Athēn

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Athēn

Athēn (hierzu Karte »Umgebung von Athen«), die Hauptstadt Attikas, der hochgefeierte Mittelpunkt althellenischer Kultur, gegenwĂ€rtig Hauptstadt des Königreichs Griechenland, liegt am Saronischen Golf (Busen von Ägina) zwischen dem Zusammenfluß der kleinen, im Sommer fast vertrocknenden FlĂŒsse Kephisos und Ilissos. Von der See, mit deren drei Buchten PirĂ€eus, Munychia und Phaleron die Stadt einst durch feste Mauern verbunden war, ist sie etwa 4 km entfernt. Wenn man in den kleinen, doch sehr sichern Hafen PirĂ€eus einfĂ€hrt, gewahrt das Auge eine von mĂ€ĂŸigen Bergen begrenzte weite Ebene, deren LĂ€nge 23 und deren Breite 6–9 km betrĂ€gt. Die tiefste Einsenkung wird von einem Olivenwald erfĂŒllt, der, schmal, aber lang, etwa 2 km vom PirĂ€eus anfĂ€ngt. Östlich von diesem erhebt sich isoliert ein FelsenhĂŒgel (270 m lang, bis 135 m breit), die Akropolis, die alte Burg von A. Von ihr als dem eigentlichen Kern der Stadt gehen wir bei der topographischen Beschreibung des alten A. aus.

Das alte Athen (AthenÀ).

(Vgl. den Plan von Alt-Athen auf S. 24.)

Die Akropolis soll von Kekrops gegrĂŒndet worden sein und daher zuerst Kekropia geheißen haben. Auf einem steilen, bis 156,2 m ĂŒ. M. und etwa 80–100 m ĂŒber die Stadt sich erhebenden Felsen ruhend, bildete sie eine natĂŒrliche Festung, die schon frĂŒh an der SĂŒd- und Westseite durch eine starke Mauer, das Pelargikon, verstĂ€rkt worden war. Nach der VerwĂŒstung durch die Perser wurde sie durch StĂŒtzmauern noch unzugĂ€nglicher gemacht und zu einem einzig dastehenden Heiligtum umgeschaffen; Kimon machte dazu den Anfang, Perikles vollendete das Werk. Den Eingang bildeten auf der Westseite die berĂŒhmten PropylĂ€en, ein Prachttor mit 8,5 m hohen SĂ€ulen, das Perikles 437–432 mit einem Aufwand von 2012 Talenten (ca. 91/2 Mill. Mk.) von Mnesikles aus weißem Marmor errichten ließ. Von der Stadt aus fĂŒhrte zu denselben eine breite, gewundene, fĂŒr Pferde und Wagen gangbare Fahrstraße, auf welcher der panathenĂ€ische Festzug zum Tempel der Schutzgöttin der Stadt hinaufstieg. Das Tor hatte zur Seite vorspringende FlĂŒgelgebĂ€ude, sĂŒdlich auf einer Bastion einen um 432 erbauten Tempel der Athene Nike, der, ein kleiner, zierlicher Marmorbau mit je vier ionischen SĂ€ulen an beiden Seiten, seit 1835 durch die BemĂŒhungen von Roß, Schaubert und Hansen sich wieder aus den Ruinen erhoben hat, und nördlich eine GemĂ€ldehalle (Pinakothek), von der die Mauern erhalten sind. In den innern Burgraum eingetreten, gelangte man, den Bezirk der Artemis Brauronia und die 1889 aufgedeckte Chalkothek rechts lassend, zu der Hauptzierde der Akropolis, zu dem kolossalen Parthenon, einem Tempel der Athene Parthenos, den Perikles von Iktinos und Kallikrates neben einem Ă€ltern, nördlicher gelegenen, von den Persern zerstörten Athenetempel, dem sogen. Hekatompedon, um 454–438 v. Chr. erbauen ließ (s. Tafel »Architektur III«, Fig. 6). Der Tempel, aus pentelischem Marmor erbaut, ist 69,5 m lang, 30,8 m breit, 19,8 m hoch und nach O. gekehrt. Er ruht auf einer hohen Plattform, hat ringsum eine einfache SĂ€ulenhalle (Peripteros), an der Front 8, an jeder Langseite 17 SĂ€ulen dorischer Ordnung, jede 10,4 m hoch und von 1,9–1,4 m im Durchmesser. Der Tempel war mit den herrlichsten Bildwerken ausgeschmĂŒckt. Die Metopen enthielten die Kentauromachie, den Amazonenkampf und andre Helden- u. GötterkĂ€mpfe. An der Außenwand der Cella sah man den panathenĂ€ischen Festzug (s. Tafel »Bildhauerkunst III«, Fig. 7). Die Statuengruppen im Giebelfeld stellten im W. den Streit zwischen Athene und Poseidon um das Land, im O. die Geburt der Athene dar. Sie wurden 1811 durch Lord Elgin grĂ¶ĂŸtenteils nach England entfĂŒhrt. Aus der SĂ€ulenhalle der Ostseite kommt man in die Cella, den eigentlichen Tempel, dann in das Allerheiligste, den eigentlichen Parthenon, wo die TempelgerĂ€te aufbewahrt wurden. In der Cella stand das MeisterstĂŒck der alten Bildhauerkunst, die ĂŒber 12 m hohe, aus Gold und Elfenbein zusammengesetzte BildsĂ€ule der Athene Parthenos von Pheidias, welche die Göttin stehend und in voller RĂŒstung, auf der vorgestreckten Rechten eine 2 m hohe Nike tragend, darstellt. Zwischen dem Parthenon und den PropylĂ€en stand im Freien die kolossalste der Statuen des Pheidias, das bronzene, ca. 25 m hohe Bild der Athene Promachos, der helfenden und abwehrenden Gottheit, mit Helm, Schild und Lanze. Die Schiffer, welche die SĂŒdspitze von Attika umsegelten, konnten die vergoldete Lanzenspitze sehen, so weit ragte das riesige Bild, von dem das Piedestal noch zu erkennen ist, ĂŒber PropylĂ€en und Parthenon hinaus. Dem gegenĂŒber, der nördlichen Mauer nahe, befand sich das uralte kombinierte Heiligtum der Athene Polias und des Poseidon Erechtheus, an das sich die Ă€ltesten Zeremonien, Mythen und Erinnerungen knĂŒpften. Nachdem es im Perserkrieg zerstört worden, wurde es im ionischen Stil erneuert, aber erst 407 v. Chr. vollendet. Unter den drei Vorhallen ist die sĂŒdliche, die berĂŒhmte Karyatidenhalle, von höchstem Reiz. Hauptteile des Tempels waren die beiden mit der RĂŒckseite aneinander stoßenden Cellen, die eine (westliche) das Erechtheion genannt, die andre (östliche) der Athene geweiht; von beiden getrennt war eine Kapelle gegen W., das Pandroseion. Nach der einen jener Cellen wird auch oft das Ganze Erechtheion genannt (s. Tafel »Architektur III«, Fig. 8). Im Mittelalter wurde es als Kirche, von den TĂŒrken als Harem benutzt; erst in der neuesten Zeit ist das Innere vollstĂ€ndig aufgerĂ€umt und von allen modernen Zutaten gesĂ€ubert worden. Das HauptgebĂ€ude mißt 20,3 m in der LĂ€nge und 11,21 m in der Breite. In der NĂ€he stand auch der der Athene geheiligte Ölbaum.

Tabelle

Nordwestlich von der Burg, den PropylĂ€en gegenĂŒber, steigt ein HĂŒgel 115 m empor, der Areopag (»AreshĂŒgel«), der Sitz des ĂŒber Mordtaten urteilenden Gerichts; eine in den Felsen gehauene Treppe fĂŒhrte hinaus. In der Umgebung ist der Tempel des Ares zu suchen. Hier hat wahrscheinlich der Apostel Paulus 54 n. Chr. seine berĂŒhmte Rede gehalten. SĂŒdwestlich vom Areopag liegt der Pnyx genannte FelshĂŒgel, wo nach den einen sich das alte Heiligtum des »höchsten Zeus« befand, der hier bilder- und tempellos verehrt wurde. Andre erkennen darin den Ort der Volksversammlungen. MĂ€chtige Felsblöcke bilden den Unterbau des großen, in den Fels gehauenen Halbzirkels, der an der SĂŒdwestseite durch eine hohe, lange, glatt gehauene Felswand geschlossen wird. In der Mitte der Wand springt ein FelswĂŒrfel hervor, zu dem zwei Treppen hinausfĂŒhren, und worin die einen die RednerbĂŒhne haben erkennen wollen, wĂ€hrend dort gefundene Weihgeschenke mit Inschriften ihn nach der Ansicht andrer als Altar dartun. Westlich von diesem Heiligtum finden sich Spuren von in den Felsen gehauenen HĂ€usern, Zisternen, GrĂ€bern, Treppen etc., die Reste der Ă€ltesten Ansiedelungen im ganzen Stadtgebiet. Uralt mĂŒssen dieselben sein, weil GrĂ€ber und HĂ€user sich dicht nebeneinander befinden, was schon Solon aus gesundheits-polizeilichen GrĂŒnden verbot. Am sĂŒdöstlichen Ende dieser Ă€ltesten Stadt liegt der FelshĂŒgel Museion (147,4 m) mit dem noch erhaltenen Monument des Philopappos, eines Nachkommen des letzten Königs von Kommagene, gegen 114 n. Chr. unter Trajan erbaut. Der HĂŒgel selbst wurde von Demetrios Poliorketes 299 v. Chr. vorĂŒbergehend zur Burgfeste umgewandelt.

Plan der Ausgrabungen auf der Akropolis von Athen.
Plan der Ausgrabungen auf der Akropolis von Athen.

Im Tal zwischen der Pnyx und dem Museion lief eine Fahrstraße nach dem Hafen Phaleron, nördlich von all diesen HĂŒgeln aber die berĂŒhmte pirĂ€eische Fahrstraße, die aus dem PirĂ€eus in die Stadt fĂŒhrte. Der breite Fahrweg erreichte die Stadtmauer in dem PirĂ€eischen Tor und fĂŒhrte nun geradeaus nach dem Mittelpunkte des Verkehrs von A., der Agora, einem lĂ€nglich-viereckigen, von mehreren nicht zusammenhĂ€ngenden Hauen und andern GebĂ€uden begrenzten Platz im N. des Areopags, von wo der innere Kerameikos, ein von der Hauptstraße des Dromos durchschnittener stĂ€dtischer Demos, nordwestlich zum stark befestigten Tor Dipylon sich erstreckte. Vor letzterm befand sich der Ă€ußere Kerameikos, eine Vorstadt, wo lĂ€ngs der Landstraße, wie es die antike Sitte war, die Toten bestattet wurden. Dort wurde, namentlich seit 1870, bei der heutigen Kirche Hagia Triada ein großer Teil des an Architektur und Plastik reichen HauptbegrĂ€bnisplatzes von Alt-A. frei gelegt. An der Westseite der Angora oder des Staatsmarktes (der dem Handel und Wandel dienende Kaufmarkt lag zwischen diesem und dem Dipylon) stand, mit det Vorderseite gegen O., die Königshalle, wo det zweite Archon (Archon Basileus) seinen Amtssitz hatte, und anderen WĂ€nden die Gesetze des Drakon und Solon angeschrieben waren. In der NĂ€he standen mehrere BildsĂ€ulen, die des Konon, des Timotheos, des Evagoras und des Zeus Eleutherios. Hinter der letztern, sĂŒdlich von der Königshalle, erhob sich die des Zeus Eleutherios. Dann folgte der Tempel des Apollon Patroos mit mehreren BildsĂ€ulen dieses altionischen Stammgottes. Oberhalb (westlich) der Königshalle, am Abhang des Theseion-HĂŒgels, wird uns ein Tempel des HephĂ€stos angegeben und in der NĂ€he ein Tempel der Aphrodite Urania. Einen großen Teil von der Westseite des Marktes nahm die bunte Halle (Poikile) ein, deren drei WĂ€nde von PantĂ€nos, Polygnotos und Mikon mit großen GemĂ€lden aus der Sage und Geschichte Griechenlands geschmĂŒckt waren (daher der Name); zur Zeit des Lukian war sie der Versammlungsort der stoischen Schule. Vor ihr stand eine Erzstatue des Solon, zu der spĂ€ter die des Seleukos Nikator kam; zwischen der Königshalle und der Poikile die eherne Statue des Hermes AgorĂ€os sowie ein kleines, mit einem Siegeszeichen geschmĂŒcktes Tor, das den nördlichen Abschluß des Staatsmarktes bildele. Nördlich von der Poikile lag, schon am Kaufmarkte, die Stoa des Attalos (Reste davon erhalten) und wahrscheinlich sĂŒdlich von der Agora, am Abhang des Areopags, das Heiligtum der Göttermutter Kybele, das Metroon, und das Buleuterion, wo der Rat der FĂŒnfhundert seine Sitzungen hielt. Jetzt ist dieser Platz, wie ĂŒberhaupt die ganze Agora, mit modernen GebĂ€uden bedeckt, und da fast keine Ruinen erhalten sind, sind obige Ansetzungen keineswegs sicher. Das Metroon enthielt die Statue der Göttin von Pheidias und diente als Staatsarchiv. In der NĂ€he des Buleuterion war die Tholos, ein RundgebĂ€ude mit Kuppel, zu Staatsopfern und Mahlzeiten bestimmt, zu denen sich die Prytanen tĂ€glich versammelten. Etwas höher nach der Akropolis zu war der Markt mit BildsĂ€ulen geziert, namentlich mit denen der Stammheroen, der sogen. Eponymoi, von denen die zehn attischen Phylen ihre Namen hatten. Auch die Statuen der StaatsmĂ€nner Lykurg und Kallias, des Demosthenes, des Pindar und der Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton standen hier. SĂŒdlich davon, an der Ostseite des Areopag, lag der heilige Bezirk der Eumeniden mit des Ödipus Grab sowie wahrscheinlich der vom jĂŒngern Peisistratos errichtete Altar der zwölf Götter. Der frĂŒher gleichfalls hier gesuchte Tempel der Aphrodite Pandemos ist 1888 durch Inschriftenfunde bei der SĂŒdwestecke der Akropolis fixiert worden.

Nordwestlich vom Markt erhebt sich ein HĂŒgel mit dem besterhaltenen aller griechischen Tempel, der in christlicher Zeit als Kirche des heil. Georg diente, dem sogen. Theseion, das die Gebeine des Theseus, die Kimon von der Insel Skyros nach A. gebracht hatte, umschloß und seit 465 v. Chr. erbaut wurde. Er galt frĂŒher fĂŒr ein Heiligtum des HephĂ€stos, jetzt fĂŒr dem Apollon Patroos geweiht, da die Hauptfigur des Frieses diesen Gott als Vernichter der Kyklopen darstellt. Der Tempel, mit 6×13 SĂ€ulen von 5,8 m Höhe, ist im reinsten dorischen Stil aus pentelischem Marmor gebaut und bis auf einen kleinen Teil des Portikus und das Dach der Cella wohlerhalten. Auch von den Skulpturen aus der Schule des Pheidias, mit denen der Tempel geschmĂŒckt war, haben sich wertvolle Überreste, namentlich einige von den Metopen, Taten des Theseus und Herakles darstellend, nebst dem Fries der Schmalseiten der Cella erhalten. Der Umfang des Tempels betrĂ€gt nur 31,8×13,8 m, die Höhe 10,3 m. (Vgl. Sauer, Das sogen. Theseion und sein plastischer Schmuck, Leipz. 1899.) Das nĂ€chste bemerkenswerte GebĂ€ude östlich der Agora war das Gymnasion des PtolemĂ€os (ungewisser Lage) mit den BildsĂ€ulen des PtolemĂ€os, des Libyers Juba und des Stoikers Chrysippos. Es enthielt außer den RĂ€umen fĂŒr gymnastische Zwecke zahlreiche kleinere GemĂ€cher fĂŒr wissenschaftlichen Unterricht sowie eine Bibliothek. An seine Stelle trat spĂ€ter die ausgedehnte sogen. Stoa des Hadrian, deren NordhĂ€lfte z. T. beim sogen. Alten Basar in der Aiolosstraße erhalten ist. SĂŒdlich davon erhob sich etwa seit Beginn unsrer Zeitrechnung eine Torhalle der Athene Archegetis (Reste vorhanden), die den Eingang zu einem mit Marmor gepflasterten und von SĂ€ulenhallen umgebenen Markt (sogen. Ölmarkt) bildete, und sĂŒdöstlich der wohlerhaltene Turm der Winde, den Andronikos aus Kyrrhos in Syrien als Horologium um 35 v. Chr errichten ließ (s. Tafel »Architektur III«, Fig. 11). Seine acht Seiten sind den Hauptwinden zugekehrt und stellten diese in Reliefs symbolisch dar. Auf der Spitze des Turmes war als Windfahne ein Triton angebracht. Außen am Turme befand sich eine Sonnenuhr, im Innern eine Wasseruhr, der eine Leitung das nötige Wasser aus der brackigen Quelle Klepsydra am Nordabhang der Akropolis zufĂŒhrte. Auf der Nordseite der Burg lag auch das Prytaneion, wo die auswĂ€rtigen Gesandten und um den Staat wohlverdiente MĂ€nner auf öffentliche Kosten zu speisen pflegten. Hier stand der geweihte Staatsherd, auf dem ein immerwĂ€hrendes Feuer unterhalten wurde. Nicht weit vom Prytaneion entfernt lagen das als militĂ€rischer Sammelplatz benutzte Anakeion (Heiligtum der Dioskuren), das Aglaurion, wo die Jugend den Ephebeneid schwor, das erst in der PtolemĂ€erzeit errichtete Heiligtum des Serapis und das der Eileithyia, und östlich vom Turm der Winde das Diogeneion genannte Gymnasion. In der Gegend des Prytaneion scheint die Tripodenstraße ihren Anfang genommen zu haben, deren Richtung durch mehrere kleine, wahrscheinlich an die Stelle der Tripodentempel getretene Kirchen sowie durch das choragische Denkmal des Lysikrates (s. Tafel »Architektur III«, Fig. 9) auf der sĂŒdöstlichen Seite der Burg kenntlich ist. Sie war eine der prĂ€chtigsten in A., von ehrgeizigen Choragen zum Andenken an ihre mit lyrischen Chören errungenen Siege mit zahlreichen kleinen Rundtempelchen aus Marmor aufs glĂ€nzendste ausgeschmĂŒckt. Am Ende der Tripodenstraße, unter dem sĂŒdöstlichen Ende der Akropolis, befand sich im heiligen Bezirk des Dionysos, der auch zwei Tempel des Gottes umschloß, das auch zu Volksversammlungen dienende Theater des Dionysos, die StĂ€tte, wo Äschylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes ihre Triumphe feierten. Es ist, durch die halbkreisförmige Anlage deutlich erkennbar, 1862–65 durch Ausgrabungen frei gelegt worden. Sein Bau wurde 496 v. Chr. zur Zeit des Äschylos begonnen, aber in den obern Teilen erst nach 340 vollendet. Von den Grundmauern des erst dem 1. vor- und 1. nachchristlichen Jahrhundert an gehörigen BĂŒhnengebĂ€udes sind nur die unterirdischen Teile, von den terrassenförmig sich erhebenden, in den natĂŒrlichen Felsen gehauenen Stufen, auf denen die Sitze des schauenden Publikums waren, die untern erhalten. Im Zuschauerraum, der durch 12 aufsteigende Treppen (von ca. 0,7 m Breite) in 13 Keile zerlegt wird, fanden ĂŒber 30,000 Menschen Platz. Ostlich in der NĂ€he des Theaters hat man das Odeion des Perikles, ein kleineres, fĂŒr musische WettkĂ€mpfe bestimmtes GebĂ€ude, zu suchen; westlich lag die Stoa Eumenia, die sich vom Theater bis zum Odeion des Herodes erstreckt. Letzteres, ein ansehnliches, besonders im Innern mit großartiger Pracht ausgestattetes TheatergebĂ€ude, wovon noch betrĂ€chtliche Überreste am sĂŒdwestlichen Ende der Akropolis sichtbar sind, wurde erst zwischen 160 und 170 n. Chr. von dem reichen und baulustigen Marathonier Herodes Atticus zur Erinnerung an seine Gemahlin gegrĂŒndet. Oberhalb der Stoa Eumenia, unmittelbar am Fuß des Burgfelsens, lag der heilige Bezirk des Asklepios (seit 1876 durch die ArchĂ€ologische Gesellschaft von A. aufgedeckt) mit 2 Tempeln, 2 Stoen und 2 QuellhĂ€usern; ferner weiter westlich, beim Ausgang zur Akropolis, der Tempel der Themis und der Ge Kurotrophos.

In dem Quartier KydathenĂ€on, einem der Ă€ltesten Athens, sĂŒdlich der Burg, scheinen PrivatgebĂ€ude gestanden zu haben; wenigstens ist uns kein öffentliches GebĂ€ude bekannt, das mit einiger Sicherheit hier sich befunden haben könnte. Ein Tor fĂŒhrte dort im SO. zum Ilissos, von dem dem Dionysos geweihten Bezirk LenĂ€on zur Quelle KallirrhoĂ« (Enneakrunos) hinaus, die beide Dörpfeld neuerdings in der Senkung zwischen Akropolis und Pnyx sucht, ohne es strikt beweisen zu können. Die KallirrhoĂ«, aus dem felsigen rechten Ufer des Ilissos entspringend, war die einzige mit trinkbarem Wasser, trotzdem aber nicht mit von der Ringmauer umschlossen. Nördlich der KallirrhoĂ«, innerhalb der Stadt, erhob sich das Olympieion, nĂ€chst dem ephesischen der grĂ¶ĂŸte griechische Tempelbau, der dem olympischen Zeus geweiht war. Heute steht von demselben auf einer aus Quadern aufgefĂŒhrten Plattform noch eine Gruppe von 13 riesenhaften SĂ€ulen mit den Architraven und nicht weit westlich davon noch zwei einzelne. Sie sind korinthischen Stils, kanneliert und aus parischem Marmor gefertigt, 17,2 m hoch und von 11/2–13/4 m Durchmesser, die grĂ¶ĂŸten in Europa. Aus ihrer Stellung hat man den Grundriß des Tempels entworfen. Es war ein 116 m langer, 56 m breiter Dipteros oktastylos korinthischer Ordnung mit dreifachen SĂ€ulenreihen am Pronaos und Hinterhaus (im ganzen mit 120 SĂ€ulen). Dieser Tempel gehörte zu den Ă€ltesten athenischen HeiligtĂŒmern, denn schon Deukalion soll hier dem Zeus eine KultstĂ€tte errichtet haben. Die Peisistratiden ĂŒbertrugen dann vier KĂŒnstlern, Antistates, KalaĂŻschros, Antimachides und Porinos, den Tempelbau, die ihn nach einem großartigen Plan in dorischer Form anfingen, aber nicht vollendeten. Um 174 v. Chr. nahm König Antiochos Epiphanes von Syrien den Plan wieder auf, ohne ihn jedoch zu Ende zu fĂŒhren. Dieses gelang erst 130 n. Chr. dem Kaiser Hadrian, dem der Tempel auch eine kolossale Goldelfenbeinstatue des Gottes verdankte. Die Ringmauer, mit BildsĂ€ulen angefĂŒllt, maß 4 Stadien im Umfang. Von hier gegen NO. lag Neu-A., der sĂŒdöstliche Teil der Stadt, den Kaiser Hadrian mit weitern PrachtgebĂ€uden schmĂŒckte (daher auch Hadriansstadt genannt). Zu denselben gehörten ein HerĂ€on, ein Pantheon, ein Tempel des Zeus Panhellenios, ferner die Stoa aus phrygischem und das Gymnasion mit SĂ€ulen aus numidischem Marmor. Das Hadrianstor im korinthischen Stil steht noch in der Richtung von SW. nach NO., am nordwestlichen Ende der Umfassungsmauer des Olympieion als Grenze zwischen den StĂ€dten des Theseus und des Hadrian. Unweit des letztern weiter nach SW. lagen zwei HeiligtĂŒmer des Apollon, das Delphinion und das Pythion; letzteres (schon außerhalb der Stadtmauer, aber noch diesseit des Ilissos), eine Anlage der Peisistratiden, war ein bloßes Temenos (heiliger Bezirk) mit einer BildsĂ€ule des Gottes; das Delphinion ein Tempel, in dem ein mit Schranken umschlossener Raum als GerichtsstĂ€tte diente ĂŒber Mörder, deren Tat durch UmstĂ€nde gerechtfertigt war. Von der KallirrhoĂ« aus weiter stromaufwĂ€rts ist die Gegend zu setzen, die »Kepoi« oder »die GĂ€rten« hieß, und wo sich ein Heiligtum der Aphrodite Urania befand. Jenseit des Ilissos lag die Vorstadt AgrĂ€ mit den beiden Tempeln der Demeter und Kore und des Triptolemos, wo die kleinen Mysterien gefeiert wurden. Ferner lag dort das große PanathenĂ€ische Stadion, dessen Höhlung im Fuß des Hymettos noch deutlich erkennbar war (1896 wiederhergestellt). Vom Redner Lykurgos erbaut, wurde es von Herodes Atticus, der dort ehrenhalber sein Grab fand, prĂ€chtig ausgeschmĂŒckt. Die Höhen nordöstlich davon trugen Tempel der Tyche und der Artemis Agrotera. – Gegen O. fĂŒhrte das Diocharestor nach dem Gymnasion Lykeion, wo Aristoteles zu lehren pflegte; am Fuß des Lykabettos lag das Gymnasion Kynosarges, der Sammelplatz der Kyniker. Die Ă€lteste Stadtmauer Athens, weniger ausgedehnt als die Themistokleische, war schon vor den Perserkriegen verfallen. Auf des Themistokles Rat wurde dann 479 v. Chr. von den Athenern in aller Eile eine neue ausgefĂŒhrt. Sie maß 60 Stadien (9780 m) im Umfang. Ihre Richtung lĂ€ĂŸt sich im W. noch in deutlichen Spuren auf dem RĂŒcken des Museion und der Pnyx nebst ihren nördlichen Fortsetzungen bis zur jetzigen Kapelle der Hagia Triada, im S. vom Museion herab in ziemlich gerader östlicher Richtung bis zu den niedrigen Anhöhen oberhalb des rechten Ufers des Ilissos, dem sie dann in nordöstlicher Richtung parallel lief, erkennen. Neuerdings ist ihre Richtung auch im N. und NO., wo sich das heutige A. ausdehnt, mit ziemlicher Gewißheit festgestellt worden, und man kennt die Lage von sechs Toren dort genau. Von Sulla wurde die Mauer zum Teil zerstört, aber spĂ€ter wiederhergestellt. Ein andrer, wahrscheinlich weniger umfangreicher Mauerbau wird unter Kaiser Valerian erwĂ€hnt. Unter Justinian, der die Mauern so vieler StĂ€dte des Reiches erneuerte, wurde auch die athenische wieder in stand gesetzt. Die Ringmauer der Stadt, und zwar ihr sĂŒdöstlicher Teil auf dem Museion und der Pnyx, war mit den HĂ€fen durch drei Mauern in Verbindung gesetzt, von denen die phalerische etwa 5 km, die beiden langen Mauern nach dem PirĂ€eus je 7 km maßen. Die phalerische und die nördliche lange Mauer wurden zuerst gebaut, und zwar, nachdem die kolossale Befestigung des PirĂ€eus beendigt war. Sie wurden 452 v. Chr. vollendet. Den Vorschlag zum Bau der mittlern Mauer machte Perikles; derselbe wurde aber erst nach 448 begonnen und ausgefĂŒhrt von Kallikrates, dem Baumeister des Parthenon. Die beiden ersten Mauern hatten den Zweck, zu verhindern, daß die Stadt durch eine Belagerung vom Meer getrennt wĂŒrde; die dritte Mauer wurde hinzugefĂŒgt, damit auch fĂŒr den Fall, daß der Feind schon eine Mauer genommen hĂ€tte, die Verbindung mit den HĂ€fen doch nicht unterbrochen wĂ€re. Der Zwischenraum zwischen ihnen war wĂ€hrend Athens BlĂŒtezeit ziemlich dicht bewohnt, diente aber in Kriegszeiten auch zum Zufluchtsort fĂŒr die Landleute. Die phalerische Mauer scheint schon in der letzten Zeit des Peloponnesischen Krieges verfallen zu sein; die beiden andern wurden zerstört, nachdem die LakedĂ€monier A. erobert hatten. Konon aber erneuerte nur die beiden langen Mauern, und es ist seitdem auch immer nur von zwei Mauern die Rede.

A. hatte, PirĂ€eus und Munychia eingerechnet, mehr als 10,000 HĂ€user und in seiner BlĂŒte 21,000 freie BĂŒrger, was auf eine Einwohnerzahl von mehr als 200,000 schließen lĂ€ĂŸt. Der vorzĂŒglichste Teil des Privathauses (s. den Plan eines altgriechischen Hauses im Artikel »Griechenland«) war der Hofraum, den in grĂ¶ĂŸern HĂ€usern die Ă€ußere Mauer von der Straße trennte; in der Regel fĂŒhrten aber die HaustĂŒren unmittelbar auf die Straße. Die obern Stockwerke hingen ĂŒber und ruhten auf SĂ€ulenhallen. In der frĂŒhern Zeit waren die Privatwohnungen meist unansehnlich und Ă€rmlich, aus Fachwerk oder, wie ein Teil der Stadtmauer, aus ungebrannten, an der Sonne getrockneten Lehmziegeln gebaut. WĂ€hrend aber die Privatleute bei dem Bau ihrer Wohnungen durchaus keinen Aufwand machten, fĂŒhrte der Staat die bewundernswĂŒrdigsten und kostspieligsten Tempel- und andre Bauten auf. Ein umfangreiches System antiker unterirdischer Leitungen, die der quellenlosen Stadt das Wasser zufĂŒhrten, ist neuerdings in seinen Resten nachgewiesen worden.

Das heutige Athen.

(Hierzu der »Stadtplan von Athen«.)

Unmittelbar nördlich vom Felsen der Akropolis liegt in einem Halbkreis, wovon jener das Zentrum bildet, das heutige A., seit 1835 die Hauptstadt des Königreichs Griechenland. Die Wiederherstellung der Stadt, die teilweise ĂŒber den Raum des alten A. hinausgewachsen ist, wurde unter König Otto nach einem Plan des bayrischen Baumeisters v. Klenze begonnen. Doch lĂ€ĂŸt sich eine gewisse Einförmigkeit nicht ableugnen, wie auch das Straßenleben Athens mehr europĂ€ischen als orientalischen Charakter hat.

Wappen von Athen.
Wappen von Athen.

Die Hauptstraßen und Hauptmittelpunkte eines regen GeschĂ€ftsverkehrs sind PirĂ€eus-, Athene-, Stadion-, Hermes- und Äolosstraße, wĂ€hrend ein vornehmeres und ruhigeres Viertel durch Akademie-, UniversitĂ€ts- und Kephissiastraße dargestellt werden. Nach Phaleron (Seebad) fĂŒhrt ein Dampftramway, Eisenbahnen nach dem Hafen PirĂ€eus, nach Laurion und dem Peloponnes; dazu mehrere Pferdebahnlinien fĂŒr den Stadtverkehr. Die elektrische Beleuchtung Athens durch das 1901 in Phaleron errichtete ElektrizitĂ€tswerk wird vorbereitet. Außer den öffentlichen Brunnen versorgt die alte Hadrianische Wasserleitung, allerdings nicht ausreichend, A. mit dem Quellwasser des Hymettos und Pentelikon. Unter den Kirchen, deren ĂŒberwiegende Mehrzahl dem orientalischen Kultus angehört und von denen 7 aus byzantinischer Zeit stammen, wĂ€hrend 55 neu sind, sind am wichtigsten die große und kleine Metropolis, letztere im 13. Jahrh. ganz aus antiken StĂŒcken erbaut, erstere 1840–55 aus dem Material von 70 kleinern Kirchen und Kapellen errichtet. Dazu je eine russische, römisch-katholische und prot. Kirche sowie eine Synagoge. Die bedeutendsten und schönsten, vielfach aus Marmor erbauten öffentlichen GebĂ€ude sind: die Akademie der Wissenschaften, die UniversitĂ€t (1899: 57 Professoren und 2802 Studenten), daneben die neue Bibliothek mit 150,000 BĂ€nden, das Numismatische Museum (eins der bedeutendsten und reichsten Europas), das Abgeordnetenhaus mit Kammerbibliothek (etwa 160,000 BĂ€nde), das Polytechnikum mit Schliemanns mykenischen AltertĂŒmern und andern Sammlungen (Ă€gyptische AltertĂŒmer, Terrakotten, Bronzen, Vasen), das Zentralmuseum mit wichtigen vorhellenischen und Ă€gyptischen Sammlungen, die Sternwarte, das Neue Theater, das Zappeion (stĂ€ndiges AusstellungsgebĂ€ude), das Arsakeion (MĂ€dchenschule und Lehrerinnenseminar, grĂ¶ĂŸtes Institut seiner Art im Orient), das Rhizarion (Priesterseminar mit Bibliothek von 45,000 BĂ€nden), das königliche Schloß, das neue Kronprinzenpalais, je ein deutsches, österreichisches, französisches, englisches und amerikanisches ArchĂ€ologisches Institut, das Stadion (fĂŒr die olympischen Kampfspiele bestimmt), Schliemanns klassisch- schön ausgeschmĂŒcktes Privathaus.

Die Bevölkerung Athens bestand 1821 beim Beginn der griechischen Erhebung aus 10,000 Christen und 1500 TĂŒrken; 1832 lebten nur noch 1500 Christen und 300 TĂŒrken in A., wĂ€hrend es 1871: 44,510, 1879: 66,834 und 1896: 111,486 (Gemeinde 128,735) Einw. zĂ€hlte. In dem Ă€ltern Stadtteil um den Markt und die Akropolis wohnen die eingebornen, handeltreibenden Hellenen in engen Gassen und kleinen, schmutzigen HĂ€usern; die Eingewanderten (Hof, Beamte) bevorzugen die lebhaften neuen Straßen im nordöstlichen, europĂ€isch gefĂ€rbten Stadtteil. Unter den AuslĂ€ndern sind am stĂ€rksten die Deutschen vertreten, die eine eigne deutsche Schule unterhalten. Wie im Altertum, ist A. auch heute Mittelpunkt des politischen, geistigen und finanziellen Lebens und mit dem PirĂ€eus der Brennpunkt des wirtschaftlichen Lebens von ganz Griechenland. Das Handels- und GeschĂ€ftsleben hat neuerdings einen wesentlichen Aufschwung genommen, wenngleich es sich noch lange nicht mit demjenigen des PirĂ€eus messen kann. Unter seinen zahlreichen industriellen Etablissements zĂ€hlt A. 2 DampfmĂŒhlen, 3 Eis-, 4 Makkaroni-, je eine Seifen-, Hut- und Stofffabrik, mehrere Spiegel-, Möbel-, Wagen-, Schokoladen- und Spirituosenfabriken, 10 Webereien, 3 Brauereien. A. ist der Sitz eines deutschen Berufskonsuls und von fĂŒnf grĂ¶ĂŸern Banken. Von wissenschaftlichen und Ă€hnlichen Anstalten besitzt A. außer den bereits genannten: 6 Gymnasien, 8 Progymnasien, ein Lehrerseminar, 50 Volksschulen, 2 WaisenhĂ€user, 2 KrankenhĂ€user, ein Findelhaus, ein Arbeitshaus fĂŒr mittellose Frauen, einen botanischen Garten, ein anatomisch-pathologisches und ein naturwissenschaftliches Museum, 7 wissenschaftliche und kĂŒnstlerische Vereine, von denen die philologische Gesellschaft Parnassos, die griechische ArchĂ€ologische Gesellschaft, der mehr politische Zwecke verfolgende Hellenismos und ein Verein zur Verbreitung griechischer Bildung (namentlich in der TĂŒrkei) hervorzuheben sind. Ferner 33 Druckereien, 20 Tages- und WochenblĂ€tter, 10 Wochenschriften. Die Verwaltung steht unter dem PrĂ€fekten (Nomarchos) von Attika, der unmittelbar dem Ministerium des Innern untergeordnet ist. Die stĂ€dtischen Angelegenheiten leitet ein BĂŒrgermeister (Dimarchos) nebst einem Gemeinderat, die von der Gemeinde (Demos) erwĂ€hlt werden. A. ist Sitz eines griechischen Metropoliten.

Geschichte Athens.

Die Landschaft Attika war nach der Überlieferung in Ă€ltester Zeit von Pelasgern bewohnt. Non der See her empfing sie bald Einwanderer und Ansiedler, zuerst Phöniker, dann kleinasiatische StĂ€mme und mit ihnen die Anregung zu höherer Kultur. Als erster König wird Kekrops, der Erbauer der Burg, genannt, die Vereinigung der zwölf Stadtgemeinden Attikas zu einem Staat (Synoikismos), dessen Hauptstadt A. wurde, wird Theseus zugeschrieben. In der nĂ€chsten Zeit entwickelte sich A. zum Mittelpunkte der Ionier (s. d.). Die durch die dorische Einwanderung verdrĂ€ngten ionischen alten Einwohner des Peloponnes suchten daher dort ihre Zuflucht, und die ionische Besiedelung der Zykladen und Kleinasiens soll von A. ausgegangen sein; jedenfalls findet sich die ionische Einteilung in Phylen (Geleonten, Hopleten, Aigikoreis und Argadeis) in Attika schon sehr frĂŒh. Nachdem sich der letzte König Kodros (nach der Sage) bei einem Einfall der Dorier fĂŒr sein Volk aufgeopfert hatte (1068), wurde das Königtum abgeschafft und die oberste Gewalt Archonten ĂŒbertragen, erst einem aus dem Königsgeschlecht auf Lebenszeit mit dem Rechte der Erbfolge, seit 752 auf zehn Jahre; seit 713 wurde der Zutritt allen Eupatriden eröffnet, 683 ihre Zahl auf neun erhöht und die Amtsdauer auf ein Jahr vermindert. Von nun an war die Verfassung Athens eine streng aristokratische: der Adel, die Eupatriden, die großen Grundbesitzer, hatten allein politische Rechte und suchten durch rĂŒcksichtslose Handhabung des harten Schuldrechts die beiden andern StĂ€nde, die Geomoren (Landbauern) und Demiurgen (Gewerbsleute), zu unterdrĂŒcken und sie namentlich ihres Grundbesitzes zu berauben. Der Versuch des Eupatriden Kylon (Sieger in Olympia 640), sich zum Tyrannen zu machen, mißlang; aber er fĂŒhrte eine Spaltung unter den Geschlechtern des Adels herbei; das mĂ€chtigste, die AlkmĂ€oniden, wurde wegen des »Kylonischen Frevels« (die AnhĂ€nger Kylons waren an den AltĂ€ren getötet worden) verbannt, und nun erhoben sich auch die andern StĂ€nde und verlangten ein Gesetzbuch. Mit seiner Abfassung wurde Drakon (624) beauftragt; er hat aber nur das Blutrecht und das gerichtliche Verfahren geregelt (so streng, daß man sagte, seine Gesetze seien mit Blut geschrieben), die Unzufriedenheit nicht beseitigt. Dazu regte sich in A. das Streben, fĂŒr den Handel freie Bahn zu schaffen; Ägina und Megaris waren ihm in dieser Beziehung weit ĂŒberlegen, Salamis im Besitz von Megaris sperrte ihm die Ausfahrt; Versuche, es zu erobern, waren mehrfach gescheitert. Tief in das Volksleben hinein erstreckte sich die GĂ€rung. Da gelingt es Solon, durch begeisternde Verse die Wiedergewinnung der Insel herbeizufĂŒhren. So wird er fĂŒr 594 zum Archonten mit unumschrĂ€nkter Machtvollkommenheit gewĂ€hlt, um die Ruhe wiederherzustellen, und beseitigte zunĂ€chst zur sozialen Befreiung des Bauernstandes durch die sogen. Seisachtheia (»Entlastung«) die drĂŒckende Schuldknechtschaft. Dann ging er mutig und zuversichtlich und doch besonnen und maßvoll an die Verfassung selbst. Der Unterschied zwischen Stadt und Land wurde aufgehoben, alle freien Bewohner von Attika wurden BĂŒrger von A.; jedoch nicht mit gleichen Rechten; diese wurden bemessen nach den Pflichten und diese wieder nach dem Grundbesitz, so daß immer noch ein gewisses Übergewicht des Adels blieb. So teilte er das Volk in vier Klassen: die Pentakosiomedimnen, die 500 Scheffel und mehr Getreide (oder entsprechend viel Wein und Öl) jĂ€hrlich ernteten, die Hippeis (300–500), die Zeugiten (200–300) und die Theten, und verpflichtete die drei ersten Klassen zum Kriegsdienst als Schwerbewaffnete und zu Steuern im Notfall, die erste auch noch zur Stellung von Kriegsschiffen, wĂ€hrend die vierte Klasse steuerfrei war und nur leichtbewaffnet, spĂ€ter als Schiffsbemannung diente. Dagegen war der ersten Klasse das Archontat vorbehalten, und nur den drei ersten Klassen waren die andern Ämter und die Bule (der Rat) zugĂ€nglich, die, aus 400 ĂŒber 30 Jahre alten BĂŒrgern bestehend, die BeschlĂŒsse fĂŒr die Volksversammlung vorzubereiten und die Verwaltung zu fĂŒhren hatte, und zwar so, daß sich die Mitglieder der vier Phylen als »Prytanen« alle Vierteljahre darin abwechselten. Zur Volksversammlung (Ekklesia) hatten alle BĂŒrger Zutritt; sie trat viermal im Jahre zusammen, wĂ€hlte die Beamten, nahm denselben und den Prytanen Rechenschaft ab und entschied in allen gesetzgeberischen und politischen Fragen in höchster Instanz. Dem aus gewesenen Archonten gebildeten Areopag gab Solon außer dem Blutgericht eine zensorische Aufsichtsgewalt ĂŒber Staatswesen und Sitte; in gewöhnlichen Streitsachen entschied die HeliĂ€a, ein aus 5000 jĂ€hrlich durchs Los bestimmten Mitgliedern bestehendes Geschwornengericht. Neben den BĂŒrgern gab es noch Metöken, Fremde, die fĂŒr den Schutz des Staates ein Schutzgeld bezahlten, meist Gewerbtreibende und Kaufleute, und zahlreiche Sklaven; in der BlĂŒtezeit hatte Attika insgesamt 500,000 Einw.

Mit Solon beginnt die freie Entwickelung Athens zur Handelsstadt, trotz der neuen Unruhen, die durch die ParteikĂ€mpfe der PediĂ€er (der großen Grundbesitzer), der Paraler (der Handel- und Gewerbtreibenden) und der Diakrier (Bauern und Hirten) hervorgerufen wurden. Mit Hilfe der letztern bemĂ€chtigte sich 561 Peisistratos der Tyrannis, die er nach zweimaliger Vertreibung 541–527 dauernd behauptete; jedoch ließ er die Formen der Solonischen Verfassung unangetastet, sorgte fĂŒr das Wohl der Landbevölkerung wie fĂŒr den Verkehr und die stĂ€dtischen Interessen, unterstĂŒtzte den Handel und war zugleich auf Verbreitung der geistigen Bildung bedacht. Nach seinem Tode (527) herrschten seine Söhne Hippias und Hipparchos anfangs in seinem Sinn. Als aber letzterer 514 von Harmodios und Aristogeiton aus Privatrache ermordet worden war, machte sich Hippias durch Argwohn und Grausamkeit in A. verhaßt, so daß die verbannten AlkmĂ€oniden ihn 510 mit Hilfe der Spartaner vertreiben konnten. Der Versuch Spartas, eine aristokratische Regierung in A. einzusetzen, war infolge der HĂ€rte seines Auftretens nicht von Dauer; der AlkmĂ€onide Kleisthenes setzte sich an die Spitze der Volkspartei und bildete die Verfassung Solons zu einer Demokratie aus, indem er den Einfluß des Adels brach (508). Zu dem Zweck hob er die alte auf Blutsverwandtschaft beruhende Einteilung in vier Phylen auf und richtete dafĂŒr zehn neue ein, jede mit zehn geographisch getrennten Demen, ĂŒbertrug die KriegsfĂŒhrung zehn jĂ€hrlich zu wĂ€hlenden Strategen und gab der Volksversammlung das Recht, durch den Ostrakismos (Scherbengericht) die BĂŒrger auf zehn Jahre zu verbannen, die durch ihre Macht oder ihre politischen Bestrebungen dem Staatswohl gefĂ€hrlich wurden. Mit Heeresgewalt drohte der Spartanerkönig Kleomenes die neue Ordnung zu stĂŒrzen (507); indes sein Mitkönig Demaratos war andrer Ansicht, das athenfreundliche Korinth weigerte die Heeresfolge: so zog sich das peloponnesische Heer, das schon Eleusis besetzt hatte, ohne Kampf zurĂŒck. Die mit Sparta verbĂŒndeten Böotier und Chalkidier wurden glĂ€nzend geschlagen. A. war zu dem mĂ€chtigsten griechischen Staate nĂ€chst Sparta emporgewachsen.

BlĂŒtezeit Athens.

KĂŒhn gemacht durch ihre Erfolge, hatten die Athener 500 den Aufstand der stammverwandten Ionier in Kleinasien durch Sendung von 20 Kriegsschiffen unterstĂŒtzt und, als nach UnterdrĂŒckung des Aufstandes der Perserkönig Dareios Unterwerfung von den Griechen verlangte, dieselbe schroff zurĂŒckgewiesen. Die Folge war ein Rachezug der Perser unter Datis, der auf des Hippias Rat in Marathon landete und A. in große Gefahr brachte. Da aber bewĂ€hrte es seine in den letzten Jahrzehnten erstarkte Vaterlandsliebe und gewann, nur von PlatÀÀ unterstĂŒtzt, 490 unter Miltiades einen glĂ€nzenden Sieg ĂŒber den weit stĂ€rkern Feind bei Marathon. Richtig sah es eine Wiederholung des persischen Angriffs voraus und verwandte auf Betreiben des Themistokles den Ertrag der Silbergruben des Laurion zum Bau von Kriegsschiffen. So war A. am besten gerĂŒstet, als Xerxes zu Wasser und zu Land 480 Griechenland ĂŒberfiel, zugleich aber bewies es wiederum von allen Griechen den weitesten Blick und die grĂ¶ĂŸte Hingebung an die Sache des Vaterlandes. Zweimal gaben sie ihre Stadt der Zerstörung durch die Perser preis, ließen sich durch die Eifersucht und das Zaudern Spartas nicht beirren und trugen bei Salamis, PlatÀÀ und Mykale das meiste zu den glĂ€nzenden Siegen bei, welche die griechische Freiheit vor den Barbaren retteten. Vergeblich bot Sparta alles auf, der Entwickelung Athens Hindernisse zu bereiten; sein Einspruch gegen den Wiederaufbau der Ringmauer wurde durch die List des Themistokles vereitelt, und auch der PirĂ€eus zu einer starken Festung ausgebaut, und als der spartanische Oberbefehlshaber Pausanias sich durch seinen Hochmut die griechische Flotte in Kleinasien entfremdet hatte, trat A. an die Spitze der Seestaaten und erlangte die Hegemonie zur See. Durch den von Aristeides 476 eingerichteten Seebund ĂŒbernahm A. den Schutz des Gebietes der Mitglieder, und diese verpflichteten sich zur Stellung von Schiffen und Truppen und zur Zahlung von GeldbeitrĂ€gen fĂŒr den gemeinschaftlichen Krieg gegen die Perser. Mittelpunkt des Bundes war zuerst Delos, von wo jedoch die Athener, als immer mehr Staaten ihnen die Stellung von Schiffen und Truppen gegen die Zahlung von Geldsummen ĂŒberließen, die Bundeskasse 460 in ihre Stadt verlegten. Versuche, abzufallen, wurden mit völliger Unterwerfung gebĂŒĂŸt, und die Athener wurden in Wahrheit aus den Bundesgenossen Herren.

Den Krieg gegen die Perser setzten die Athener mit Kraft und Erfolg fort; besonders war es Kimon, seit der Verbannung des Themistokles durch das Scherbengericht (470) der gefeiertste Mann in A., der im Innern Erhaltung der bestehenden Verfassung, nach außen ein enges BĂŒndnis mit Sparta anriet, um die ganze Kraft Griechenlands gegen die Perser wenden zu können, und auch 466 einen großen Doppelsieg ĂŒber die Perser zu Wasser und zu Land am Eurymedon erfocht. Als jedoch die Spartaner im dritten Messenischen Krieg die ihnen auf Kimons Rat zugesandten athenischen Hilfstruppen zurĂŒckschickten und hierdurch das athenische Volk schwer beleidigten, wurde Kimon 461 verbannt, das BĂŒndnis mit Sparta gelöst und ein neues mit dessen Todfeind Argos geschlossen, dem auch Thessalien und Megaris beitraten. Dagegen vereinigten sich, auf Athens wachsende Seemacht eifersĂŒchtig, 458 die peloponnesischen Seestaaten Korinth, Epidauros und Ägina zu einem Kriege gegen A. Mit wechselndem Erfolg (457 Niederlage der Athener bei Tanagra) wurde er gefĂŒhrt; das Ergebnis aber war doch, daß Böotien, in dessen StĂ€dten demokratische Regierungen eingesetzt wurden, Phokis und das opuntische Lokris, spĂ€ter auch Naupaktos und Achaia sich dem Athenischen Bund anschlossen, der 450 in einem fĂŒnfjĂ€hrigen Waffenstillstand von Sparta anerkannt wurde. Ferner wurden in diesem Zeitraum die langen Mauern nach dem PirĂ€eus und Phaleron vollendet, wodurch A. eine sichere Verbindung mit der See erhielt, Ägina unterworfen und von der athenischen Flotte, die der 454 zurĂŒckberufene Kimon nach Kypros gefĂŒhrt hatte, nach seinem Tode 449 ein Seesieg ĂŒber die Perser bei Salamis gewonnen, worauf zwischen Griechenland und Persien Waffenruhe eintrat.

Nach Kimon ward Perikles in A. der leitende Staatsmann, der die KrĂ€fte des Volkes durch Vollendung der Demokratie frei entfalten und zu den höchsten Leistungen befĂ€higen zu können glaubte. Deswegen hatte er schon 460 durch das Gesetz des Ephialtes dem Areopag die Aussicht ĂŒber die Gesetzgebung und Verwaltung, die Sitten und die Rechtspflege entzogen und ihn auf den Blutbann beschrĂ€nkt; die Gerichtsbarkeit hatten die HeliĂ€a, die Oberaufsicht ĂŒber die Gesetzgebung eine neue, vom Volk jĂ€hrlich gewĂ€hlte Behörde, die sieben Nomophylakes (GesetzeswĂ€chter) erhalten. Hiermit war die höchste selbstĂ€ndige Behörde beseitigt, und die Volksversammlung entschied ĂŒber alle wichtigern Dinge, in ihren BeschlĂŒssen durch nichts mehr gehindert; in ihr lag der Schwerpunkt des Staates. Durch die EinfĂŒhrung von EntschĂ€digungen der BĂŒrger fĂŒr ihre politische TĂ€tigkeit, das Stratiotikon (Kriegssold), Heliastikon (Richtersold) und Ekklesiastikon (fĂŒr den Besuch der Volksversammlungen), wurde auch den Ă€rmsten BĂŒrgern die Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten ermöglicht. So war in A. die Demokratie zur Vollendung gebracht, in Wahrheit aber beherrschte Perikles durch die Überlegenheit seines Geistes und Charakters und die Macht seiner Beredsamkeit das Volk, den Demos, und regierte den Staat mit fast monarchischer Gewalt; nie gab er den schlechten Neigungen und Leidenschaften des Volkes nach, sondern begeisterte es fĂŒr die GrĂ¶ĂŸe des Vaterlandes, fĂŒr ideale Ziele, fĂŒr KĂŒnste und Wissenschaften. Er selbst verwaltete mit außerordentlichen Vollmachten die Finanzen; die andern Ämter wurden mit seinen AnhĂ€ngern besetzt. Einen Teil der bedeutenden EinkĂŒnfte verwendete er, um A., namentlich die Akropolis, mit den herrlichsten Bau- und Bildwerken (s. oben) zu schmĂŒcken und es zum Sitz der bildenden KĂŒnste zu erheben. Die dramatische Poesie wurde durch Äschylos, Sophokles, Krates und Kratinos auf ihren Höhepunkt gebracht und von Staats wegen durch das Theatergeld (Theorikon), das auch dem Ă€rmern BĂŒrger den Zutritt zu den AuffĂŒhrungen öffnete, und die Ausstattung der UmzĂŒge und Vorstellungen gefördert. Philosophie und Beredsamkeit blĂŒhten, und die berĂŒhmtesten Gelehrten und KĂŒnstler Griechenlands siedelten vorĂŒbergehend oder dauernd nach A. ĂŒber, das die erste Stadt der hellenischen Welt, ihr geistiger Mittelpunkt wurde.

Die Ă€ußere Macht Athens erlitt im Anfang der Perikleischen Zeit durch den Wiederausbruch der Feindseligkeiten einige Verluste. Durch die Niederlage des Tolmides bei Koroneia 447 ging die Hegemonie ĂŒber Böotien verloren, 445 fielen Euböa und Megaris vom athenischen BĂŒndnis ab, ein gleichzeitiger Einfall der Spartaner in Attika brachte den Staat in höchste Gefahr. Doch wurde Sparta durch Perikles zu einem 30jĂ€hrigen Frieden bewogen, in dem A. auf die Hegemonie zu Lande verzichtete. Überzeugt jedoch, daß ein Entscheidungskampf um die Herrschaft ĂŒber Hellas unvermeidlich sei, beschloß er, ohne ihn herauszufordern, durch VerstĂ€rkung der Seemacht A. zum erfolgreichen Bestehen zu befĂ€higen. Durch Anlegung von Kolonien, wie Thurioi und Amphipolis, wurde die Seeherrschaft erweitert, attische BĂŒrger als Kleruchen auf Naxos, Andros, in der Chersonesos und an den KĂŒsten des Schwarzen Meeres angesiedelt; die Zahl der A. zinspflichtigen Orte belief sich auf fast 300, der jĂ€hrliche Tribut der Seebundstaaten auf 600 Talente (2,700,000 Mk.). BetrĂ€chtliche Summen gingen auch ein durch Zölle und Hafengelder, deren Ertrag mit dem blĂŒhenden Handel wuchs, durch die Schutzsteuer der Metöken, durch die Gold- und Silberbergwerke, namentlich an der thrakischen KĂŒste, durch Pachtgelder etc., so daß die Gesamteinnahme sich fast auf 10 Mill. Mk. belief, und daß trotz der bedeutenden Ausgaben fĂŒr Zwecke der Kunst und die verschiedenen Solde ein Staatsschatz von 6000 Talenten (fast 30 Mill. Mk.) gesammelt wurde. Eine Flotte von 300 TriĂ«ren war stets kriegsbereit; die Befestigungen des PirĂ€eus und die Schiffswerften wurden erweitert und eine dritte Verbindungsmauer zwischen A. und dem Hafen erbaut. Die Landmacht bestand aus fast 30,000 Mann, wovon 13,000 Hopliten, 16,000 Mann Landwehr waren. So konnte, als Sparta den Entscheidungskampf herbeifĂŒhrte, A. in den Peloponnesischen Krieg (431–404) mit Zuversicht eintreten.

Der Ausbruch der Pest, die den Kern der BĂŒrgerschaft wegraffte, und der Tod des Perikles (429) verursachten jedoch einen verhĂ€ngnisvollen Umschwung. An Perikles' Stelle trat kein ebenbĂŒrtiger Nachfolger, und ehrgeizige, gewissenlose Demagogen, wie Kleon, suchten das Volk fĂŒr sich zu gewinnen, das, der gewohnten festen Leitung beraubt, sich seinen verderblichen Eigenschaften, ĂŒbermĂŒtiger SelbstĂŒberschĂ€tzung, streitsĂŒchtigem Parteigeist und herrischer HĂ€rte gegen die Untertanen hingab. Nach Kleons Tode setzte Nikias durch, daß 421 ein Friede mit Sparta geschlossen wurde, der A. die Zeit gewĂ€hrte, frische KrĂ€fte zu sammeln und den Kampf spĂ€ter mit Aussicht auf Erfolg wieder aufzunehmen. Aber der verbrecherische Ehrgeiz des Alkibiades stĂŒrzte A. von neuem in kriegerische Verwickelungen; er verfĂŒhrte das leichtfertige, abenteuerlustige Volk zu der gewagten Unternehmung gegen Sizilien (415–413), die mit dem Untergang einer großen Flotte und eines starken Landheeres endete, und wurde dann, von seinen Gegnern verbannt, der gefĂ€hrlichste Feind seines Vaterlandes. Durch die auf seinen Rat vollzogene spartanische Besetzung Dekeleias (413) wurden die Athener gezwungen, sich hinter die Mauern zurĂŒckzuziehen, und die Verbindung mit Euböa abgeschnitten; durch die Errichtung einer spartanischen Flotte mit persischer Hilfe wurden die bedeutendsten Staaten des Seebundes, der schweren Steuern und der WillkĂŒrherrschaft Athens mĂŒde, zum Abfall ermutigt. Dabei herrschte in A. ein wĂŒstes Parteitreiben; 411 gelang es sogar den RĂ€nken der oligarchischen ParteihĂ€upter, die Solonische Verfassung auf kurze Zeit zu stĂŒrzen. Die RĂŒckkehr des Alkibiades, der nun wirklich alles aufbot, sein Vaterland zu retten, war nutzlos, und als A. nach Vernichtung seiner letzten Flotte bei Ägospotamoi (405) von den Spartanern belagert wurde, verhinderten Theramenes und andre Oligarchen durch hinhaltende Verhandlungen einen heldenmĂŒtigen Widerstand und ĂŒberlieferten A. 404 wehrlos dem Sieger, um von diesem die Herrschaft zu erlangen. Die Festungsmauern des PirĂ€eus und die langen Mauern wurden geschleift, die Kriegsschiffe bis auf zwölf ausgeliefert und der Seebund aufgelöst; auch mußte sich A. gegen Sparta zur Heeresfolge verpflichten. Die Großmachtstellung Athens war vernichtet.

Verfall der Stadt.

Um eine neue Verfassung einzurichten, wurde in A. von den Spartanern das oligarchische Regiment der Dreißig Tyrannen eingesetzt, die durch Hinrichtung und Verbannung der besten BĂŒrger die schwersten Leiden ĂŒber die Stadt brachten, bis sie von den FlĂŒchtlingen unter Thrasybulos 403 gestĂŒrzt und unter dem Archontat des Eukleides die demokratische Verfassung in etwas gemĂ€ĂŸigter Form wiederhergestellt wurde. Der Geist der Eintracht und der Ehrfurcht, der die alten Ordnungen erfĂŒllt hatte, konnte freilich nicht durch Gesetze zurĂŒckgerufen werden. Überdies war durch die großen Menschenverluste wĂ€hrend des Krieges die Bevölkerung eine ganz andre geworden, Begeisterung fĂŒr hohe Ziele und Opferwilligkeit waren geschwunden und trotz der Erschöpfung der Hilfsquellen die Masse nur zu geneigt, sich vom Staate das Nichtstun bezahlen zu lassen. FĂŒr seine Ă€ußere Stellung kam indes A. der Zwist zu gute, in den Sparta durch sein Streben nach der Hegemonie mit seinen alten Bundesgenossen geriet; er verschaffte ihm Gelegenheit, sich von der spartanischen Herrschaft zu befreien. Konon stellte nach Vernichtung der spartanischen Flotte bei Knidos (394) die Befestigungen des PirĂ€eus und die Verbindungsmauern her, und im Antalkidischen Frieden (387) behielt A. wenigstens die Herrschaft ĂŒber Lemnos, Imbros und Skyros. Der ĂŒbermĂŒtige Versuch des spartanischen Feldherrn Sphodrias, sich des PirĂ€eus zu bemĂ€chtigen, veranlaßte auch die Athener, sich an dem Kriege zwischen Sparta und Theben zu beteiligen. Sie siegten ĂŒber die spartanische Flotte bei Naxos (376) und bei Leukas (375) und schlossen mit etwa 70 StĂ€dten und Inseln einen neuen Seebund. Durch einen Sonderfrieden mit Sparta zog sich A. 371 aus dem Kriege zurĂŒck, in dessen fernerm Verlauf Sparta und Theben ihre KrĂ€fte aufrieben. Aber es fehlte dem Volk an Einsicht, um diese gĂŒnstige Lage auszunutzen, und die Kostspieligkeit der Söldnerheere nötigte es zu drĂŒckender Belastung der Bundesgenossen; daher fielen die mĂ€chtigsten ab, und A. mußte sich nach dem unglĂŒcklichen Verlauf des Bundesgenossenkriegs (357–355) entschließen, sie freizugeben und seinen Seebund auf Euböa und einige kleine Inseln zu beschrĂ€nken. Als Philipp von Makedonien in die griechischen VerhĂ€ltnisse einzugreifen begann, konnte A. sich weder zu entschlossener Gegenwehr, die Demosthenes mit patriotischem Eifer anriet, noch zu einer friedlichen VerstĂ€ndigung, zu welcher der König bereit war, entschließen; jene war durch die SchwĂ€che Athens erschwert, diese gestattete der Nationalstolz der Athener nicht. So schwankten sie jahrelang zwischen kĂŒhnen AnlĂ€ufen, Philipp die Spitze zu bieten, und schwĂ€chlichen FriedensvertrĂ€gen hin und her, wĂ€hrend der kluge Makedonier, einen offenen Bruch mit A. vermeidend, immer weiter vordrang und sich in Mittelgriechenland festsetzte. Es war zu spĂ€t, als sich A. 338 mit Theben zum bewaffneten Widerstand verband, doch kĂ€mpften die Athener bei ChĂ€roneia mit allem Heldenmut, und ihre Niederlage war eine rĂŒhmliche. Obwohl Philipp A. eine milde und ehrenvolle Behandlung zu teil werden ließ, stellte es sich nach seiner Ermordung (336) und auf die falsche Kunde von Alexanders Tode (335) unter Demosthenes nebst Theben an die Spitze der Erhebung, die das makedonische Joch abschĂŒtteln sollte. Sie scheiterte, aber Alexander schonte A. aus Achtung vor seiner Vergangenheit. Durch die wechselreichen KĂ€mpfe der Diadochen wurde auch A. schwer getroffen. Es mußte sich wiederholt makedonische Besatzung und Änderung seiner Verfassung gefallen lassen und kam endlich 262 durch Antigonos Gonatas ganz unter makedonische Herrschaft. Von dieser 229 durch Aratos befreit, schloß es sich dem AchĂ€ischen Bund an und stand in den Kriegen zwischen Makedoniern und Römern auf der Seite der letztern. Wenn es daher auch nach der Unterwerfung von ganz Griechenland sich unter die Oberaufsicht des römischen Statthalters von Makedonien beugen mußte, behielt es doch in Anerkennung seiner großen Geschichte seine innere SelbstĂ€ndigkeit, nur daß die Römer die aristokratische Regierungsform begĂŒnstigten, dem Areopag einen grĂ¶ĂŸern Wirkungskreis gaben und dem ersten Strategen eine Art Regentschaft ĂŒbertrugen. Als Sitz griechischer Kunst und Wissenschaft spielte A. auch unter römischer Herrschaft eine große Rolle, und seine Rhetoren- und Philosophenschulen erfreuten sich eines zahlreichen Besuchs. Eine Unterbrechung erfuhr diese Entwickelung, als A. fĂŒr Mithradates gegen die Römer Partei ergriff. Nach lĂ€ngerer, schreckensvoller Belagerung eroberte Sulla 87 den PirĂ€eus und die Stadt selbst, zerstörte alle Befestigungen, Werften und Arsenale und gab A. der PlĂŒnderung preis. Auch in den BĂŒrgerkriegen stand es auf der Seite der Besiegten. Eine neue Glanzzeit kam fĂŒr A. durch den Kaiser Hadrian, der sich wiederholt lĂ€ngere Zeit in A. aufhielt, die Stadt durch Bauten schmĂŒckte, den Tempel des olympischen Zeus vollendete und die Bildungsanstalten zu einer vom Staat ausgestatteten UniversitĂ€t vereinigte. Gleichzeitig verwendete der Rhetor Herodes Atticus seinen Reichtum zur Verschönerung der Stadt und erbaute unter anderm das Odeion.

Dieser von spĂ€tern Kaisern begĂŒnstigten NachblĂŒte Athens machten die StĂŒrme der Völkerwanderung ein Ende. Zwar die Goten, die es 267 eingenommen hatten, wurden von Dexippos bald wieder verjagt, aber 395 eroberte Alarich die Stadt, 529 schloß Kaiser Justinian I. die UniversitĂ€t, nachdem ihre geistige Bedeutung schon mit dem Sinken des Heidentums geschwunden war, und seitdem versank A. in völlige Vergessenheit. Der Name Athens trat erst zur Zeit des lateinischen Kaisertums 1205 wieder hervor, als ein burgundischer Ritter, Otto de la Roche, ein Herzogtum A. grĂŒndete, das seinem Hause bis 1308 verblieb, 1326 an das Königreich Sizilien fiel, 1394 aber von dem Florentiner Nerio Acciajuoli erobert wurde. Das Herzogtum, das Attika und Böotien umfaßte, stand unter venezianischer Oberhoheit, bis Sultan Mohammed II. den Herzog Francesco Acciajuoli 1458 vertrieb und Attika seinem Reich einverleibte; die Akropolis erhielt eine tĂŒrkische Besatzung. In dem Kriege, den Venedig 1684–88 mit dem Sultan fĂŒhrte, belagerte Morosini die Stadt; 28. Sept. 1687 fiel in den Parthenon eine Bombe, welche die darin aufgehĂ€ufte Munition entzĂŒndete und durch die Explosion das herrliche Bauwerk zerstörte. Die Venezianer behaupteten A. ĂŒbrigens nur bis 4. April 1688. Im I. 1772 wurde die Stadt zum Schutz gegen die RaubzĂŒge der Albanesen mit einer Mauer umgeben, fĂŒr deren Bau viele wertvolle DenkmĂ€ler des Altertums verwendet wurden. Auch fĂŒr die Befestigungen der Akropolis wurden die Materialien antiker Bauwerke verbraucht. Doch sind Beschreibungen und Zeichnungen Athens vor diesen Zerstörungen vorhanden: der französische Gesandte in Konstantinopel, Marquis de Nointel, ließ 1674 durch den Maler I. Carrey Zeichnungen anfertigen; 1675 lieferten I. Spon und G. Wheeler Beschreibungen von A. Anfang des 19. Jahrh. war A. (Atiniah, Atine, auch Setine) eine Stadt von 10,000 Einw., von denen die wohlhabendern TĂŒrken waren. 1822 bemĂ€chtigten sich die aufstĂ€ndischen Griechen der Akropolis, Reschid Pascha begann 1826 deren Belagerung, nachdem er die Stadt erstĂŒrmt hatte, und zwang 5. Juni 1827 die griechische Besatzung zur Kapitulation. Entschieden wurde Athens Schicksal dadurch, daß König Otto im Februar 1834 seine Residenz von Nauplia nach A. verlegte, nachdem im Jahre vorher die TĂŒrken die Akropolis gerĂ€umt hatten; als die Hauptstadt des jungen Königreichs wuchs es allmĂ€hlich zu einer modernen Stadt empor.

Vgl. Stuart und Revett, Antiquities of Athens (Lond. 1761–1816, 4 Bde.; deutsch hrsg. von Wagner, Darmst. 1829–33, 3 Bde.); Leake, The topography of Athens and the Demi (2. Aufl., Lond. 1841, 2 Bde.; deutsch von Baiter u. Sauppe, ZĂŒrich 1841); Forchhammer, Topographie von A. (Kiel 1841); BrĂ©ton, AthĂšnes dĂ©crite et dessinĂ©e (2. Aufl., Par. 1868); Dyer, Ancient Athens, its history, topography and remains (Lond. 1873); Wachsmuth, Die Stadt A. im Altertum (Leipz. 1874–90, Bd. 1 u. 2); Burnouf, La ville et l'acropole d'AthĂšnes aux diverses Ă©poques (Par. 1877); Hertzberg, A., historisch-topographisch dargestellt (Halle 1885); Curtius und Kaupert, Atlas von A. (Berl. 1878); Michaelis, Der Parthenon (Leipz. 1871); v. Wilamowitz, Aus Kydathen (Berl. 1880); Bötticher, Die Akropolis von A. (das. 1888); Meyers ReisebĂŒcher: »Griechenland und Kleinasien« (5. Aufl., Leipz. 1901); Curtius, Stadtgeschichte von A. (Berl. 1891); Lugebil, Zur Geschichte der Staatsverfassung von A. (Leipz. 1871); Böckh, Staatshaushaltung der Athener (3. Aufl.; hrsg. von FrĂ€nkel, Berl. 1886, 2 Bde.); Töpffer, Attische Genealogie (das. 1889); v. Wilamowitz, Aristoteles und A. (das. 1893, 2 Bde.); Martin, Les cavaliers athĂ©niens (Par. 1886); Beloch, Die attische Politik seit Perikles (Leipz. 1884); Gregorovius, Geschichte der Stadt A. im Mittelalter (Stuttg. 1889, 2 Bde.); de Laborde, AthĂšnes aux XV., XVI., XVII. siĂšcles (Par. 1855, 2 Bde.); Konstantinides, Geschichte Athens von Christi Geburt bis 1821 (griech., 2. Ausg., Athen 1894); Kamburoglu, Geschichte der Athener. Die TĂŒrkenherrschaft (griech., das. 1889–91, 4 Bde.); Philadelpheus, Geschichte Athens unter der TĂŒrkenherrschaft 1400–1800 (griech., das. 1902, 2 Bde.).


http://www.zeno.org/Meyers-1905. 1905–1909.

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