Kanalisierung

Kanalisierung (Flußkanalisierung), eine Art des Flußbaues, durch die vorzugsweise die Schiffbarkeit der Flüsse ermöglicht oder verbessert werden soll, aber auch die Landeskultur gehoben und die Industrie gefördert werden kann. Wenn ein Fluß zuzeiten so wenig Wasser führt, daß durch bloße Einengung des Niederwasserbettes auf die mit dem Bestande des Flußbettes verträgliche Breite (Normalbreite, s. d.) die Fahrwassertiefe immer noch zu gering bliebe, um die Fortdauer der Schiffahrt zu sichern, dann ist die K. des Flusses zu erwägen. Hierdurch sind z. B. in Frankreich sehr wasserarme Flüsse längst schiffbar gemacht worden. Die K. besteht in der Anwendung beweglicher Wehre (s. d.), um das Niederwasser aufzustauen, und in der Anlage von Kammerschleusen (s. Schleuse), um den Höhenunterschied zu überwinden zwischen den durch streckenweisen Aufstau gebildeten Haltungen oder, was dasselbe ist, zwischen Ober- und Unterwasser des betreffenden Wehres. Der Aufstau ist so zu bemessen, daß unterhalb jedes Wehres die geringste für die Schiffahrt festgesetzte Fahrwassertiefe auf die ganze Länge der Haltung mindestens erreicht wird. Bei vollschiffigen und höhern Wasserständen, also auch bei Hochwasser, wird die bewegliche Stauwand beseitigt, und das Wasser fließt ungehindert über den festen Unterbau des Wehres hinweg. Die Schiffahrt folgt dem Strom und nimmt ihren Weg durch eine als Schiffdurchlaß mit niedrigerer Schwelle ausgebildete Öffnung, während eine zweite Öffnung mit höherer Schwelle als Überfallwehr dient. Von niedrigen bis zu annähernd vollschiffigen Wasserständen nimmt die Schiffahrt ihren Weg durch die neben dem Wehr im Flußbett oder in einem Seitenkanal angebrachte Kammerschleuse. Am Ende der Schifffahrtzeit, also zu Beginn des Winters, muß das Wehr niedergelegt, d. h. die Stauwand entfernt werden. Der Eisgang erfolgt später über das niedergelegte Wehr hinweg. Die Schiffahrt bewegt sich dann im offnen Strom, bis bei fallendem Wasser das Wehr ausgerichtet und die Schiffahrt durch die Kammerschleuse geleitet wird. Es ist von Fall zu Fall festzustellen, ob die Natur des Flusses nicht befürchten läßt, daß die, auf die feste Wehrschwelle niedergelegten, beweglichen Teile durch Grundeis, Eisverstopfungen u. dgl. beschädigt werden. Danach wird die Bauart des Wehres zu wählen sein. Die K. eines Flusses bedingt allzeit kostspielige Bauten. Allein, wenn z. B. ein kanalisierter Fluß dem Schiffer gestattet, unter allen Umständen sein Schiff mit 6–8000 Ztr. zu beladen, so wird er, trotzdem er Schleusen durchfahren und sich möglicherweise schleppen lassen muß, doch besser daran sein, als wenn im unkanalisierten Flust durch Wochen und Monate ihm nur 2–3000 Ztr. gestattet sind. Die Frage, wie im kanalisierten Fluß die Flößerei zu behandeln sei, ist von Fall zu Fall eingehend zu erwägen, insbes. ob sie bei niedrigem Wasser, wenn auch in beschränktem Maß, aufrecht erhalten und durch lange Floßrinnen geleitet werden könnte. Die Flößerei wird übrigens durch die Verfrachtung des Holzes in Schiffen vielfach verdrängt, denn durch das Flößen leidet die Güte und sinkt der Verkaufswert des Holzes, so daß die Nachfrage nach ungeflößtem Holz immer vorwiegt. Die Bedenken, die aus dem Grunde gegen die K. geltend gemacht werden, weil sie die freie Schiffahrt durch einen Teil des Jahres verhindert, sind teilweise berechtigt. Ein Entwurf, der den freien Fluß neben einem jederzeit leistungsfähigen Schiffahrtskanal bestehen läßt, verdient unter Umständen große Beachtung. Ein solcher mit Schleusen versehener Seitenkanal läßt sich oft z. T. im Flußbett oder doch im Hochwasserprofil anlegen. Für die Landeskultur wird die Flußkanalisierung wichtig, wenn durch Heben des Wasserspiegels eine Bewässerung der hochgelegenen Uferländereien vorgenommen werden kann, sie wirkt nachteilig, wo das Ufergelände niedrig ist und die Entwässerung erschwert oder der Grundwasserstand zu stark gehoben wird. Flußkanalisierungen erfordern daher in der Regel tief eingeschnittene Flußbetten. Zuweilen läßt sich das gestaute Wasser zum Betrieb von Fabriken mit benutzen. Die bekannteste K., die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland ausgeführt wurde, ist die des Mains von Frankfurt bis zum Rhein; durch sie hat sich der Schiffahrtsverkehr auf dem Main in den Jahren 1885–91 auf das Hundertfache des frühern Verkehrs gehoben. Die Arbeiten hierzu waren im Herbst 1886 beendet; es sind dazu aus öffentlichen Mitteln 5,5 Mill. Mk. aufgewendet worden. Der Tiefgang des Mains ist dadurch von 0,90 auf 2 m gebracht und erlaubt den größten Rheinbooten bis Frankfurt stromauf zu fahren. In Frankfurt enden die Anlagen in einem großen Hafen, der mit dem neuen Zentralbahnhof in Verbindung steht. Außerdem ist zu erwähnen die Saarkanalisierung von Saargemünd bis Luisenthal.


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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