Demosthĕnes

Demosthĕnes, 1) Sohn des Alkisthenes, athenischer Feldherr im Peloponnesischen Kriege; er segelte im Sommer 426 um den Peloponnes, um Böotien von Westen aus, über Ätolien, Doris u. Phokis anzugreifen; da dies mißlang, schickte er die Schiffe heim u. blieb in Naupaktos, nachdem er hier u. bei Argos Amphilochikon den Spartaner Eurylochos geschlagen hatte, zurück; 425 wieder mit einem Commando betraut, eroberte er Pylos in Messenien u. nahm ein Corps Spartaner auf Sphakteria gefangen; gegen Megara war er später weniger glücklich; 413 wurde er mit 73 Galeeren dem Nikias in Sicilien zur Unterstützung geschickt; er wagte zu früh einen Sturm auf Syrakus u. fiel mit 6000 Mann den Syrakusern in die Hände, die ihn tödteten od., nach Anderen, zum Selbstmorde brachten. 2) D. aus Athen, der größte aller griechischen Redner, geb. 381 v. Chr., Schüler des Platon, Kallistratos, Isokrates u. Isäos; er hatte mit vielen Naturmängeln zu kämpfen, z.B. konnte er das R nicht aussprechen (daher sein Spottname Battalos), hatte eine sehr schwache Stimme u. kurzen Athem; daher mißlangen seine ersten Versuche vor dem Volke zu reden. Er besiegte aber durch Anstrengung jene Mängel, indem er im Hafen Phaleron vor der Brandung sprach, so daß er vor derselben gehört wurde, Steine in den Mund legte, in einem Athem mehrere Verse zu sprechen u. durch Laufen u. Bergsteigen seine Lungen zu kräftigen suchte. Er trat als Redner zuerst 364 gegen seinen treulosen Vormund Aphobos auf, gewann zwar den Proceß, erhielt aber von seinem Vermögen wenig zurück. Einen andern persönlichen Proceß führte er gegen Midias, dessen Feindschaft er sich durch den Streit mit Aphobos zugezogen hatte u. welcher ihn sogar 354 als Choregen bei den großen Dionysien mißhandelte. Midias wurde deshalb verurtheilt, aber als einflußreicher Mann in Athen entging er der Strafe u. versöhnte sich mit D. Später glänzte D. als politischer Parteiführer, insofern er der heftigste, von Patriotismus u. Haß geleitete Redner gegen Philippos von Macedonien war. Als der Erstere sich der Thermopylen bemächtigte, drang D auf Krieg in des Feindes Gebiet u. suchte die Athener von der Nothwendigkeit dieses Schrittes durch seine berühmten Philippischen u. Olynthischen Reden zu überzeugen. Zwei Mal ging er als Gesandter nach Macedonien u. kehrte jedesmal mit demselben Resultat zurück, daß nur Heil im Kriege sei. Er wurde aber von der Friedenspartei, namentlich auf Anstiften des Äschines, seines Feindes u. des Freundes der Macedonier, überstimmt. Erst als Philipp 340 in Phokis eingedrungen war, brachte er die Ausrüstung einer Flotte u. das Aufgebot der Staaten Griechenlands durch eine Gesandtschaft, unter der er sich selbst befand, zu Stande. Philippos aber siegte (338) bei Chäronea. Als er darauf die Leichenrede für die hier Gefallenen hielt u. Athen ihm auf den Rath des Ktesiphon die Bürgerkrone zuerkannte, kam er deshalb mit Äschines, welcher ihn der Feigheit in jener Schlacht beschuldigte u. der Krone für unwerth erklärte, in einen Streit, in welchem er die berühmte Rede Περὶ σιεράνου (de corona) hielt u. über seinen Gegner (welcher die Rede gegen Ktesiphon hielt) siegte. Nach dem Tode des Königs Philippos suchte er gegen Alexander d. Gr. vergebens die Athener abermals zur Gegenwehr zu ermuthigen. Bald darauf, wegen Bestechung durch Harpalos verurtheilt u. gefangen gesetzt, floh er nach Ägina. Nach Alexanders Tode, im Kriege der Griechen gegen Antipater, trat er wieder öffentlich auf u. suchte ganz Griechenland gegen Macedonien aufzuregen, weshalb er zurückgerufen wurde. Jedoch bald darauf, als der siegreiche Antipater auf seine Auslieferung drang, floh er, auf den Antrag des Demades zum Tode verurtheilt, wieder u. vergiftete sich 322 auf der Insel Kalauria bei Trözen in dem Tempel des Poseidon. Dort wurde ihm von den Athenern eine eherne Bildsäule gesetzt. Lebensbeschreibung bei Plutarchos; A. G. Becker, D. als Staatsmann u. Redner, Halle 1816, 2. A. 1830 Vorhanden sind von D. 61 Reden u. 65 Eingänge zu Reden, auch werden ihm 6 Briefe zugeschrieben; 1. Ausg., Vened. bei Aldus 1504; Basel 1532, Fol.; von Hieron. Wolf, Basel die 4. Ausg. 1572; von Morell, Par. 1570, Fol.; von Taylor, Cambridge 1748–1757, 2 Bde.; Reiske's kritischer Apparat dazu, ebd. 1824–27. 5 Bde.; von Auger u. I. Planche, Par. 1819 f., 10 Bde.: von G. H. Schäfer, Lond. 1822–26, 9 Bde.; von Bekker, Berl. 1825; von Saupe u. Baiter, Zür. 1842 f.; von Voemel, Par. 1843, 2 Bde.; von Dindorf, Oxf. 1846–49, 7 Bde.; deutsch (nebst Äschines) von Reiske, Lemgo 1764–69, 5 Bde.; von Pabst. Stuttg. 1836 ff.; von den einzelnen Reden sind herausgegeben: De corona, von Harleß, Altenb. 2. A. 1814; von Wunderlich, 4. A. Gött. 1838; von Dissen, 1837, deutsch von Fr. Jacobs, Lpz. 1833; die gegen Leptines (Leptinea), von F. A. Wolf, Halle 1786; von Grauert, Bonn 1827; von Bremi, Zür. 1831, deutsch von Bomhard, Ansb. 1822; die gegen Midias, von Spalding, Berl. 1794; von Buttmann, Berl. 1823, 3. A. 1841; von Meier, Halle 1831; die gegen Aristokrates,[839] von Weber, Jena 1845; die Philippischen Reden, von I. Bekker, Berl. 1816, 3. Aufl. 1835, von Voemel, Frankf. 1829–33, 3 Bde.; von Franke, 1842, deutsch von A. G. Becker, Halle 1824–26,2 Thle.; Staatsreden, deutsch mit Anmerkungen von Fr. Jacobs, Lpz. 1805. Außer den Scholien zu den Reden des D. gibt es einen griechischen Commentar von Ulpianos aus Antiochia zu den Philippischen Reden, zuerst herausgegeben Vened. 1503, Fol., auch 1527; auch oft mit D. selbst, so in der Ausg. Bas. 1532, u. in der von Morell. 3) D. aus Cäsarea, vertheidigte 260 n. Chr. diese Stadt gegen die Perser u. entkam, als die Stadt durch Verrätherei eines Arztes fiel. 4) D., Haushofmeister des Kaisers Valens, dann Praefectus praetorio, war Arianer u. Verfolger der Orthodoxen.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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