Exegēse

Exegēse (v. gr., lat. Enarratio), 1) eigentlich Auseinandersetzung, Darlegung, Erzählung; 2) (Interpretation), Erklärung, Auslegung; daher Exeget (Interpret), gelehrter Ausleger od. Erklärer einer Schrift. Die Lehre von den Grundsätzen u. Hülfsmitteln zur Auffindung des Sinnes einer Schrift heißt Hermeneutik. Die Erklärung einer Schrift besteht entweder in bloßen Scholien (s.d.), wo einzelne Wörter od. schwierige Stellen erklärt werden; od. sie befaßt sich mit der Darlegung der Bedeutung der Wörter u. zugleich fortlaufend u. vollständig mit der Darlegung des Sinnes des Ganzen, dann heißt sie Commentar (s.d.). Die wörtliche Übertragung einer Schrift aus den Sprachen des Grundtextes in eine andere Sprache, heißt eine Übersetzung od. Version; eine solche Übersetzung, welche mehr umschreibt u. zugleich Erklärungen eingefügt enthält, eine Paraphrase.

Die biblische E. beschäftigt sich mit der Erklärung u. Auslegung der Heiligen Schrift, ist ein Theil der Theologie u. setzt, da die biblischen Bücher in früher Zeit in fremden Sprachen u. für fremde Völker geschrieben wurden, sprachliche, historische, geographische u. antiquarische Kenntnisse voraus. Der biblische Exeget hat die Aufgabe, das von dem Schriftsteller gebrauchte Wort nach dem Sprachgebrauche u. nach dem Zusammenhang zu erklären u. danach den Gedanken des Schriftstellers zu ermitteln, wobei zugleich ein genaues Eingehen in den Geist des Schriftstellers erfordert wird. Die älteren u. neueren Exegeten haben aber von verschiedenen Standpunkten aus die Heilige Schrift ausgelegt, u. man spricht deshalb von einer dogmatischen (doctrinellen) Auslegung, welche den Gedankeninhalt einer Schrift aufsucht; insbesondere, welche ein Dogma als bestehend voraussetzt u. damit die Stelle der Schrift in Verbindung bringt; von einer allegorischen Auslegung, die in den Worten des Schriftstellers einen geheimen, auf andere Gegenstände übergetragenen Sinn vermuthet u. denselben aufsucht, u. insbesondere spirituale od. anagogische Auslegung, welche Erzählungen od. Bilder noch einen besonderen geistigen od. höheren himmlischen Sinn beilegt; von einer praktischen, welche die Anwendbarkeit auf das sittliche Leben berücksichtigt; von einer moralischen Auslegung, die in allen Stellen nur den Sinn entwickelt, welcher die Sittlichkeit fördert; von einer panharmonischen Auslegung, welche verlangt, daß die biblischen Bücher mit den Gesetzen der Wahrheit u. Sittlichkeit durchaus übereinstimmen u. erklärt werden.[35] Die meisten Exegeten halten sich aber gegenwärtig an die grammatisch-historische (auch grammatisch-philologische u. historisch-antiquarische) Auslegung, die sich mit Hülfe der Sprachkunde, der Geschichte u. der Ethnographie auf den Standpunkt des Schriftstellers versetzt u. danach dessen Schrift erklärt. In den ersten Jahrhunderten der Christlichen Kirche beschäftigten sich die Kirchenväter mit der E. u. unter ihnen ragte bes. Origenes hervor, indem er die alexandrinische Philologie auf die Bibel anwendete u. durch seine allegorische u. grammatische Auslegung das Studium derselben förderte. In der E. unterschieden sich schon damals die beiden Schulen in Alexandrien u. Antiochien, indem sich jene mehr zur allegorischen, diese mehr zur grammatischen Auslegung der Schrift hinneigte. Als Exegeten sind außerdem zu nennen: Diodorus von Tarsus, Theodorus von Mopsueste, Hieronymus, Chrysostomus, Theodoret u. And. Jedoch legte man auch in der E. schon bald ein großes Gewicht auf die Tradition u. hielt sich streng an die Ergebnisse der E. der Väter, so Epiphanios u. Augustinus. Ja in der fernen Zeit begnügte man sich, die Erklärungen der älteren Väter in Auszügen zusammenzustellen u. nannte solche Sammelwerke Catenae (Ketten); dergleichen stellten seit Prokopius u. Primasius im 6. Jahrh., Cassiodorus, Isidorus, Beza, Strabo u. A. zusammen. Bei den besseren E-n des 12. bis 14. Jahrh., wie Bernhard von Clairvaux, Abäliard, Thomas Aquinas, Nicolaus von Lyra, wurde es gewöhnlich, in schwierigeren u. dunklen Stellen einen vierfachen Sinn zu suchen; nämlich außer dem schlichten buchstäblichen od. Wortsinn noch einen allegorischen, welcher den Glauben bestimme, einen tropologischen, welcher auf das sittliche Leben, u. den anagogischen, welcher auf die Erhebung des Gemüthes wirken sollte. Im 15. Jahrh. wirkte das Wiederaufblühen der Wissenschaften durch Laurentius Valla, Reuchlin u. Erasmus auch auf die biblische E., u. der Wunsch nach einer Kirchenverbesserung führte zur Beschäftigung damit. Mit der Reformation des 16. Jahrh. trat das Studium der E. in den Vordergrund, weil die Schrift als die alleinige u. sicherste Regel des Glaubens in den Symbolischen Büchern bezeichnet u. damit der tradionellen E. der Katholischen Kirche widersprochen wurde. In der Lutherischen Kirche hielten Luther u. Melanchthon an dem Grundsatz, daß die Schrift ihr eigener berechtigter Erklärer sei, schon frühzeitig u. später in ihren exegetischen Schriften fest u. bestanden auf der grammatischen u. historischen Schrifterklärung, gegenüber der allegorischen bei den Katholiken u. Schwärmern. Unter ihren Nachfolgern wurde die E. gefördert durch Matth. Flacius (Clavis scripturae sacrae. 1567), Salomo Glassius (Philologia sacra, 1623, später ergänzt u. berichtigt durch Dathe 1776, u. Bauer 1797); Victorin Striegel (Ύπομνήματα, 1565), Joachim Camerarius (Notatio figurarum etc., 1552), Martin Chemnitz (Harmonia, nach seinem Tode vollendet von Leyser u. Gerhard 1628), Joh. Bugenhagen, Joh. Brenz u. And. Im 17. Jahrh. machte bei den dogmatischen Streitigkeiten u. bei der Anfeindung der Melanchthonschen Schule die E. keine Fortschritte, u. nur die Schriften von Hunnius (Thesaurus. 1606), Lucas Osiander (Biblia latina, 1609, deutsch übersetzt), Erasmus Schmidt (Opus sacrum, 1658) u. And. sind von einiger Bedeutung, obschon man fast allenthalben den dogmatischen Einfluß bemerkt, der sich bis in die Mitte des 18. Jahrh. in Geltung erhielt, während die Spenersche Schule dem gegenüber der praktischen E. sich zuneigte. Allmälig aber fing man an, in den inneren Bau der Sprachen tiefer einzudringen, u. durch hebräische Wörterbücher, z.B. von Joh. Coccejus (1689), durch hebräische Sprachlehren von Wasmuth, Opitz, Danz, bes. Löscher; durch die neutestamentlichen Lexika von Schöttgen (1746) u. von Schleußner (1792), durch eine freiere Kritik des Textes, durch Seubert (1688), Pfaff (1720), Joh Gottlob Carpzov, Bengel, Michaelis, Eichhorn u. Andere; durch neue Bibelübersetzungen von Dathe, Schmidt, Heumann, Michaelis u. And., durch Zusammenstellung u. Begründung der hermeneutischen Grundsätze durch Pfeiffer, Rambach, Baumgarten wurde das Studium der E. wesentlich gefördert. Am meisten aber geschah dies durch J. A. Ernesti u. Semler, indem jener die Resultate der classischen Philologie auch bei der biblischen E. benutzte u. dieser durch gründliche geschichtliche Forschung der historischen Erklärung der Schrift den Weg bahnte, Beide aber dadurch der E. einen ganz neuen Aufschwung verschafften, daß man von nun an, ohne Rücksicht auf die kirchlichen Dogmen, den wahren Sinn des Schriftstellers nach den Grundsätzen der Philologie u. der Geschichte zu ermitteln suchte. Diese Richtung, welcher mehr od. weniger Morus, Keil, Bretschneider u. And. folgten, wurdedurch die neuen Bibelausgaben von Simonis, Griesbach, Schott, neuerlich von Lachmann u. Tischendorf, durch die lexikalischen Arbeiten von Gesenius, Wahl u. Bretschneider, durch die grammatischen Studien von Ewald u. Winer wesentlich unterstützt, u. es erschienen eine große Anzahl von Commentaren über das Alte u. Neue Testament. Allein neuere Theologen, wie z.B. Lücke u. de Wette, suchten die freie Forschung auf das rechte Maß zurückzuführen, u. Marheinecke, Twesten, Nitzsch u. A. drangen darauf, daß man von dem grammatisch u. historisch erforschten Sinn der Schriftstelle aus in den Geist der Schrift tiefer eindringen u. das Einzelne mit dem Ganzen des christlichen Glaubens u. Lebens in Verbindung bringen müsse. Die philosophische Richtung der Zeit suchte sich auch in der E. geltend zu machen, u. wie von Kant die moralische Interpretation empfohlen wurde, wonach die Schrift erklärt werden sollte, daß ihr Sinn mit den praktischen Regeln der reinen Vernunftreligion zusammenstimme, so suchte die Hegelsche Schule durch die E. die sogenannten reinen Ideen ans Licht zu stellen, wodurch der historische Standpunkt verlassen u. die mythische Auslegung ins Leben gerufen wurde. In der Reformirten Kirche, die in den Grundsätzen über die Schriftauslegung mit der Lutherischen übereinstimmte, waren die ersten Gründer u. Leiter derselben, Zwingli, Calvin, Ökolampadius u. Beza, gründlich gebildete Exegeten, u. ihnen folgten im 16. Jahrh. Leo Judä, Mercier, Castellio, während im 14. Jahrh. die beiden Buxtorfe durch grammatische u. lexikalische Arbeiten die alttestamentliche u. Heinrich Stephanus u. Castellio die neutestamentliche E. förderten. Für die Kritik des hebräischen Textes sorgte zuerst Cappellus u. für die des Neuen Testamentes Theodor Beza. Unter den folgenden Exegeten zeichnete sich im 16. Jahrh. Heinrich [36] Bullinger, Martin Bucer, im 17. Jahrh. Moses Amyraut, Camero, Johannes Drusius, Friedrich Spanheim u. Johannes Piscator aus, während im 18. Jahrh. Schultens um die Erklärung des Alten u. Wetstein um die des Neuen Testamentes sich verdient machten. Dagegen stellte Johann Heinrich Coccejus gegen die von Calvin, Beza u. Grotius befolgte Methode der Auslegung den Grundsatz auf, daß die Worte der Schrift an jedem Orte Alles bedeuten müssen, was sie nur bedeuten können, wodurch namentlich die prophetische Theologie in den Vordergrund trat. Doch fand die historisch-grammatische Auslegung ihre Vertheidiger in Warenfels, Turretin, Johann von Mark u. Hermann Venema. In der Englischen Kirche waren Pocock u. Lighfoot für die Auslegung des Alten Testamentes, außerdem aber die englischen Paraphrasten Hammond, Looke, Doddridge, Clarke u. And. durch ihre Umschreibungen der Bibel für die E. thätig. In neuester Zeit hat die E. in der Reformirten Kirche mit der in der Lutherischen gleichen Schritt gehalten. In der Katholischen Kirche wurde durch das Tridentinum festgesetzt, daß sich in dogmatischer Beziehung die Auslegung der Heiligen Schrift nach der Ansicht der Kirchenväter u. nach den Beschlüssen der allgemeinen Kirchenversammlungen, in letzter Instanz aber nach den Aussprüchen der Kirche zu richten hat. Obschon hierdurch die E. eine Beschränkung erlitt, so haben doch die katholischen Theologen auch in dieser Wissenschaft viel geleistet. Wie im 16. Jahrh. die Cardinäle Sadoletus u. Cantarini mit exegetischen Studien beschäftigt waren, so geschah dies bes. in der Französischen Kirche im 17. Jahrh. durch Richard Simon, durch Du Pin u. And., u. im 18. Jahrh. durch Alexander Geddes in Schottland. In Deutschland suchten manche Theologen, wie Johann Jahn in Wien u. Lorenz Isenbiehl einen freieren Standpunkt in der E. zu gewinnen, wobei sie jedoch nicht ohne Anfechtung blieben. Unter den neueren katholischen Exegeten sind zu nennen: Hug, Kistemaker, Gratz, Scholtz, Stengel, Allioli, Jansen, Bucher, Essen, Orsbach, Reinke, Mayer, König u. And. Vgl. noch den Artikel Bibel VI. u. Meyer, Geschichte der Schrifterklärung, Gött. 1802–1805, 5 Bde.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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