Trier [2]

Trier (franz. Trèves), 1) Regierungsbezirk der preußischen Provinz od. des Großherzogthums Niederrhein, besteht aus dem größten Theile des Erzstiftes T., Theilen von Luxemburg, des Fürstenthums Veldenz, der Grafschaft Saarbrück, Blankenheim u. Gerolstein, der Wild- u. Rheingräflichen Länder, der Grafschaft Ottweiler u. Blieskastel, so wie Lothringens u. aus der Abtei Prüm, den Herrschaften Neumagen, Dachstuhl, Illingen, dem Fürstenthum Lichtenberg etc.; grenzt an die Regierungsbezirke Aachen u. Coblenz, den baierischen Rheinkreis, das oldenburger Fürstenthum Birkenfeld, die hessen-homburgische Herrschaft Meisenheim, an Frankreich u. an das Großherzogthum Luxemburg; 131,13 QM. mit 523,156 Ew. (441,399 Katholiken, 76,252 Evangelische, 5358 Juden, 133 Mennoniten), in 11 Städten, 28 Marktflecken, 1136 Dörfern etc. Die Eifel, die Ardennen u. der Hunsrück mit vielen zum Theil romantischen u. fruchtbaren Thälern durchziehen das Land; Hauptfluß ist die Mosel, welche den Regierungsbezirk in zwei Hälften theilt u. hier die Sure, Saar, Kyll u. Lieser aufnimmt. Erzeugnisse, außer den Producten des Ackerbaues, u. der Viehzucht sind große Waldungen, viel Wein, Obst; Mineralien: Kupfer, Blei, Eisen, Steinkohlen, Torf, Schiefer, Salz etc. Die Industrie liefert bes. Leder, verarbeitetes Eisen, Pottasche, Wollengarn, Glas; 13 Kreise: Berncastel, Bittburg, Daun, Merzig, Ottweiler, Prüm, Saarburg, Saarbrück, Saarlouis, Stadtkreis T., Landkreis T., Wittlich u. St. Wendel. 2) Stadtkreis T., ganz vom Landkreise T. umschlossen u. zu beiden. Seiten der Mosel, 1 QM., 29,262 Ew., begreift außer der Stadt T. noch 7 Dörfer; 3) Landkreis T., 17, 37 QM. mit 60,462 Ew. 4) Hauptstadt des Regierungsbezirks u. Kreises, an Rebenhügeln u. waldigen Bergen rechts an der Mosel, über welche eine steinerne Brücke führt, u. an der Eisenbahn Trier-Saarbrücken u. Trier-Luxemburg gelegen, die älteste Stadt in Deutschland, besteht aus der eigentlichen Stadt u. 12 Vorstädten, hat 10 Thore, 6 öffentliche Plätze u. meist unregelmäßige u. finstere Straßen; sie ist Sitz einer Regierung, eines Bischofs, Domcapitels, bischöflichen Generalvicariats, Landgerichts, einer Oberpostdirection, eines Hauptsteueramts, der Landrathsämter für Stadt- u. Landkreis, eines Friedens- u. Handelsgerichts, einer Handelskammer, eines Gewerberaths, einer Moseldampfschifffahrtsgesellschaft etc. Die Domkirche, in den verschiedensten Baustylen aufgeführt, 314 Fuß lang, 135 breit u. 90 hoch, hat drei Schiffe, doppelten Chor, die Gräber von 26 Erzbischöfen u. Kurfürsten, Standbilder Constantins u. der Sta. Helena u. den Heiligen Rock. Dieser Rock ist angeblich der Rock Christi, welcher nach der Legende von Maria aus der Wolle eines Lammes gewebt worden u. mit dem Kinde Jesus gewachsen war. Nach den Traditionen der Trierschen Kirche soll derselbe 326 von der Sta. Helena durch St. Agricius, Bischof von T., nebst einem Stückdes Kreuzes Christi u. einem Nagel desselben zu Jerusalem am Heiligen Grabe aufgefunden, nach T., dem angeblichen Geburtsort der Sta. Helena, geschickt u. der dasigen Kirche geschenkt worden sein. Nach Andern brachte ihn der Trierische Held Orendel (Sohn des Königs Egil), welcher ihn auf seiner Wallfahrt nach Jerusalem in dem Bauche eines Wallfisches fand, mit welchem umkleidet er dann Wunder der Tapferkeit gegen die Heiden verrichtete, nach T. Jedenfalls soll er in T. erst 1196 in einem Altar wieder aufgefunden u. öffentlich ausgestellt worden sein, dies geschah wiederholt: 1512, 1531, 1545, 1553, 1585, 1594, 1655; in den kriegerischen Ereignissen des 16. Jahrh. wurde der Rock nach Ehrenbreitstein geschafft u. hier 1734 u. 1765 ausgestellt; nach seiner Rückkehr nach T. 1810 wurde er sogleich 1810 u. dann wieder 1844 öffentlich gezeigt; die letzte Vorzeigung wurde die Veranlassung zum Entstehen der Deutschkatholiken (s.d.). Eigentlich soll die Ausstellung aller 7 Jahre erfolgen. Er ist ganz ohne Naht, 5 Fuß 11/2 Zoll lang, soll eigentlich purpurn gewesen sein, ist aber ins Braungelbliche verschossen, wird über der Halsöffnung angezogen, hat kurze, weite Ärmel u. im linken einen Riß. Neben dem Dom u. mit diesem durch schöne, 1847 hergestellte Kreuzgänge verbunden liegt die 1227 bis 1243 im reinsten gothischen Style erbaute Liebfrauenkirche mit zahlreichen Denkmälern von Domherren; außerdem die Hauptpfarrkirche zu St. Gangolph, die 1860 wieder eröffnete Jesuiten- od. Dreifaltigkeitskirche, die Gervasiuskirche mit dem Grabdenkmal Hontheims (s.d.) u.a. Zu den in T. wie an keinem andern Orte Deutschlands so zahlreich noch vorhandenen römischen Alterthümern gehören außer der Moselbrücke (690 Fuß lang, 24 Fuß breit), von welcher die 1689 durch die Franzosen gesprengten Bogen 1729 erneuert wurden, hauptsächlich. die Porta nigra (das schwarze Thor, Porta Martis, jetzt Römer- od. Simeonsthor genannt), wahrscheinlich eine Siegespforte u. Stadtthor aus der Zeit Constantins des Großen, mit Säulen, 115 Fuß lang, in dem mittleren Theile 47 u. in den beiden hervorspringenden, das Thor vertheidigenden Seitenthüren 67 Fuß breit, 93 u. 74 Fuß hoch; dasselbe ist dreistöckig u. hat 2 noch benutzte 23 Fuß hohe Thoröffnungen, im Jahre 1035 wurde es in eine Kirche (Simeonskirche) verwandelt u. mit mehren Anbauen u. einem Thurme versehen, erhielt aber 1817 seine ursprüngliche Gestalt u. Bestimmung wieder u. der von der Kirche allein noch übriggelassene Chor dientals Aufbewahrungsort von römischen Alterthümern; ferner die Ruinen römischer Bäder, welche seit 1817 aufgedeckt wurden, das Amphitheater mit Sitzen für 57,000 Menschen, gegenüber ein Circus, ein römischer Vertheidigungsthurm u. die von Constantin dem Großen erbaute Basilika, welche im frühesten Mittelalter Burgsitz der kaiserlichen Vögte war, 1197 den Bischöfen übergeben, später als Kaserne benutzt, seit 1846 restaurirt u. 1856 zur evangelischen Kirche (Erlöserkirche) eingeweiht wurde. An Bildungs- u. gemeinnützigen Anstalten besitzt T. ein Gymnasium mit der Stadtbibliothek, katholisches Priesterseminar, höhere Bürgerschule, Provinzialgewerbeschule, 7 Klöster, ein Museum mit naturwissenschaftlichen Sammlungen u. römischen Alterthümern, die Alterthümersammlung in der Porta nigra; Theater, Bürgerhospital mit Hebammenlehrinstitut, Landarmenhaus mit Irrenanstalt, Militärlazareth, Rettungshaus, Sparkasse, Strafanstalt. Es wird starker Obst- u. Weinbau getrieben, Fabrikation von Watte, Tuch, Lein-, Woll- u. Baumwollwaaren, Garn, [819] Leder, Hüten, Möbels, Stearinlichtern, Seife, Leim, Tapeten, Tabak; ferner gibt es Wachsbleichen, Bierbrauereien, Branntweinbrennereien, u. es wird Viehhandel, Schiffbau, Schifffahrt u. Handel getrieben; Freimaurerloge: Verein der Menschenfreunde; 1861: 21,215 Ew. (darunter 3456 Militär). Unter den dabei liegenden Gärten zeichnet sich der Conzsche aus mit den Trümmern eines Sommerpalastes Constantins des Großen. Bei T. ist die uralte, vielbesuchte Wallfahrtskirche St. Matthias mit dem Sarkophag des Apostels Matthias, die Wallfahrtskirche St. Paulin mit den Gebeinen vieler Märtyrer, welche hier zur Römerzeit starben, u. die ehemals reichsunmittelbare Benedictinerabtei Maximin; j. Kaserne. 2 Stunden südwestlich von T. liegt das Dorf Igel (s.d.) mit der berühmten Igelsäule. – T. war die Hauptstadt der Trevirer, nach der Sage von Trebeta, verbanntem Sohne des Assyrerkönigs Ninus (1300 vor Roms Erbauung) gegründet. 55 v. Chr. besiegte I. Cäsar die Trevirer u. eroberte T., welches nun den Namen Augusta Trevirorum erhielt. Es wurde römische Colonie, befestigt u. durch Handel reich u. blühend; hatte eine über die Mosella in die Vorstadt führende Brücke, berühmte Lehranstalten u. eine Münzstätte; später war sie gewöhnlich der Aufenthaltsort der am Rheine commandirenden römischen Kaiser u. Feldherrn u. das Standquartier einer starken Garnison. Nach der Reichstheilung in vier Präfecturen durch Constantin den Großen wurde T. Hauptstadt von Belgia prima u. der Sitz des Praefectus praetorio von Gallien 70 n. Chr. wurden die Trevirer bei T. nochmals von Cerealis geschlagen. Unter Kaiser Valerian u. bes. unter Diocletian sollen große Märtyrerverfolgungen, bes. die Niedermetzelungen der Thebaischen Legion, zu T. stattgefunden haben. 406 wurde es von den Vandalen verheert u. 415 von den Franken erobert, worauf die kaiserliche Regierung nach Arles verlegt wurde. Ausonius beschrieb T. u. die Mosel in einem Gedicht. Seit 455, wo es durch Verrath eines Senators an die Franken kam, blieb es diesen u. später den Erzbischöfen unterthan, erlangte aber dabei so viel Rechte, bes. durch Kaiser Friedrich II., daß es fast einer Reichsstadt gleich stand. Dies wurde Veranlassung, daß die Erzbischöfe ihren Sitz von T. weg u. nach Coblenz verlegten. 1445 hier Vertrag zwischen dem Dauphin u. Deutschland über dessen Abzug mit seinen Armagnaken (s. Deutschland S. 47). 1568 wurde T. über einen Zwist zwischen Stadt u. Erzbischof von demselben belagert, der Streit aber vom Kaiser beigelegt, indem die Erzbischöflichen zwar eingelassen wurden, aber keine neuen Rechte ausüben durften. 1580 hob Kaiser Rudolf II. alle den Erzbischof beeinträchtigenden Stadtrechte auf u. die Stadt unterwarf sich ganz. 1632 übergab der Erzbischof die Stadt den Franzosen, diese behielten sie bis 1635, wo sie die Spanier eroberten. 1675 nahmen sie die Franzosen wieder auf kurze Zeit, eben so 1684, wo sie diese bis 1697 behielten u. schleiften. Später wurde T. mehrmals von beiden Parteien besetzt, eben so im Revolutionskrieg, wo es die Franzosen seit 1794 behielten u. zur Hauptstadt des französischen Saardepartements machten. 1814 kam es durch den Pariser Frieden an Preußen u. wurde Hauptort des Regierungsbezirks T. Vgl. Haupt, T-s Vergangenheit u. Gegenwart, Trier 1822, 2 Bde.; Derselbe, Panorama von T., ebd. 1861; Braun, T. u. seine Alterthümer, ebd. 1854; Gildemeister u. von Sybel, Der Heilige Rock zu T., Düsseld. 1844, 3. A. ebd. 1845; Dieselben, Die Advocaten des Trierer Rockes, 1845, 3 Hefte, bes. gegen Marx, Geschichte des Heiligen Rockes in der Domkirche zu T., Trier 1844; Binterim, Zeugnisse für die Echtheit des Heiligen Rockes, Düsseld. 1845; Laven, Die kirchliche Tradition vom Heiligen Rock, Trier 1845; Clemens, Der Heilige Rock u. die protestantische Kritik, Cobl. 1845; Heiligen-Rock-Album, Lpz. 1844.


Pierer's Lexicon. 1857–1865.

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