Haare

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Haare

Haare (Pili), fadenf√∂rmige Hautgebilde bei vielen Tieren und Pflanzen. Bei den Tieren w√§chst nur der Fortsatz einer Zelle √ľber die K√∂rperoberfl√§che, der das Haar ausscheidet, so bei vielen Gliedertieren, im letztern Fall erhebt sich ein aus vielen Zellen bestehender haarf√∂rmiger Auswuchs der Oberhaut √ľber deren Niveau (S√§ugetiere). Manche H. sind wie die Federn mit seitlichen Strahlen besetzt (Fi ed erh aa re), andre sind durch besondere Bildungen zur Leitung des Schalles (H√∂rhaare) oder zur √úbertragung einer Ber√ľhrung auf die Nerven (Tasthaare) bef√§higt.

Fig. 1. Durchschnitt des Haares, stark vergrößert. o Oberhäutchen, r Rinde, m Mark.
Fig. 1. Durchschnitt des Haares, stark vergrößert. o Oberhäutchen, r Rinde, m Mark.

Die H. der S√§ugetiere (und die haar√§hnlichen Gebilde in den √ľbrigen Wirbeltierklassen) bestehen mit Ausnahme ihrer Papillen (s. unten) aus Epithelzellen, die in verschiedenem Ma√üe abgeplattet und verhornt sind, so da√ü sich drei Schichten unterscheiden lassen: Oberh√§utchen (Fig. 1 o), Rinde (r) und Mark (m); doch k√∂nnen diese auch z. T. fehlen (z. B. die Marksubstanz in den seinen Wollhaaren). Der √ľber die Haut hervorragende Teil des Haares (Schaft) und der darin verborgene (Wurzel) verhalten sich hierin gleich, doch ist letztere weich, da sie allseitig von Haut umgeben wird. Ihr unteres, kolbig angeschwollenes Ende (Haarzwiebel oder Haarknopf, Fig. 2 Hz) besteht aus weichen, rundlichen Zellen, √§hnlich denen der sogen. Schleimschicht der Oberhaut. Die Zwiebel sitzt auf der Papille (Fig. 2 P), die zur Lederhaut geh√∂rt und gleich deren andern Papillen reich mit Blutgef√§√üen und Nerven versorgt ist. Ihre Oberfl√§che ist die eigentliche Bildungsst√§tte des Haares, hier entstehen fortw√§hrend neue Zellen und schieben die auf ihnen lagernden allm√§hlich aus der Hauteinsenkung hinaus, also ist die Spitze der √§lteste Teil des Haares. Die Einsenkung hei√üt Haarbalg (Fig. 2 Hb); in ihn m√ľnden Talgdr√ľsen (Fig. 2 T, s. Haut) und geben hier ihre Absonderung ab; ferner setzt sich an jeden Haarbalg ein aus glatten Fasern bestehender Muskel (M) an, der sowohl die Entleerung der Dr√ľse bewirkt, als auch den schr√§g liegenden Haarbalg gerade richtet und gegen die Oberhaut andr√ľckt, so da√ü diese in Form eines kleinen, runden Walles um die Austrittsstelle der H. hervortreten und die sogen. G√§nsehaut bilden kann. Vgl. auch Tafel ¬ĽGewebe des Menschen¬ę, Fig. 8. ‚Äď Die H. der S√§ugetiere werden entweder als den Vogelfedern entsprechend angesehen, die sich ihrerseits auf die Hornschuppen der Reptilien zur√ľckf√ľhren lassen, oder man l√§√üt sie aus den Sinnesh√ľgeln der Fische, bez. Amphibien durch Verhornung entstehen.

Fig. 2. Kopfhaut des Menschen. Ep Epidermis, C (Lederhaut) Cutis, Ul L√§ngs-, Uq Querz√ľge des Bindegewebes in ihr, H Haar, Hb Haarbalg, Hz Haarzwiebel, P Haarpapille, M Haarmuskel, SD Schwei√üdr√ľse, T Talgdr√ľse, F Fettk√∂rper.
Fig. 2. Kopfhaut des Menschen. Ep Epidermis, C (Lederhaut) Cutis, Ul L√§ngs-, Uq Querz√ľge des Bindegewebes in ihr, H Haar, Hb Haarbalg, Hz Haarzwiebel, P Haarpapille, M Haarmuskel, SD Schwei√üdr√ľse, T Talgdr√ľse, F Fettk√∂rper.

Beim Menschen sind die H. fast √ľber den ganzen K√∂rper verbreitet, die Innenfl√§che der Hand und die Fu√üsohle, die vordern Finger- und Zehenglieder und die Lippen sind ohne H. Man rechnet im Durchschnitt beim Mann auf 1 qcm Haut des Scheitels 171, des Kinnes 23, der Vorderfl√§che des Oberarms 8 H.; ihre Gesamtzahl auf dem Kopf mag 80,000, auf dem √ľbrigen K√∂rper noch 20,000 betragen, das Gewicht des Kopfhaars bei Frauen 250 g und mehr. Auf gleich gro√üen Fl√§chen der Kopfhaut stehen die schwarzen H. weniger dicht als die braunen und noch weniger dicht als die blonden (Verh√§ltnis 86: 95: 107). Die H. stehen entweder einzeln oder in Gruppen zu je 2 oder 5 und sind in regelm√§√üig gebogenen Linien angeordnet, die auf beiden K√∂rperh√§lften symmetrisch verlaufen (Haarstr√∂me, Haarwirbel). Die Entwickelung der H. beginnt beim Menschen am Ende des dritten Monats mit einer Einsenkung der Lederhaut, die von der hier st√§rker wachsenden Oberhaut ausgef√ľllt wird. In diesen Zapfen w√§chst von der Lederhaut aus eine keulenf√∂rmige Papille hinein, auf deren Oberfl√§che die Zellen der Oberhaut bei lebhaftem Wachstum sich zum Haar gruppieren. Das junge Haar durchsetzt darauf in 4‚Äď5 Wochen den ganzen Zapfen und erscheint mit der Spitze auf der Oberfl√§che der Haut. Zuerst entstehen die H. der Augenbrauen und die Augenwimpern, sp√§ter die Kopfhaare und zuletzt die H. des √ľbrigen K√∂rpers. In der 24. Woche des F√∂tallebens ragen die meisten H. schon √ľber die Hautoberfl√§che hervor, die sogen. Wollhaare (Lanugo) mit kurzen Haarb√§lgen; diese H. sind verg√§nglich und fallen im 1. bis 2. Lebensjahr aus. An manchen Hautstellen allerdings bleiben sie bestehen, an andern entwickeln sich statt ihrer dickere H. von einer neuen, tiefer gelegenen Papille aus; hierauf bildet sich die Papille des Wollhaars zur√ľck, und dieses f√§llt aus. Auch sp√§ter fallen die H., sowie sie ihre L√§nge erreicht haben, aus und werden durch andre, die neben ihnen aus einer Abzweigung der Papille hervorsprie√üen, ersetzt. Bei vielen Tieren ist dieser Haarwechsel periodisch, beim Menschen geschieht er unmerklich. T√§glich fallen von den Haaren des Kopfes im Mittel etwa 40‚Äď100 aus; das t√§gliche Wachstum betr√§gt, einerlei ob die H. geschnitten werden oder nicht, 0,2‚Äď0,8 mm. Die Barthaare werden in ihrem Wachstum dagegen durch das Rasieren gest√§rkt. Die Lebensdauer der Kopfhaare betr√§gt 2‚Äď4 Jahre, der Augenwimpern nur 100‚Äď150 Tage. Ausgedehnte Zerst√∂rungen der Lederhaut behaarter Stellen f√ľhren immer zu haarlosen Narben; anderseits bilden sich auf Narben an sonst schwach behaarten Stellen, z. B. am Oberarm, bisweilen lange H. von der St√§rke des Barthaars. ‚Äď Die Kr√§uselung des Haares h√§ngt von der Form seines Querschnitts ab und ist um so st√§rker, je mehr dieser von der Kreisform abweicht. ‚Äď Die Farbe der H. ist ver√§nderlich, so werden hellblonde H. mit zunehmendem Alter immer dunkler, bedingt ist sie durch Farbstoff und Luft. Ersterer, br√§unlich bis braunschwarz, findet sich sp√§rlich oder reichlich in der Rinde vor, die Luft hingegen haupts√§chlich im Mark in und zwischen den Zellen desselben, und zwar sind helle H. reicher an kleinen lufthaltigen R√§umen als dunkle. Durch die schwach gef√§rbte Rinde heller H. schimmert bei auffallendem Licht die Luft des Markes silberwei√ü hindurch, w√§hrend ihre Wirkung durch die starke F√§rbung dunkler H. aufgehoben wird. Bei den grauen oder wei√üen Haaren enth√§lt auch die Rinde zahlreiche Luftr√§ume. F√ľr das Ergrauen der H. gibt es zwei Ursachen: entweder es bildet sich kein Farbstoff mehr, oder die Menge der Luftr√§ume nimmt zu. Letzteres findet namentlich bei dem pl√∂tzlichen Ergrauen statt; ersteres beim Ergrauen der H. im Alter oder beim j√§hrlichen Haarwechsel der S√§ugetiere mit wei√üem Winterkleid.

Die H. besitzen gro√üe Festigkeit, ein menschliches Kopfhaar zerrei√üt durchschnittlich erst pei einer Belastung mit 180 g. Sie sind ferner gegen Feuchtigkeit sehr empfindlich (s. Hygrometer), aber schlechte W√§rmeleiter. Trockne H. werden durch Reiben elektrisch und k√∂nnen selbst Funken spr√ľhen (Katzen). H. bestehen im wesentlichen aus Hornsubstanz (Keratin) und enthalten etwa 49,85 Proz. Kohlenstoff, 6,52 Proz. Wasserstoff, 16,8 Proz. Stickstoff, 4,02 Proz. Schwefel, 23,2 Proz. Sauerstoff. Vgl. Waldeyer, Atlas der menschlichen und tierischen H. (Lahr 1884).

Haarpflege.

Die Pflege des Haares soll sich auf m√∂glichst einfache Ma√üregeln beschr√§nken, denn man wei√ü sehr wenig dar√ľber, was den Haaren heilsam oder sch√§dlich ist. Jedenfalls darf man die H. nicht mi√ühandeln durch festes Binden, Flechten, Brennen, F√§rben u. dgl. Reinlichkeit des Haares und des Haarbodens wird aur besten durch Kamm und m√§√üig harte Haarb√ľrsten erreicht, auch kann man ohne Nachteil das Haar mit Wasser und Seife oder sehr stark verd√ľnntem Seifenspiritus waschen; nur mu√ü man nach dem Waschen mit viel reinem Wasser gr√ľndlich sp√ľlen, f√ľr schnelles Trocknen sorgen und, falls das Haar nicht von Natur hinreichend fettig ist, durch Ein√∂len nachhelfen. Das Brennen der H. sollte man nicht oft vornehmen, nur auf die Enden beschr√§nken und die Eisen nicht zu hei√ü machen (sie d√ľrfen wei√ües Papier nicht gelb f√§rben). √úber den Einflu√ü des Schneidens der H. auf ihr Leben sind die Ansichten geteilt. Auch wei√ü man wenig √ľber den Einflu√ü der Kopfbedeckungen; sie sch√ľtzen das Haar vor Verunreinigung und verhindern in hoher Temperatur √ľberm√§√üigen Wasserverlust; zu warme Kopfbedeckungen (Pelzm√ľtzen oder gar wasserdichte M√ľtzen) sind verwerflich, weil sie die Ausd√ľnstung der Kopfhaut unterdr√ľcken; anderseits sind Kopfbedeckungen notwendig, wenn man den Sonnenstrahlen ausgesetzt ist. Zum F√§rben der H. sind bleihaltige Mittel durchaus verwerflich. Auch das mehrfach empfohlene Paraphenylendiamin ist giftig. Unsch√§dlich ist die Anwendung von frisch gepre√ütem Walnu√üschalensaft und von Pyrogalluss√§ure; H√∂llensteinl√∂sung darf nur vorsichtig, jedenfalls nicht zu konzentriert angewendet werden. Vorteilhaft l√∂st man 10 Teile Pyrogalluss√§ure in 500 Teilen rektifiziertem Holzessig und 500 Teilen Alkohol, anderseits 30 Teile H√∂llenstein in 900 Teilen Wasser und so viel Ammoniakfl√ľssigkeit, bis sich der anf√§nglich entstandene Niederschlag wieder gel√∂st hat (Krinochrom). Nach dem Entfetten des Haares tragt man die erste L√∂sung mit einem Schwamm, dann die zweite mit einer B√ľrste auf, w√§scht darauf mit Wasser, dann mit einer L√∂sung von unterschwefligsaurem Natron und sp√ľlt schlie√ülich wieder mit Wasser. Das Mittel f√§rbt dunkel schwarzbraun und gibt mit verd√ľnnterer H√∂llensteinl√∂sung hellere T√∂ne. Zum Blondf√§rben dunklerer H. wird eine schwache Losung von Wasserstoffsuperoxyd (Golden hair wash, Eau de Jouvence) benutzt. Enthaarungsmittel (depilatoria) wurden schon im Altertum angewendet. Bei Griechen und R√∂mern war es, wie noch jetzt bei allen orientalischen V√∂lkern, Sitte, da√ü die Frauen die H. ihres K√∂rpers k√ľnstlich entfernten. Dies bezeugen die Statuen des Altertums, und in der Kunst hat sich bis in die Gegenwart die Darstellung des weiblichen K√∂rpers ohne H. erhalten. Von Enthaarungsmitteln ist am bekanntesten das Rusma, das aus √Ątzkalk und Auripigment (Schwefelarsenik) besteht. Ebenso wirksam, aber ungef√§hrlich ist frisch bereitetes Calciumsulfhydrat, das messerr√ľckendick auf die zu enthaarende Stelle aufgetragen und nach einigen Minuten abgewaschen wird. Es entfernt aber nicht die Haarwurzeln, und die H. wachsen daher wieder nach. Ziemlich vollst√§ndig werden die Haarwurzeln durch das Psilothron entfernt, eine Harzmischung, die mit dem Haar fest verklebt und beim Abnehmen die Wurzeln auszieht. Unna empfiehlt Harzstifte (aus Kolophonium mit 10 Proz. gelbem Wachs). Sie werden wie eine Stange Siegellack in der Flamme schnell erw√§rmt (auf 61¬į) und im Augenblick des Schmelzens sanft auf die Haut gesetzt. Zieht man sie dann mit einem Ruck in der Haarrichtung ab, so werden s√§mtliche Haarwurzeln herausgezogen. Das sicherste und bei sachverst√§ndiger Ausf√ľhrung nicht sehr schmerzhafte Verfahren ist die Elektrolyse. Mittels sehr seiner, biegsamer Stahlnadel wird mit oder ohne vorheriges Ausziehen des Haares der Haarbalg angestochen, dann die galvanische Kette geschlossen, w√§hrend die andre (Platten-) Elektrode in der N√§he aufgesetzt ist, und so die Haarwurzel ausgebrannt und damit dauernd zerst√∂rt. √úber Bef√∂rderung des Haarwuchses durch Licht s. Lichttherapie. Vgl. Pfaff, Das menschliche Haar (2. Aufl., Leipz. 1869); Pincus, Die Krankheiten der menschlichen H. und die Haarpflege (2. Aufl., Berl. 1879); Schultz, Haut, H. und N√§gel (4. Aufl., Leipz. 1898); Clasen, Die Haut und das Haar (4. Aufl., Stuttg. 1892) und Die naturgem√§√üe Pflege und die Krankheiten des Haares (das. 1902). √úber Krankheiten der H. s. Haarkrankheiten.

Geschichte der Haartrachten: technische Verwendung.

Zu allen Zeiten und bei allen V√∂lkern wurde das Haar mit mehr oder weniger Kunst und Geschmack geordnet und gepflegt. Die Assyrer, Perser und √Ągypter kr√§uselten Haar und Bart auf das sorgf√§ltigste und ersetzten fehlendes auch durch Per√ľcken. Haar und Bart wurden reich gesalbt, auch gef√§rbt und mit Binden, B√§ndern, Reisen und Schmucksachen aus edlem und unedlem Metall geschm√ľckt (s. Tafel ¬ĽKost√ľme I¬ę, Fig. 2 u. 3, und Tafel ¬ĽBildhauerkunst I¬ę, Fig. 1 u. 2, und Tafel II, Fig. 1, 3 u. 5). Bei den Hebr√§ern wurde das Haupthaar dick und stark getragen, und ein Kahlkopf galt nicht nur als arge Beschimpfung, sondern war z. T. auch wegen Verdachts des Aussatzes dem Volke verha√üt. Die M√§nner pflegten das Haar von Zeit zu Zeit mit einem Schermesser zu stutzen, und nur J√ľnglingen scheint die √§ltere Sitte gestattet zu haben, lang herabwallendes Haar zu tragen. Bei den sp√§tern Juden aber galt langes Haar der M√§nner f√ľr ein Zeichen der Weichlichkeit, und den Priestern war es untersagt, solches zu tragen. Nur zufolge eines Gel√ľbdes lie√üen auch M√§nner bisweilen das Haar wachsen. Die Frauen dagegen legten stets einen hohen Wert auf lange H. und pflegten sie zu kr√§useln und zu flechten. K√§mme sind im Alten Testament nirgends erw√§hnt, w√§hrend andre V√∂lker sie kannten. Man salbte das Haupthaar mit wohlriechenden Olen und gab ihm durch Einstreuen von Goldstaub Glanz. Die Griechen sahen im Haar den vorz√ľglichsten Schmuck des menschlichen Hauptes, und Homer z√§hlt es zu den Geschenken Aphrodites. W√§hrend die Spartaner vom Mannesalter an das Haar lang trugen, weil es der wohlfeilste Schmuck sei, wurde es bei den Athenern, wenigstens seit der Zeit der Perserkriege, vom Mannesalter an m√§√üig verschnitten und k√ľnstlich in Locken gedreht, und w√§hrend die Spartaner den Knaben das Haar kurz schnitten, trugen diese in Athen und anderw√§rts, bis sie die Ephebenjahre (in Athen das 18. Jahr) erreichten, lang herabh√§ngendes Haar; dann aber verschnitt man es ziemlich kurz und lie√ü es erst mit dem Beginn des reifern Alters wieder l√§nger wachsen. Sklaven durften bei den Spartanern sowohl als anderw√§rts die H. nicht lang tragen. Beim Eintritt in das Ephebenalter weihte der J√ľngling das ihm abgeschnittene Haar einer Gottheit, gew√∂hnlich dem Apollon. Die Jungfrau schnitt sich vor der Hochzeit das Haar ab. Allgemein war die Sitte, durch Vernachl√§ssigung des Haares seine Trauer auszudr√ľcken, indem man es abschnitt oder unordentlich herabh√§ngen lie√ü. Dies geschah bei Sterbef√§llen, nach verlornen Schlachten etc., daher auch die Sitte der Alten, nach √ľberstandener Gefahr, besonders nach einem Schiffbruch, das Haar zu scheren und dem Poseidon zu opfern (Haaropfer). Auf den √§ltesten Kunstdenkm√§lern erscheinen Frauen und m√§nnliche Figuren mit langen, zopfartigen Locken, die weit √ľber die Achseln, auch √ľber die Brust herabh√§ngen (s. Tafel ¬ĽBildhauerkunst II¬ę, Fig. 9). Sp√§tere Kunstwerke zeigen das Haar offen, gescheitelt und hinten in einen Schopf zusammengebunden, den eine Art Haube oder Haarnetz bedeckte. Auch trug man weit k√ľnstlicher geordnetes Haar (vgl. Textfig. 1‚Äď8 und die Tafeln ¬ĽBildhauerkunst III-VI¬ę). Im allgemeinen gab man den blonden Haaren den Vorzug; doch stand auch die schwarze Farbe in Ehren, wie wir aus Anakreon sehen. Aus Asien war nach Griechenland auch der Gebrauch falscher H. gekommen. Die ersten Haarkr√§usler finden wir in Athen, wo sie ein besonderes Gewerbe bildeten. Bis 300 v. Chr., wo P. Ticinius Mena den ersten Tonsor aus Sizilien nach Rom brachte, lie√üen die R√∂mer nach dem Zeugnis des Varro das Haar lang herabh√§ngen; zu Ciceros Zeit aber prangten angeblich nicht nur junge Stutzer, sondern selbst hohe Staatsm√§nner mit k√ľnstlichem und salbenduftendem Lockenbau.

Fig. 1‚Äď8. Griechische Haartrachten. Fig. 9 und 10. R√∂mische Haartrachten.
Fig. 1‚Äď8. Griechische Haartrachten. Fig. 9 und 10. R√∂mische Haartrachten.

Der Haarputz der Frauen nahm seit der Augusteischen Zeit eine immer reichere Form und gr√∂√üere Dimensionen an (Textfig. 9 u. 10), und da zu der beliebten F√ľlle von Z√∂pfen und Locken die H. Eines Kopfes nicht ausreichten, nahm man dazu falsches, meist blondes Haar (capillamentum). Letzteres wurde aus Germanien von den unterworfenen St√§mmen eingef√ľhrt.

Die alten Bewohner des europ√§ischen Nordens, namentlich die Kelten, banden das Haar am Hinterkopf zusammen (daher hie√ü bei den R√∂mern das eigentliche Gallien, zum Unterschied von der gallischen Provinz, Gallia comata). Das lange, starke Haar galt ihnen als ein Merkmal m√§nnlicher W√ľrde und Freiheit. Die germanischen V√∂lker zeichneten sich durch ihr langes, braungelbes, hier und da ins Goldblonde oder R√∂tliche fallende Haar aus. Abgeschornes Haar war bei Kelten und Germanen ein Zeichen der Untert√§nigkeit; auch hat sich das Haarabscheren als entehrende Strafe lange in einzelnen deutschen Rechten erhalten. Bei den Franken war die Ehrentracht des langen Haares eine Zeitlang ein Zeichen der k√∂niglichen W√ľrde (daher hei√üen die Merowinger auch die gelockten K√∂nige), und solange dies w√§hrte, mu√üten alle Untertanen das Haar kurz scheren. Dagegen trugen Karl d. Gr. und die Karolinger kurzes Haar (s. Tafel ¬ĽKost√ľme I¬ę, Fig. 10), w√§hrend die Sachsen, die in den fr√ľhern Jahrhunderten Kopf- und Barthaar schoren, in und nach der Zeit Karls d. Gr. bis gegen Ende des 10. Jahrh. das Haar lang herabfallen lie√üen. Auch die Frauen lie√üen es entweder frei herabh√§ngend wachsen, oder banden es auf und befestigten es mit Kn√∂pfnadeln. In den folgenden Jahrhunderten pflegten die M√§nner das Haar bis auf die Schultern herab zu tragen, √ľber der Stirn kurz abzuschneiden, es auch zu kr√§useln und zu locken, w√§hrend die Frauen es, wie fr√ľher, lang herabwallen lie√üen (s. Tafel ¬ĽKost√ľme I¬ę, Fig. 13), oder mit dem Gebende (s. d.) bedeckten, oder durch einen Schapel (s. d.) hielten, oder, besonders in Frankreich und England, mit B√§ndern zu einem oder zwei Z√∂pfen umwanden, die auf den R√ľcken oder vorn √ľber die Schultern herabfielen. Die zwei letzten Jahrhunderte des Mittelalters zeigen in der Haartracht beider Geschlechter die gr√∂√üte Mannigfaltigkeit. Die ehrbaren M√§nner trugen das Haar kurz geschnitten, sp√§ter auch lang herabh√§ngend oder auch gekr√§uselt; die Frauen seit der Mitte des 14. Jahrh. stets mit einer der damals √ľblichen Kopfbedeckungen. G√§nzliche K√ľrzung des Haares der M√§nner wurde zwar von Karl VII. in Frankreich eingef√ľhrt (vgl. Kalotte), scheint aber erst Ende des 15. Jahrh. allgemein geworden zu sein. Auch die Landsknechte schoren das Haar m√∂glichst kurz (s. Tafel ¬ĽKost√ľme II¬ę, Fig. 10). Die Frauen dagegen beharrten dabei, es im Nacken aufzubinden und mit einer Haarhaube zu bedecken (s. Tafel ¬ĽKost√ľme II¬ę, Fig. 4,7 u. 9). In der Renaissancezeit k√§mmten die M√§nner das Haar √ľber die Stirn und schnitten es gerade ab (Kolbe, s. d.). Unter Ludwig XIV. entstand in der Haartracht eine Revolution in ganz Europa. Man ordnete das Haar in einen Wulst von Locken, Knoten, Buckeln u. dgl., und da das eigne Haar nun nicht mehr dazu ausreichte, so kamen die Per√ľcken nicht nur in allgemeinen Gebrauch, sondern man befestigte sogar noch steife Kissen auf dem Kopfe, um die erforderliche Turmh√∂he der Frisur erreichen zu k√∂nnen (s. Tafel ¬ĽKost√ľme III¬ę, Fig. 7, und den Artikel ¬ĽPer√ľcke¬ę). Gleichzeitig ward der Puder allgemein. Trugen auch die Damen keine Per√ľcken, so waren ihre Haargeb√§ude doch nicht weniger ungeheuer und dabei so m√ľhsam, da√ü der Vorabend eines Festes zum Aufbau der Frisur angewendet werden und die Frisierte die Nacht im Lehnstuhl zubringen mu√üte (vgl. Fontange). Infolge der franz√∂sischen Revolution fielen mit den veralteten Staatsformen auch die Per√ľcken, so da√ü die M√§nner bald allgemein kurzes Haar trugen, wie dies noch heute in ganz Europa meist der Fall ist. Die Frauen dagegen suchten den Haarputz der R√∂merinnen auf einige Zeit wieder hervor und umgaben dann die Stirn mit L√∂ckchen (s. Tafel ¬ĽKost√ľme III¬ę, Fig. 14), w√§hrend das √ľbrige Haar im Nacken zusammengeschlagen wurde oder im Chignon herabhing. Nur kurze Zeit trugen auch die Frauen kurzes Haar √† la Titus (s. Tituskopf), eine Mode, die um 1890 wiedergekehrt ist, aber sich nur kurze Zeit erhielt; dann folgten die im Nacken herabwallenden Locken √† l'enfant, und das lange Haar trat von neuem in seine Rechte. Wieder aufgebunden, ward es in m√∂glichst breite Flechten gebracht, die kranzartig auf dem Kopfe lagen, w√§hrend an beiden Seiten an den Schl√§fen ein wahrer Lockenwald prangte. Riesige K√§mme von zierlicher Arbeit ragten dar√ľber empor, und Diademe, Perlen, Blumen etc. gruppierten sich dazwischen. Die sogen. Apolloschleifen sowie der nochmalige Versuch, den griechischen Haarputz wieder einzuf√ľhren, bildeten den √úbergang zu gr√∂√üerer Einfachheit, die den modernen Frisuren Platz machen mu√üte, die an Extravaganz alles Fr√ľhere √ľbertrafen und weder einen bestimmten Charakter noch regelm√§√üige Formen darboten. Ungeheure Chignons und Biberschw√§nze wechselten mit scheinbar zerzaustem Haar und W√§ldern von falschen Locken. Alle auf die Einf√ľhrung einer nat√ľrlichern Haartracht gerichteten Bestrebungen haben nur vor√ľbergehenden Erfolg gehabt. Wie die weibliche Tracht ist auch die Haartracht dem raschen Wechsel der Mode unterworfen, die meist zwischen Extremen schwankt und in neuester Zeit wieder zu Ausw√ľchsen und grotesken √úbertreibungen (Tellerfrisuren) gef√ľhrt hat. Weit stabiler ist der Haarputz bei den au√üereurop√§ischen V√∂lkern. Bei den Naturv√∂lkern Asiens, Afrikas, Amerikas und Australiens suchen sich die M√§nner durch ein m√§hnenartiges Herabwallen des langen Haares oder durch ganze Geb√§ude von geflochtenem, ge√∂ltem oder durch fettige Tonerde zusammengehaltenem Haar meist ein furchtbares Ansehen zu geben. Die Frauen tragen das Haar h√§ufig kurz oder geflochten oder in einen Wulst zusammengerollt (vgl. die Tafeln ¬ĽAfrikanische, Amerikanische, Asiatische und Ozeanische V√∂lker¬ę). Die Araberinnen teilen das Haar in unz√§hlige kleine Flechten, die sie mit Goldf√§den, Perlenschn√ľren, B√§ndern etc. durchziehen und mit einem leichten Turban bedecken. Die Araber tragen das Haar kurz. Die Chinesen und Japaner lassen es bis auf einen kleinen B√ľschel am Wirbel abscheren; ihre Frauen k√§mmen es von allen Seiten auf die Mitte des Kopfes zusammen und schm√ľcken den zierlich geordneten B√ľschel mit Blumen, Nadeln und K√§mmen (s. Tafel ¬ĽJapanische Kultur I¬ę, Fig. 7). Doch beginnt hier die europ√§ische Zivilisation die alte Sitte zu verdr√§ngen. Die T√ľrken und Perser scheren sich das Haupt zum Teil; die Frauen ordnen das Haar in lange Flechten, die sie durch seidene von gleicher Farbe verl√§ngern. √úber die Haartracht der Geistlichen s. Tonsur. Au√üer den gr√∂√üern Werken √ľber Kost√ľmkunde vgl. Krause, Plotina, oder die Kost√ľme des Haupthaars bei den V√∂lkern der Alten Welt (Leipz. 1858); Falke, H. und Bart der Deutschen (im ¬ĽAnzeiger des Germanischen Museums¬ę, 1858); Bysterveld, Album de coiffures historiques (Par. 1863‚Äď1865, 4 Bde.); Gr√§fin v. Villermont, Histoire de la coiffure f√©minine (Br√ľssel 1891); Wilken, √úber das Haaropfer und einige andre Trauergebr√§uche bei den V√∂lkern Indonesiens (in der ¬ĽRevue coloniale¬ę, 1887; enth√§lt auch Kulturgeschichtliches aus Deutschland).

Technische Verwendung findet vorz√ľglich die Wolle (s. d.) sowie das seine tibetische und persische Ziegenhaar, die H. der Bisamratten, Hafen, Lamas und Kamele, der Angoraziege, der Vicu√Īa, des Alpako, der Pferde etc. Geflechte, Schn√ľre, Stricke und Gewebe aus Haaren werden zu mannigfachen Zwecken dargestellt. Menschenhaare werden von Frauen getragen, um st√§rkern Haarwuchs vorzut√§uschen, sonst werden sie zu Per√ľcken und sogen. Haararbeiten benutzt. Zu letztern verwendet man meist H. von Verstorbenen, die zu Per√ľcken etc. zu br√ľchig sind. In der Regel ist das Haar 60 cm, bisweilen 1 m lang. Das Gewicht des Haares von einem Kopf betr√§gt selten mehr als 0,25 kg. Fr√ľher lieferten Norddeutschland, Schweden, Norwegen sehr viel, namentlich blondes Haar. Mit dem steigenden Wohlstande der √§rmern Bev√∂lkerung hat aber die Neigung, ihr Haar zu verkaufen, schnell abgenommen. Blondes Haar ist sehr teuer geworden. Frankreich, Italien, Spanien, Ru√üland liefern dunkles Haar, die Normandie und Bretagne die ungew√∂hnlichsten Schattierungen und die feinsten H. Das rohe Haar wird sortiert, mit kochendem Wasser, schwacher Sodal√∂sung oder Ammoniakfl√ľssigkeit gewaschen, auch vielfach gef√§rbt und b√ľ√üt bei dieser Behandlung 15‚Äď25 Proz. ein. Ein Surrogat der Menschenhaare ist rohe Seide, die man entsprechend f√§rbt und zu Locken und Per√ľcken verarbeitet. Die Haararbeiten aus Menschenhaar sind Flechtarbeiten, oder man klebt die H. auf, um Landschaften, Medaillons u. dgl. herzustellen. Derartige Arbeiten nennt man Haarmosaik oder Haarmalerei und, wenn man auf Seide arbeitet, wohl auch Haarstickerei.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905‚Äď1909.

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  • Haare ‚ÄĒ Haare, hornige, fadenf√∂rmige Hautgebilde der S√§ugetiere [L√§ngsschnitt Abb. 741], bestehen aus Mark , Rindensubstanz und dem Oberh√§utchen und wurzeln im sog. Haarboden. Der l√§ngere Teil des H., der Haarschaft [a], steckt mit der Haarwurzel [b] in… ‚Ķ   Kleines Konversations-Lexikon

  • Haare ‚ÄĒ Ein Menschenhaar unter dem Mikroskop (Bildausschnitt: 600√ó400¬†¬Ķm2) Schematischer Querschnitt der menschlichen Haut mit einem Haar ‚Ķ   Deutsch Wikipedia

  • Haare ‚ÄĒ I Haare, ¬† Die vielzelligen Haare sind ein Kennzeichen der S√§ugetiere. Sie werden von der Oberhaut (Haut) gebildet, die mit dem Haarbalg und der Haarwurzel tief in die Lederhaut eingesenkt ist. Ihre Form hat Einfluss auf die Form des Haares… ‚Ķ   Universal-Lexikon

  • Haare ‚ÄĒ HaŐ≤aŐ≤re vgl. Pili ‚Ķ   Das W√∂rterbuch medizinischer Fachausdr√ľcke


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