Perpetŭum mobĭle

Perpetŭum mobĭle, ein problematischer, nach einmal angehobener Bewegung ohne fernere Einwirkung einer äußeren Kraft unaufhörlich sich fortbewegender u. (dem gewöhnlichen Verständniß zu Folge) zum Betrieb einer anderweiten Maschine verwendeter Körper. Je nach dem Ursprunge der Kraft, welche, unaufhörlich wiedererzeugt, die unausgesetzte Bewegung der Maschine hervorbringen soll, hat man zwei Klassen derselben zu unterscheiden: a) Die erste Klasse entlehnt diese Kraft von der Natur, u. der ewige Kreislauf der Veränderungen macht in der Natur allerdings ein physisches P. m. möglich. Das Steigen u. Fallen des Barometers bei dem steten Wechsel der Luftströmungen, die Oscillationen der Magnetnadel bei den unaufhörlichen Störungen u. Ausgleichungen des Erdmagnetismus, das Fließen des Flusses bei der fortdauernden Verdunstung u. dem Niederschlag des Wassers u.v.a. bietet unausgesetzte Bewegungen dar, u. sobald man diese zum Bewegen einer Maschine nutzbar zu machen versteht, so hat man ein P. m. Gewöhnlicher versteht man aber unter P. m. b) die zweite Klasse, die der mechanischen Perpetua mobilia. Ein solches ist eine Maschine, welche durch ihre eigne Bewegung die Kraft zur ferneren Bewegung ohne Unterlaß erneuern, also die Ursache der Fortdauer der Bewegung in sich tragen soll. Dabei wird vorausgesetzt, daß der erste Anstoß zur Bewegung von außen gegeben werde, da alle Materie vermöge des Gesetzes der Trägheit den Zustand der Ruhe nicht von selbst verlassen kann. Zufolge desselben Gesetzes kann sie zwar nach einem einmal erhaltenen Impuls ebensowenig zur Ruhe zurückkehren, ohne daß eine andere Kraft die Bewegung zerstöre; daher denn auch ein schwingendes Pendel, od. ein um seine Achse gedrehtes Rad ihre Bewegung in Ewigkeit fortsetzen würde, wenn es nicht eine Kraft gäbe, welche diese aufhebt. Solche Hindernisse der Bewegung sind aber wirklich vorhanden, nämlich der Widerstand der umgebenden Luft, die Reibung am Aufhängepunkte des Pendels, od. an der Achse des Rades, u. weil sich diese niemals ganz beseitigen lassen, so ist auch hiermit der Grund gegeben, warum jene einfachsten Maschinen aufhören, Perpetua mobilia zu sein. Das eigentliche Problem eines mechanischen P. m. bestand also darin, durch eine gewisse Zusammensetzung einfacher Maschinen zu bewirken, daß durch irgend eine anfänglich gegebene Bewegung eine Kraft gewonnen würde, welche nicht nur im Stande wäre, dieselbe Bewegung in gleichem Maße zu wiederholen, sondern noch überdies die Hindernisse der Bewegung zu überwinden, u. man setzte die Maschine so aus mehren Theilen zusammen, daß ein erster bewegter Theil die bewegende Kraft auf einen zweiten unter Gewinn einer für Überwindung der Hindernisse bestimmten Kraft übertrage, dieser ebenso auf einen dritten etc. bis irgend ein Theil die unverminderte Kraft auf den ersten Theil übertrüge. Sieht man hierbei von der Benutzung der Elasticität gespannter Federn als bewegender Kraft ab (da diese wegen der Unvollkommenheit aller elastischen Körper nicht einmal dieselbe Kraft erzeugt, welche zu ihrer Spannung verwendet wurde), so bleiben allein die schiefe Ebene u. der Hebel übrig, welche in der Weise verwendet werden müßten, daß durch ihre Vermittelung die durch einen fallenden Körper erzeugte Quantität der Bewegung auf einen andern übertragen würde, welcher einen dritten in Bewegung setzte etc. bis endlich dadurch der erste wieder in seine ursprüngliche Lage zurückgeführt würde u. von Neuem fallen könnte. Nun kann man zwar am Hebel durch ein fallendes Gewicht ein anderes höher heben, als der Fallraum betrug, nur muß es dann um so leichter sein, u. umgekehrt kann man eine bedeutendere Last heben, nur steigt sie dann nicht so hoch, u. zwischen der Höhe des Hubes u. der Größe des Gewichtes findet immer ein solches Verhältniß statt, daß diese Bewegung, auf ein dein ersten gleiches Gewicht übertragen, dasselbe genau zu derselben Höhe heben würde, von welcher es das erstemal herabfiel, vorausgesetzt, daß die Hindernisse der Bewegung nicht einen Theil der Kraft zerstörten. Da nun diese Voraussetzung eine Unmöglichkeit in sich schließt, so kann durch den Hebel das Problem niemals gelöst werden. Das Nämliche gilt von der schiefen Ebene, da auch durch den Fall auf einer solchen unter Voraussetzung, daß es keine Hindernisse der Bewegung gebe, nur eine Kraft gewonnen wird, welche dasselbe Gewicht bis zu derselben vertikalen Höhe hebt. Auch wenn man elektrische Kräfte in mechanische umsetzt, wie z. B, beim galvanischen P. m. (s. Galvanismus), so findet ein der mechanischen Wirkung entsprechender Kraftverbrauch u. eine Änderung innerhalb des die Elektricität erzeugenden Apparats statt, welche den endlichen Stillstand der Maschine herbeiführen muß. Deshalb mußten bisher alle Versuche, ein mechanisches P. m. zu construiren scheitern, u. nur wenn der Künstler ein bewegendes Uhrwerk auf versteckte Weise an der Maschine anzubringen wußte, konnte die letztere den Schein, ein P. m. zu sein, auf einige Zeit bewahren. Unter solchen betrügerischen P. m. zeichnet sich das von Orssyreus in Sachsen 1712 construirte aus, welches Lasten von 70 Pfund vom Hofraum bis zur Höhe eines Daches hob; ferner die Uhren von Gärtner in Dresden, bei denen Kugeln ein Rad bewegen u. durch dasselbe auf einer schraubenförmig gewundenen schiefen Ebene in die Höhe gehoben zu werden scheinen, sowie die von Servière, an welchen eine Kugel auf einer spiralförmig gewundenen schiefen Ebene herabrollte[842] u. durch eine Feder wieder emporgeschnellt wurde; das P. m. von Geiser in Chaux de Fond schien durch Umlegen gegenseitig balancirter Cylinder sich zu drehen u. eine Uhr zu bewegen, das eigentliche Triebwerk wurde durch ein erst nach Abnahme des Secundenzeigers zum Vorschein kommendes Schlüsselloch aufgezogen u. war in dünne Stangen versteckt, dazu blieb es nach einmaligem Aufziehen so lange im Gange, daß es alle Beschauer zu täuschen vermochte. Der Versuch eines P. m. des Professor Heiß in Münster (1852) gründete sich auf die Pendelschwingung in Folge der Rotation der Erde.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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