Drechsler [1]

Drechsler, geschenkte Handwerker od. freie Künstler, die 3–6 Jahre lernen u. 3 Jahre wandern. Das Meisterstück besteht gewöhnlich in einem Spinnrad, verschiedenen Kugeln, einem hölzernen od. elfenbeinernen Schachspiel u. dgl.; das Gesellenstück in einem Haspel, einer Kugel etc. Sie theilen sich in gemeine (Holz-) u. (höhere) Kunst-D.; die Holz-D. fertigen vorzüglich aus Holz allerlei Spielwerk für Kinder, Kegel u. Kugeln, Spinnräder (deshalb in einigen Gegenden Rädker), Säulen zu Geländern etc. Die Kun st-D. theilen sich wieder in Bein-, Horn-, Bernstein-, Rothschmied-D. (diese bedienen sich bei dem Abdrehen größerer Stücke der Drechselmühlen u. heißen deshalb Drechselmüller), welche aus Elfenbein, Knochen, Perlmutter, Schildkrot, Horn, Fischbein, Bernstein u. Metall feinere Arbeiten fertigen. Korallen-D. verfertigen echte u. unechte Korallenperlen; die Paternostermacher hingegen vorzüglich Paternoster, allerlei Kugeln, Ringe etc. Die Arbeit des D-s besteht im Drechseln (Drehen), d.h. der Veränderung der Gestalt eines herumgedrehten Gegenstandes durch Wegnahme von Spänen mittelst schneidender Werkzeuge, wodurch eine künstliche, gewöhnlich kugel-, walzen- od. kegelförmige, doch oft auch eckige, schiefe, flache Gestalt, mit verzierter od. glatter Oberfläche erhalten wird. Außer den D-n ist das Drechseln auch eine Arbeit der Uhrmacher, Instrumentenmacher, Mechaniker, Zinn- u. Gelbgießer, Gürtler, Schlosser etc. Ist beim Drehen die Drehungsachse eine unveränderliche Linie, so werden alle Querschnitte des Gegenstandes an den bearbeiteten Stellen Kreise, deren Halbmesser der Entfernung des Drehstahls von jener Achse gleich ist (eigentlich Drehen, Runddrehen); ändert sich nach einem gewissen Gesetz aber die Drehungsachse periodisch, od. nimmt von der constanten Drehungsachse die Entfernung des Drehwerkzeugs im Lauf einer jeden Umdrehung ab u. zu, so kann man auch verschiedene andere Formen (bassige Arbeit) erzeugen (Bassigdrehen). Noch gibt es Abänderungen des Verfahrens, welche alle drehende Bewegung des Arbeitsstückes zeigen, nämlich: das Abdrehen der Körper auf ihrem äußeren Umkreise, hierbei liegt das Drehwerkzeug rechtwinkelig od. schräg gegen die Achse; das Drehen von Flächen, bes. ebnen, geschieht rechtwinkelig gegen die Achse, hierbei ist die Stellung des Drehwerkzeuges gewöhnlich der Achse parallel; das Ausdrehen u. Ausbohren von Höhlungen, hierbei nähert sich die Richtung des Werkzeugs der der Achse des gedrehten Gegenstandes; vgl. Guillochiren. Das Hauptwerkzeug des D-s ist die Drehbank; sie besteht aus einem tischartigen Untergestell in der Höhe von 2 bis 3 Fuß über dem Boden u. in einer Länge von 3 bis 12 Fuß. Bei größeren Drehbänken ruht der eigentliche Drehapparat auf den Wangen (zwei parallelen Längenbalken des Gestells), bei kleineren tritt an die Stelle derselben das Prisma, eine schmiedeeiserne dreieckige Stange von der Länge des Untergestells, über dem es, von drei Trägern unterstützt. angebracht ist. Auf dem Prisma stehen die Docken (gußeiserne od. messingene Stützen), von denen zwei zur linken Seite des Arbeiters (Vorder- u. Hinterdocke) an den Stellen befestigt sind, wo das Prisma auf den Trägern ruht, während die dritte Docke (Reitstock) längs des Prisma verschiebbar u. mittelst einer Schraube an einer gewünschten Stelle des letzteren zur rechten Seite des Arbeiters stellbar ist. Vorder- u. Hinterdocke dienen zur Unterstützung der Spindel, einer Welle, welche sich genau um ihre mathematische Achse drehen muß u. parallel mit dem Prisma ist. In der Docke zunächst dem Arbeiter, hat die Spindel ein festes Lager (ein wie ein abgestumpfter Kegel gestaltetes Loch), während das andere Ende in der Mitte durch ein rundes spitzzulaufendes Eisen gehalten wird, welches auf der Vorderdocke, durch eine Schraube bewegbar, angebracht ist. Das vordere, in ein Schraubengewinde auslaufende Ende der Spindel ragt aus der Docke zur Linken des Arbeiters hervor. Längere Arbeitsstücke werden nun zwischen das Ende der Spindel, nachdem auf dieselbe ein konisch zulaufender Stahl geschraubt ist, u. die im Reitstock angebrachte, durch eine Schraube bewegbare, ebenfalls konisch zulaufende Stahlstange (Reitnagel) gespannt. Kurze Arbeitsstücke werden an der Schraube der Spindel ohne Hülfe des Reitnagels durch Futter od. Patronen, scheibenartige, durch Kitt an eine auf die Spindel geschraubte hölzerne Scheibe befestigt; auch gibt es noch verschiedene Befestigungsarten, zu denen man sich u.a. der Lünette statt des Reitstocks bedient, welche mit einem Lager für das Arbeitsstück versehen ist. Der Bewegungsapparat der Drehbank besteht aus der Scheibe (Rad, Schwungrad), die durch eine Kurbel[300] u. Zugstange mittelst eines Tritts bewegt wird; eine kleinere Scheibe (neben welcher Achse noch 2 od. 3 verschiedene große Rollen stecken), ist auf der Mitte der Spindel zwischen der Vorder- u. Hinterdocke angebracht; eine Schnur ohne Ende (Drehsaite) von Schöpsdärmen od. Hanf, läuft über die Scheibe u. die Rollen der kleineren Scheibe u. theilt dieser die Bewegung mit. In großen Werkstätten u. bei Drehbänken für hartes Metall, welche größere Kraftanstrengung zur Bewegung des Schwungrades erfordern, wendet man Wasser u. Dampfkraft an. Die Auflage (Armschiene, Flügel), auf welche der D. bei der Arbeit das Dreheisen u. den Arm stützt, kann niedriger u. höher gestellt u. hin u. her geschoben werden. Bei Gegenständen, welche eine mathematische Genauigkeit erfordern, bedient sich der Arbeiter statt der Hand des Supports, einer Vorrichtung, worin das Dreheisen festgeschraubt wird, so daß es durch langsame Umdrehung einer Schraubenspindel an der Arbeit fortgeführt werden kann. Übrigens sind die Drehbänke mehrfach verändert u. vervollkommnet worden. Das jetzt am häufigsten angewandte System ist das von Maudsley, von welchem die obige Beschreibung der Drehbank entnommen ist. Die früheren Drehbänke, welche statt des Rades eine Prellstange (Wippe) haben, sind jetzt fast ganz abgekommen. Um auf der Drehbank zu bohren, wird entweder der zu durchbohrende Gegenstand, od. der Bohrer selbst in die Docke derselben befestigt. Die anderen Werkzeuge, welche der D. zum Drechseln gebraucht, heißen Dreheisen (Drehstähle); ihrer sind sehr viele u. verschiedene, die vorzüglichsten sind: Meißel mehrerer Art, so Flachmeißel mit gerader Schneide, Schrägmeißel mit schräger Schneide, Hohlstähler flach, mit rund ausgeschnittener Schneide, zum Runddrehen kugelförmiger Sachen, Flachstahl, mit schräger Schneide, Schlichtmeißel, dessen Schneide von beiden Seiten zugeschliffen ist, von verschiedener Größe u. Breite, zum Spitzmachen (Abspitzen) u. zum Abstechen, daher Abstecheisen; Ausdrehstahl, dessen Hauptschneide an der Seite ist, zum Hohldrehen (Ausschroten), Abdreheisen, Hohlkehlstahl, massiv u. an der Schneide rund, um damit Hohlkehlen in Metall zu drehen; Röhre (Hohlmeißel), löffelförmig, zum Verarbeiten aller Arten Holzes aus dem Groben (Schroten); ferner Schrot-, Schlicht- u. dreischneidiger Stahl (Spitzstahl), zum Drehen des Metalls, der Knochen etc. mit runder Schneide eben dazu, mit breiter zum Glattdrehen (Schlichten), mit keilförmiger Schneide zum Drehen der Reisen; so wie Haken, krumm gebogenes, an der Seite scharfes Eisen zum Aushöhlen; Rundstahl, massiv, mit schräger u. runder Schneide, Karniesstahl, mit karniesartig ausgeschweifter Schneide, um Karniese damit zu drehen; Einschneide, hakenförmig, nur auf einer Seite scharf, wo hingegen die Zweischneide auf beiden Seiten scharf ist; Krücke, krumm gebogen mit breiter Schneide, um damit über die Quere glatt zu drehen; Linsenstahl, klein, an der Schneide linsenförmig, um seine Sachen auszudrehen; das Kränzeleisen, womit gekerbte od. ähnliche Ränder an einem runden Gegenstande gemacht werden, gleicht einem Meißel, der in einer Gabel endigt, zwischen welcher ein auf der Stirne gekerbtes od. auf ähnliche Weise eingeschnittenes Rad befindlich ist, u. viele andere. – Die Erfindung des Drechselns ist sehr alt; nach Diodor von Sicilien soll Dädalos, od. dessen Schwestersohn Talos, nach Plinius hingegen der Samier Theodoros der Erfinder der Drehbank sein. Das Dreheisen erfand nach der Sage der Philosoph Thales, u. Phidias soll zuerst in Holz gedrechselt haben. Vom 11. Jahrh. an faßte das Drechseln bes. in den Klöstern festen Fuß. Später, als die Bedürfnisse sich mehrten, gewann das Drechslerhandwerk auch einen gewaltigen Umfang u. spaltete sich in eine Menge Gattungen u. Abarten, namentlich trennten sich die Holzdrechsler von den Kunstdrechslern, welche Letztere wesentlich nur in Elfenbein u. Horn arbeiteten; hierzu kam der sehr umfassende Zweig der Verfertigung von sogenannten kurzen Waaren, namentlich der Spielsachen, dem bes. Nürnberg seine Weltberühmtheit verdankt. Die Herstellung so verschiedenartiger Formen machte nun auch eine Verbesserung in den Handwerkszeugen nothwendig, u. so entstanden eine Menge neuer Arten von Drehbänken, Kunstdrehbänke, Figurirbänke, Schraubendrehbänke (Messingdrehmühlen kamen schon in der Mitte des 16. Jahrh. in Nürnberg auf) etc., u. in der neuesten Zeit sind sogar Maschinen im Gang, welche ohne Zuthun menschlicher Thätigkeit die verschiedensten Formen aus Holz, wie Schuhleisten, Gewehrschäfte etc., hervorbringen. Neuerer Zeit zeichneten sich in Frankreich Hulot, Ch. Plumier, Grandjean, Abbé Forcet u. A., in England vorzüglich Smart, Cook, Ridley, Maudsley etc. aus. Um die Verbesserung der Drehbänke machten sich noch Prasse, Reichenbach, Friedrich Voigtländer, Holtzapffel, Deyerlein (in London) u. viele Andere verdient. Vgl. Geißler, Der D., Lpz. 1795–1801, 3 Bde.; Bohnenberger, Beitrag zur höhern Drehkunst, Nürnb. 1799; T. Martin, Die englische Drehbank etc., Pesth 1820; Die Drehkunst, nach dem Französischen von Th. Thon, Ilmen. 1825, 3. Aufl. von Reimann u. Zeiß, Weim. 1839; M. Dessables, Der vollkommene französische D., Ulm 1839; Hartmann, Handbuch der Metalldreherei, Weimar 1851.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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