Madrid [2]

Madrid (hierzu der »Stadtplan von Madrid«), Hauptstadt des Königreichs Spanien sowie der gleichnamigen Provinz (s. oben), liegt unter 40°24' nördl. Br. und 3°41' westl. L., annähernd im Mittelpunkte der Pyrenäischen Halbinsel, 650 m ü. M., in der sandigen Hochebene von Neukastilien, am linken Ufer des Manzanares, der durch den Jarama dem Tajo zufließt, im Sommer aber gar kein Wasser führt, und besteht aus der eigentlichen Stadt und zahlreichen Vorstädten (darunter Ventas del Espiritu Santo, La Guindalera, Prosperidad, Chamartin, Concepcion, Tetuan, Florida, Colmenares), die, nachdem die alten Stadtmauern seit 1878 niedergerissen worden, auch meist äußerlich mit der Stadt vereinigt sind.

Wappen von Madrid.
Wappen von Madrid.

Das Klima von M. ist ungünstig, im Sommer sehr heiß und trocken, im Winter kalt und rauh. Die mittlere Jahrestemperatur beträgt 13,7°, aber die täglichen Wärmeschwankungen sind bedeutend (Differenzen von 10–20°); Höhe der Niederschläge durchschnittlich 390 mm. M. hat im allgemeinen regelmäßige, breite, gut gepflasterte Straßen und Plätze. Den Mittelpunkt der Stadt bildet die Puerta del Sol, ein regelmäßiger, viereckiger Platz, von dem zehn Straßen (Calle de Alcala und Carrera de San Jeronimo nach O., Calle de la Montera und ihre Fortsetzungen Calle de Fuencarral und de Hortaleza nach N., Calle del Arenal und Calle Mayor nach W. u. a.) strahlenförmig auslaufen, mit stattlichen, wenn auch nicht gerade stilvollen Gebäuden. Andre Plätze sind: die Plaza Mayor mit dem Reiterstandbild Philipps III. (von Giovanni da Bologna, 1613), Gartenanlagen und Springbrunnen, früher die Stätte der Autodafés der Inquisition; die Plaza de Oriente, an der Ostfassade des königlichen Schlosses, mit der Reiterstatue Philipps IV. (von Pietro Tacca, 1640) und 44 Statuen spanischer Herrscher sowie schönen Gartenanlagen und einem Springbrunnen; die Plaza de las Cortes mit der bronzenen Bildsäule des Cervantes (1835); die Plaza de Santa Ana mit dem Denkmal Calderons (1879); die Plaza de la Independenza, mit der Puerta de Alcala, einem Triumphbogen von 1779 etc. Ein wichtiger Straßenzug zieht sich im O. zwischen dem Südbahnhof und der Rennbahn von S. nach N. hin, aus dem Paseo del Prado, dem Salon del Prado, dem Paseo de Recoletos und dem Paseo della Castellana bestehend, und bildet eine 3,5 km lange, ca. 65 m breite, mit Baumgängen, Fontänen und Denkmälern geschmückte Promenade; er berührt die Plaza de la Lealtad mit dem Denkmal der bei der Erhebung gegen die Franzosen (Mai 1808) Gefallenen, die Plaza de Madrid mit dem Kybelebrunnen (18. Jahrh.) und die Plaza de Colon mit dem Kolumbusdenkmal (1885). Von der Plaza de Provinzia. geht die Calle de Atocha nebst dem Paseo de Atocha nach SO., endlich sind im W. die am königlichen Schlosse sich hinziehende Calle de Bailen und im NO. die Calle de Serrano zu erwähnen. Östlich vom Prado befindet sich der königliche botanische Garten und der schöne Park von M. (ehemals Buen Retiro, s. d.) und am Ostrande des letztern die Casa de Fieras mit einem kleinen zoologischen Garten; im W. liegt jenseit des Manzanares ein nur teilweise zugänglicher königlicher Park (Casa de Campo) mit Kirche, Palast, 2 Teichen etc. Außer den erwähnten Denkmälern hat M. noch Denkmäler Isabellas der Katholischen (1883), der Königin Maria Christina (1878), Murillos (1871), Esparteros u. a. Von den ehemaligen Stadttoren sind die Puerta de Alcala (s. oben), die Puerta de Toledo im SW. (1827) und die Puerta de San Vicente im W. erhalten. Über den Manzanares führen sechs Brücken, darunter der Puente de Segovia im W. und der Puente de Toledo im SW.

Unter den 104 Kirchen (darunter 5 protestantische) ist architektonisch keine von besonderer Bedeutung. Die größte ist die 1651 erbaute Kirche San Isidro el Real, die jetzige Kathedrale, mit vergoldeter Kuppel und vielen Kunstwerken im Innern. Schöne Bauwerke sind auch die Kirche San Francisco el Grande, eine Rotunde mit großer Kuppel, 1869 zum Nationalpantheon bestimmt (mit den Überresten von Gonzalo de Cordoba, Garcilaso de la Vega, Calderon u. a.); dann die Atochakirche, eine seit 1890 erbaute romanische Basilika. Eine neue Kathedrale wird im S. der Plaza de Armas erbaut. Erwähnung verdienen noch die gotische Kirche San Andres de los Flamencos (mit einem Altarbild von Rubens) und die neue gotische Kirche San Tomas. Auch besteht eine Synagoge. Unter den öffentlichen Gebäuden von M. ist das hervorragendste das große königliche Schloß am westlichen Ende der Stadt, an der Stelle des alten, 1734 abgebrannten Alkazar von Philipp V. im Renaissancestil mit einem Kostenaufwand von 74 Mill. Pesetas erbaut; es enthält einen von Säulenhallen umgebenen Hof, große Marmortreppe, prächtige Säle, Bibliothek, Sammlungen flandrischer Gobelins und der Reliquien des königlichen Hauses und prächtige Gärten (Campo del Moro, nach dem Lager eines Maurenfürsten 1109 benannt, von Philipp II. angelegt), die sich zum Manzanares absenken. Außerdem sind zu nennen: der Kongreßpalast (1843–50 erbaut), der Senatspalast (ursprünglich ein Augustinerkollegium), der Justizpalast (das ehemalige, 1758 gegründete Nonnenkloster Salesas Reales), das Kunstmuseum am Prado (18. Jahrh., neuerdings renoviert), das königliche Theater (Opernhaus), das Stadthaus (16.–18. Jahrh., mit drei Türmen), die Nationalbank (1884–91), das Kriegsministerium (ehemals Palast der Herzoge von Alba, dann des »Friedensfürsten« Godoy), das neue Bautenministerium, die spanisch-amerikanische Bank, der Palast der Versicherungsgesellschaft Equitable und viele Privatpaläste (wie der neue Palast des Herzogs von Medinaceli). Bemerkenswert sind auch die Friedhöfe im N. und SW. der Stadt, von denen der südliche das Grabmal Calderons enthält, und der Zirkus für Stiergefechte (Plaza de Toros, seit 1874) an der Puerta de Alcala, mit Plätzen für 16,000 Zuschauer.

Die Zahl der Einwohner beträgt (1900) 539,835, gegen 395,871 im J. 1877 und 312,000 in 1801. Auffallend ist das Überwiegen des weiblichen Geschlechts, indem auf 100 männliche ca. 117 weibliche Personen entfallen. Die Gesundheitsverhältnisse sind noch immer ungünstig, und die Sterblichkeitsziffer beträgt 29,8 auf 1000 Einw. Die industrielle Tätigkeit der Hauptstadt ist nicht bedeutend und dient überwiegend dem Bedürfnis der einheimischen Bevölkerung. Zu erwähnen sind eine königliche Tabakmanufaktur (2000 Arbeiterinnen), eine königliche Teppichfabrik (1721 angelegt), Eisengießerei, Maschinenbau, Fabrikation von Musikinstrumenten, Möbeln, Handschuhen, Porzellan, Schokolade etc. Wichtig ist der Handel, namentlich in Getreide, Wein, Öl, Kaffee und Kolonialprodukten, dann in Luxusartikeln. Dem Handelsverkehr dienen in M. namentlich die Bank von Spanien, eine Börse (seit 1831), eine Handelskammer und ein Handelsgericht; ferner bestehen mehrere Versicherungsgesellschaften, Kreditanstalten, Sparkassen etc. Hinsichtlich der Verkehrsanstalten ist M. das Zentrum des spanischen Eisenbahnnetzes, indem hier sieben Linien: M.-Irun, M.-Saragossa, M.-Alicante, M.-Valencia de Alcantara, M.-Badajoz, M.-Arganda und M.-Villa del Prado, auslaufen. Die Stadt ist in mehreren Richtungen von Straßenbahnen durchzogen; eine elektrische Untergrundbahn ist konzessioniert. Seit 1859 besitzt M. eine mit großen Kosten (120 Mill. Pesetas) hergestellte Wasserleitung, die Trinkwasser aus dem Lozoya am Fuß des Peñalara auf eine Entfernung von 70 km der Stadt zuführt; doch genügt diese Leitung nicht mehr, und man geht damit um, noch das Flüßchen Guadarrama zur Wasserversorgung der Stadt heranzuziehen. Von Unterrichtsanstalten hat M. eine Universität (1498 in Alcala de Henares gegründet, 1836 hierher verlegt) mit fünf Fakultäten (5800 Studierende), eine Notariatsschule, eine Schule für Handel und Industrie, eine Ingenieurschule, eine Architekturschule, eine Tierarznei-, eine Ackerbau- und eine Bergwerksingenieurschule, ein Forstinstitut, eine königliche Schule der schönen Künste, eine Nationalschule für Musik und Deklamation, eine höhere Kriegsschule (früher Generalstabsschule), eine königliche diplomatische Schule, eine Normalschule für Lehrer und Lehrerinnen, eine Blinden- und Taubstummenanstalt, mehrere Colégios und zahlreiche Elementarschulen.

Die bedeutendsten der zahlreichen Sammlungen von M. sind: das Museo del Prado oder die königliche Gemälde- und Skulpturengalerie, die 2200 Gemälde, Meisterwerke aller Schulen (darunter von Ribera, Velazquez, Murillo, Tizian, Raffael, Rubens, van Dyck, Teniers, J. Brueghel, Albr. Dürer), und Bildhauerwerke sowie antike Kunstgegenstände enthält; die Galerie der Akademie der Künste mit 300 Gemälden meist spanischer Künstler; die reichhaltige königliche Waffensammlung (Armeria Real), von Philipp II. angelegt; das archäologische Museum (seit 1876), das zugleich eine reiche Sammlung von geschnittenen Steinen, Münzen und Medaillen umfaßt; das naturhistorische Museum, 1771 gegründet, enthaltend eine mineralogische und zoologische Sammlung; das Artilleriemuseum, 1803 gegründet; das Kolonialmuseum (Museo de Ultramar); die Nationalbibliothek (1 Million Bände und 10,000 Manuskripte); die Bibliotheken des königlichen Palastes (100,000 Bände), der Universität etc. M. hat sieben königliche Akademien, darunter die Spanische Akademie, 1713 gegründet, die Historische Akademie, die Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften, die Akademie der exakten und Naturwissenschaften und die Akademie der Künste, alle mit Bibliotheken und Sammlungen ausgestattet, ferner ein astronomisches und meteorologisches Observatorium, einen botanischen Garten, mehrere wissenschaftliche Vereine, spanische Klubs, einen deutschen Verein Germania, einen deutschen Turnverein, 5 große und einige kleine Theater und 2 Zirkusse. Auch erscheinen hier 42 politische Journale und zahlreiche Fach- und Unterhaltungszeitschriften. An Wohltätigkeitsanstalten befinden sich in M. sechs Krankenhäuser, zahlreiche Unfallstationen, Hilfsvereine der Deutschen und Franzosen, ein deutsch-englisches Lehrerinnenheim etc. M. ist königliche Residenz, Sitz der Ministerien, des Kongresses und Senates, des diplomatischen Korps und zahlreicher Konsulate auswärtiger Staaten (darunter ein deutsches Berufskonsulat), des Gouverneurs der Provinz M., des Generalkapitäns von Neukastilien, des obersten Gerichtshofs und eines Bischofs. In der Umgegend von M. befinden sich einige königliche Lustschlösser mit Parkanlagen, nämlich Casa de Campo (s. oben), El Pardo (s. Pardo) und Zarzuela.

In der Geschichte tritt die Stadt zuerst 939 n. Chr. unter dem Namen Majerit auf, wo sie durch König Ramiro II. von Leon erstürmt wurde, blieb aber während des ganzen Mittelalters ohne Bedeutung. Erst König Heinrich III. von Kastilien wählte M. vorübergehend zu seiner Residenz. Seitdem hielten hin und wieder die Könige in M. ihr Hoflager, und nach dem Tode Ferdinands des Katholischen wurde die Reichsregierung dahin verlegt. Kaiser Karl V. ließ den Alkazar, das alte Schloß, in einen königlichen Palast umwandeln; aber erst Philipp II. erklärte 1560 M. endgültig für die Hauptstadt der Monarchie. Seit jener Zeit und durch jenen Monarchen entwickelte sich die Stadt zu ihrer jetzigen Größe und Bedeutung und hat nur noch einmal, von 1605–16, den Charakter als Landeshauptstadt eingebüßt. M. ist durch eine ganze Reihe von Verträgen merkwürdig, die daselbst abgeschlossen wurden, namentlich durch den Frieden von M. vom 14. Jan. 1526 zwischen Karl V. und Franz 1. von Frankreich, von 1617 zwischen Spanien und Venedig und von 1800 zwischen Portugal und Spanien. Während des Erbfolgekriegs hielt es M. mit der französischen Partei. Bei der französischen Okkupation unter Napoleon gab die Stadt durch einen Aufstand gegen Murat, 2. Mai 1808, bei dem über 1500 Bürger das Leben verloren, das Zeichen zur allgemeinen Erhebung, wofür ihr die Bezeichnung »die heroische« beigelegt wurde. In den karlistischen Kämpfen stand sie immer auf seiten der Königin. Vgl. Mesonero Romanos, El antiguo M. (Madr. 1861); Amador de los Rios, Historia de la villa y corte de M. (das. 1861–64, 4 Bde.); Balverde y Alvarez, La capital de España (das. 1883); Hauser, M. bajo el punto de vista médico-social (das. 1902).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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