Kapitäl

Kapitäl (Kapitell), auch Knauf oder KnopfKopf genannt, oberster bekrönender Teil einer Stütze oder Säule; spricht sich aus als vermittelndes Glied, das die Last aufnimmt und auf den Stamm überleitet. Je dünner der Stamm, desto mehr Ausladung des Kapitals ist nötig; bei stämmigen Pfeilern dagegen genügt ein schwaches Profil. Hieraus entsteht die große Verschiedenheit in Form und Gestaltung des Kapitals, die bedingt ist durch die Konstruktion und die Art der Belastung. Für horizontal auflagernde Last, z.B. einen Balken, der endet oder durchgeht, wird sich eine zwei- oder vierseitige Form entwickeln und meist eine flache Gestalt genügen; für senkrecht wirkende Last, wie bei Bogen und Gewölben, ist dem Entgegenstreben der Stütze gegen die Last ein erhöhter Ausdruck zu geben, diesem entspricht die hohe Kelch- oder Glockenform. Dabei kann die einfache glatte, nur konstruktiv überleitende Form ihre weitere Ausbildung finden in einer Ausschmückung, sei es durch Blätter, Blüten oder Ranken oder durch figürlichen Schmuck in plastischer oder farbiger Ausführung je nach dem Reichtum der Architektur.

Zu allen Zeiten und in allen Baustilen haben die Kapitale eine charakteristische Ausbildung gefunden und im Zusammenhang mit der Säule besondere Merkmale der Stilarten gebildet. In der ägyptischen Kunst sehen wir die ältesten Beispiele von Kapitalen in Form von Lotosblumen (Fig. 1) oder von ausladenden Palmblätterkelchen (Fig. 2). In der griechischen Kunst (s. Baustil) wurde durch die Regelung der Säulenordnungen (s.d.) eine strenge Sonderung verschiedener Kapitälformen festgestellt [1]. Das Kapital der dorischen Ordnung (Fig. 3 und 4) besteht im allgemeinen aus drei Teilen: 1. dem Echinus (s.d.) oder Wulst, 2. dem Abakus (s.d.) oder Deckplatte und 3. dem Hals, bestehend in Einschnitten, die als Zusammenfassung des Stammes dienen. Die Kapitale der Wandpfeiler oder Anten (s.d.) sind nur wenig von den Säulenkapitälen verschieden (Fig. 5). In ihrer einfachen vierseitigen Form dienen diese gleichmäßig an den Ecken wie bei dem durchgehend aufliegenden Gebälk. Eine geringe Abweichung in der Form zeigen die Kapitale der verwandten römisch-dorischen oder toskanischen Ordnung (Fig. 6). Hier ist der Echinus im Viertelkreis gestaltet, die Deckplatte mit Oberglied[375] versehen und der Hals durch ein Rundstäbchen vom Stamme abgegrenzt, oft auch plastisch verziert. Die Höhe des Kapitals ist etwa gleich dem halben Säulendurchmesser. Das Kapital der ionischen Ordnung besitzt zwar dieselben Teile wie das vorgenannte, doch sind diese durch die nach zwei Seiten vortretenden Schnecken oder Voluten (Fig. 7 und 8) zurückgedrängt, die in ihrer charakteristischen Form als Hauptschmuck in Erscheinung treten. Diese Voluten sind unter sich durch das Polster verbunden und rollen sich, in einer Ebene liegend, nach innen zusammen, wo sie in einer knopfartigen Erhöhung, dem Auge, endigen. In solcher Weise sind die Kapitale zweiseitig, indem die Rückseite wie die Vorderseite gebildet, die Seitenansicht aber hiervon verschieden ist, eine Ausbildung, die für Eckkapitäle untunlich ist. Hier müssen sich die Voluten über Eck unter 45° vorlehnen (Fig. 9), was später zur Durchführung diagonaler Ausladung der Voluten an allen vier Ecken führte, wodurch eine lebhaftere Formgebung des Kapitals mit vier gleichen Seiten entsteht. Die Pilaster- und Antenkapitäle sind auch hier oft in abweichender Form gestaltet (Fig. 10 und 11). In der späteren Kaiserzeit wurden die Schnecken kräftiger gestaltet, besonders durch ein Hervorziehen gegen das mittlere Auge. Im Barock wurde durch Einhängen von Blumengewinden zwischen die Voluten die sonst leeren Zwickel angenehm ausgefüllt. Das Kapital der korinthischen Ordnung bildet in der Hauptform einen nach oben sanft ausladenden Kern (Krater), um den sich Blattwerk anschmiegt und bis zur Deckplatte, die an ihren Ecken stark nach vorn ausladet, ansteigt. An den regelmäßig gebildeten Kapitalen sind es zwei Blattreihen, die den Krater umstehen, wovon die obere hinter den Zwischenräumen der unteren herauswächst. Mit diesen entsprossen Ranken mit Voluten und Blumen, die bis zur Deckplatte aufsteigen und so diese stützend den Uebergang aus der runden Grundform in das Viereck vermittelst (Fig. 12 und 13). Eine solche Anordnung läßt die mannigfaltigsten Lösungen zu, auch kommt diese Bildungsweise in allen späteren Stilen mehr oder[376] weniger geschickt nachgebildet oder umgeformt vor. Die frühesten Formen zeigen noch den Krater ohne die Zugabe von Eckranken, während später aus der Verbindung des ionischen und korinthischen Kapitals sich das römische oder komposite Kapital ergab (Fig. 14). Im Renaissancestil wurden in der Kapitälbildung dieser Ordnung reizende Werke geschaffen, die an Feinheit und Fülle neuer Motive die alten Muster oft übertreffen (Fig. 15). Wesentlich andre Verhältnisse zeigen sich in den Zeiten des Zerfalls der Künste. Solange noch aus den zahlreichen Reiten der antiken Bauten vorhandene Kapitale zu den Neubauten benutzt werden konnten, lag noch keine Notwendigkeit vor, mit den ungeschulten und unzulänglichen Kräften Neues zu schaffen; dies traf erst in späteren Jahrhunderten ein, wo man sich dann mit den einfachsten Nutzformen behalf, wofür das Wurfelkapitäl (Fig. 16) ein besonders charakteristisches Beispiel bildet. Es besteht aus einem Würfel, der nach unten in eine Kugelform übergeht, die auf dem Schaft der Säule, durch einen Rundstab getrennt, aufsitzt. Oben wird es durch eine starke, nach unten abgeschrägte Deckplatte abgedeckt, welche die Last des Bogens oder eines Gewölbes aufnimmt. Bei der allmählichen Entwicklung mittelalterlicher Kunst fand dann die Ausschmückung der Kapitale mit Blattwerk und Figuren eine weitgehende Verwendung, die sich in den vielfältigsten, in den Anfängen noch rohen Motiven versuchte, später aber zu einer künstlerischen Vollkommenheit emporarbeitete (Fig. 1720). Während in der Zeit romanischer Kunst die einfache runde Säule und der quadratische Pfeiler die Hauptstützen bildeten, kam im späteren Mittelalter bei der Ausbildung des Gewölbebaues bis zu immer reicherem Rippensystem, das sich auf vielgestaltige Pfeiler und Dienste (s.d.) stützte, eine Zerlegung des Kapitals in Einzelteile (Fig. 21) [3], bis man zuletzt auch dies aufgab und in der spätgotischen Zeit kaum merkliche Uebergänge von der Stütze zu den tragenden Gurtprofilen schuf.


Literatur: [1] v. Mauch, Die architektonischen Ordnungen der Griechen und Römer, Berlin 1875. – [2] O. Mothes, Illustr. Baulexikon, 4 Bde., Leipzig. – [3] M. Viollet-le-Duc, Dictionnaire raisonnée de l'architecture française, Bd. 2, Chapiteau S. 480 ff., Paris.

Weinbrenner.

Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 6.
Fig. 1., Fig. 2., Fig. 3., Fig. 4., Fig. 6.
Fig. 5.
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Fig. 7.
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Fig. 8., Fig. 9.
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Fig. 10.
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Fig. 11.
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Fig. 12., Fig. 14., Fig. 17.
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Fig. 16.
Fig. 16.
Fig. 13., Fig. 15., Fig. 18.
Fig. 13., Fig. 15., Fig. 18.
Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.
Fig. 19., Fig. 20., Fig. 21.

http://www.zeno.org/Lueger-1904.

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