auch in den höhern Lehranstalten so weit Einheit hergestellt werden, daß das Recht zum einjĂ€hrigen Dienst etc. ĂŒberall von gleichen Voraussetzungen abhĂ€ngig gemacht werden konnte. Auf einer Konferenz von BevollmĂ€chtigten der deutschen Bundesstaaten in Dresden 1872 wurden daher gemeinsame GrundzĂŒge vereinbart und die darauf gegrĂŒndete Übereinkunft 1874 erlassen. Die Reichsschulkommission (s. d.) wacht darĂŒber, daß diese GrundsĂ€tze ĂŒberall gleichmĂ€ĂŸig beachtet werden. Dies schließt jedoch eine gewisse Mannigfaltigkeit nicht aus. In SĂŒddeutschland zĂ€hlt man z. B. noch immer die Klassen (I. bis IX.) von unten nach oben. In Bayern hießen bis 1891 die Gymnasien amtlich Studienanstalten (bestehend aus Lateinschule u. Obergymnasium). WĂŒrttemberg und Bremen hatten bis 1903 zehnjĂ€hrigen Lehrgang im G., jenes bezeichnete bis ebendahin die unvollstĂ€ndigen Gymnasien (Progymnasien) als Lyzeen etc. Zum Vergleich hier die

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In Österreich (Zisleithanien) zĂ€hlte man 1892 gegenĂŒber 33 Realgymnasien und 79 Real-, bez. Oberrealschulen 139 Vollgymnasien und 21 alleinstehende Untergymnasien; 1900: 201 Gymnasien (und Realgymnasien) mit 62,107 und 97 Realschulen mit 28,867 SchĂŒlern. – 1854 wurden unter dem Ministerium des Grafen Leo Thun die Gynmasien nach dem Lehrplan von Bonitz und Exner neu eingerichtet uno dadurch den deutschen ebenbĂŒrtig. Jedoch ist der Kursus dort auf acht Jahre und Klassenstufen beschrĂ€nkt. Überarbeitet und mit ausfĂŒhrlichen Instruktionen versehen wurde der Lehrplan unter dem Minister Conrad von Eybesfeld 1884. Stundenverteilung wie folgt:

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In Preußen gab es im April 1890 im ganzen 268 Gymnasien, denen 90 Realgymnasien und 10 Oberrealschulen gegenĂŒberstanden, wĂ€hrend auf 44 Progymnasien 18 Realschulen, 84 Realprogymnasien und 22 höhere BĂŒrgerschulen kamen; 1903 dagegen 303 Gymnasien neben 80 Realgymnasien, 40 Oberrealschulen, 52 Progymnasien, 20 Realprogymnasien, 141 Realschulen. Im ganzen Deutschen Reiche gestaltet sich das VerhĂ€ltnis der entsprechenden Zahlen 1903 so: 466 Gymnasien gegen 122 Realgymnasien und 64 Oberrealschulen; 100 Progymnasien gegen 48 Realprogymnasien und 303 Realschulen. Die Zahl der SchĂŒler in den Gymnasien und Progymnasien Preußens betrug 1902: 95,441 gegen 71,729 in sĂ€mtlichen höhern Realanstalten. Diese Zahlen beweisen, daß das G. im ganzen noch die vorwaltende Form der höhern Schulen ist. Unter 58 Reformschulen, die vorzugsweise dem sogen. Frankfurter Lehrplan folgten (davon 45 in Preußen), waren 1903 Gymnasien oder mit gymnasialen Zweigen verbunden: 10 (davon 8 in Preußen); vollendet und bereits zur ReifeprĂŒfung gelangt darunter bis 1904 nur 2 (Frankfurt a. M. und Hannover).

MÀdchengymnasien (s. d.) und entsprechende, auf die obern Klassen beschrÀnkte Gymnasialkurse gab es 1903 in Deutschland 16, von denen jedoch 9 dem Lehrplan der Realgymnasien folgten.

Zur ErgĂ€nzung des Vorstehenden s. Höhere Lehranstalten, Realschulen, Realgymnasium, Humanismus etc. Vgl. Wiese, Das höhere Schulwesen in Preußen (Berl. 1864–74, 3 Bde.) und Verordnungen und Gesetze (3. Aufl. von KĂŒbler, das. 1886–88); Beier, Die höhern Schulen in Preußen und ihre Lehrer (2. Aufl., Halle 1902; ErgĂ€nzungsheft 1904); Schmids »EnzyklopĂ€die des gesamten Unterrichts- und Erziehungswesens« (2. Aufl., Leipz. 1876 ff.); Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts (2. Aufl., das. 1896); v. Raumer, Geschichte der PĂ€dagogik (6. Aufl., GĂŒtersloh 1890–98, 4 Bde.; Bd. 5 von Lotholz 1896); Bender, Geschichte des Gelehrtenschulwesens in Deutschland seit der Reformation, und Schmid, Das neuzeitliche nationale G. (in Schmids Geschichte der Erziehung, Bd. V, 1, Stuttg. 1901); Thaulow, GymnasialpĂ€dagogik (Kiel 1858); NĂ€gelsbach, GymnasialpĂ€dagogik (3. Aufl. von Autenrieth, Erlang. 1879); Roth, GymnasialpĂ€dagogik (2. Aufl., Stuttg. 1874); K. Schmidt, GymnasialpĂ€dagogik (Köthen 1857); Hirzel, Vorlesungen ĂŒber GymnasialpĂ€dagogik (TĂŒbing. 1876); Schrader, Erziehungs- und Unterrichtslehre fĂŒr Gymnasien und Realschulen (2. Ausg. der 5. Aufl., Berl. 1893) und Die Verfassung der höhern Schulen (3. Aufl., das. 1889); Baumeister, Handbuch der Erziehungs- und Unterrichtslehre (mit andern, MĂŒnch. 1894–98, 4 Bde.; einzelne Teile wiederholt aufgelegt); Messer, Die Reformbewegung auf dem Gebiet des preußischen Gymnasialwesens von 1882–1901 (Leipz. 1901); Lexis, Das Unterrichtswesen im Deutschen Reich, Bd. 2 (Berl. 1904); »Statistisches Jahrbuch der höhern Schulen Deutschlands etc.« (Leipz.). Zeitschriften: »Zentralblatt fĂŒr die gesamte Unterrichtsverwaltung in Preußen« (Berl., seit 1859; amtlich); »JahrbĂŒcher fĂŒr Philologie und PĂ€dagogik« (Leipz., seit 1826); »Zeitschrift fĂŒr das Gymnasialwesen« (Berl., seit 1847); »Zeitschrift fĂŒr die österreichischen Gymnasien« (Wien, seit 1850); »BlĂ€tter fĂŒr das bayrische Gymnasialwesen« (MĂŒnch., seit 1865); »PĂ€dagogisches Archiv« (Stettin, seit 1859); »Das humanistische G.« (Organ des Gymnasialvereins; Heidelb., seit 1890); »Monatsschrift fĂŒr höhere Schulen« (Berl., seit 1902); »Deutsche Schulgesetzsammlung« (das., seit 1872) etc.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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  • Gymnasium — Gym*na si*um (j[i^]m*n[=a] z[i^]*[u^]m or j[i^]m*n[=a] zh[i^]*[u^]m; 277) n.; pl. E. {Gymnasiums} (j[i^]m*n[=a] z[i^]*[u^]mz), L. {Gymnasia} (j[i^]m*n[=a] z[i^]*[.a]). [L., fr. Gr. gymna sion, fr. gymna zein to exercise (naked), fr. gymo s… 
   The Collaborative International Dictionary of English

  • Gymnasium — (v. gr.), 1) in den griechischen StĂ€dten öffentliches GebĂ€ude, worin die mĂ€nnliche Jugend sich durch allerhand Übungen die KrĂ€fte u. Gewandheit des Körpers ausbildete. Weise singen spĂ€ter an, in den Gymnasien auch die JĂŒnglinge zu unterrichten, u 
   Pierer's Universal-Lexikon

  • Gymnasium — GymnasÄ­um, bei den alten Griechen Bezeichnung fĂŒr öffentliche Anlagen, in denen JĂŒnglinge und MĂ€nner nackt (gymnos) unter Leitung der vom Staate bestellten Gymnasten und Gymnasiarchen ihren Körper ausbildeten, und die allmĂ€hlich auch zum… 
   Kleines Konversations-Lexikon

  • Gymnasium — (vom griech. gymnos, nackt), Orte im alten Griechenland, GebĂ€ude und GĂ€rten, wo die Jugend und Erwachsene den körperl. Uebungen oblagen, spĂ€ter auch die Philosophen lehrten und disputirten. In neueren Zeiten nennt man G. solche wissenschaftliche… 
   Herders Conversations-Lexikon


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