Arminĭus [1]


Arminĭus [1]

Arminĭus (Armin, ein aus deutschem Stamm römisch gebildeter Beiname, der nicht unserm Hermann entspricht), Fürst der Cherusker, geb. 17 v. Chr. als Sohn des Cheruskerfürsten Sigimer, leistete nach der Weise jener Zeit mit seinem Bruder Flavus den Römern als Führer deutscher Hilfstruppen Kriegsdienste. Als er nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehrte, schaltete dort der Oberbefehlshaber des untern Germanien, Quintilius Varus, wie ein unumschränkter Herrscher und reizte die Deutschen besonders dadurch, daß er unter ihnen wie in einer Provinz Recht sprach. A., erfüllt von dem Gedanken der Befreiung seines Vaterlandes, aber einsichtig genug, um auf offene Gewalt zu verzichten, schien sich zu fügen; insgeheim aber gewann er nicht nur seine Cherusker, sondern auch die benachbarten Völker für seine Pläne und ließ nun an Varus die Nachricht gelangen, daß in seinem Rücken ein Aufstand ausgebrochen sei (Spätsommer 9 n. Chr.). Varus, im Begriff, von seinem Sommerlager an der mittlern Weser an den Rhein zurückzukehren, machte zur Dämpfung des Aufstandes einen Umweg durch den Teutoburger Wald (s. d.), den heutigen Osning oder, nach Mommsen, das Wiehengebirge mit Fortsetzung bis zur Haase, und wurde dort, als sich sein durch Troß und Gepäck beschwertes Heer durch die engen, weglosen, von bewaldeten Höhen eingeschlossenen Täler mühsam durchwand, plötzlich von allen Seiten durch die Deutschen angefallen. Langsam und unter großen Verlusten setzte er seinen Marsch am ersten Tage fort; am dritten Tage aber war die Widerstandskraft der Römer völlig gebrochen. Varus stürzte sich, verzweifelnd, in sein Schwert, und bis auf einen kleinen Teil, der sich durch die Flucht rettete, wurden seine drei Legionen nebst Reiterei und Hilfsmannschaft (über 20,000 Mann) vernichtet; die Feste Aliso, welche die Römer auf deutschem Gebiet errichtet, wurde von der römischen Besatzung verlassen. So war Deutschland bis an den Rhein vollständig befreit. Die Nachricht von dieser Niederlage erregte in Rom den größten Schrecken; man fürchtete, daß die Deutschen den Rhein überschreiten und in Gallien den Aufstand gegen Rom entzünden möchten. Indessen begnügte man sich auf beiden Seiten zunächst mit der Behauptung der Rheingrenzen, bis im J. 14 der Kampf von Germanicus, dem Sohne des Drusus, erneuert wurde, zunächst durch Einfälle vom Rhein aus, bei deren zweitem (15) er Gelegenheit fand, den Schwiegervater und Gegner des A., Segestes, der von A. belagert wurde, zu befreien und ihn nebst seiner Tochter Thusnelda, der mit ihrem Gatten gleichgesinnten Gemahlin des A., in seine Gewalt zu bringen. Noch im J. 15 begann er aber nach einem umfassenden Plan den Krieg gegen A. als den gefährlichsten Feind der Römer und zog zu Wasser und zu Land in das Emsgebiet. Er erreichte das Teutoburger Schlachtfeld und endlich auch den A., dem er eine Schlacht lieferte, die unentschieden blieb; auf dem Rückwege hätte sein Heer das Geschick des Varus erlitten, wenn die Deutschen dem ruhig und bedächtig erwägenden A. anstatt seinem stürmischen Oheim Inguiomerus gefolgt wären. Im J. 16 siegte Germanicus, der diesmal sein ganzes Heer auf Schiffen an die Emsmündung geschafft hatte, über A. auf dem Idistavisofelde (in der Gegend von Minden) und in der Nähe des Steinhuder Meeres, sah sich aber durch große Verluste zum Rückzug gezwungen und verlor zur See viele Schiffe. Dies war der letzte Versuch der Römer, die Grenze vom Rhein weiter nach Osten vorzuschieben. Germanicus wurde im Winter 16/17 von dem Kaiser Tiberius abberufen, um den Oberbefehl im Osten zu übernehmen, und erhielt keinen Nachfolger. Die römischen Schriftsteller erkennen den Ruhm des A., Deutschland befreit zu haben, bereitwillig an. Bei seinen Landsleuten erntete er keinen Dank; denn nachdem er den Sturz des Markomannenkönigs Marbod als eines Feindes der Freiheit herbeigeführt hatte (17), fand er im J. 19 auf Anstiften seiner Verwandten, die ihn des Strebens nach der Königsherrschaft beschuldigten, den Tod-Hauptquellen für die Geschichte des A. sind Tacitus' »Annales« (I, 55–70; II, 7–23, 45, 46, 88), Vellejus Paterculus (II, 107–120), Florus (IV, 12,9), Cassius Dio (LVI, 18–24), Sueton (Aug. 23), Strabon (VII, 1). Von neuern Bearbeitungen vgl. Kemmer, Arminius (Leipz. 1893); F. W. Fischer, Armin und die Römer (Halle 1893). Reich ist die namentlich durch topographisches Interesse veranlaßte Literatur über die Örtlichkeit der von A. geschlagenen Schlachten. Vgl. besonders Mommsen, Die Ortlichkeit der Varusschlacht (Berl. 1885), und Fr. Knoke, Die Kriegszüge des Germanicus in Deutschland (das. 1887, Nachtrag 1889). Ein kolossales Nationaldenkmal des A. von E. v. Bandel (s. d.), begonnen [838, steht seit 1875 auf der Grotenburg bei Detmold. Als Stoff zu dramatischen Dichtungen ist die Hermannsschlacht namentlich von Klopstock, H. v. Kleist und Grabbe behandelt, als Vorlage für eine plastische Darstellung von Schwanthaler am Giebel der Walhalla benutzt worden (s. Tafel »Bildhauerkunst XVI«, Fig. 1).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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