Mainz [2]

Mainz (hierzu der Stadtplan), Hauptstadt der Provinz Rheinhessen und deutsche Reichsfestung, liegt links am Rhein und an der Mainmündung schräg gegenüber in einer der schönsten und fruchtbarsten Gegenden Deutschlands, an einer durch die natürliche Lage und die geschichtliche Entwickelung hervorragend begünstigten Stelle, im Knotenpunkte der Linien M.-Worms, M.-Darmstadt-Aschaffenburg, M.-Koblenz, M.-Kurve (Wiesbaden), M.-Goldstein (-Frankfurt a. M.), M.-Mannheim und M.-Alzey der Preußisch-Hessischen Staatsbahn, der Dampfbahnen M.-Finthen und M.-Hechtsheim, 88 m ü. M.

Wappen von Mainz.
Wappen von Mainz.

Über den Rhein führen drei Brücken, oberhalb der Stadt eine 1028 m lange Eisenbahngitterbrücke mit zwei Gleisen (1862 vollendet), unterhalb die 1904 eingeweihte, im Bogenfachwerksystem ausgeführte, 915 m lange neue Eisenbahnbrücke (Kaiserbrücke), mit reichem architektonischem und bildnerischem Schmuck, zwischen beiden, nach dem gegenüberliegenden Kastel, die 1885 vollendete schöne Straßenbrücke. Letztere Stadt ist in das Befestigungssystem mit eingeschlossen. Das Stadtbild von M. ist eins der schönsten am Rhein. M. ist eine gut gebaute Stadt mit sehr günstigen Gesundheitsverhältnissen; sie hat sich in den letzten Jahrzehnten, seit der Hinausschiebung der Festungswerke, außerordentlich erweitert und verschönert; ganz neue, elegante Stadtteile sind auf der Nordseite der Stadt (Gartenfront) und am Rhein (Ufer- und Taunusstraße) entstanden. Zwischen Alt- und Neustadt ist durch Bebauung des Schloßplatzes und des angrenzenden, durch die Niederlegung der Schloßkaserne frei gewordenen Terrains ein neues, vornehmes Stadtviertel im Eutstehen begriffen. Auch für die innere, vielfach eng gebaute Altstadt mit ihren malerischen Straßenbildern geschieht neuerdings viel durch Verbreiterung und Durchbruch von Straßen. Das Gebiet der Ingelheimer Aue ist zu einem günstig gelegenen Industrieplatz umgewandelt. Unter den Plätzen sind bemerkenswert: der Marktplatz mit interessanten Häusern und einem Renaissancebrunnen, der Liebfrauenplatz, das Höschen, der Schillerplatz mit einer Bildsäule Schillers (von dem Mainzer Künstler Scholl, 1862), der Tritonplatz mit einer Fontäne, der Gutenbergplatz mit der bronzenen Statue des Erfinders der Buchdruckerkunst (von Thorwaldsen, 1837), der Halleplatz (vor der Stadthalle), der Fischtorplatz, die Mathildenterrasse mit prächtiger Aussicht, der Bahnhofsplatz, der Frauenlobplatz und der Feldbergplatz. Von Straßen sind hervorzuheben: die Rheinstraße, in geringer Entfernung vom Rhein hinlaufend, und die Rheinallee, die Ludwigsstraße, die Schillerstraße, die Große Bleiche, die Bahnhofsstraße, namentlich aber die in der Neustadt befindliche 60 m breite und mit gärtnerischen Anlagen geschmückte Kaiserstraße, die Schulstraße, die Bonifatiusstraße.

Unter den kirchlichen Gebäuden (10 kath. Pfarrkirchen nebst einer Anzahl Kapellen, 3 evang. Kirchen, eine davon für die Garnison, und 2 Synagogen) steht der Dom obenan. Dieser, 978 vom Erzbischof Willigis begonnen, dann wiederholt durch Feuersbrunst zerstört, in seiner jetzigen Form im 13. und 14. Jahrh. ausgeführt, ist ein imposantes, kunsthistorisch sehr interessantes Gebäude mit sechs Türmen, deren höchster 82 m hoch ist. Das Innere wird von 56 hohen Pfeilern gestützt und enthält zahlreiche Denkmäler und Kunstschätze, zwei schöne eherne Torflügel aus dem 10. Jahrh., ein metallenes Taufbecken von 1328 u. a., namentlich die zum Teil prachtvollen Monumente zahlreicher Erzbischöfe vom 13. Jahrh. an bis zur Neuzeit. In dem anstoßenden gotischen Kreuzgang befindet sich unter andern Monumenten das des Minnesingers Frauenlob (gest. 1318), dem 1842 noch ein andres, ein Werk Schwanthalers, dort errichtet ward. Bei der Belagerung von 1793 und durch die nachherige Verwandlung in ein Magazin hatte der Dom sehr gelitten; die Wiederherstellung begann 1822 unter Mollers Leitung. Der östliche Vierungsturm erhielt 1828 eine gotische Kuppel, 1845 wurde der westliche Hauptturm erneuert, 1859 begann die Ausmalung des Innern. Von 1868 an wurde, besonders unter Leitung des Dombaumeisters Cuypers, eine umfassende Restauration der baufälligen östlichen Teile durchgeführt. Der gotische Kuppelbau wurde 1875 durch einen romanischen Turm ersetzt, die Krypte unter dem Ostchor ausgebaut und 1879 die beiden östlichen Stiegentürme erneuert. Das Mittelschiff und die Kuppel des Westchors sind mit Wandgemälden nach Ph. Veits Entwürfen geschmückt; der Ostchor harrt noch seines vollständigen innern Ausbaues und Schmuckes (vgl. Schneider, Der Dom zu M., Berl. 1886, mit 10 Tafeln; Weiteres s. unten). – Bemerkenswert sind noch: die Ignatiuskirche, eine schöne Barockanlage, dabei eine Kreuzigungsgruppe von 1519; die Stephanskirche, eine schöne frühgotische Hallenkirche, 1321 vollendet, mit reizendem spätgotischem Kreuzgang, auf dem höchsten Punkte der Stadt; die Augustiner- oder Liebfrauenkirche; die 1756 vollendete Peterskirche mit Kuppelgemälden von Appiani. Die prächtige, in italienischer Hochrenaissance aufgeführte evangelische Christuskirche, 1903 vollendet, trägt mit ihrem 80 m hohen Kuppelbau zur Belebung des Stadtbildes wesentlich bei.

Andre hervorragende Gebäude sind: das großherzogliche Schloß, früher dem Deutschen Orden gehörig, 1731–39 erbaut, daneben das Zeughaus (von 1738) mit großem Waffensaal; das aus rotem Sandstein in kraftvoller Renaissance-Architektur ausgeführte ehemalige kurfürstliche Schloß, bis 1887 zum Teil als Lagerhaus des Freihafens dienend und jetzt in umfassender Restauration begriffen, enthält die reichen Sammlungen der Stadt: die Stadtbibliothek (220,000 Bände) mit Archiv, Münzkabinett und dem Gutenberg-Museum (s. d.), die Gemäldegalerie, das Altertumsmuseum, das römisch-germanische Zentralmuseum, eine Sammlung von Gipsabgüssen plastischer Werke sowie ein reiches naturhistorisches Museum; der Regierungs-, Justiz- und Gouvernementspalast (ehemalige Adelshöfe), das bischöfliche Palais, das alte Gymnasium mit malerischem Renaissance-Erker; die Barockbauten zum Römischen Kaiser und zum König von England, das romanische ehemalige Hospital zum Heiligen Geist, die durch die Erfindung der Buchdruckerkunst merkwürdigen Gebäude, das Stadttheater etc. Aus neuester Zeit stammen: die Stadthalle, ein prächtiger Renaissancebau für Festlichkeiten; das Verwaltungsgebäude der Eisenbahndirektion, der mit reichem ornamentalem Schmuck gezierte Zentralbahnhof, die beiden Lagerhäuser am neuen Hafen, das Reichsbankgebäude, das Kasino »Hof zum Gutenberg«, das Konzerthaus, das Volksbankgebäude, das neue Gymnasium, die Oberrealschule und mehrere neue Volksschulhäuser, die Kreissparkasse, das Institut für physikalische Heilmethoden, das Verwaltungsgebäude der Fleischereiberufsgenossenschaft, das Militärlazarett, die Reichs-Konservenfabrik für die Verpflegung des deutschen Heeres, mehrere große Kasernen, der Schlacht- und Viehhof etc.

Die Zahl der Einwohner beträgt (1900) mit der Garnison (3 Regimenter Infanterie: Nr. 87,88 und 117,1 Regiment Dragoner Nr. 6,1 Regiment Fußartillerie Nr. 3, je eine Abteilung Feldartillerie Nr. 27 und 63 und ein Pionierbataillon Nr. 21) 84,251, darunter etwa 31,000 Evangelische und 3100 Juden. Industrie, Handel und Verkehr sind von großer Bedeutung. Haupterzeugnisse der erstern sind: Leder, Schaumwein, Konserven, Möbel, Parkettböden, Waggons, Bijouteriewaren, Billards, Schuhwaren, Werkzeuge, Kellereiartikel, Korkpfropfen, Heizungs- und Lüftungsanlagen, Beleuchtungsartikel, musikalische Instrumente, Furniere, Korbwaren, Maschinen, Silber- und Goldwaren, künstliche Perlen, Konditoreiwaren, Müllereiprodukte, chemische Produkte (besonders Lack und Firnisse), Seife, Bürsten, Apfelwein etc. Bedeutend sind auch die Bierbrauerei, die Buchdruckerei, namentlich aber der in den umliegenden Ortschaften sehr umfangreich betriebene Gemüsebau. Der Handel ist besonders lebhaft in Wein, dann in Kolonialwaren, Getreide, Holz, Steinkohlen, Eisen, Petroleum, Öl, Industrieerzeugnissen, Manufakturwaren, Teppichen etc.; bedeutend ist auch die Holzflößerei; hervorragend ist der Musikalienverlag. Der Handel, gefördert durch die vortreffliche Eisenbahnverbindung und den Verkehr zu Wasser, wird unterstützt durch eine Handelskammer, eine Börse, eine Reichsbankstelle (Umsatz 1904: 1206 Mill. Mk.), mehrere große Bankgeschäfte, eine Filiale der Darmstädter Bank für Handel und Industrie und zahlreiche Dampfschleppschiffahrts-Gesellschaften. Die großartigen Hafenbauten und Niederlagsräume im N. der Stadt, mit einem Kostenaufwand von 6 Mill. Mk. hergestellt, wurden 1887 dem Verkehr übergeben. Ein zweiter Hafen, der Eisenbahnverwaltung gehörig, ist M. gegenüber, an der Mainmündung bei Gustavsburg, erbaut worden. Ein besonderer Hafen dient zur Flößerei. Der Güterverkehr in den Mainzer Häfen hat sich 1903 folgendermaßen gestaltet: Mainzer Inlands-, Zoll- und Floßhafen 11,970,192 dz, Kasteler Hafen 6,472,500 dz, Gustavsburger Hafen 10,461,840 dz. Den Verkehr in der Stadt und mit den benachbarten Orten Kastel, Weisenau und Mombach vermittelt eine elektrische Straßenbahn, außerdem Dampfbahnen nach mehreren Vororten (s. oben).

An Bildungsinstituten etc. hat M. ein Priesterseminar, zwei Gymnasien, ein Realgymnasium, eine Oberrealschule, eine Handelsrealschule, eine städtische höhere Mädchenschule, eine Kunstgewerbeschule, eine Frauenarbeitsschule, eine landwirtschaftliche Winterschule, ein städtisches Theater, ein Konservatorium der Musik, eine öffentliche Lesehalle, einen Verein für plastische Kunst, die Gutenberg-Gesellschaft (s. d.), die Rheinische Naturforschende Gesellschaft, einen Gartenbauverein, zahlreiche Gesang- und Musikvereine, unter denen die Mainzer Liedertafel als Gründerin der mittelrheinischen Musikfeste und durch ihre Händelaufführungen den ersten Rang einnimmt. Die von ihr 1905 begründete Kaiserin Friedrich-Stiftung bezweckt Musteraufführungen von Werken Händels sowie von andern hervorragenden Kompositionen als ständige Einrichtung in M. Besonders zu nennen ist der Altertumsverein als Verwalter des städtischen Altertumsmuseums. In Verbindung mit dem Römisch-germanischen Zentralmuseum (s. d.) besitzt M. eine Sammlung, wie sie für die ältere deutsche Kulturperiode sonst nicht existiert. Von sonstigen Anstalten sind zu erwähnen: die Industriehalle, ein Waisen- und ein Invalidenhaus, zwei Hospitäler, ein therapeutisches Institut, eine Entbindungsanstalt, viele gemeinnützige Vereine etc. Die städtischen Behörden setzen sich zusammen aus 6 Magistratsmitgliedern und 42 Stadtverordneten. Das städtische Budget betrug 1904 in Einnahme und Ausgabe je 8,133,772 Mk. M. ist Sitz eines katholischen Bischofs und eines Domkapitels, der Provinzial- und Kreisbehörden, der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion, eines Landgerichts, eines Hauptsteueramts, eines Hoch- und zweier Wasserbauämter, einer Oberförsterei, der Weinbaudomänenverwaltung etc. Von militärischen Behörden befinden sich dort: der Gouverneur und der Kommandant der Festung M., der Stab der 2. Pionier-Inspektion und der 41. und 50. Infanterie-Brigade. Die Umgebung von M. zieren schöne Promenaden, an die sich beim Neutor die »Anlage« (Stadtpark) anschließt. Einen prächtigen Spaziergang bildet namentlich der stattliche, etwa 7 km lange Rheinkai. Außerhalb des Gautors, bei Zahlbach, sind die Pfeilerreste der römischen Wasserleitung sehenswert. Von den Türmen der mittelalterlichen Stadtmauer haben sich der Holzturm (15. Jahrh.) und der Eiserne Turm (13. Jahrh.) erhalten. Auf dem Marktplatze steht der 1526 errichtete Marktbrunnen, eins der ältesten Renaissance-Denkmäler am Rhein. Der Neue Brunnen auf der Großen Bleiche stammt aus dem Jahre 1726.

Die umfangreichen und starken Festungswerke, die seit den Befreiungskriegen sehr in Verfall geraten waren, wurden seit 1826 auf Bundeskosten wiederhergestellt. Sie bestanden bis zum Umbau der Festung seit 1871 aus 13 Bastionen, einem Kronenwerk an der Südseite und einer in die Umwallung eingefügten Zitadelle, die ein bastioniertes Viereck bildet, und in welcher der sogen. Eigelstein steht, wahrscheinlich das Grabmal des Drusus, ein jetzt noch etwa 15 m hoher Turm mit einem Durchmesser von 8 m. Nachdem schon früher einige Festungstore im Verkehrsinteresse beseitigt worden waren, ist durch kaiserliche Kabinettsorder vom 18. März 1904 die Auslassung der Nordwestfront der Festung verfügt und das dadurch gewonnene Gebiet für die Bebauung freigegeben worden; die innere Umwallung von M. wird demnächst ganz beseitigt und die Rayonbeschränkungen sollen aufgehoben werden, wodurch dann auch die geplante Eingemeindung einiger Nachbarorte verwirklicht werden wird. Auch die Stadtumwallung von Kastel (s. d.) ist gleichzeitig gefallen. Von jetzigen Außenforts ist das Fort Biehler bei Erbenheim zu nennen. Der Abschluß der Festung gegen den Strom wird durch eiserne Palisadengitter mit Sandsteinsockel gebildet. Die Tore nach dem Rhein sind in geschmackvoller Form hergestellt und mit Skulpturen, Figuren und Emblemen geschmückt. – Zum Landgerichtsbezirk M. ge. hören die elf Amtsgerichte zu Alzey, Bingen, M., Niederolm, Oberingelheim, Oppenheim, Osthofen, Pfeddersheim, Wöllstein, Worms und Wörrstadt.

[Geschichte.] Auf der Stelle, wo jetzt M. liegt, bestand in vorgeschichtlicher Zeit eine keltische Niederlassung. 38 v. Chr. legte Agrippa hier ein befestigtes Winterlager an, Drusus (14–9 v. Chr.) errichtete das Castrum Mogontiacum (nach dem keltischen Lichtgott Mogo benannt), neben dem die Lagervororte sich zu einer Stadt mit munizipaler Verwaltung entwickelten. Das auf der rechten Rheinseite als Schlüssel für die Mainlinie errichtete Castellum Mattiacorum (Kastel) wurde durch eine feste Brücke im 1. Jahrh. n. Chr. mit M. verbunden. M. war Hauptstadt der römischen Provinz Obergermanien. Mit dem Verfall des römischen Reiches erlebte M. wiederholte Plünderungen und Verwüstungen, 368 durch die Alemannen, dann durch die Wandalen und Hunnen. Begründer der neuen Stadt im 6. Jahrh. ist der Bischof Sidonius. Durch Bonifatius (s. d. 2) wurde M. Metropole der deutschen Kirche; Karl d. Gr. hatte in der Nähe königliche Pfalzen und errichtete eine Münzstätte in M.; schon im 10. Jahrh. wird M. eine vornehme und reiche Stadt genannt. Mit Erzbischof Willigis begann für M. eine neue Epoche kirchlichen Glanzes; der von ihm erbaute Dom brannte am Tage der Einweihung (1009) ab, der neue wurde 1036 vollendet. Mit Willigis beginnt die weltliche Herrschaft der Erzbischöfe über die bis dahin königliche Stadt. 1118 erhielt M. das erste Privileg der Stadtfreiheit. Bemerkenswert ist die Empörung der Stadt 1160 gegen den Erzbischof Arnold, der dabei auf gräßliche Weise ermordet wurde. Friedrich Barbarossa hielt 1163 ein strenges Strafgericht über M. und zerstörte seine Mauern, mit deren Wiederherstellung man 1200 beschäftigt war. Bei M. fand 1184 ein großes Reichsfest statt. Unter den fränkischen und staufischen Königen wurden in M. wiederholt Reichstage und Kirchenversammlungen gehalten. 1244 erlangte M. vom Erzbischof die Anerkennung der Stadtfreiheit mit den Rechten der Selbstregierung; nunmehr tritt neben Kämmerer, Schultheiß und Schöffen auch ein Ratskollegium in M. hervor. 1254 war die Stadt Vorort des von seinem Mitbürger Arnold Walpod gestifteten großen rheinischen Bundes (Städtebund). Um das Jahr 1450 vollendete in M. Johann Gutenberg die Erfindung der Buchdruckerkunst. Während noch im 14. Jahrh. im »goldenen« M. großer Wohlstand herrschte, macht sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. ein bedeutender Rückgang bemerklich. Zwischen Geschlechtern und Zünften entbrannten heftige Zwistigkeiten, und in dem Streit zwischen dem abgesetzten Kurfürsten Dietrich II. von Isenburg und seinem Nebenbuhler Adolf II. von Nassau verlor M. 1462, von letzterm erobert, seine Privilegien und wurde eine erzbischöfliche Stadt; zahlreiche Bürger wurden verbannt oder verließen die Stadt. Die 1477 gegründete Universität wurde 1798 aufgehoben. 1552 ward M. von dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, während des Dreißigjährigen Krieges 1631 vom Schwedenkönig Gustav Adolf besetzt. Dieser ließ die Gustavsburg auf dem rechten Rheinufer an der Mainspitze anlegen und die durch die Zitadelle bereits verstärkten Festungswerke erweitern. 1635 von den Schweden geräumt, wurde M. 1644 von den Franzosen eingenommen. 1661 wurde eine ständige Schiffbrücke über den Rhein zwischen M. und Kastel errichtet. Noch einmal von den Franzosen 1688 besetzt, wurde die Stadt im folgenden Jahre durch das Reichsheer wieder befreit.

Im 18. Jahrh. erholte sich die Stadt wieder so weit, daß ihre Bevölkerung um 1780 auf 32,000 Einw. stieg. Am 17. Okt. 1792 erschien der französische General Custine vor der mangelhaft befestigten und ausgerüsteten Stadt, aus der der Kurfürst mit seinem Hof schon geflohen war, und zwang sie schon am 22. zur Kapitulation. Die vom Kurfürsten selbst früher nach M. berufenen liberalen Kosmopoliten, wie Forster, stifteten nun einen republikanischen Klub (»Mainzer Klubisten«; vgl. Bockenheimer, Die Mainzer Klubisten; Mainz 1896), der im März 1793 die »Rheinische Republik« gründete und Forster und Lux nach Paris schickte, um beim Konvent deren Einverleibung in die französische zu beantragen. Doch schon 31. März 1793 schloß ein Koalitionsheer unter General Kalckreuth M. ein, und 22. Juli erfolgte die Übergabe. Im folgenden Jahre wieder von den Franzosen eingeschlossen, wurde M. durch Clerfait 1795 befreit und blieb von den Österreichern bis 1797 besetzt, wurde jedoch 29. Dez. wieder von den Franzosen eingenommen und im Frieden zu Lüneville 1801 an Frankreich abgetreten. Am 2. Jan. 1814 begann die Einschließung der Stadt durch die Verbündeten. Nach einer durch Typhus und Hunger furchtbaren Belagerung wurde die Stadt 4. Mai übergeben. Durch den Pariser Frieden 1814 wurde M. Deutschland wieder einverleibt und nach einer provisorischen Verwaltung 30. Juni 1816 dem Großherzog von Hessen-Darmstadt zur Entschädigung abgetreten, jedoch mit der Beschränkung, daß M. in militärischer Hinsicht als Festung des Deutschen Bundes betrachtet und von österreichischen und preußischen Truppen besetzt werden solle. 1819–28 war M. Sitz der Zentraluntersuchungskommission zur Ermittelung demagogischer Umtriebe. Der 1826 begonnene Neubau der Festungswerke erhob M. (mit Kastel) zu einem Waffenplatz ersten Ranges; die innere Umwallung wird seit 1904 beseitigt. Nach mehreren seit März 1848 vorausgegangenen Aufläufen veranlaßte 21. Mai d. J. ein blutiger Straßenkampf zwischen den Bürgern und dem preußischen Militär die Erklärung des Belagerungszustandes, der jedoch schon 24. Mai wieder aufgehoben wurde. Durch die Explosion eines Pulverturms auf dem Kästrich 18. Nov. 1857 wurde dieser Stadtteil fast völlig zerstört. Vor Ausbruch des Krieges von 1866 verließen die österreichischen und preußischen Bundestruppen zufolge eines Bundestagsbeschlusses die Stadt, und es wurde dieselbe von Teilen des 8. Bundesarmeekorps besetzt. Am 26. Aug. zogen aber die Preußen wieder ein, und durch den Frieden erhielt Preußen das alleinige Besatzungsrecht; nach Abschluß der Militärkonvention zwischen Preußen und Hessen-Darmstadt 1871 beteiligten sich auch hessische Truppen an der Besatzung. Nach Errichtung des Deutschen Reiches ward M. Reichsfestung mit preußischem Gouvernement. Vgl. Brühl, M., geschichtlich, topographisch und malerisch (Mainz 1829); Werner, Der Dom von M. nebst Darstellung der Schicksale der Stadt und der Geschichte ihrer Erzbischöfe (das. 1827–36, 3 Bde.); Schaab, Geschichte der Stadt M. (das. 1841–44, 2 Bde.) und Geschichte der Bundesfestung M. (das. 1835); die mittelalterlichen Chroniken von M. mit Verfassungsgeschichte der Stadt von Hegel in den »Chroniken der deutschen Städte«, Bd. 17 und 18 (Leipz. 1881–82); Frohnhäuser, Gustav Adolf und die Schweden in M. und am Rhein (Darmst. 1894); Hennes, Die Belagerung von M. 1689 (Mainz 1864); Bockenheimer, Die Einnahme von M. durch die Franzosen am 22. Okt. 1792 (das. 1892), Die Wiedereroberung von M. durch die Deutschen im Sommer 1793 (das. 1893), Geschichte der Stadt M. während der zweiten französischen Herrschaft 1798–1814 (das. 1890) und Beiträge zur Geschichte der Stadt M. (das. 1874 ff., 6 Hefte); Schädel, Über den Namen und das Rad der Stadt M. (das. 1899); Schaab, Diplomatische Geschichte der Juden zu M. (das. 1855); Salfeld, Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde M. (das. 1903); Frohnhäuser, Die Geschichte der evangelischen Gemeinde M. 1802–1903 (das. 1903); Peth, Geschichte des Theaters und der Musik zu M. (das. 1879, Nachtrag 1883); Velke und Meesmann, Die Handelskammer zu M. 1798–1898 (das. 1898); »Zur Erinnerung an die Eröffnung des neuen Zoll- und Binnenhafens in M.« (das. 1887); Schröder, Gärten und Schmuckplätze der Stadt M., einst und jetzt (Neudamm 1898); Börckel, Der Mainzer Friedhof, seine Geschichte und seine Denkmäler (Mainz 1903); Neeb, Führer durch M. und Umgebung (Stuttg. 1903); »Zeitschrift des Vereins zur Erforschung der rheinischen Geschichte u. Altertümer in M.« (1845 ff., 4 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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