Antonīnus [1]


Antonīnus [1]

Antonīnus, Name zweier röm. Kaiser: 1) A. Pius, mit welchen beiden Namen er gewöhnlich benannt wird, eigentlich Titus Aurelius Fulvus Bojonius A. Pius, Sohn des Titus Aurelius Fulvus, geb. 86 n. Chr. in Lanuvium, gest. 161. Erzogen in Lorium, trat er frühzeitig in Staatsämter als Quästor, Prätor, Konsul und wurde von Hadrian 138 nach dem Tode seines ersten Adoptivsohns, Älius Verus, wegen seiner vorzüglichen Charaktereigenschaften adoptiert und zum Cäsar ernannt, unter der Bedingung, daß er selbst den Marcus (A.) Verus, Sohn des Bruders seiner Gemahlin Annia Faustina, und den Lucius Verus, des Alius Verus Sohn, adoptierte. Er regierte von 138–161. Vom Senat mit dem Beinamen Pius geehrt, sorgte er völlig ausgehend in seiner Pflicht mit Weisheit und Milde überall für Aufrechterhaltung der Ordnung und Gesetze, wählte die Statthalter der Provinzen mit Einsicht und der sorgfältigsten Rücksicht auf deren Wohl, unterstützte freigebig die von Unfällen betroffenen Städte und Landschaften, erweiterte in Rom die Stiftung Trajans für arme Kinder durch Gründung neuer Stellen, verbot gegen die Christen alle Gewaltmaßregeln und setzte für die Rhetoren und Philosophen Gehalte fest. Dabei versäumte er nichts, was der Glanz des Reiches erforderte; zahlreiche Bauten in Italien werden auf ihn zurückgeführt; die Sparsamkeit des Hofes und seine vernünftige Finanzwirtschaft lieferten ihm dazu die Mittel. Dieselben Vorzüge, welche die innere Wohlfahrt des Reiches förderten, gewannen ihm auch nach außen so großes Ansehen, daß er nur selten Waffengewalt anzuwenden brauchte. Nur in Britannien wurde gegen die Briganten erfolgreich gekämpft; sonst hatte er nur vereinzelte Aufstände niederzuschlagen. Nach seinem Tode wurden ihm vom Senat alle Ehren zuerkannt, die je einem Kaiser erwiesen worden waren, und die meisten der nachfolgenden Kaiser, bis auf Elagabal, ehrten ihn dadurch, daß sie sich den Beinamen A. beilegten. Sein mildes, würdiges und achtunggebietendes Äußere stellt sich uns noch in den zahlreich erhaltenen Büsten (besonders in einer Münchener) und Münzen dar. Vgl. Bossart und Müller, Zur Geschichte des Kaisers A. (Leipz. 1868); Lacour-Gayet, A. le Pieux et son temps (Par. 1889).

2) Marcus Aurelius A., geb. 26. April 121 n. Chr., gest. 17. März 180, ein Verwandter Hadrians und des Antoninus Pius, aus einer vornehmen Familie Spaniens, wurde in Rom erzogen und gewann früh die Gunst Hadrians und des Antoninus Pius. Er hieß eigentlich Annius Verus, wurde aber auf Anordnung Hadrians von Antoninus Pius adoptiert und nannte sich nun Marcus Aurelius Verus A. Von Antoninus Pius wurde er nach seinem Regierungsantritt (138) zum Cäsar ernannt und nahm nun unter und neben seinem Adoptivvater, der ihm seine Tochter Faustina zur Gemahlin gab, an den Regierungsgeschäften tätig Anteil. Mehr noch beschäftigten ihn seine Studien; denn nachdem er in der Jugend unter dem berühmten Cornelius Fronto rhetorische Studien getrieben hatte, wendete er sich allmählich der stoischen Philosophie zu und blieb ihr auch treu, als er zur Regierung (161–180) gelangte. Den Lucius Verus, den Antoninus Pius ebenfalls adoptiert hatte, ernannte A., obwohl ihm sein ausschweifendes Leben mißfiel, aus Pietät zum Mitregenten. Indes war seine Regierung nicht so glücklich, wie es seine Gerechtigkeit, seine Milde und sein unermüdlicher Pflichteifer verdienten. Zwar in den ersten Jahren wurden nicht nur die Einfälle der feindlichen Nachbarn in Britannien und am Rhein abgewehrt, sondern es wurde auch gegen den Partherkönig Vologeses III. ein glücklicher Krieg (162–166) von den Feldherren des L. Verus geführt. Allein das aus dem Osten zurückkehrende Heer brachte von dort eine furchtbare Pest mit, die während der ganzen weitern Regierungszeit Mark Aurels das römische Reich verheerte. Auch durften die Einfälle der Quaden, Markomannen, Jazygen und andrer germanischen und sarmatischen Völker am Rhein und an der Donau, das Vorspiel der Völkerwanderung, nicht länger unbeachtet bleiben. Nach umfassenden Vorbereitungen übernahm A. selbst die Oberleitung dieses »Markomannenkrieges«, zuerst (von 167 an) mit Verus, nach dessen Tod (169) allein bis 175, wo ein Friede zu stande kam, der die Donaugrenze zu sichern schien. Der Aufstand des Avidius Cassius (175) in Asien war durch dessen Ermordung erstickt, ehe der Kaiser selbst herannahte. An der Donau aber rief seine Abwesenheit sofort wieder Unruhen hervor, die ihn von neuem (178) zum Kriege zwangen, den er zwar nicht unglücklich, aber doch ohne völlige Entscheidung bis zum Tode fortführte. Aus der innern Geschichte seiner Regierung werden uns nur Handlungen der Milde und Menschlichkeit berichtet. Er erweiterte die Stiftung Trajans für arme Kinder und gab ihr eine feste Einrichtung, ordnete das Vormundschaftswesen, milderte die durch Pest und Hungersnot entstandene Not durch reiche Spenden und den Erlaß rückständiger Abgaben. Auch dem Senat erwies er viel Ehre und sicherte sich dadurch ein dankbares Gedächtnis. Wie in seiner Regierung, so drückt sich seine reine, edle Sinnesweise auch in den zwölf Büchern seiner (griechisch geschriebenen) »Selbstbetrachtungen« aus, zuerst herausgegeben von Guil. Xylander (Zür. 1558), später von Casaubonus (Lond. 1643) und Gataker (Cambr. 1652), zuletzt von Stich (Leipz. 1882). Übersetzungen in fast allen europäischen Sprachen; neuere deutsche von Schneider (4. Aufl., Bresl. 1891) und Cleß (Stuttg. 1866). Seine äußere Erscheinung stellt uns namentlich die berühmte, jetzt auf dem Kapitol stehende Reiterstatue (s. Tafel »Bildhauerkunst V«, Fig. 2) dar. Eine bildliche Darstellung der Markomannenkriege besitzen wir in den Reliefs der Antoninsäule in Rom (s. Antoninianische Säulen). Vgl. Desvergers, Essai für Marc-Aurèle (Par. 1860); Renan, Marc-Aurèle et la fin du monde antique (das. 1882); Watson, Life of M. A. A. (New York 1884). – Über das Itinerarium Antoninum s. Itineraria.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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